Rezension über:

Tsuyoshi Hasegawa: Racing The Enemy. Stalin, Truman, And The Surrender Of Japan, Cambridge, MA / London: The Belknap Press of Harvard University Press 2005, ix + 382 S., 5 maps, ISBN 978-0-674-01693-4, USD 29,95
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Rezension von:
Andreas Hilger
Hamburg
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Hilger: Rezension von: Tsuyoshi Hasegawa: Racing The Enemy. Stalin, Truman, And The Surrender Of Japan, Cambridge, MA / London: The Belknap Press of Harvard University Press 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 7/8 [15.07.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/07/10223.html


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Tsuyoshi Hasegawa: Racing The Enemy

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Die Detonationen amerikanischer Atombomben über Hiroshima und Nagasaki haben das Bild vom Ende des Zweiten Weltkriegs im Pazifik maßgeblich bestimmt. Im öffentlichen Gedächtnis Japans reduzierte sich der ganze Krieg bald auf die eigene Opferrolle. In den USA tobten ab den 1960er-Jahren heftige Debatten um den militärischen Sinn des Einsatzes und damit um die moralische Verantwortung Amerikas für eine neue Dimension kriegerischer Zerstörung: Inwieweit, so die Streitfrage, war der Abwurf "notwendig", um einen Sieg nach amerikanischen Vorstellungen durchzusetzen? Ein Hauptaspekt dieser Diskussion ist, ob die Bomben vom 6. und 9. August die japanische Politik innerhalb weniger Tage zur Einwilligung in die "bedingungslose Kapitulation" vom 14. August 1945 zwangen. Den Befürwortern dieser These - zu denen neben zahlreichen Historikern natürlich auch Truman zählte - steht eine Phalanx von Kritikern gegenüber, die sich an unterschiedlichen Problemen rieben. Die Verästelungen dieser Diskussion können hier nicht weiter erläutert werden. [1] Von Bedeutung ist aber, dass zum Einen interne Entscheidungsprozesse in Tokio nicht immer die gebührende Beachtung in der Diskussion fanden und vor allem dem sowjetischen Kriegseintritt am 9. August 1945 von beiden Forschungsrichtungen nur wenig Interesse entgegengebracht wurde. Das mochte auch daran liegen, dass die sowjetische Geschichtsschreibung nach 1945 sich im Großen und Ganzen darauf beschränkte, den sowjetischen Angriff auf Japan als Rettung unterdrückter Völker (sowie der Japaner vor sich selbst) zu verklären und zu überhöhen (300) und damit wenig zur wissenschaftlichen Debatte beitragen konnte; diese Generallinie wird in Russland im Übrigen bis heute weitgehend durchgehalten. [2]

Angesichts dieser Defizite und Desiderate hat es sich Hasegawa zur Aufgabe gemacht, die überfällige internationale Geschichte des Kriegsendes im Pazifik zu schreiben. Dabei verknüpft er erstmals die drei wesentlichen Handlungsstränge. Der Erste ist die schwierige Zusammenarbeit Trumans mit Moskau. Dass sich unter dem neuen Präsidenten nicht nur gerechtfertigte Kritik an sowjetischen Maßnahmen, sondern auch ein wenig informiertes Misstrauen gegen den Bündnispartner zügig durchsetzte, musste natürlich das Verhältnis zueinander in der letzten gemeinsamen Schlacht beeinflussen. Die zweite relevante Ebene umfasst die Beziehungen Japans zur Sowjetunion. Sie waren im Kriege von beiderseitigem Pragmatismus geprägt, der sich in den verqueren Fronten des Neutralitätspakts ausdrückte. Der Vertrag war für die UdSSR ab Juni 1941 von unschätzbarem Wert: Der siegreiche Verlauf des Weltkriegs führte dazu, dass Moskau in der immer prekären Vertragsbalance 1944/45 der stärkere Partner war und neue Wege einschlagen konnte. Neben diesen beiden internationalen Entwicklungsfeldern untersucht Hasegawa detailliert die Auseinandersetzungen der japanischen Kriegs- mit der dortigen Friedenspartei; dies ist der dritte Schwerpunkt seiner Studie. Die nationalistisch-sakrale Überhöhung des Kaisers machte sein Überleben zum Kristallisationspunkt der innerjapanischen Auseinandersetzung über den Umgang mit der unausweichlichen Niederlage und verhinderte lange Zeit die Akzeptanz einer "bedingungslosen Kapitulation". Das komplexe Intrigenspiel bei Hofe steht dabei in einem geradezu surrealen Gegensatz zu den rapiden, tödlichen internationalen Entwicklungen: Es ist eine besondere Leistung Hasegawas, in seiner integrierten Gesamtschau die hohe Relevanz aller Schauplätze eindrucksvoll vor Augen zu führen. Seine insgesamt gelungene internationale Geschichte bietet eine spannende Lektüre und stellt eine Herausforderung für die bereits angesprochenen, überkommenen Deutungsmuster aller drei Länder dar, die nicht ohne Resonanz geblieben ist. [3]

Hasegawa beginnt mit einem knappen Rückblick auf die sowjetisch-amerikanisch-japanischen Dreiecksbeziehungen vor dem Zweiten Weltkrieg, bevor er überzeugend das militärisch-diplomatische Gefüge der Jahre 1941 bis 1945 skizziert. Den Kern seiner Darstellung aber machen die sechs Folgekapitel aus, in denen er sich auf eine detaillierte Beschreibung der entscheidenden Monate April bis September 1945 konzentriert. Schritt für Schritt verfolgt der Autor auf der Basis umfassender Archivmaterialien, Memoiren aus den drei beteiligten Ländern sowie der Forschungsliteratur die politischen Prozesse in den Entscheidungszentren Washington, Moskau und Tokio, die zum endgültigen Ende des Zweiten Weltkriegs führten. Dieses Zusammenspiel rückt die wechselseitigen Abhängigkeiten der drei Handlungsebenen ins rechte Licht und verdeutlicht die Bedeutung gegenseitiger Abkapselungen der Entscheidungszentren. Besonders prägnant ist das japanische Beispiel: Während Stalin sich schon längst auf den Angriff auf Japan festgelegt hatte, setzte man in Tokio noch lange nach der fristgerechten Aufkündigung des Neutralitätspakts durch Moskau auf eine sowjetische Vermittlerrolle.

Für Hasegawa steht außer Frage, dass Truman mit dem Abwurf der Bombe den Kriegseintritt des immer misstrauischer betrachteten Stalins obsolet machen wollte. In dieser Lesart erwies sich die Potsdamer Deklaration mit ihren äußerst unklaren und damit für das japanische Kaiserhaus inakzeptablen Perspektiven nur mehr als Rechtfertigung für das folgende amerikanische Vorgehen. Die minuziöse Diskussion der amerikanischen Entscheidungsfindung leidet allerdings darunter, dass sich dieser Zusammenhang mit den vorhandenen Quellen zwar plausibel machen, aber nicht eindeutig belegen lässt.

Es steht außer Frage, dass Stalin seinerseits schon im Frühjahr 1945 davon ausging, noch auf dem pazifischen Kriegsschauplatz aktiv zu werden. Neben den in Jalta zugesicherten Rechten und Territorien war die sowjetische Politik offenbar bestrebt, sich auch in Japan möglichst weite Mitspracherechte oder Positionen zu sichern. Versuchsballons hinsichtlich einer gemeinsamen Besatzungsverwaltung blieben allerdings gänzlich erfolglos, und auch die territorialen Ambitionen ließen sich letztlich nur im flexibel genutzten Rahmen der Jaltaer Absprachen realisieren. Die Beschreibung des vermeintlichen Rennens um den Kriegseintritt leidet indes, was die sowjetischen Entscheidungen angeht, an chronologischen Ungenauigkeiten. Sie wurden bereits anderenorts ausführlich diskutiert und vom Autor eingestanden: [4] Dass Stalin das sowjetische Angriffsdatum noch in Potsdam deutlich vorverlegt habe, ist so nicht mehr haltbar. Der daraus resultierende Verlust an dramatischer Zuspitzung lässt den Kern stalinistischer Politik allerdings unberührt: Die sowjetischen Operationen in den Kurilen dauerten noch drei Tage nach Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde an, und für diesen Abschnitt der japanischen Kapitulation ist der sowjetische Wettlauf gegen die Zeit eindeutig. Er konnte nur gelingen, weil die japanischen Verteidiger befehlsgemäß auf jeden Widerstand verzichteten.

Die sowjetischen Aktivitäten waren für Japan von besonderer Bedeutung: Die so genannte Kriegspartei hoffte auf die bleibende Neutralität Stalins, um mit einer letzten großen Schlacht gegen die USA einen vermeintlich "ehrenvollen" Frieden zu erreichen. Die Friedenspartei setzte dagegen auf ein neutrales Moskau als Vermittler, das gegenüber den USA annehmbare Friedensbedingungen verhandeln könne. Vor diesem Hintergrund war der sowjetische Kriegseintritt für alle japanischen Richtungen ein schwerer Schlag: Die gesamte Darstellung Hasegawas legt nahe, dass die Abwürfe der beiden Atombomben allein kaum die schnelle Kapitulation Japans bewirkt haben. Der sowjetische Angriff hingegen machte nicht nur alle - realitätsfernen - Hoffnungen Tokios auf eine Verhandelbarkeit der "bedingungslosen Kapitulation" endgültig zunichte, sondern weckte auch Befürchtungen vor einem weiter gehenden sowjetischen Einfluss im Nachkriegsjapan. Die Furcht vor innenpolitischen Verwerfungen durch eine Fortsetzung des aussichtslosen Kampfs trug mit zum späten kaiserlichen Gesinnungswandel bei, denn Hirohito schickte sich keineswegs sofort nach Hiroshima in die unvermeidbare Niederlage. Hierzu passt, dass die kaiserliche Kapitulationsbereitschaft zwar bereits am 15. August über Rundfunk bekannt gemacht wurde, die erforderlichen militärischen Befehle allerdings mit unerklärlicher Verzögerung erst Tage später ergingen. Insgesamt lässt sich eine Rangfolge der Hauptgründe im militärischen Bereich - Atombombenabwurf versus sowjetischer Kriegseintritt - kaum noch so klar postulieren, wie es Hasegawa mitunter - wenn auch keineswegs stringent - versucht (295, 298).

Stalin feierte seinen letzten Sieg ungeachtet der andauernden Kämpfe am 2. September 1945. In seiner Festrede rechtfertigte er die neuen Eroberungen mit dem japanischen Vorgehen gegen das Zarenreich respektive gegen die UdSSR sowie als Sicherung gegen zukünftige japanische Aggressionen. Hasegawa sieht hier ganz den geopolitischen Expansionisten, ohne dem eindeutig chauvinistischen Zungenschlag Stalins Eigenwert zuzumessen. Ob sich Stalins Nachkriegspläne ohne eine genauere Berücksichtigung ideologischer Erwägungen tatsächlich vollständig erfassen lassen, kann man angesichts der aktiven "Antifa"-Tätigkeit unter den über 600.000 japanischen Kriegsgefangenen in sowjetischem Gewahrsam bezweifeln. Antworten müssen weiteren Forschungen überlassen bleiben.


Anmerkungen:

[1] Vgl. zuletzt die kritische Zusammenfassung von J. Samuel Walker: Recent literature on Truman's atomic bomb decision: a search for middle ground, in: Diplomatic History 29 (2005), Nr. 2.

[2] Vgl. V. V. Sokolov: K istorii kapituljacii Japonii, sowie M. A. Gareev, Man'č~urskaja strategičskaja nastupatel'naja operacija 1945 goda, in: in : Novaja i novejšaja istorija, (2005), Nr. 5.

[3] Das Buch wurde bezeichnenderweise bereits ins Japanische, aber noch nicht ins Russische übersetzt. Zur amerikanischen Debatte vgl. Walker, Recent literature. Das Diskussionsforum H-DIPLO organisierte zudem einen eigenen Roundtable (mit Gar Alperovitz, Richard Frank, Barton Bernstein, David Holloway). http://www.h-net.org/~diplo/roundtables/#hasegawa

[4] Roundtable (wie Anm. 3).

Andreas Hilger