Rezension über:

Renate Prochno: Konkurrenz und ihre Gesichter in der Kunst. Wettbewerb, Kreativität und ihre Wirkungen, Berlin: Akademie Verlag 2006, VIII + 284 S., 100 Abb., ISBN 978-3-05-004230-5, EUR 64,80
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Rezension von:
Kornelia Imesch
Institute for Cultural Studies in the Arts, Hochschule der Künste, Zürich
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Kornelia Imesch: Rezension von: Renate Prochno: Konkurrenz und ihre Gesichter in der Kunst. Wettbewerb, Kreativität und ihre Wirkungen, Berlin: Akademie Verlag 2006, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 6 [15.06.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/06/12643.html


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Renate Prochno: Konkurrenz und ihre Gesichter in der Kunst

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In ihrem Buch zur Konkurrenz in der Kunst nimmt Renate Prochno auf rund 280 Seiten ein Thema auf, das für die westliche Kunst und Kunsttheorie seit dem 15. Jahrhundert von zentraler Bedeutung ist: der Paragone oder Agon als Gestaltungs-, Denk- und Argumentationsfigur, die sich unter bestimmten, ebenso individuell-künstlerischen wie sozioökonomischen und kulturellen Voraussetzungen entfaltete. Kompetition in den Künsten und unter Künstlern stellt die Verfasserin dabei anhand von 11 respektive 13 Fallstudien vor, die ein zeitliches Spektrum von 1400 bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts abdecken. Sie setzt ein mit der Präsentation von antiken "Künstleranekdoten, die (Kunst-)Geschichte machten" [1] und beschließt ihre Untersuchung mit dem "Verhindern von Konkurrenz" durch das spätmittelalterliche Zunftwesen. [2] Prochno diskutiert Konkurrenzverhalten und Konkurrenzsituation als Phänomene, die sich in Motivation, Ursache und Auswirkung unterschiedlich manifestieren und sich entsprechend verschieden interpretieren lassen.

Paragonale künstlerische oder kunsttheoretische Auseinandersetzungen werden aus der Perspektive eines künstlerischen Dialogs beleuchtet, als friedlich-freundschaftliches Wettstreiten dargestellt oder auf der Ebene der Gattungen thematisiert. Künstlerische Konkurrenz wird als "aufgezwungener", "einseitiger", "inszenierter" und "erfundener" Wettbewerb verhandelt. Sie wird als Moment eines Verdrängungsmechanismus, als Ausdruck von "Nationalstolz" oder als Prozess "gegenseitigen Lernens" ausgelotet. Das kunsthistorische Untersuchungsfeld, das unter diesen Gesichtspunkten und Begrifflichkeiten eines Spektrums der Konkurrenz behandelt wird, reicht von den Florentiner Baptisteriumstüren und der italienischen Paragone-Diskussion bis hin zur Funktion der Salons und der durch Édouard Manet, Claude Monet und Auguste Renoir geprägten Pariser Kunstszene der 1860er und 1870er Jahre. In den Protagonisten dieses Dialogs oder Prozesses treten uns entsprechend bekannte kunsthistorische Größen gegenüber: Lorenzo Ghiberti und Filippo Brunelleschi, Robert Campin und Jan van Eyck, Giovanni Bellini und Andrea Mantegna, Leonardo und Michelangelo, Antonis van Dyck und Peter Paul Rubens, Joshua Reynolds, Thomas Gainsborough u.a.m. [3]

Entsprechend sind die von Renate Prochno geschilderten Ereignisse und Situationen des künstlerischen Wettbewerbs, die sie in einer ausführlichen, auch die Theorie der Konkurrenz seit Georg Simmel, Karl Mannheim und Leopold von Wiese erfassenden Einführung ins Thema bespricht (1-23), über weite Strecken von der Forschung bereits erschlossen; dies gilt auch für die nachfolgenden Essays. Der Autorin ging es dabei vor allem darum, "bekannte Phänomene unter einem neuen Aspekt zu analysieren" (23). Diesem Anspruch wird Prochno mit ihrer ebenso kunsthistorisch wie thematisch breit angelegten Untersuchung insofern gerecht, als sie die von der Forschung entweder bereits implizit oder explizit behandelte Paragone-Thematik nun neu und gesondert in einer historischen Überblicksdarstellung vereint. Auch besticht das Buch durch seinen Materialreichtum und die Detailkenntnisse der Verfasserin. Man wünschte sich deshalb, dass diese ihr breites Wissen zum Thema, das sie sich seit den späten 1980er Jahren angeeignet hat, nicht nur partiell, sondern ausgeprägter auf kunst- und kulturhistorische Felder verlagert hätte, die unter solchen agonalen Gesichtspunkten noch nicht oder nicht so stark von der Forschung bearbeitet wurden. So werden beispielsweise das Geschlechterverhältnis oder Künstlerinnen in Prochnos Untersuchung nur am Rand und vereinzelt angesprochen (4, 173, 184). Auch ist die Publikation über weite Strecken zu kursorisch angelegt: Wichtige Fragen und Problemstellungen, die kurz angeschnitten werden, hätten mit Gewinn vertieft werden können. Dazu gehören zum Beispiel, wer im Kontext von kunstwissenschaftlichem Arbeiten über Deutungshoheit entscheidet (2), was Machtfragen (2) - auch innerhalb des Wissenschaftsbetriebs - ausmachen oder welche kulturellen Konstanten (10) das Thema der Konkurrenz in Kunst, Kultur und Wissenschaftsbetrieb kennt sowie was Konkurrenz als (westliches) "Kulturprinzip" ausmacht (185). Ein erhellendes Thema in diesem Kontext wären deshalb auch das Prinzip der "Zutat der Kunstgeschichtsschreibung" (194) und die auf Agon stilisierten kunsthistorischen Mythen gewesen, die mit Giorgio Vasaris auf "Wettbewerbsgeschichten" getrimmten Viten ihren Auftakt nahmen. Auch funktionieren die von der Autorin postulierten "Spielarten" oder "Konkurrenzvarianten" häufig nur als einseitige oder vereinfachende Einschreibungen und Festlegungen von Sichtweisen auf die diskutierte Problematik, die überdies nur oberflächlich kontextualisiert wird. Die diskutierten "Fälle" unterliegen in der Beschreibung durch die Autorin mitunter selbst dem Gedanken der Konkurrenz (62): Man stolpert über Formulierungen und Sätze wie "Mantegnas Bild ist ein Mantegna, wie er typischer nicht sein könnte" (82); "Beide Künstler zogen am selben Strang, sogar am selben Ende, hatten aber verschiedene Fäden des Stranges in der Hand" (96); "Monet fühlte sich zum Übertrumpfen herausgefordert [...]" (262). Insgesamt hätte der kunstwissenschaftliche Forschungsstand zum Publikationsthema, das in mancher Hinsicht von grosser Aktualität ist - siehe auch der zu einer Berliner Tagung von 2001 neu erschienene Aufsatzband [4] -, konziser und ausführlicher diskutiert werden sollen. Den wissenschaftlichen Wert der Publikation mindert zudem der Umstand, dass sie über keine abschliessende Bibliografie verfügt und die Kurzzitate der Literaturnachweise ohne Kennzeichnung des erstmaligen Vollzitats geführt werden. Einzelne Farbabbildungen hätten überdies den Reiz dieser ansonsten schön edierten und reich bebilderten Publikation gesteigert - zumal der Farbe im Kontext des Publikationsthemas eine nicht unwesentliche Rolle zukommt.

Diesen Einwänden und Kritikpunkten zum Trotz gelingt es Renate Prochno mit ihrer Publikation, ein spannendes Thema künstlerischer und kunsttheoretischer Aktivität in zeitlich breitem Zuschnitt zu präsentieren und mit großer Detail- und Sachkenntnis zusammenzufassen. Das Buch regt nicht zuletzt dazu an, die eigene Sicht auf die tradierten Forschungsfelder und die eigene Forschungsdisziplin zu überdenken.


Anmerkungen:

[1] "Die Konkurrenz mit der Antike: Künstleranekdoten, die (Kunst-)Geschichte machten", 25-34.

[2] "Das Verhindern von Konkurrenz: Zünfte im späten Mittelalter", 265-279.

[3] "Die stilisierte Konkurrenz nach der Antike: Die Ausschreibung für die Baptisteriumstüren in Florenz 1401", 35-41; "Konkurrenz als Dialog: Robert Campin und Jan van Eyck", 43-75; "Die friedliche Konkurrenz um Innovationen: Giovanni Bellini und Andrea Mantegna", 77-96; "Die Konkurrenz der Gattungen: Die Paragone-Diskussion in Italien", 97-112; "Die aufgezwungene Konkurrenz: Leonardo und Michelangelo", 113-126; "Die einseitige Konkurrenz: Antonis van Dyck und Peter Paul Rubens", 127-153; "Konkurrenz als Verdrängung: Antonis van Dyck in England", 155-164; "Die inszenierte Konkurrenz: Die Salons", 165-185; "Die erfundene Konkurrenz: Joshua Reynolds und Thomas Gainsborough", 187-220; "Konkurrenz und Nationalstolz: Sterbende Helden in England", 221-242; "Konkurrenz und gegenseitiges Lernen: Édouard Manet, Claude Monet und Auguste Renoir", 243-263.

[4] Hannah Baader / Ulrike Müller Hofstede / Kristine Patz / Nicola Suthor (Hgg.): Im Agon der Künste. Paragonales Denken, ästhetische Praxis und die Diversität der Sinne, München 2007.

Kornelia Imesch