Rezension über:

Cornelia Weinberger (Hg.): Johann Balthasar Klaute: Diarium Italicum. Die Reise Landgraf Karls von Hessen-Kassel nach Italien, 5. Dezember 1699 bis 1. April 1700, Kassel: Hamecher 2006, 340 S., ISBN 978-3-920307-35-0, EUR 66,00
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Rezension von:
Stefan Schweizer
Seminar für Kunstgeschichte, Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Schweizer: Rezension von: Cornelia Weinberger (Hg.): Johann Balthasar Klaute: Diarium Italicum. Die Reise Landgraf Karls von Hessen-Kassel nach Italien, 5. Dezember 1699 bis 1. April 1700, Kassel: Hamecher 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 10 [15.10.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/10/12972.html


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Cornelia Weinberger (Hg.): Johann Balthasar Klaute: Diarium Italicum

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Historisch-kulturwissenschaftliche Reiseforschung hat bereits seit einigen Jahren Konjunktur, die durch das Paradigma des Kulturtransfers neuerlich weitere Nahrung erhielt. Die Motive, das Reisen, die Reiseberichte, die dabei zu beobachtende Wahrnehmungspraxis oder die Fragen nach kulturellen, künstlerischen, religiösen, mentalen, sozialen oder politischen Interdependenzen im Europa der Frühen Neuzeit zu untersuchen, sind je nach Fachperspektive verschieden und höchst mannigfaltig. Zudem existiert seit langer Zeit auch jenseits akademischer Diskurse und dank Goethes nach wie vor populärer 'Italienischer Reise' ein allgemeines Interesse am Genre historischer Reisebeschreibungen, das vergleichsweise oft mit Neudrucken oder kommentierten Ausgaben aufwartet. Aus kunstgeschichtlicher Sicht sei unter anderem auf die Reprints der Reisebeschreibungen von Heinrich Schickhardt, Joseph Furttenbach, Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff, Friedrich Weinbrenner, Heinrich Gentz und Karl Friedrich Schinkel verwiesen.

Um einen Nachdruck handelt es sich ebenfalls bei der hier anzuzeigenden Publikation, dem Tagebuch der Italienreise Landgraf Karls von Hessen-Kassel, zudem um einen mit großem Mehrwert gegenüber den Druckausgaben aus dem Jahre 1722, die (entgegen der Einschätzung der Herausgeberin, 9) in immerhin zirka einem Dutzend Bibliotheken, überwiegend ehemaligen Hofbibliotheken, vorrätig ist, u. a. in Göttingen, Fulda, Marburg, Wolfenbüttel, Jena, Gotha, Dresden, Leipzig, Halle, Kassel, Weimar, Berlin. Die Herausgeberin und Kommentatorin Cornelia Weinberger erweiterte den Neudruck des Reiseberichts aus der Feder des Hofrats Johann Balthasar Klaute um die auf der Reise geschriebenen und bis dato unveröffentlichten Briefe des Landgrafen an seine Gemahlin Maria Amelia. Zum Mehrwert ist aber auch der reiche Anmerkungsapparat zu zählen, der die Herausgeberin als skrupulöse Kennerin der Materie ausweist.

Die Italienreise Landgraf Karls (1645-1730, regierte seit 1677) war von einigen Besonderheiten gekennzeichnet: Einerseits entsprach sie nicht der kanonischen Grand Tour junger Aristokraten, denn der Landgraf war mit 54 Jahren dem Jugendalter längst entwachsen und regierte bereits seit zwei Jahrzehnten. Andererseits reiste er unter dem Pseudonym eines Reichsgrafen von Solms und verzichtete damit auf jedes Zeremoniell, wobei ihn neben dem Schreiber Klaute immer noch ein Hofmarschall, sein Leibarzt, ein Kammerjunker, ein Jagdjunker, ein Kammerdiener, ein Koch sowie drei Lakaien begleiteten. Überdies bereiste er Italien in gerade einmal vier Monaten, zudem im Winter, was höchstwahrscheinlich der Unabkömmlichkeit seiner Person als Regent einer Landgrafschaft geschuldet war.

Obwohl Klaute angibt, er sei "obligiert gewesen, aller Orthen in der eyl zu annotieren, was schon höchst besagte Ihro Hoch-Fürstliche Durchlaucht daselbst remarquables wahrgenommen", tritt er selbstbewusst als Autor, bisweilen auch als Beobachter des Landgrafen in Erscheinung, etwa wenn er davon berichtet, dass man den Tross in Verona des Nachts nicht in die Stadt eingelassen habe, weil der Landgraf auf eine falsche Information vertraute.

Mit der Distanz Klautes versachlichte sich der Duktus seiner Beschreibung, sodass die persönlichen Bewertungen des von Eile getriebenen Fürsten weitestgehend verschliffen wurden, wenn er sie überhaupt je mit Klaute diskutierte. Manchmal trennten sich die Wege der hessischen Reisegruppe, wie etwa in Rom, wo sich Landgraf Karl von dem Antiquar Giuseppe Antonio de Marino begleiten ließ. Weder über deren Kommunikation noch über den Kontakt mit dem Maler und Architekten Andrea Pozzo erfahren wir mehr. Dies wäre deshalb von Interesse gewesen, weil seinerzeit sowohl Francesco Guerniero, der ab 1701 im Dienst des Landgrafen stehende Entwerfer der Wilhelmshöher Bauten, bei Pozzo arbeitete, wie auch Pierre Etienne Monnot, der Schöpfer des Kasseler Marmorbads. Doch über diesbezügliche Empfehlungen Pozzos äußert sich Klaute nicht.

So erweisen sich manche Informationen aus kunsthistorischer Sicht als wenig ertragreich, weil zu oberflächlich bzw. in einer Perspektive dargeboten, die nicht derjenigen der Hauptfigur, des späteren Auftraggebers, entsprach. (Vertreter anderer Fächer werden den Informationsgehalt sicher anders einschätzen.) Dabei hätte man zu gerne gewusst, wie Karl die für seine späteren Kasseler Bauten vorbildlichen Skulpturen und Gärten auf der Reise bewertet hatte. Aber weder zum Herkules Farnese noch zu den Villen und Gärten in Frascati und Tivoli geht Klaute in seiner Beschreibung über das hinaus, was man ohnehin schon wusste. Der den Planungen der Wilhelmshöher Bauten vorangegangene Kulturtransfer lässt sich daher nicht weiter spezifizieren oder differenzieren.

Im Spiegel der Briefe an seine Gemahlin wird deutlich, dass sich der Landesfürst zwar für Italien und die dort zu bewundernde Kunst interessierte, ihn aber das politische Tagesgeschäft kaum zur Ruhe kommen ließ. Widmet er sich in den ersten Briefen noch Reisebeschreibungen, so interessiert ihn bald nur noch die Anbahnung der Hochzeit seines Sohnes. Am ausführlichsten schildert der Landgraf bezeichnenderweise die Teilnahme an einer Senatssitzung in Venedig.

Dankenswerterweise gleicht die Herausgeberin die Informationen der Briefe mit denjenigen des Reisetagebuchs ab, wie überhaupt der Anmerkungsapparat voller Detailinformationen steckt und leicht zu benutzen ist. Etwas befremdlich scheint hingegen die Praxis, die Sekundärliteratur zur Italienreise in einem Anhang wie Quellen zu behandeln, das heißt seitenweise zu zitieren. Die Herausgeberin wäre sicher besser beraten gewesen, die an und für sich wichtigen Informationen zu den Reisebegleitern und zur Reise selbst in eigenständigen Texten zu diskutieren.

Stefan Schweizer