Rezension über:

Dagmar M. H. Hemmie: Ungeordnete Unzucht. Prostitution im Hanseraum (12.-16. Jahrhundert). Lübeck - Bergen - Helsingör (= Quellen und Darstellungen zur hansischen Geschichte. Neue Folge; Bd. LVII), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2007, VII + 476 S., ISBN 978-3-412-06106-7, EUR 49,90
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Rezension von:
Peter Schuster
Historisches Institut, Universität des Saarlandes, Saarbrücken
Redaktionelle Betreuung:
Christine Reinle
Empfohlene Zitierweise:
Peter Schuster: Rezension von: Dagmar M. H. Hemmie: Ungeordnete Unzucht. Prostitution im Hanseraum (12.-16. Jahrhundert). Lübeck - Bergen - Helsingör, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2007, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 10 [15.10.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/10/11982.html


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Dagmar M. H. Hemmie: Ungeordnete Unzucht

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Die Geschichte der Prostitution im Spätmittelalter und in der beginnenden Neuzeit ist bislang vornehmlich am Beispiel süddeutscher und südwesteuropäischer Städte geschrieben worden. Dort etablierten sich ausgangs des Mittelalters vielerorts kommunale Bordelle, deren obrigkeitliches Reglement eine Vielzahl von Quellen erzeugte, aus denen die Wissenschaft schöpfen konnte. Schmaler scheint die Überlieferung im Norden zu sein. Zwar gab es auch in Lübeck, Greifswald und Hamburg kommunal beaufsichtigte Bordelle, doch insgesamt war im Norden des Reiches die Dichte an so genannten Frauenhäusern ausgesprochen gering. Man darf also durchaus gespannt sein, wie sich Dagmar Hemmie angesichts der Quellenproblematik der Herausforderung angenommen hat, mit ihrer Untersuchung über die Prostitution im Hanseraum eine Forschungslücke zu schließen. Für ihre Studie hat sie die Städte Bergen, Helsingör und Lübeck ausgewählt, weil sie als Seehandelsstädte im agrarischen Norden eine herausragende Zentralfunktion hatten. (2f.)

Auf relativ schmaler Quellenbasis entwickelt sie ein ambitioniertes Programm. Im "Sinne einer dichten Beschreibung (sollen) möglichst viele Aspekte der Prostitution" behandelt werden. (4) So erklärt sich auch der etwas widersprüchliche Titel ihrer Untersuchung. Da in der Tat die Sprache der Quellen gelegentlich die Grenzen von Prostitution und anderen Formen weiblicher sexueller Devianz bewusst offen lässt, etwa durch unscharfe Benennungen als "unerlike frowen" oder "openbare wif", richtet sich Hemmies Blick auch auf weibliche "Unzucht" im allgemeinen. Diese richtige Beobachtung freilich erzeugt eine unschöne Ambivalenz. Bei Dagmar Hemmie erscheint "Unzucht" als Form der Prostitution. Weder weiß ich genau, was Unzucht eigentlich ist, noch erscheint es mir angemessen, alle als deviant angesehenen weiblichen Lebensformen in die Nähe der Prostitution zu rücken. Dergestalt kann man durchaus Opfer des eigenen Blickwinkels werden. So wird bei Hemmie der Brauer Heinrich von Hagen zum Bordellwirt, weil ihm 1444 untersagt wurde, in seinem Haus "unredeliken, beruchtichten vrouwen, mannen unde luden" zu beherbergen. (172) Mit dieser Formulierung ist nicht die Existenz eines Bordells belegt. Sie besagt vielmehr, dass Heinrich von Hagen Leute beherbergt hatte, die man in der Stadt nicht haben wollte. Es kann sich also durchaus auch um eine nicht unübliche Vorgehensweise gegen vagierende Unterschichten handeln, die man durch das Verbot an sie zu vermieten von der Stadt fern halten wollte.

Die Autorin versucht in zwanzig Kapiteln, die Prostitution in ihren gesamten Merkmalsausprägungen zu untersuchen. Sie verfolgt vor allem die klassischen Fragen: Bedingungen weiblicher Existenz (34-95), Herkunft der Prostituierten (96-114), Ausmaß der Prostitution (115-124), Orte der Prostitution (125-156), Gesundheit, Kinder, soziales Ansehen (192-230), Regulierung des Milieus und sexuelle Devianz vor Gericht (231-305), Bedeutung von Syphilis und Reformation für die Schließung der Bordelle im 16. Jahrhundert (306-330). Schluss und Quellenanhang beenden das Werk. In fast jedem Kapitel ist der Aufbau der gleiche. Nach einer Darstellung der Forschungslage folgt ein Überblick, wie sich zu dem jeweiligen Thema die Verhältnisse in Bergen, Lübeck und Helsingör gestalteten. Dabei geraten vor allem die Überblicke zum Forschungsstand mitunter zu recht langatmigen Referaten. In Kapitel 4, "Rahmenbedingungen" genannt, beschreibt sie auf 60 Seiten in ermüdender Breite eine Art Sozialgeschichte der Frau im späten Mittelalter, die keinerlei neue Einsichten vermittelt. Auch ihr Exkurs über Medizin, Verhütung und Abtreibung verrät nichts Neues. (192-212) Bei anderen Themenbereichen ist ihre allgemeine Darstellung zum Teil seltsam vage und unklar. So präsentiert uns die Autorin eine Liste mit Kleidervorschriften für "Huren". Entsprechende Listen haben auch Beate Schuster und ich vor über zehn Jahren vorgelegt. Waren es bei mir etwa 50 erfasste Ordnungen, sind es nunmehr bei Dagmar Hemmie nur noch ganze zwanzig. Die Auswahl ist völlig beliebig, begrenzt sich mit der Aufnahme von Zürich, Augsburg und Meran nicht auf den norddeutschen Raum und erfasst auch nicht alle Ordnungen, die im weiteren Text angesprochen werden. Um es deutlich zu sagen: So wie die Liste präsentiert wird, ist sie völlig sinnlos. (249f) An anderer Stelle erfahren wir zu den Badestuben: "Die öffentlichen Badestuben wurden zu bevorzugten Zentren der Prostitution ..." (146). Zwei Seiten später lesen wir, dass man sich davor hüten sollte, "alle mittelalterlichen Bäder als Bordelle zu bezeichnen. (...) Es werden tatsächlich (nur) einige wenige bekannte Bäder gewesen seien (sic), die noch zu anderem dienten als der täglichen Hygiene." (148f) Der Leser bleibt ratlos zurück und denkt sich aus Gründen der Chronologie, dass die Autorin wohl letztere Anschauung teilt.

Denn die von der Autorin in der Regel dem allgemeinen Überblick nachgegebenen Beispiele aus ihren drei Städten tragen zumeist nicht zur Klärung offener Fragen bei. Zu den Badestuben in Helsingör fallen gerade sechs Zeilen ab. Und die Lübecker Überlieferung gibt keinen Hinweis auf Badehausprostitution. Insgesamt scheint die Überlieferung tatsächlich so schmal, wie zu befürchten war. Der Herkunft der Prostituierten in Lübeck kann man sich über ein paar überlieferte Namen von Prostituierten nähern. Über die Prostituierten erfährt man auch sonst wenig. Wenn dann die Autorin feiert, "dass sich der Lebensweg einiger weniger Frauen durchaus verfolgen lässt, im Fall der Flækkeslid sogar über einen langen Zeitraum von 16 Jahren" (113), dann verbirgt sich dahinter kein Beispiel der angekündigten dichten Beschreibung, sondern knappe Hinweise auf eine wiederholte Verurteilung wegen schlechter Haushaltung oder wegen Diebstahls. Eine biographische Skizze kann daraus nicht einmal in Ansätzen entstehen.

Die dünne Quellenlage hält sich durch bis zum Schluss. Bezüglich der Schließung der Bordelle im 16. Jahrhundert wird die überholte Debatte, ob denn nun die Syphilis oder die Reformation den Bordellen den Garaus gemacht hat, erneut aufgewärmt, ohne dass die Verhältnisse in den untersuchten Städten dieses nahe legen. Vielmehr gelangt die Autorin im Verlauf ihrer Darstellung selbst zu der Einsicht um die bedeutende Rolle der Reformation für die Schließung der Bordelle.

Die vorliegende Arbeit, immerhin aus einer in Kiel angenommenen Dissertation hervorgegangen, hält insgesamt nicht, was sie verspricht. Sie eröffnet keine neuen Perspektiven für die Geschichte der Prostitution, sie ist vielmehr eine mäßige, manchmal sogar nachlässige Nacherzählung des Forschungsstandes, garniert mit wenigen Funden und Erkenntnissen zur Prostitution im nordeuropäischen Raum.

Peter Schuster