Rezension über:

Wladislaw Hedeler / Horst Hennig (Hgg.): Schwarze Pyramiden, rote Sklaven. Der Streik in Workuta im Sommer 1953. Eine dokumentierte Chronik, Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2007, 289 S., ISBN 978-3-86583-177-4, EUR 32,00
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Rezension von:
Andreas Hilger
Hamburg
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Hilger: Rezension von: Wladislaw Hedeler / Horst Hennig (Hgg.): Schwarze Pyramiden, rote Sklaven. Der Streik in Workuta im Sommer 1953. Eine dokumentierte Chronik, Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 5 [15.05.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/05/13710.html


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Wladislaw Hedeler / Horst Hennig (Hgg.): Schwarze Pyramiden, rote Sklaven

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Kurz nach dem Tod Stalins wurde das Lagersystem des Gulags durch eine Reihe von Häftlingsaufständen erschüttert. Die blutige Niederschlagung der Streik- und Aufstandsbewegung der Häftlinge im Lagerkomplex von Vorkuta im Sommer 1953, die Gegenstand der von Wladislaw Hedeler und dem seinerzeit als politischer Oppositioneller selbst in Vorkuta inhaftierten Horst Hennig herausgegebenen "dokumentierten Chronik" ist, zeigte zugleich die Brutalität und die langfristige Perspektivlosigkeit des stalinistischen Gulags. Sie lässt sich - neben Massenunruhen in Noril'sk oder Karaganda - als Kulmination systemimmanenter Schwächen sowie explosiver Gegenbewegungen verstehen, die ihren Teil zur Auflösung des traditionellen Gulags beitrugen. [1] An der Widerstandsbewegung in Vorkuta nahm auch das im Gesamtmaßstab kleine Kontingent Deutscher teil, das sich vor allem aus deportierten politischen Häftlingen aus der SBZ/DDR zusammensetzte. Unter den insgesamt 53 toten Häftlingen des 1. August 1953 in der 10. Lagerabteilung befanden sich zwei Deutsche; die Salven des MVD verletzten zudem 123 weitere wehrlose Häftlinge, darunter 14 Deutsche. Damit war der Aufstand zwar keine deutsche Angelegenheit. Er ist aber doch auch ein Mosaikstein deutscher Geschichte, der in der Tat bislang nur wenig Beachtung fand; generell steckt die Aufarbeitung der nicht-sowjetischen Dimensionen des Gulags eher noch in den Anfängen. Hierbei wäre etwa der Einfluss des 17. Juni auf Stimmungslage und Widerstandswillen der Häftlinge genauer zu bestimmen. Dieser Faktor wird in der vorliegenden Darstellung hoch veranschlagt (u.a. 56). Doch gibt es schon für größere Transporte ostdeutscher Verhafteter nach Vorkuta nach dem 17. Juni außer einigen wenigen Erinnerungsberichten (84) keinerlei belastbare Hinweise. Darüber hinaus erscheint es zweifelhaft, ob Ukrainer oder Balten, die die weit überwiegende Mehrheit der Lagerinsassen und Streikaktivisten stellten, tatsächlich der Ermutigung aus Deutschland bedurften (97, 145). Generell misst das Werk den ausgewerteten 24 deutschen Zeitzeugenberichten einen hohen Stellenwert für die historische Aufarbeitung der Ereignisse bei. In diesem Kontext wird mit Recht die kritische Lektüre offizieller Dokumente eingefordert, die durch den Blick von oben und voreingenommene, ideologische Interpretationen des Geschehens kontaminiert sind. Dass gerade für eine über die detaillierte Rekonstruktion von Ereignissen hinausgehende Analyse schriftliche oder mündliche Erzählungen von Augenzeugen ebenfalls kritisch zu bewerten sind, geht in der Argumentation - und Darstellung - leider etwas unter (21-23). So präsentiert sich das Buch in Teilen auch als Dokumentation des nicht unproblematischen Verhältnisses, das Zeitgeschichte und Zeitzeugen beispielsweise mitunter hinsichtlich Erfassung und Bewertung der (sowjetischen) Repressionen in Ostdeutschland ab 1945 pflegen (169). Die in der Monografie anklingende Annahme, dass die Geschichte der Verfolgungen in der SBZ/DDR verschwiegen oder vergessen wurde, lässt sich im Übrigen besonders für die Bundesrepublik der 1950er und frühen 1960er Jahre kaum aufrechterhalten. In diesem Zusammenhang erscheint die weitere Erforschung der gesellschaftlichen und politischen Integration der ehemaligen Häftlinge und ihres möglichen Einflusses auf Meinungsbilder in Westdeutschland von Interesse. Die im Band enthaltenen Kurzbiografien ehemaliger (deutscher) Häftlinge weisen durchaus einige beachtenswerte Karrieren nach. Schließlich fällt in den Angaben eine Häufung später Auszeichnungen mit dem Bundesverdienstkreuz auf (2007), die im Gesamtkontext der Veröffentlichung genauer kommentiert hätten werden sollen.

Geht man von dem bereits erwähnten Spannungsverhältnis zwischen sowjetischen amtlichen Dokumenten und zeitgenössischen Erfahrungen der Häftlinge aus, so stellt die ausführliche Streik-"Chronik" den Kern der Veröffentlichung dar. Die umfassende Einleitung selbst, in der das Lagersystem des Gulags beschrieben wird, lässt die frühen Jahre im Dunkeln und birgt im Übrigen immer wieder Unklarheiten oder Fehler: Das betrifft etwa die Anzahl deutscher Häftlinge in Vorkuta oder die Darstellung der sowjetischen Gerichts- und Repressionsapparate in der SBZ/DDR (27, 31, 40f.). Auch wird der Leser hinsichtlich einer angemessenen Einbettung der Vorkuta-Ereignisse von 1953 in sowjetische und internationale Entwicklungen letztlich im Unklaren gelassen. Die im Anhang des Bandes abgedruckten Erinnerungsberichte und Dokumente geben wiederum punktuellen Aufschluss über Regime- und Lebensbedingungen in Vorkuta; die publizierten zeitgenössischen Fotografien lassen deren Härte zumindest ansatzweise erahnen.

Die Gegenüberstellung sowjetischer Meldungen auf der einen und Schilderungen vornehmlich deutscher Häftlinge auf der anderen Seite macht Hauptmerkmale des Streiks deutlich, die ihrerseits das gesamte Gulag-System charakterisieren. Die Verwaltung nahm den Widerstand der Häftlinge einseitig als "konterrevolutionär" motivierte, zentral organisierte Bewegung wahr. Diesen Grundannahmen hatten sich etwa auch Berichte der "Agenturen", der Lagerspitzel, anzupassen. Aus dieser Sichtweise heraus war es für die Lagerleitung undenkbar, die politisierten Forderungen der Häftlinge zu akzeptieren bzw. auch nur zu diskutieren. Der verheerende Waffeneinsatz vom 1. August 1953 selbst schließlich wurde von den sowjetischen Spitzen zumindest billigend in Kauf genommen. Derlei administrative Grunddispositionen schlossen eine unblutige, alternative Lösung der Konfrontation nahezu aus, zumal stalinistischen Kadern vor Ort die Fantasie fehlte, die von der Obrigkeit in Moskau diskutierten beziehungsweise geplanten Systemänderungen vorauszusehen. Auf Seite der Häftlinge führte eine Mischung von langjährigen unerträglichen Lebens- und Arbeitsbedingungen, politischem Bewusstsein und aktuellen Missständen zum offenen Aufbegehren. Die Selbstorganisation der Streikenden unterstreicht, dass im Gulag schon die Selbstbehauptung der Persönlichkeit oder "zivile" Umgangsformen nur im Widerstand gegen das Regime möglich waren. Damit verweist der vorliegende Band auf internationale wie soziale Dimensionen der Geschichte des Gulags, ohne allerdings eine eingehende Analyse zu bieten.


Anmerkung:

[1] Maßgeblich hier die Edition Ju. N. Afanas'ev u.a. (Hg.): Istorija Stalinskogo Gulaga. Konec 1920-ch - pervaja polovina 1950-ch godov. Sobranie dokumentov v semi tomach, Moskau 2004-2005.

Andreas Hilger