Rezension über:

David Jackson: The Wanderers and critical realism in nineteenth-century Russian painting (= Critical Perspectives in Art History), Manchester: Manchester University Press 2006, xiv + 202 S., ISBN 978-0-7190-6434-0, GBP 55,00
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Rezension von:
Elina Knorpp
Köln
Redaktionelle Betreuung:
Ekaterini Kepetzis
Empfohlene Zitierweise:
Elina Knorpp: Rezension von: David Jackson: The Wanderers and critical realism in nineteenth-century Russian painting, Manchester: Manchester University Press 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 9 [15.09.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/09/12132.html


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David Jackson: The Wanderers and critical realism in nineteenth-century Russian painting

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1870 wurde in Russland auf Initiative der Moskauer und St. Petersburger Künstler eine "Genossenschaft für Wanderausstellungen" gegründet (ihre Mitglieder wurden "Wanderer" oder "Wandermaler" genannt). Diese unabhängige Künstlervereinigung hatte es sich zum Ziel gesetzt, ihre Ausstellungen neben Moskau und St. Petersburg auch in russischen Provinzstädten zu zeigen, und sich frei von Unterstützung und Einfluss offizieller Organe, wie der St. Petersburger Akademie der Künste, zu entfalten. Obwohl es schon 1863 einen Versuch gegeben hatte, ein unabhängiges Künstlerartel zu gründen [1], war die Genossenschaft für Wanderausstellungen die erste erfolgreiche Künstlervereinigung (1870-1923), die eine ernsthafte Konkurrenz zu den "offiziellen" Ausstellungen darstellte.

Die Wandermaler wandten sich überwiegend "russischen" Themen zu wie etwa Sujets aus dem russischen Alltagsleben oder der russischen Geschichte. Die ungeschönte Darstellung der "hässlichen" Seiten des russischen Lebens, die teilweise sozialkritischen Inhalte sowie die "realistische Darstellungsweise" in ihrer Kunst erleichterten die spätere, zu Sowjetzeiten erfolgte Vereinnahmung der Wandermaler als Vorläufer des Sozialistischen Realismus. Dies führte auch zu einer Reduktion auf Attribute wie "sozialkritisch", "anklagend" oder "revolutionär". Zwar nehmen die Wandermaler so in der russisch-sowjetischen Kunstgeschichtsschreibung einen zentralen Stellenwert ein, eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema hat aber in Russland bis heute nicht stattgefunden.

Dieser Aufgabe stellt sich nun der Autor des hier zu besprechenden Bandes. Die Publikation von David Jackson richtet einen kritischen Blick auf die Genossenschaft für Wanderausstellungen. Das Ziel der Publikation sei es, so der Autor, den russischen Realismus - in der westlichen Kunstgeschichtsschreibung immer noch eine "terra incognita" - in den kunstgeschichtlichen Kanon einzugliedern (2,4).

Die Monografie ist 17 Jahre nach der letzten englischsprachigen Publikation von Elisabeth Valkenier [2] erschienen. Zu den jüngsten russischen Veröffentlichungen gehören das Buch von Elena Nesterova [3] sowie ein Bildband von Semen Ekštut [4]. Bei den Letzteren handelt es sich allerdings um keine wissenschaftlichen Publikationen, sondern sie sind vielmehr an einen breiten Leserkreis gerichtet.

Jacksons Buch ist thematisch gegliedert: Einer Einführung zur allgemeinen künstlerischen Situation im Russland des 19. Jahrhunderts und zur Gründung der Genossenschaft folgen Betrachtungen zu einzelnen Themen - Bauernbildern, politischen Motiven, Porträts sowie Historien- und Landschaftsmalerei.

Im ersten Kapitel "Academic autocracy and the artist's burden" (6-20) zeichnet der Autor die historische und politische Situation unter der Herrschaft von Nikolaus I. (regierte 1825-55) nach, die einen fruchtbaren Boden für die Bildung der Wanderer bereitete. Die Berücksichtigung der sozialen und wirtschaftlichen Aspekte ermöglicht dabei einen umfassenden Blick auf die künstlerische Situation im Russland dieser Zeit. Angesprochen werden beispielsweise die meist niedrige Herkunft der Studenten an der Akademie der Künste sowie die Position der Künstler an letzter Stelle der damaligen Rang-Tabelle (von Staatstiteln), da die Kunst in Russland damals eine sehr geringe Wertschätzung besaß. Der geringe Anteil der gebildeten Bevölkerung und damit auch von potenziellen Kunstförderern sowie die bis 1861 existierende Leibeigenschaft behinderten die Entwicklung eines Arbeitsmarktes für freie Künstler. Gleichzeitig führte die beinahe "militärische" Disziplin an der Akademie der Künste, die Beschränkung der Künstler auf die Rolle von Staatsdienern, sowie die Ausrichtung auf den neoklassizistischen Stil zur Unzufriedenheit unter den Studenten und bildeten letztendlich die Grundlage für die Entstehung einer unabhängigen Genossenschaft.

Die besondere Leistung des Buches liegt darin, dass Jackson durch seine umfassende Betrachtung dieser Künstlervereinigung neue Zusammenhänge schafft und Tatsachen aufdeckt, die bis jetzt nur "verschleiert" in der Literatur erwähnt wurden. Beispielsweise wird hier klar, dass Ilja Repin, ein wichtiger Vertreter der Wandermalerbewegung, erst nach seinem Akademieabschluss der Vereinigung beigetreten ist (1878), da er auch auf den "Künstler"-Titel nicht verzichten wollte, der ihm einige Vorteile brachte.

Auch einige bereits als angeblich "bewiesen" in die Forschung eingegangene Schlussfolgerungen und Thesen werden hier in Frage gestellt und überprüft. Besonders zentral erscheint dabei das Kapitel "The challenge to the Academy and formation of the Wanderers" (21-33), wo u. a. die Beziehung der Künstler zur liberalen Intelligenzia untersucht wird. Der Autor behandelt hier den - vor allem in der russisch-sowjetischen Forschung stark betonten - Einfluss der Schriften von "Revolutionär-Demokraten" wie Černyševskij und Dobroljubov auf die Wanderer. Des Weiteren wird das Verhältnis der Wanderer zur Akademie der Künste angesprochen (27-28), welches in der Literatur oft nur eine vereinfachte Polarisierung erfuhr. Dabei fand etwa die erste Ausstellung dieser russischen "Sezessionisten" in den Räumen der Akademie statt. Interessant ist auch, dass die Akademie der Künste 1875 nach einem misslungenen Annäherungsversuch eine eigene Gesellschaft für Wanderausstellungen gründete, um die Wanderer zurück in den Schoß ihrer Alma Mater zu bewegen (28).

Das Kapitel "The revolutionary's tale: political themes" (57-77) ist wichtig, um die Wandermaler in Bezug auf ihre spätere Vereinnahmung einzuordnen. Trotz der Bedeutung, die den "revolutionären" Themen in der sowjetischen Kunstgeschichte zugesprochen wurde, seien diese nicht oft in Anspruch genommen worden und hätten nur zum Oeuvre einiger weniger Wandermaler gehört, so Jackson (59). Der Autor betont auch, dass ungeachtet der Černyševskij-Lektüre die Künstler hinter den Erwartungen der radikalen Kritiker zurück geblieben seien und keine erschütternden politischen Szenen thematisiert hätten. Im Unterschied zu den Schriftstellern hätten sie meist auch keine persönliche Beziehung zu den politischen Aktivisten gehabt und sich mehr für soziale Phänomene sowie für das Schicksal des Einzelnen, "caught up in contemporary events", interessiert. "[...] The consistent factor in these disparate images is a concern for the revolutionary as a social victim, pariah or martyr, seldom as a positive hero and never as a bomb-wielding insurgent." (77)

Die beiden Kapitel "Slavic Revival" und "Adapted allegiances" (133-165) geben den Blick auf das Verhältnis der Wanderer zu offiziellen Kreisen frei, etwa zu Zar Alexander III., der sie für die Ziele seiner Russifizierungspolitik zu nutzen wusste. An dieser Stelle wäre es vielleicht angebracht gewesen, die zuvor schon erwähnte Slawophilen-Westler-Frage näher zu betrachten. Das Schlusswort behandelt dann die Rezeption der Genossenschaft nach 1918 sowie ihre Vereinnahmung in der Stalin-Zeit.

Mit seiner Untersuchung wagt es Jackson, die Wandermaler sozusagen aus dem Pantheon der russischen "Heiligen" zurück auf den Boden der Tatsachen zu holen. Die umfangreiche Studie zur Kunst der Wandermaler stellt neue Bezüge und Folgerungen her und zeigt die Probleme und Unklarheiten in der Forschung und Rezeption auf. Jackson ist es gelungen, die Wandermaler neu in den Kontext ihrer Zeit sowie in die zeitgenössische Forschung einzuordnen.


Anmerkungen:

[1] Aufgrund ihrer Unzufriedenheit mit den Bedingungen für die Abschlussprüfung traten 14 Absolventen aus der Akademie aus und gründeten ein Künstlerartel (Bezeichnung für Künstlerkommune).

[2] Elisabeth Valkenier: Russian realist art: the state and society: the Peredvizhniki and their tradition, New York 1989.

[3] Elena Nesterova: Die Wanderer: die Meister des russischen Realismus, Bournemouth 1996.

[4] Semen Ekštut: Šajka peredvižnikov, Moskau 2001.

Elina Knorpp