Rezension über:

Ulrich Pietsch (ed.): Meissen für die Zaren. Meissen for the Czars. Porcelain as a Means of Saxon-Russian Politics in the Eighteenth Century, München: Hirmer 2004, 144 S., 260 Farbabb., ISBN 978-3-7774-2351-7, EUR 32,50
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Rezension von:
Michaela Braesel
Institut für Kunstgeschichte, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Michaela Braesel: Rezension von: Ulrich Pietsch (ed.): Meissen für die Zaren. Meissen for the Czars. Porcelain as a Means of Saxon-Russian Politics in the Eighteenth Century, München: Hirmer 2004, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 12 [15.12.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/12/8158.html


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Ulrich Pietsch (ed.): Meissen für die Zaren

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Der von Ulrich Pietsch edierte Ausstellungskatalog zeigt Porzellan einmal in anderen als den gewohnten Zusammenhängen. Wird Porzellan sonst eher in Bezug auf die Ostasienrezeption, den Import neuer Genussmittel und auf dekorativ-stilistische Aspekte hin betrachtet, so beschäftigen sich Ausstellung und Katalog mit der politischen Bedeutung von Porzellan. Als Basis dient die Sammlung von Meissener Arbeiten in der Eremitage, St. Petersburg. Hinzu kommen Leihgaben aus verschiedenen europäischen Museen, die sich ursprünglich in russischem Besitz befanden und in den 1930er-Jahren vom sowjetischen Staat verkauft wurden. Geordnet nach der Regentschaft der Zaren wird Meissener Porzellan aus ihrem Besitz oder demjenigen bedeutender Höflinge vorgestellt, wobei die Umstände des Porzellanerwerbs rekonstruiert werden.

Tobias Burgs Einleitung schildert detailliert unter Heranziehen schriftlicher Quellen den Zusammenhang von Porzellan und Politik und geht der Bindung einzelner Anfertigungen an bestimmte politische Ziele, dem Einsatz von Porzellan als diplomatischem Geschenk nach. Meissen kam als erster und zunächst einziger europäischer Porzellanmanufaktur eine außergewöhnliche Bedeutung zu, da ihre Arbeiten als Novum und Statusobjekte begehrt waren.

Besonders unter August dem Starken und Peter dem Großen war die Beziehung zwischen Sachsen und Russland sehr eng, gerade in Zusammenhang mit Augusts Wunsch nach der polnischen Krone. Nicht nur in Hinblick auf das Durchsetzen politischer Ziele kam Porzellan zum Einsatz, sondern auch als Dank für Geschenke. So wurde 1728 eine Vielzahl Meissener Porzellane für Katharina I. ausgefertigt zum Dank für die Übersendung von Tieren an die Menagerie Augusts des Starken. Schriftquellen belegen, wie überlegt Porzellan diplomatisch eingesetzt wurde, wie schnell die Porzellanlieferung an eine, in einem bestimmten Moment als wichtig erachtete Person des russischen Hofstaats genehmigt, wie schnell diese aber auch gestrichen werden konnte, wenn der Betreffende in Ungnade gefallen war.

Auch unter Augusts Nachfolger Friedrich August II. und der Zarin Anna Iwanowna erfolgten Porzellangeschenke wieder besonders im Hinblick auf die Wahl zum polnischen König. Unter Zarin Elisabetha Petrowna gingen äußerst umfangreiche Lieferungen an den russischen Hof, darunter das Andreas-Service.

Nach dem Tod Augusts III. und dem Ende des Siebenjährigen Krieges brachte das Jahr 1764 eine maßgebliche Änderung in den sächsisch-russischen Beziehungen, da sich Katharina die Große für Preußen als neuen Bündnispartner entschied. Der polnische Thron wurde nun an einen ihrer Günstlinge gegeben. Diese politischen Umstände deuten daraufhin, dass in den 1760er-Jahren hier nun selten Meissener Porzellan im diplomatischen Sinn Einsatz fand. Wichtig werden jedoch die privaten Aufträge Katharinas, deren besondere Vorliebe dem Meissener Porzellan galt. Die Zarin bestellte nun ihrerseits Geschenke für ihre Höflinge bei Meissen.

Zwei weitere Aufsätze beleuchten die Bedeutung Meissener Porzellans in Russland. Lydia Liackhova zeichnet die Geschichte der Meissener Porzellansammlung an der Eremitage nach und zeigt, wie das Porzellan von einem repräsentativen Gebrauchsgegenstand innerhalb der zaristischen Hofhaltung zu einem musealen Ausstellungsstück wurde.

Andrej Worobjow wiederum widmet sich den Präsentationsformen von Porzellan in Russland im 18. Jahrhundert, die sich an die europäischen anschließen, sowie der Gründung russischer Porzellanmanufakturen und ihrer Orientierung am Meissener Vorbild. Im Mittelpunkt seines Aufsatzes steht das Meissener St. Andreas-Service von 1745, das im Katalogteil umfassend vorgestellt wird. Worobjow geht der Verwendung des Services im Kontext der Kavaliersempfänge des Andreas-Ordens ebenso nach wie seinem Entstehungshintergrund.

Der Katalogteil greift die chronologische Ordnung nach Herrscherzeiten auf. Die Katalogtexte verbinden eine genaue Form- und Dekorbeschreibung mit Zuschreibungsfragen in Hinblick auf die Malereien, heraldische und ikonographische Erwägungen sowie den Nachweis der Provenienz der Stücke und die Entstehungsumstände. Hier wird bereits Genanntes weitergeführt und genauer dargelegt.

Die ersten Arbeiten aus den 1720er-Jahren umfassen qualitätvolle Chinoiserie-Malereien, die von Pietsch J. G. Hoeroldt und J. E. Stadler zugeschrieben werden (43-45). Unter den Stücken aus der Regierungszeit der Anna Iwanowna fällt besonders das Teeservice auf, dessen Malereien Pietsch ebenfalls Hoeroldt zuschreibt und dessen Augsburger Silber-Surtout noch erhalten ist (47), sowie das Tafelservice für Generalfeldmarschall Graf von Münnich. Dieser hatte August III. in seinen Ansprüchen auf den polnischen Thron unterstützt. Die Tatsache, dass für das Service kein eigenes Modell entwickelt wurde, sondern dass sich Form und Reliefdekor an das Sulkowksi-Service von 1735-1736 anschließen, dürften mit Recht, wie Anette Loesch vorschlägt, als Hinweis auf eine spontane Bestellung dienen, die schnell umgesetzt werden sollte. Dieses verweist auch auf die Arbeitsbelastung der Manufaktur durch umfangreiche und aufwändige Aufträge in den späten 1730er-Jahren bzw. auf das Fehlen besonderer Wünsche durch den Empfänger (51).

Einen besonderen Problemfall bildet das so genannte Elisabeth-Service von 1741 und 1745. Liackhova weist hier überzeugend nach, dass es sich wohl um zwei verschiedene Service handelt, die einander zwar ähneln, aber doch durch die Motive zu unterscheiden sind (58-59).

Bei den Porzellanen für Katharina die Große stehen das Meissener Jagdservice von 1766 und die nur in Fragmenten erhaltenen Figurengruppen für das Lustschloss Oranienbaum im Mittelpunkt, deren Ikonographie auf die Siege und die Person der Zarin ausgerichtet sind. Hier wäre ein Gegenüberstellen mit Aufträgen Katharinas an andere Manufakturen interessant gewesen. Dieses hätte ihre persönlichen Vorlieben deutlicher gemacht, wäre allerdings auch vom Hauptthema der Ausstellung abgewichen. Erläuterungen zur Herrscherikonographie Katharinas insgesamt und wie sich der Meissener Zyklus dazu verhält, Anmerkungen zu ihrem Reiterbildnis in Porzellan und demjenigen der Zarin Elisabeth hätten die politische Nutzung von Porzellan auch jenseits der russisch-sächsischen Beziehungen noch unterstreichen können.

Ein interessantes Phänomen, das leider keine Erklärung findet, bildet das Service für den Grafen Orlow-Tschesmenskij von 1770-1774, das keinen einheitlichen Dekor, sondern verschiedene Dekorationsmotive - Chinoiserie, Fabeltiere, Watteau-Szenen, unterschiedliche Arten von Blumenmalerei - aufweist. Die Einzelstücke werden nur durch das ihnen gemeinsame Wappen zusammengehalten.

Der Katalog stellt nicht nur bisher relativ wenig bekannte Bestände der Meissener Produktion vor, sondern zeichnet gelungen die politische Bedeutung des Porzellans nach, ein Aspekt, der in der Forschung oftmals gegenüber dem dekorativ-stilistischen vernachlässigt wird. Hierdurch wird deutlich, weswegen unter anderem die europäischen Herrscher so viel Wert auf die Nacherfindung des Porzellans legten, dass Porzellan im 18. Jahrhundert ein wesentlicher Faktor für Politik, adlige Selbstdarstellung und Wirtschaft war.

Michaela Braesel