Rezension über:

Shirin Ebadi: Mein Iran. Ein Leben zwischen Revolution und Hoffnung, Zürich: Pendo Verlag 2006, 320 S., ISBN 978-3-86612-080-8, EUR 19,90
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Rezension von:
Katajun Amirpur
Köln
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Conermann
Empfohlene Zitierweise:
Katajun Amirpur: Rezension von: Shirin Ebadi: Mein Iran. Ein Leben zwischen Revolution und Hoffnung, Zürich: Pendo Verlag 2006, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 4 [15.04.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/04/10703.html


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Forum:
Diese Rezension ist Teil des Forums "Islamische Welten" in Ausgabe 8 (2008), Nr. 4

Shirin Ebadi: Mein Iran

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Diese Frau ist so wunderbar entspannt. Kein Dünkel, kein Pathos, keine Allüren. Als sei das, was sie tut, und die Art und Weise, wie sie lebt, das Normalste der Welt. In ihrer im Pendo-Verlag erschienenen Biographie erzählt Schirin Ebadi, die Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 2004, von ihrer Jugend und von ihrem Studium in einer Zeit, als in Iran zwar politisch Andersdenkende unterdrückt wurden, nicht aber Frauen im allgemeinen. Shirin Ebadi, die vor der Revolution von 1978/79 die erste Richterin Irans war, erzählt von ihrem Leben im Kaiserreich Iran: Sie beschreibt freimütig, dass sie nicht gerade als Kritikerin des Schah-Regimes geboren wurde - im Gegenteil: "Auch wenn ich langsam begann, dem politischen Gerede um mich herum Aufmerksamkeit zu schenken, zog ich dennoch jeden Morgen mein Kostüm an und fuhr zu einem Justizministerium, dessen Repräsentantin zu sein mich mit Stolz erfüllte" (37).

Doch es geht in dieser Biographie nicht nur um Politik. Ebadi erzählt auch aus ihrem Privatleben in einem Land, in dem den Frauen zwar weitgehende Rechte gewährt wurden - beispielsweise das Recht, als Richterin zu arbeiten -, dass aber immer noch von patriarchalischen Strukturen stark geprägt war. So stark, dass es gar nicht so einfach für sie war, einen Mann zu finden. Ein Bewerber habe sich erschrocken von ihr abgewandt, als er erfuhr, dass sie Richterin sei. Ebadi erzählt diese Episode und das dahinter stehende Phänomen in angenehm süffisantem Ton: "Dies galt für gebildete, angeblich moderne iranische Männer genauso wie für traditionelle Iraner. Sie wollten einfach wichtiger und höher gestellt sein als die Frau, die sie heirateten. Eine unabhängige Frau, die ihrer eigenen Beschäftigung nachging, würde selbstverständlich weniger Zeit haben, sie abgöttisch zu lieben" (40). Zwar findet Ebadi einen Mann, der ihre Arbeit als Richterin nicht nur für einen angenehmen Zeitvertreib hält und sie "trotz ihres Berufes" heiratet. Doch auch für diesen toleranten iranischen Ehemann ist selbstverständlich, dass seine Frau beide Jobs erledigt: den zu Hause und den im Justizministerium. Arbeitsteilung war auch für moderne iranische Männer ein Fremdwort.

Vor allem aber berichtet Ebadi von der Revolution. Wie viele andere war sie, obschon Nutznießerin der rechtlichen Gleichstellung von Frauen unter dem Schah, eine glühende Anhängerin der Revolution. Es habe ein wenig gedauert, schreibt sie, bis sie erkannt habe, dass sie bereitwillig und voller Enthusiasmus an ihrem eigenen Ende mitgewirkt habe. Diese Revolution sollte sie später den Job kosten, denn das islamische Recht, wie es nun ausgelegt wurde, verbietet Frauen, als Richterin tätig zu sein. Es dauerte nicht lange, bis Ebadi auch den Posten räumte, auf den man sie versetzt hatte. Zuvor hatte sie von ihrem Arbeitsplatz aus versucht, gegen das neue Rechtssystem zu protestieren. Dieses Rechtssystem sah vor, dass die Stimme einer Frau nur noch halb so viel gilt wie die eines Mannes; dass eine Frau die Erlaubnis ihres Mannes für die Scheidung brauchte; dass das Heiratsalter von Mädchen auf neun Jahre herabgesetzt wurde etc. Ebadi beschreibt ihren Kampf gegen diese Ungerechtigkeiten nicht nur aus der Perspektive der Menschenrechtlerin, sondern sie erzählt auch, wie dieses Rechtssystem ihr persönliches Leben belastete. Als gleichberechtigter Partner sei sie einst eine Ehe eingegangen und nun ordne dieses neue Recht sie ihrem Mann völlig unter. Sie nötigt daher ihren Mann, einen Vertrag zu unterschreiben, in dem er ihr all die Rechte gibt, die ihr das iranische Recht verwehrt.

Nicht vielen steht dieser Ausweg offen, das iranische Rechtssystem zu umgehen. Ebadi dürfte Glück gehabt haben, dass ihr Mann solch einen Vertrag unterschrieben hat, die meisten iranischen Männer würden es nicht tun. Und weil ein solcher Vertrag, der Frauen ein Recht gibt, dass sie eigentlich per se haben sollten, das Problem nicht von Grund auf löst, wurde Shirin Ebadi nach ihrem Ausscheiden aus dem Richteramt als Anwältin tätig. Sie verteidigte einige der wichtigsten iranischen Oppositionellen und wurde außerdem zur wichtigsten Ansprechpartnerin internationaler Menschenrechtsorganisationen. Ebadi ist eine der besten Analytikerinnen iranischer Politik. Deshalb ist dieses Buch so lesenswert. Es erzählt einen wichtigen Abschnitt iranischer Geschichte interessant und anschaulich. Wenn Ebadi von sich berichtet, berichtet sie auch von der Islamischen Republik der letzten 29 Jahre, von normalen Kämpfen und normalen Leben, von einem Krieg und einem Alltag im Krieg. Das ist selten so gelungen wie in diesem Buch.

Katajun Amirpur