Rezension über:

Klaus Oschema: Freundschaft und Nähe im spätmittelalterlichen Burgund. Studien zum Spannungsfeld von Emotion und Institution (= Norm und Struktur. Studien zum sozialen Wandel in Mittelalter und Früher Neuzeit; Bd. 26), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2006, 696 S., ISBN 978-3-412-36505-9, EUR 64,90
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Rezension von:
Peter Schuster
Historisches Institut, Universität des Saarlandes, Saarbrücken
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Peter Schuster: Rezension von: Klaus Oschema: Freundschaft und Nähe im spätmittelalterlichen Burgund. Studien zum Spannungsfeld von Emotion und Institution, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 7/8 [15.07.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/07/11806.html


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Klaus Oschema: Freundschaft und Nähe im spätmittelalterlichen Burgund

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Ein Buch über Freundschaft sollte mit Michel de Montaigne beginnen, und dieses Buch beginnt denn auch mit Montaignes berühmter Abhandlung über die Freundschaft. Obwohl in den letzten Jahren einige Arbeiten über die Freundschaft im Mittelalter erschienen sind, füllt Oschemas Buch doch insofern eine Forschungslücke, als er erstmals das Thema aus der Perspektive des Spätmittelalters angeht. Augenfällig ist die Prominenz von Freundschaftssemantiken, wenn in spätmittelalterlichen Texten über soziale Beziehungen nachgedacht wurde. Modernen Lesern ist dies lange ein Rätsel geblieben, zumal traditionell für die vormoderne Gesellschaft der Verwandtschaft eine zentrale Rolle in der Ausrichtung sozialer Beziehungen zugesprochen wurde. Autoren wie Marc Bloch und Otto Brunner haben diesen Widerspruch dergestalt aufzulösen versucht, indem sie Freundschaft nur unter Blutsverwandten sahen, letztlich also Freunde und Verwandte gleichgesetzt haben.

Dem widerspricht Oschema auf der Grundlage seiner Untersuchung des Freundschaftsvokabulars und des damit verbundenen Gestenrepertoires in der burgundischen Chronistik des 15. Jahrhunderts. Die Texte sind zwar von unterschiedlicher Zielsetzung und Qualität. Gleichwohl verbindet sie, dass sie allesamt von weltlich geprägten Adligen verfasst worden sind. Die Adelskultur prägte demnach ihre Analyse und war Maßstab ihrer moralischen Wertung (231). Freunde waren in dieser Kultur - und man möchte ergänzen: nicht nur dort - eine Unterstützergruppe, die sowohl Verwandte als auch Nichtverwandte einschloss. Die Freunde baten um Gnade, lieferten Unterstützung in der Fehde und halfen materiell und ideell, wo sie nur konnten.

Freundschaft setzt anders als Verwandtschaft Unterstützung voraus. Unterbleibt sie, so ist die Freundschaft beendet. Verwandtschaft hingegen ist eine soziale Beziehung, die per definitionem nicht auflösbar ist. Man bleibt verwandt, auch wenn man sich überworfen hat. Insofern ist es folgerichtig, dass im Mittelalter Unterstützergruppen als Freunde angesprochen wurden. Aber diese Erkenntnis sagt noch nichts darüber aus, wer im späten Mittelalter die Freunde eigentlich waren.

Oschema nähert sich der Frage im ersten Teil seiner Arbeit allmählich. Einem kompetenten Forschungsüberblick über die Behandlung der Freundschaft in Soziologie, Geschichte, Philologie und Philosophie (73-108) folgt eine profunde und ausführliche Darstellung der Wortgeschichte und des umfassenden Diskurses über die Freundschaft seit der Antike, die allesamt ein Ideal menschlicher Beziehungen reflektierten und suchten (109-168). Freundschaft, so die berühmte Definition Ciceros, ist die mit Wohlwollen verbundene Übereinstimmung in den menschlichen und göttlichen Dingen. So ambitioniert war das Verständnis im allgemeinen Sprachgebrauch nach Oschemas Analyse nicht.

Nach einer Darstellung seiner Quellen (169-232) untersucht er, in welchen Kontexten in der burgundischen Historiographie von Freundschaft gesprochen wird (249-386). Als Fazit sieht er personale Bindungen, "die einer vorwiegend pragmatisch-funktionalen Logik gehorchten."(380) Eine ganz wesentliche Erkenntnis Oschemas ist es, dass es im mittelalterlichen Sprachgebrauch nur ein schwach ausgebildetes Vokabular für "Neutralität" gab (270 f.). Das deckt sich mit jüngeren Versuchen, das mittelalterliche Verständnis von Freundschaft zu beschreiben. Demnach ist ein Freund, wer kein Feind ist. In einer solchen Sicht der Dinge ist in der Tat kein Platz für Neutralität.

Das Mittelalter war laut George Duby geprägt von einer Kultur der Gesten. Diesem Pfad folgend fragt Oschema im zweiten Hauptteil, durch welche Gesten Freundschaft signalisiert und artikuliert wurde (387-600). Gesten sind ihm körperliche und potentiell bedeutungstragende Ausdrücke eines sozialen Akteurs (62). Die untersuchten Gesten reichen vom Hand geben und Hand heben über den Kuss und die Umarmung bis hin zum gemeinsamen Schlafen in einem Bett und dem gemeinsamen Reiten auf einem Pferd. All diese Gesten sind bis heute durchaus bekannt. Erklärungsbedürftig ist freilich, warum sich Fürsten zur Besiegelung ihrer Freundschaft gemeinsam ins Bett legten. Oschema erklärt diese heute befremdliche Praxis damit, dass in der Vorstellung der Zeit dauerhafte Freundschaftsbeziehungen weniger durch abstrakte Vertragsabschlüsse gesichert galten, sondern vielmehr durch Wege der Verinnerlichung, die sich in körperlicher Zuwendung materialisierten. Zu begreifen ist dies nur, wenn man sich von der modernen Unterscheidung von Privatheit und Öffentlichkeit verabschiedet. Eine öffentliche Freundschaftsbekundung wurde im Spätmittelalter als sichtbare Privatheit inszeniert (610). Gerade deshalb spielten intime Gesten der Nähe auch im öffentlichen Leben eine große Rolle.

Insgesamt ist dem Autor mit dieser Untersuchung ein beeindruckendes Werk gelungen. Wer sich mit sozialen Beziehungen, mit Ritualen und politischer Kultur beschäftigt, wird zukünftig an dieser Studie nicht vorbeikommen. Doch soll dem grundsätzlichen Lob eine kleine negative Kritik durchaus zur Seite gestellt werden: Oschema hat sein Thema in einer Weise umfassend bearbeitet, dass das Buch schließlich über 600 Seiten zählt. Das ist für eine Dissertation nicht mehr zeitgemäß. Auch wenn seine Darstellung durchgehend gut lesbar ist und auf hohem Niveau steht, wäre eine straffere Komposition der Arbeit möglich und sinnvoller gewesen. Exkurse und kluge Gedanken können schließlich auch über Aufsätze eine interessierte Leserschaft finden.

Peter Schuster