Rezension über:

Johannes Angermüller: Nach dem Strukturalismus. Theoriediskurs und intellektuelles Feld in Frankreich, Bielefeld: transcript 2007, 287 S., ISBN 978-3-89942-810-0, EUR 28,80
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Rezension von:
Martin Kindtner
Seminar für Zeitgeschichte, Eberhard Karls Universität, Tübingen
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Martin Kindtner: Rezension von: Johannes Angermüller: Nach dem Strukturalismus. Theoriediskurs und intellektuelles Feld in Frankreich, Bielefeld: transcript 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 6 [15.06.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/06/13562.html


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Johannes Angermüller: Nach dem Strukturalismus

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Etikettierungen und Markennamen stellen einen entscheidenden Faktor für die Rezeption von Theorietexten dar. Daher verwundert es, wenn das internationale Erfolgsprodukt "Poststrukturalismus" in seinem Herkunftsland Frankreich unter diesem Label unbekannt ist. Und dies obwohl die Leitautoren dieser "French Theory" (Lacan, Althusser, Foucault, Derrida, Sollers) in ihrer Heimat durchaus rezipiert werden. Die Genese dieses "internationale[n] Missverständnis[es]" (9) beleuchtet der Magdeburger Soziologe Johannes Angermüller, indem er unter Rückgriff auf Bourdieus Feldtheorie die sozio-historischen Produktionskontexte der Theorien in Frankreich zwischen 1960 und 1980 untersucht.

Um Kontexte und Texte des Theoriediskurses miteinander in Bezug setzen zu können, ergänzt er seine Fragestellung um eine methodische Dimension. In Anlehnung an die sprachwissenschaftlich orientierte, neuere französische Diskursanalyse (Pêcheux, Ducrot, Culioli) wird gefragt, mit welchen formal sprachlichen Mitteln wissenschaftliche Texte "ihre Leser auf die Suche nach den Kontexten schicken, in denen sie geäußert werden" (140). Mit dieser Konzentration auf die Formseite des Diskurses distanziert sich Angermüllers Ansatz von traditionelleren Konzepten einer qualitativ-hermeneutisch ausgerichteten Wissenssoziologie, die wie der Sozialkonstruktivismus von Peter Berger und Thomas Luckmann bereits Eingang in die Geschichtswissenschaft gefunden haben, und plädiert für eine "diskursanalytische Wissenssoziologie" (22), der man selbst das Etikett "post-strukturalistisch" (30) anheften könnte.

Der Aufbau der Arbeit orientiert sich an diesem doppelten Erkenntnisinteresse. Der erste Teil skizziert die Strukturen und Konfliktlinien des intellektuellen Felds in Frankreich zu Beginn der strukturalistischen Theoriebildung. Er rekonstruiert die Karrierewege, die institutionelle Situierung, die Netzwerke, die disziplinäre Zugehörigkeit und die politische Zuordnung der "Poststrukturalisten". Angesiedelt an der akademischen Peripherie, in Institutionen mit forschungsorientiertem Profil, jedoch mit geringer Ausstrahlung in den traditionellen universitären Betrieb hinein, bot sich ihnen eine Avantgarde-Strategie heterodoxer Positionen zur Profilierung im akademischen Feld geradezu an. Als Kristallisationspunkt, an den ihre verschiedenen theoretischen Entwürfe angelagert werden konnten, erwies sich die strukturalistische Kontroverse über "Humanismus" und "Antihumanismus" Mitte der sechziger Jahre. Unter Berufung auf den Intellektuellenhistoriker Jean-François Sirinelli spricht Angermüller daher von der "intellektuellen Generation des Strukturalismus" (80), die kein homogenes Denkkollektiv darstellt, sondern sich durch gemeinsame historische und theoretische Bezugspunkte definiert. In Abgrenzung gegen die "humanistische" Tradition, verkörpert durch das akademische Establishment der humanités (Geisteswissenschaften), legten sie ambitionierte Theorieprojekte vor, die von der Öffentlichkeit interessiert aufgenommen wurden.

Diese Analyse institutioneller Antagonismen und Positionierungskämpfe verortet Angermüller in der Gesamtentwicklung des intellektuellen Felds in Frankreich seit der Jahrhundertwende. Während sich Ende des 19. Jahrhunderts eine "tripolare Struktur" (66) von akademischer, Hoch- und Massenkultur ausdifferenzierte, gewann nach dem Algerienkrieg der akademische Pol zunehmend an Dominanz. Er absorbierte durch den Ausbau des Bildungssystems einen Großteil der institutionell ungebundenen Intellektuellen. Dies ermöglichte es charismatischen Randfiguren sich ohne den notwendigen Bildungsweg an der Peripherie des akademischen Feldes zu etablieren. Zur Hochzeit des Strukturalismus um 1966 "vulgarisierten" (84) diese Multiplikatoren das akademische Wissen des "'szientifischen' Strukturalismus" (78) und trugen zu einer Hausse der visionären Theoriekonzepte bei, die sich jedoch bereits nach 1968 vom strukturalistischen Paradigma löste. Dem stürmischen Mai folgte ein kurzer Nachsommer der "Philosophien des Verlangens" (78) in den siebziger Jahren, die Angermüller jedoch nicht näher untersucht, obwohl sie für die internationale Wahrnehmung des "Poststrukturalismus" Schlüsseltexte lieferten und aufs Engste mit den zeithistorischen Kontexten verbunden sind. Mit der politischen Trendwende der Achtziger setzte darauf ein "tiefgreifender Umbruch in den symbolischen Produktionsregeln des intellektuellen Felds" (86) ein. Die visionären Propheten der Theorie wurden durch "Medienintellektuelle" (92) ersetzt, die wie Bernard-Henri Lévy oder Paul Glucksmann mediale Präsenz als Selbstzweck betrachteten. Zusammen mit den "neoliberalen Intellektuellen" (94) der "elitären think tanks" (94) läuteten sie das Ende der Figur des intellectuel engagé ein, der für fast hundert Jahre von Zola über Sartre bis Foucault das intellektuelle Feld in Frankreich geprägt hatte.

Im zweiten Teil von Angermüllers Arbeit stehen methodische Aspekte im Vordergrund. Nach einem Abriss über die Entwicklung der französischen Diskursanalyse stellt er ein methodisches Instrumentarium vor, das sich an der formal-qualitativen Aussagenanalyse orientiert und untersucht, "wie Texte über ihre Formen ihr Verhältnis zur Äußerung regeln" (154), wie sprachliches Material Leserwissen über historische und soziale Kontexte aufruft. Mit einem hohen Maß an linguistischem Know-how werden fünf Auszüge aus Schlüsseltexten der strukturalistischen Kontroverse um 1966, die alle um die Konfrontation Humanismus/Antihumanismus kreisen, einem close reading unterzogen. Angermüller gelingt es zu zeigen, wie die Texte Frontstellungen und Positionen ohne explizite Namensnennungen vorkonfigurieren, die der Leser anhand seines Wissens über das intellektuelle Feld auffüllen kann.

Dieser Diskursbegriff, der die Beteiligung des Lesers an der Genese des Sinns berücksichtigt, führt ihn zurück zur Frage nach dem fehlenden Label des "Poststrukturalismus" in der französischen Diskussion. Durch eine Rezeption, welche die Autoren mit den relevanten Kontexten der "strukturalistischen Generation" verknüpft, so Angermüller, kommt es zu einer anderen Einteilung der Paradigmen, die sich letztlich auch als Rezeptionseffekte erweisen.

Das Buch von Johannes Angermüller kombiniert auf faszinierende Weise zwei gegensätzliche Methoden und verweist auf das Potential, das sie gemeinsam entwickeln, wenn Produktion und Rezeption als Ebenen wissenschaftlicher Paradigmenbildung beschrieben werden sollen. Dennoch ist seine Arbeit für die Geschichtswissenschaft nur bedingt anschlussfähig. Historische Kontexte wie der revolutionäre Mai 1968, die über institutionelle Konfigurationen des akademischen Feldes hinausgehen, werden nur am Rande gestreift, nicht zuletzt, weil sie über die Fragestellung der Arbeit und den Gesichtskreis des feldtheoretischen Ansatzes hinausweisen. Nichtsdestotrotz ist ihre Bedeutung für die Ausbildung des "poststrukturalistischen Paradigmas" zentral [1] und bei einer noch zu leistenden ideengeschichtlichen Aufarbeitung zu berücksichtigen.


Anmerkung:

[1] Vgl.: Peter Starr: Logics of Failed Revolt. French Theory After May '68, Stanford 1995.

Martin Kindtner