Rezension über:

Marie-Thérèse Zenner (ed.): Villard's Legacy. Studies in Medieval Technology, Science and Art in Memory of Jean Gimpel (= AVISTA Studies in the History of Medieval Technology, Science and Art; Vol. 2), Aldershot: Ashgate 2004, lxiv + 300 S., 155 s/w-Abb., ISBN 978-0-7546-0929-2, GBP 55,00
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Rezension von:
Jens Rüffer
Institut für Kunstgeschichte, Universität Bern
Redaktionelle Betreuung:
Ute Engel
Empfohlene Zitierweise:
Jens Rüffer: Rezension von: Marie-Thérèse Zenner (ed.): Villard's Legacy. Studies in Medieval Technology, Science and Art in Memory of Jean Gimpel, Aldershot: Ashgate 2004, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 4 [15.04.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/04/13916.html


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Marie-Thérèse Zenner (ed.): Villard's Legacy

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Die von Marie-Thérèse Zenner herausgegebene Aufsatzsammlung ist eine Hommage an den 1996 verstorbenen Gelehrten Jean Gimpel (1918-1996), dessen Arbeiten zum mittelalterlichen Baubetrieb (Les bâtisseurs de cathédrales, Paris 1958) und zur mittelalterlichen Technikgeschichte (La révolution industrielle du Moyen âge, Paris 1975) zu Klassikern studentischer Lektüre wurden. Gimpel, der jenseits des universitären Betriebes wirkte, ging Forschungsthemen meist auf unkonventionelle Art an, blieb an engen Fachgrenzen nie stehen und besaß die Gabe, andere Disziplinen in einen Dialog einzubinden. Er hatte maßgeblichen Anteil daran, dass sich die Erforschung mittelalterlicher Technik und technischen Praxiswissens als akademische Disziplin etablieren konnte. Die theoretische Reflexion ergänzten verschiedene Forscher zudem durch die experimentelle Überprüfung. Gimpel war außerdem Mitbegründer von AVISTA (Association Villard de Honnecourt for the Interdisciplinary Studie of Medieval Technology, Science and Art), eines internationalen Verbundes von Wissenschaftlern, die sich mit der Erforschung mittelalterlicher Technik und deren praktischer Umsetzung beschäftigen.

Der Aufsatzband resultiert aus einer Tagung, die zur Ehren des Gelehrten vom 4. bis 7. Mai 2000 während des 35. International Congress on Medieval Studies am Medieval Institute der Western Michigan University durchgeführt wurde. Das Ziel des Kolloquiums bestand darin, ganz im Sinne des Vorbildes, "to unite constructively the fields of science, technology, and art as multi-faceted expressions of continuing human endeavours to explore and to understand the micro- and macrocosm" (XIX). Der Band gliedert sich in zwei Hauptteile. Diesen sind die Einführung der Herausgeberin, zwei Essays zu Gimpel von Carl F. Barnes jr. und Charles Stegeman, dessen Bibliografie sowie einige Abbildungen aus dem Skizzenbuch von Villard de Honnecourt vorangestellt. Die Aufsätze des ersten Teils (Kap. 1-8) sind verschiedenen Aspekten von Villards Portfolio gewidmet, aber auch einigen darüber hinausführenden, architekturhistorischen Themen. Sie untersuchen, so die Herausgeberin, "the topic of medieval artistic conception: the artisan's world, the design, its transmission, and execution" (XX). Im zweiten Teil (Kap. 9-14) werden Themen zur mittelalterlichen Technik und zu technischem Wissen abgehandelt. Sie reichen von Innovationen in der mittelalterlichen Landwirtschaft und Münzherstellung bis zur Bedeutung praktischen astronomischen Wissens zur Orientierung von Kirchen, geometrischen Konstruktionsprinzipien, sowie der mnemotechnischen Bedeutung von Diagrammen innerhalb der artes liberales.

Die einzelnen Aufsätze können hier nicht detailliert besprochen werden. Deshalb möchte ich vor allem auf einige Beiträge des ersten Teiles näher eingehen, die mir für die architekturhistorische Diskussion besonders bedeutsam erscheinen. Nigel Hiscock geht in "Architectural Geometry and the Portfolio of Villard de Honnecourt" der Frage nach, inwieweit Villards Musterbuch die Anwendung geometrischer Grundfiguren (u.a. gleichseitiges Dreieck, Quadrat, Fünfeck), die Platon im Timaeus diskutiert und dessen diesbezügliche Ideen durch Augustinus und Boethius ins Mittelalter überliefert worden sind, für konkrete architektonische Formen belegt. Dass sich die Anwendung geometrischer Grundfiguren nachweisen lässt, überrascht nicht. Wichtig scheint mir jedoch die Erkenntnis, dass eine Fixierung der Architekturhistoriker auf Konstruktionsprinzipien ad quadratum oder ad triangulum zu kurz greift. Bestimmte Figuren wurden nur als Hilfsmittel eingesetzt, um die Konstruktion des eigentlichen Objekts zu ermöglichen (z.B. Fünfeck für Fünfpass). In anderen Figuren wie dem Sechseck stecken, quasi als Grundmodule, gleichseitige Dreiecke. Schließlich warnt Hiscock davor, mehr hineinzulesen, als die praktischen Erfordernisse nahelegen.

William W. Clark ("Reims Cathedral in the Portfolio of Villard de Honnecourt") analysiert die Zeichnungen von Villard zu Reims in Bezug auf die real gebaute Architektur. Dabei geht es dem Autor vor allem darum, zu verstehen, wie Villard Architektur betrachtet hat. Er ist bestrebt, dessen visuelle Logik der Wahrnehmung zu ergründen und zugleich zu begreifen, warum er sich für bestimmte grafische Darstellungsformen entschieden, aber auch verschiedene architektonische Details missverstanden hat. Clark kommt zu dem Schluss, dass Villard nicht sklavisch die Vorlagen in sein Buch übernahm, sondern verschiedentlich kreativ adaptierte, "that he changed what he saw into what he thought it should be" (32). Villard interessierte sich vor allem für die auch aus heutiger Sicht innovativen Aspekte der Architektur, für ihre konstruktiven und standardisierten Elemente. Neben der Vereinfachung und Reduktion architektonischer Komplexität in den Zeichnungen ist Villard bemüht, auch räumliche Tiefe durch stärkere, dunkel ausgezogene Linien anzudeuten. Schließlich sei, so Clark, auch zu berücksichtigen, dass die oft bemängelte Disproportion in den Darstellungen Ergebnis realer Beobachtung sein könne, insofern der Betrachterstandpunkt zu berücksichtigen ist (Augenhöhe, Blick von oben nach unten oder umgekehrt).

Jennifer S. Alexander ("Villard de Honnecourt and the Mason Marks"), die sich seit längerem mit der Rolle und Bedeutung von Steinmetzzeichen beschäftigt, weist auf die methodischen Schwierigkeiten hin, die sich bei der Interpretation derartiger Zeichen ergeben und zeigt zugleich, dass die "Signierung" des Steins verschiedene Funktionen haben konnte. Sie unterscheidet grundsätzlich zwei Hauptgebiete der Anwendung. Zum einen gab es Zeichen, die zur Berechnung von Stücklöhnen benutzt wurden, wobei ein und dasselbe Zeichen auf anderen Baustellen nicht zwingend ein und derselben Person zugeordnet werden kann. Zum anderen konnten die Zeichen codierte Informationen für Bestimmungsort oder Versatz enthalten. Am Portfolio lässt sich außerdem zeigen, dass derartige Markierungen auch benutzt wurden - und dies scheint mir besonders hervorhebenswert -, um die Überführung einer zweidimensionalen Schablone in den dreidimensionalen Stein zu gewährleisten, ohne dass es zusätzlicher Beschreibungen bedurfte. Diese Technik war für illiterate Steinmetzen von unschätzbarem Wert. Durch entsprechende Zeichen wurde der (Profil-)Stein in der Architekturzeichnung mit der dazugehörigen Schablone verknüpft. Allerdings zeigt die Analyse von Alexander auch, dass Villard nicht alle diesbezüglichen technischen Zusammenhänge der Baupraxis verstanden hat, da einige seiner Darstellungen fehlerhaft sind.

Mit Villard de Honnecourt beschäftigen sich noch drei weitere Beiträge. Janet Snyder analysiert die Darstellung von Kleidung im Skizzenbuch in Bezug auf den sozialen Status der sie tragenden Personen. Renaud Beffeyte unternimmt den methodisch nicht unumstrittenen Versuch, verschiedene Darstellungen Villards anhand eines fiktiven Dialogs zwischen Meister und Lehrling zu interpretieren. Roland Bechmann ist bemüht, vor allem durch ikonografische Analyse, die Darstellung eines Grabmals auf fol. 6r als Beleg dafür zu interpretieren, dass es bereits im 13. Jahrhundert handwerklich organisierte Bruderschaften (worker's associations) gegeben habe, die "the traditions and rituals that we find today amid the Compagnons du Devoir" (134) praktizierten.

Die beiden letzten Beiträge im ersten Teil sind technischen Aspekten der Architektur gewidmet, die mehr kunsthistorische Aufmerksamkeit verdienen. Robert Bork analysiert in "Rock, Spires, Paper: Technical Aspects of Gothic Spires" die Turmspitzen hinsichtlich der konstruktiven, strukturellen und theoretischen Herausforderungen an die Baumeister. Konstruktiv mussten die meisten steinernen Turmhelme so angelegt werden, dass sich das Gerüst in den Turmaufbau integrieren ließ, ohne das die Stabilität darunter litt. Strukturell war, vor allem unter statischen Gesichtspunkten, das Eigengewicht des Baumaterials zu berücksichtigen, aber auch jene Kräfte, die von außen einwirkten (zum Beispiel Windlast). Schließlich fußte in Bezug auf die Theorie das praktische Wissen weniger auf analytischen Überlegungen zur Baustruktur, als vielmehr auf Erfahrungswissen, sodass mit dem zeichnerischen Entwurf keineswegs die Probleme der Umsetzung gelöst waren. Bork zeigt an verschiedenen Beispielen des Hoch- und Spätmittelalters, mit welchen konkreten Herausforderungen die Baumeister im Einzelnen konfrontiert waren, welche Lösungen sie anstrebten und inwieweit diese erfolgreich waren. Die Einzelbeispiele zeigen, dass die große Meisterschaft nicht im Entwurf bestand, sondern in der Anpassung desselben an ein konkretes Bauwerk.

Auch Malcolm Thurlby lenkt die Aufmerksamkeit auf einen noch sehr wenig bearbeiteten Aspekt des Gewölbebaus, "The Use of Tufa Webbing and Wattle Centering in English Vaults Down to 1340". Während die kunsthistorischen Analysen sich wesentlich auf die Gewölbeformen konzentrieren, steht bei Thurlby das Material für die Gewölbekappen sowie für die Errichtung der Schalung im Vordergrund. Eine genauere Inspektion der mittelalterlichen Gewölbe in England zeigt, dass es überraschend viele Beispiele gibt, in denen Tuffstein eingesetzt wurde. Dieser poröse Stein ist entweder vulkanischen Ursprungs oder er besteht aus an Quellen und Flussläufen abgelagertem Sedimentgestein (Kalktuff). Der Tuffstein empfiehlt sich durch sein geringeres Gewicht für den Gewölbebau. Dadurch kann die Gewölbelast minimiert und das Stützsystem stabilisiert werden, sodass man bis zu einem gewissen Grad auf Strebebögen verzichten konnte. Thurlby zeigt, "that the use of tufa in the early Gothic vaults at Canterbury Cathedral, therefore, represents a well-established practice in England and was not introduced from France by William of Sens" (161). Der zweite Teil des Aufsatzes beschäftigt sich mit der Einschalung von Gewölbekappen mittels Flechtwerk. Diese Technik, die vor allem an irischen Bauten nachgewiesen werden konnte, lässt sich auch in England finden. Flechtwerk ist nicht nur billiger, es ist auch leichter formbar und eignete sich insbesondere für stark ansteigende Gewölbekappen.

Die vorliegende Aufsatzsammlung bietet für die Forschung zu Villards Musterbuch, aber auch für die Technikgeschichte viele Anregungen. Inwieweit sie nachhaltig wirken, wird die weitere Forschung erweisen.

Jens Rüffer