Rezension über:

Dieter Hertel: Die Mauern von Troja. Mythos und Geschichte im antiken Ilion, München: C.H.Beck 2003, 360 S., 67 Abb., ISBN 978-3-406-50444-0, EUR 98,00
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Rezension von:
Eckhard Wirbelauer
Institut d'Histoire Grecque, Université Marc Bloch de Strasbourg
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Eckhard Wirbelauer: Rezension von: Dieter Hertel: Die Mauern von Troja. Mythos und Geschichte im antiken Ilion, München: C.H.Beck 2003, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 5 [15.05.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/05/4881.html


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Dieter Hertel: Die Mauern von Troja

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Der Klassische Archäologe Dieter Hertel legt mit diesem Buch die umgearbeitete Fassung seiner 1993 an der Universität Köln angenommenen Habilitationsschrift vor. Die vorliegende Fassung bietet zwei große Teile: Zunächst stellt Hertel "Die einzelnen Bauwerke und Denkmäler nach den archäologischen Befunden und den schriftlichen Quellen" (23-184) vor, um anschließend "Das griechische, hellenistische und kaiserzeitliche Ilion als Erinnerungsort an die mythische Zeit" (185-309) zu untersuchen. Literaturverzeichnis, Abbildungsverzeichnis sowie drei recht knapp gehaltene Register beschließen den Band, dem 42 qualitativ hochwertige Schwarz-Weiß-Abbildungen beigegeben sind.

Die Troja-Forschung ist nicht zuletzt dank der Rührigkeit der Tübinger Altertumswissenschaftler gerade in den letzten beiden Jahrzehnten zu einer neuen Blüte gelangt. Wenige Fragen dürften dabei so publikumswirksam sein wie diejenige nach dem historischen Ort der durch die homerischen Epen scheinbar vertraut wirkenden Verhältnisse. In der Altertumswissenschaft hat diese Frage in den vergangenen Jahren zu heftigen Auseinandersetzungen geführt, die bisweilen Züge von Glaubenskämpfen annahmen und insbesondere Archäologen und Althistoriker zu trennen schienen. [1] Doch auch in der Klassischen Philologie geben sich einige der neuen alten Hoffnung hin, die homerischen Epen durch Historizität zu adeln. [2]

Hertel kommt hierbei eine besondere Rolle zu, da er als Dissident gelten darf. Im Unterschied zu den meisten seiner Fachkollegen kritisiert Hertel Fragestellung, Ausgrabungsmethode und Befundinterpretation des Tübinger Troja-Projekts offen und hart, wofür ihm schon aus erkenntnistheoretischem Interesse der Dank der gesamten Wissenschaftsöffentlichkeit geschuldet sein muss. Dass es den Tübingern nicht gelang, ihren Kritiker Hertel auch nach der Formulierung seines Standpunkts (1992) in das Projekt zu integrieren, dürfte in erster Linie ihnen selbst und der Überzeugungskraft ihrer Ergebnisse zum Nachteil gereichen.

Hertels Fragestellung ist eine eminent historische, die dazu geeignet ist, der Troja- und Homerforschung eine neue, eben eine historische Dimension zu verleihen: "Ziel der vorliegenden Untersuchung ist es, den Umgang des Klassischen Altertums mit der mythischen Vergangenheit Ilions herauszuarbeiten, wie er sich in solchen Denkmälern und Erinnerungsmalen, aber auch im Wandel des Stadtbildes widergespiegelt hat" (15). Dieser Ansatz ist dazu geeignet, die Wirkung des wichtigsten Mythenensembles der Antike vor Ort deutlich zu machen, also exemplarisch zu zeigen, wie sich antike Menschen ihre Mythen vergegenwärtigt und vergegenständlicht haben. [3]

Der Weg zur Beantwortung dieser Fragestellung ist ein dorniger, ganz besonders in Troia: Es gilt, eine genaue Bestandsaufnahme der archäologischen Befunde vorzunehmen und diese Befunde mit den in antiken Schriftquellen genannten Objekten abzugleichen. Genau dies unternimmt Hertel in seinem ersten Teil, und zwar stets sehr kenntnisreich und in einer Form, der man ansieht, dass er mit den jeweiligen Verhältnissen aus eigener Anschauung vertraut ist (vergleiche zum Beispiel 85 f. Anmerkung 195). Im Einzelfall freilich hätte man sich etwas aufschlussreichere Titel als "Der Befund in A 7. Die 'paved circles' und das Haus 850" gewünscht, aber vor allem eine engere Verschränkung von Karten- und Abbildungsmaterial mit dem Text. Es ist sehr zu bedauern, dass sich der Verlag nicht dazu entschließen konnte, ein größeres Format für diese Publikation zu wählen. Hiervon hätte nicht nur die Lesbarkeit mancher Abbildungen, insbesondere der Karten, profitiert, sondern auch die Verständlichkeit der bisweilen sehr technischen Passagen des ersten Teils, die ohne visuelle Veranschaulichung den meisten Lesern verschlossen bleiben dürften. Dies ist umso gravierender, als Hertel nicht nur den gegenwärtigen Befund beschreibt, sondern auch sein Zustandekommen in über 130 Jahren Grabungsgeschichte. Mit dieser zeigt sich Hertel wie kaum ein Zweiter vertraut, gerade auch mit den Grabungstagebüchern (insbesondere jenen von Dörpfeld), denen er zusätzliche Hinweise abzugewinnen versteht (vergleiche zum Beispiel 25 Anm. 4; 56 Anmerkung 72).

Schon quellenbedingt anschaulicher gerät die Behandlung der in antiken Texten überlieferten Bauwerke innerhalb und außerhalb der Stadt. Wiederum hätte sich jedoch die Nachvollziehbarkeit noch erleichtern lassen, wenn die Textstellen beziehungsweise Inschriften wiedergegeben worden wären. Im Umgang mit den Schriftquellen hätte sich der Historiker zudem gewünscht, dass die Inschrifteneditionen mit ihren vertrauten Siglen (zum Beispiel IK für "Die Inschriften griechischer Städte aus Kleinasien") zitiert würden. Methodisch nicht haltbar ist der Hinweis: "Wenn daher hier von Strabo gesprochen wird, so ist damit auch immer diese seine Quelle gemeint" (19). Denn genau wie in einem Grabungsbefund ist auch der literarische Befund zunächst zu datieren, das heißt es ist zumindest zu erörtern, ob die betreffende Notiz dem 2. Jahrhundert vor Christus oder der augusteischen Zeit (oder beiden Zeiten) zuzuordnen ist. Allerdings sei Hertel auch gleich gegen diese Kritik ein wenig in Schutz genommen: Denn dieses Postulat, das auf eine differenzierte und methodisch fundierte Quellenanalyse der literarischen Quellen zielt, ist selbst unter den Fachkollegen der Alten Geschichte sehr viel weniger bekannt, als man glauben möchte. Dabei unternimmt Hertel ansatzweise solche Diskussionen, doch bleibt zum Beispiel auf Seite 295, Anmerkung 139 letztlich offen, weshalb Lucans Angaben zu den Sehenswürdigkeiten der Troas gute Informationen über sie verraten, außer aus jenem Grund, dass seine Informationen gut zu unserem heutigen Eindruck zu passen scheinen. Im Übrigen hat der Rezensent gerade hier bedauert, dass auf ein Register der antiken Quellen verzichtet wurde. Einiges kann man sich zwar erschließen, etwa aus dem Personenregister, doch wäre zum Beispiel statt eines viele Seiten auflistenden Eintrags 'Homer' dem Leser mit präzisen Stellen mehr geholfen gewesen.

Der zweite Teil der Untersuchung von Hertel kann im Rahmen dieser Rezension nicht im Einzelnen besprochen werden, obgleich er eine eingehende Diskussion verdient. Der Rezensent ist sich jedoch sicher, dass Hertel hier eine neue Basis für die künftige Auseinandersetzung mit Troja liefert. Verwiesen sei etwa auf Hertels bestechende Erklärung zur Entstehung des Mythos vom Trojanischen Krieg (192 ff.). Die konsequent historische Herangehensweise führt dazu, dass die Monumente und ihre Deutungen in ein Wechselspiel gelangen, das eine über Jahrhunderte andauernde und sich immer wieder verändernde Kommunikation zwischen den Objekten und ihren Nutzern beschreibt. Dabei sieht Hertel eine Zäsur im Alexanderbesuch im Jahr 334, da von nun an der mythischen Vergangenheit anders begegnet wurde. War diese zuvor (wie in den homerischen Epen) überhöht und die Gegenwart als demgegenüber geringwertiger betrachtet worden, verkehrte sich die mythische Zeit unter dem Eindruck der unvorstellbaren Leistung Alexanders nun zum Präludium der Gegenwart (237 ff.; 302 f.). Ilion konnte nun versuchen - unter legitimierendem Rückgriff auf seine einzigartige Vergangenheit, die im Epos nachvollziehbar und an den Monumenten sichtbar war -, eine neue politische Bedeutung zu erlangen.

Insgesamt handelt es sich bei dem Werk von Hertel ganz zweifellos um eine höchst verdienstvolle Arbeit, nicht nur wegen der Materialaufbereitung, sondern vor allem, weil sie der künftigen Forschung einen Weg weisen kann, um selbstgestellten Fallen zu entkommen. Denn um eine solche handelt es zweifellos, wenn man sich fragt, ob der Trojanische Krieg tatsächlich stattfand. Hertel dagegen ist es gelungen, in wirklich altertumswissenschaftlicher Pluridisziplinarität ein spannendes Kapitel der Antike neu zu schreiben.


Anmerkungen:

[1] Vgl. jetzt Christoph Ulf (Hg.): Der neue Streit um Troja. Eine Bilanz, München 2003.

[2] Joachim Latacz: Troia und Homer. Der Weg zur Lösung eines alten Rätsels, München / Berlin 2001; vgl. dazu die zu Recht kritische Besprechung durch Wolfgang Kullmann, in: Gnomon 73 (2001), 648-663, bes. 657 ff.

[3] Ohne Kenntnis von der Arbeit Hertels gehabt zu haben, habe ich einen ähnlichen Ansatz in meinen eigenen Forschungen zu formulieren versucht: Eckhard Wirbelauer: Kephallenia und Ithaka. Historisch-geographische und quellenkritische Untersuchungen zu zwei Inseln im Ionischen Meer, Habilitationsschrift Freiburg 1998, teilweise publiziert in: Matthias Steinhart / Eckhard Wirbelauer: Aus der Heimat des Odysseus. Reisende, Grabungen und Funde auf Ithaka und Kephallenia bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert (= Kulturgeschichte der antiken Welt; 87) , Mainz 2002. Die Publikation der noch nicht veröffentlichten Teile ist in Vorbereitung.

Eckhard Wirbelauer