Rezension über:

Vincent Boelle / Arnoud Bijl (eds.): Art Nouveau during the Reign of the Last Tsars, Aldershot: Lund Humphries 2008, 128 S., ISBN 978-0-85331-987-0, EUR 31,99
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Rezension von:
Elina Knorpp
Köln
Redaktionelle Betreuung:
Michaela Braesel
Empfohlene Zitierweise:
Elina Knorpp: Rezension von: Vincent Boelle / Arnoud Bijl (eds.): Art Nouveau during the Reign of the Last Tsars, Aldershot: Lund Humphries 2008, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 3 [15.03.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/03/14393.html


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Vincent Boelle / Arnoud Bijl (eds.): Art Nouveau during the Reign of the Last Tsars

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Das Hermitage-Museum in Amsterdam, eine Dependance der St. Petersburger Ermitage, zeigte 2007 die Ausstellung "Art Nouveau. During the Reign of the Last Tsars", bei der französische und russische Kunstwerke im Art-Nouveau-Stil - Skulpturen, Möbel, Vasen, Schmuck und Anderes - ausgestellt wurden. Die Werke sind in der Zeit zwischen 1878 und 1913, also zu Regierungszeiten der letzten beiden Zaren Alexander III. und Nikolaus II., entstanden. Nach der Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg (1870-71) brauchte Frankreich einen starken Verbündeten - und diese Rolle übernahm Russland. Infolge dieser Annäherung gelangten viele französische Kunstwerke im damals "modernen" Art-Nouveau-Stil als diplomatische Geschenke an den russischen Hof und somit später in die Sammlung der St. Petersburger Ermitage. Sowohl die Ausstellung als auch der vorliegende Katalog versuchen die Verbreitung des Art-Nouveau-Stils und die Entwicklung der russischen Entsprechung - "Stil Modern" - anhand der ausgestellten Werke zu beleuchten.

Frans Leidelmeijer gibt in seinem Aufsatz "Art nouveau, a new style for a new time" (15-33) eine Einführung, die sich der Geschichte und der (kunst)historischen Situation zur Zeit der Entstehung des Art Nouveau widmet. Es werden Metropolen des neuen Stils aufgelistet (Brüssel, Paris, Nancy, Glasgow, Wien, Darmstadt etc.) mit je einem kurzen Informationstext zu den wichtigsten Entwicklungen, Merkmalen und Künstlern. Beachtung findet auch die Situation in Russland mit den zwei Kunstzentren Moskau und St. Petersburg. Durch den einführenden Charakter des Textes sind die Informationen sehr knapp gehalten, und so findet beispielsweise die russische Künstlergruppe "Mir iskusstva" (Welt der Kunst) zwar Beachtung, ihre außerordentliche Rolle bei der Verbreitung und Bekanntmachung der europäischen Künstler und Kunstentwicklungen in Russland sowie bei der Vermittlung der russischen Kultur in Europa kann man aber nur erahnen. [1]

Leidelmeijer weist auch auf den dualen Charakter des "Stil modern" in Russland hin (30). Während St. Petersburg seit seiner Gründung durch Peter den Großen westlich orientiert war, nahm Moskau die Rolle eines alten genuin russischen Zentrums ein. So war in Moskau auch der "Stil Modern" von der russischen Tradition beeinflusst. In St. Petersburg dagegen spiegelte der neue Stil die Entwicklung des europäischen Art Nouveau wieder. Im Aufsatz von Leidelmeijer wird diese Dualität leider nur anhand von wenigen Beispielen gezeigt, dabei kommt Moskau zu kurz, so dass man an dieser Stelle nicht die ganze Tragweite und Wichtigkeit dieser Besonderheit des russischen "Stil Modern" nachvollziehen kann. Erst im letzten Aufsatz des Katalogs, welcher ein sehr spezielles Thema, nämlich "Fabergé and Art Nouveau" (81-89) behandelt, zeigt Marina Lopato knapp und deutlich die Entstehung und den Ablauf des russischen "Stil Modern" am Beispiel Fabergés. Dabei bringt sie die russische Dual-Entwicklung auf den Punkt: "While the St. Petersburg branch of Fabergé created pieces oriented mainly towards Western versions of the style, the Moskow branch developed its own Russian version or Art Nouveau" (84). Des Weiteren unterscheidet Lopato im Moskauer Stil zwei Tendenzen, nämlich "Historism" und "use of characteristic stylised Old Russian forms and decorativ motifs" (85, 88). Die zweite Tendenz verdankt ihre Entstehung der Wirkung zweier bedeutender Künstlerkolonien: Abramzewo und Talaškino, die sich mit Kunsthandwerk, traditionellen russischen Formen und Erzeugnissen beschäftigten. [2] Aber auch die skandinavischen Einflüsse werden von Lopato angesprochen.

Die verwandtschaftlichen Verhältnisse des russischen Hofes spielten eine große Rolle nicht nur bei politischen Entscheidungen oder Interessen, sondern beeinflussten in gewissem Maße auch die Kunstproduktion der russischen Hauptstadt. So trug die Zarin Maria Fedorovna vor ihrer Heirat mit dem Zaren Alexander III. den Namen Prinzessin Dagmar von Dänemark. Ihre Begeisterung für die Werke im Art-Nouveau-Stil der Kaiserlichen Porzellan-Fabrik in ihrer Geburtsstadt Kopenhagen beeinflusste die Produktion der Kaiserlichen Porzellan-Manufaktur in St. Petersburg sehr stark. Der Geschmack der Kaiserlichen Familie spielte ebenfalls eine große Rolle für die Entwicklung und Produktion von Glasobjekten. So entstanden in der Kaiserlichen Glas-Manufaktur Werke, die den großen Einfluss von Emil Gallé und der Gebrüder Daum aufweisen. Den Objekten aus Glas ist der Aufsatz von Elena Anisimova "European Artistic Glass of the Age of Art Noueveau" (53-68) gewidmet, wobei auf die russische Glasproduktion nur wenig eingegangen wird. Überhaupt vermisst man im Buch eine klare Aussage in Hinblick darauf, dass es zwar unterschiedliche Tendenzen und Richtungen des "Stil Modern" in Russland gegeben hat, dass sich der Katalog aber überwiegend mit den westlichen Einflüssen in der russischen Kunst beziehungsweise dem europäischen Art Nouveau aus der Ermitage-Sammlung auseinandersetzt.

Abschließend lässt sich festhalten, dass die Publikation einen allgemeinen informativen Charakter besitzt und eher an ein interessiertes (Ausstellungs-)Publikum gerichtet ist. Man findet zwar einige interessante Details, wie der Art-Nouveau-Stil nach Russland gelangte und wie die Zarenfamilie die Werke von Emile Gallé kennenlernte. Leider ist die Platzierung der Katalogabbildungen weniger gelungen. Die Abbildungen sind zwar qualitativ sehr gut, sind aber leider nicht durchnummeriert, sodass man die erwähnten Werke nur sehr schwer finden kann.


Anmerkungen:

[1] Mir Iskusstva (Welt der Kunst) spielte eine große Rolle in der Geschichte des russischen Symbolismus und Art Nouveau. Gegründet in den 1890er-Jahren, veranstaltete die Gruppe mehrere (auch internationale Ausstellungen) und gab eine gleichnamige Zeitschrift (bis 1905) heraus, in der die neuesten Entwicklungen der westeuropäischen sowie russischen Kunst thematisiert wurden.

[2] Die Künstlerkolonie Abramzewo wurde auf die Initiative des Mäzens Savva Mamontov organisiert und befand sich auf seinem Landgut in der Nähe von Moskau. Talaškino, war ebenfalls eine Künstlerkolonie, die nahe Smolensk auf Initiative von Fürstin Teniševa organisiert wurde. Beide Kolonien beschäftigten sich mit der Volkskunst und dem Handwerk sowie der mittelalterlichen russischen Architektur. Es wurden Erzeugnisse aus Holz, Keramik etc. hergestellt, aber auch Ikonen, Textilien, Holzspielzeug. Auf beiden Landsitzen wurde je eine Holz-Kirche in mittelalterlichen Architektur-Formen gebaut. Die beiden Kunstzentren werden im vorliegenden Katalog in verschiedenen Aufsätzen angesprochen.

Elina Knorpp