Rezension über:

Christoph Markschies: Das antike Christentum. Frömmigkeit, Lebensformen, Institutionen (= Beck'sche Reihe; 1692), München: C.H.Beck 2006, 272 S., 10 Abb., ISBN 978-3-406-54108-7, EUR 12,90
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Eckhard Wirbelauer
Institut d'Histoire Romaine, Université Marc Bloch, Strasbourg
Redaktionelle Betreuung:
Tassilo Schmitt
Empfohlene Zitierweise:
Eckhard Wirbelauer: Rezension von: Christoph Markschies: Das antike Christentum. Frömmigkeit, Lebensformen, Institutionen, München: C.H.Beck 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 12 [15.12.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/12/11425.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Christoph Markschies: Das antike Christentum

Textgröße: A A A

1997 hatte der Kirchenhistoriker Christoph Markschies unter dem Titel "Zwischen den Welten wandern" eine kompakt-konzise Darstellung der "Strukturen des antiken Christentums" (Untertitel) vorgelegt. Dem Beck-Verlag ist es nun zu verdanken, dass dieses Buch in einer Neufassung vorliegt, wobei der Verfasser gleich zu Beginn präzisiert, dass "in den Inhalt, die Anmerkungen und die Bibliographie [...] nur sehr behutsam eingegriffen" worden sei (7).

Markschies lenkt den Blick des Lesers nach einer knappen raum-zeitlichen Einordnung des Christentums (11-49) auf das christliche Individuum (50-139) und die verschiedenen Vergemeinschaftsformen, in denen es sich bis zum 5. Jahrhundert verwirklichen kann: Diese integrieren das Individuum zunächst auf der Ebene der "Ehe und Familie" oder bieten ihm als Alternative asketisch-monastische Lebensformen an (140-166). Auf weiteren Ebenen werden dann Gemeinde, gemeindeübergreifende Strukturen und die Entstehung der kirchlichen Ämter abgehandelt (167-212). Am Schluss (213-217) stehen Überlegungen, die der Anziehungskraft des Christentums auf den antiken Menschen nachspüren und somit zur Erklärung dieser Erfolgsgeschichte beitragen. Ein knapp gehaltener Anhang gibt nach den Anmerkungen Hinweise zu "Quellen und Übersetzungen", bietet eine "Auswahlbibliographie" und enthält mit Glossar, Zeittafel sowie zwei Karten Basisinformationen, die auch dem nicht fachwissenschaftlich vorgebildeten Leser den Zugang zum Buch erleichtern. Personen-, Orts- und Sachregister runden den Band ab.

Markschies hat mit seiner Darstellung zweifelsohne eine moderne Darstellung zum antiken Christentum vorgelegt, die den Menschen in den Mittelpunkt rückt. Dass er hierfür bisweilen holzschnittartig vorgeht, ist ihm nicht vorzuwerfen, im Gegenteil: Dieses Vorgehen lädt den Leser zu eigenen Reflexionen ein, die darauf zielen sollten, einzelne Punkte zu vertiefen. Hierbei mögen sich auch Widersprüche zu Positionen von Markschies ergeben, von denen ein paar wenige angedeutet seien: Aberkios aus Hierapolis scheint mir weniger ein Beispiel für die Missionsgeschichte (25) als vielmehr für den übergemeindlichen Kontakt zwischen bestehenden Gemeinden, würde also eine Erwähnung in diesem Kontext verdienen (186 bzw. 191). [1] Bei der Entstehung der alternativen Lebensformen zu Ehe und Familie ist wohl deutlicher zwischen Askese/Eremitentum und Zönobitentum zu trennen; hier ist mehr auf regionale Unterschiede hinzuweisen (vgl. das Postulat 33), zumindest in fragender Form: Weshalb finden wir Eremiten nicht in den verschiedenen Gegenden des westlichen Mittelmeerraums? [2] Solche Präzisierungen sind auch bei der Ausdifferenzierung der kirchlichen Ämter, insbesondere ihrer Legitimierung notwendig: Wie stehen etwa der Sukzessionsgedanke, der im Westen die entscheidende Bedeutung erlangen sollte, zur Akzeptanz von charismatischen Legitimationsformen, die im Osten immer eine besondere Rolle spielten? Und schliesslich lässt sich trefflich darüber diskutieren, ob man mit Markschies die Durchsetzung des päpstlichen Anspruchs bereits "zum Ende des vierten Jahrhunderts" annehmen möchte, also weit vor Leo (440-461) und Gelasius (492-496). [3]

Doch sind diese Punkte, denen sich leicht weitere hinzufügen ließen, nicht geeignet, den Wert des Buchs von Markschies in Frage zu stellen, im Gegenteil: Sie sollen die Hoffnung zum Ausdruck bringen, dass Markschies bei einer weiteren Auflage doch die Zeit finden möge, den Text einer umfangreicheren Revision zu unterziehen [4]: "Das antike Christentum" hat Zukunft!


Anmerkungen:

[1] Vgl. Wolfgang Wischmeyer: Die Aberkios-Inschrift, in: Oda Wischmeyer / Eve-Marie Becker (Hgg.): Was ist ein Text?, Tübingen 2001, 65-79; Eckhard Wirbelauer: Aberkios, der Schüler des reinen Hirten, im Römischen Reich des 2. Jh. n. Chr., in: Historia 51, 2002, 359-382.

[2] Martin Krön: Das Mönchtum und die kulturelle Tradition des lateinischen Westens. Formen der Askese, Autorität und Organisation im frühen westlichen Zönobitentum, München 1997.

[3] Vgl. etwa Eckhard Wirbelauer: Leo der Große und die Entstehung des Papsttums, in: Mischa Meier (Hg.): Sie prägten Europa. Große Herrschergestalten von Konstantin bis Karl dem Großen, München 2007, 78-92 und 344-45.

[4] Einige Vorschläge für eine solche Überarbeitung (mit Bezug auf die Seitenzahlen bei Markschies):

15: Hinweise zur Debatte um die Herleitung des Namens Christiani;

38: ein skythischer Mönch in Rom namens Dionysius Exiguus;

43: Prinzipat: ab 27 v. Chr.;

52, Z. 4-6: streichen: von dem ... verlandet);

58: Orkistos-Inschrift: Frank Kolb, Bemerkungen zur urbanen Ausstattung von Städten im Westen und im Osten des Römischen Reiches anhand von Tacitus, Agricola 21 und der Konstantinischen Inschrift von Orkistos, in: Klio 75, 1993, 321-341;

73: frühestes Zeugnis für die Feier des Weihnachtsfestes: Chronograph von 354, MGH AA 9;

89/117: Die Frage, ob, wann und bei wem das Begräbnisdatum auf einer Inschrift genannt wurde, bedarf einer breiteren Diskussion, da so die bestattete Person sichtbar und dauerhaft als christlich gekennzeichnet wird. Ist dies im dritten Jahrhundert, vor allem seit Decius denkbar?

90: Abb. 3 könnte entfallen;

131/133: Unterschieden sich christliches Leben und christlicher Alltag von dem der paganen Umwelt?

190f.: Horst Fuhrmann, Die Päpste. Von Petrus zu Johannes Paul II., München 1998;

191: cursus publicus: Anne Kolb, Transport und Nachrichtentransfer im Römischen Reich, Berlin 2000;

215: Anfang und Mitte des 2. Jh.s gehören auch für Dodds nicht zum "Zeitalter der Angst";

240: Hinweis auf den Nachfolger der Patrologie von Altaner/Stuiber: Lexikon der altchristlichen Literatur, Freiburg u.a., 3. Aufl. 2002;

249: in der Auswahlbibliographie verdienen althistorische Referenzwerke wie die Handbücher von Jochen Martin (Oldenbourg Geschichte Grundriß 4, München 3. Aufl. 1995) und Alexander Demandt (2. Aufl. 2007) Aufnahme, ebenso neuere wegweisende Untersuchungen wie diejenige von Tassilo Schmitt, Paroikie und Oikoumene. Sozial- und mentalitätsgeschichtliche Untersuchungen zum 1. Clemensbrief (Berlin/New York 2002);

256: Zeittafel: 311 Toleranzedikt des Galerius; 312 Konstantin nach Sieg an der Milvischen Brücke bei Rom Kaiser im Westen; 313 Mailänder Vereinbarung zwischen Konstantin und Licinius 325 Erstes Reichskonzil in Nizäa; Verurteilung des Arius und seiner Anhänger 366/7-384 Damasus Bischof von Rom 373 Tod des Athanasius von Alexandria 374-397 Ambrosius Bischof von Mailand 397-407 Johannes Chrysostomus Bischof von Konstantinopel 431 Reichskonzil von Ephesos 440-461 Leo Bischof von Rom 451 Reichskonzil von Chalkedon 492-496 Gelasius Bischof von Rom 518-565 Justinian Kaiser.

Eckhard Wirbelauer