Rezension über:

Susan Guettel Cole: Landscapes, Gender, and Ritual Space. The Ancient Greek Experience, Oakland: University of California Press 2004, xiv + 292 S., 2 Karten, ISBN 978-0-520-23544-1, EUR 29,95
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Rezension von:
Beate Wagner-Hasel
Historisches Seminar, Leibniz Universität, Hannover
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Beate Wagner-Hasel: Rezension von: Susan Guettel Cole: Landscapes, Gender, and Ritual Space. The Ancient Greek Experience, Oakland: University of California Press 2004, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 9 [15.09.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/09/11485.html


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Susan Guettel Cole: Landscapes, Gender, and Ritual Space

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"Landscapes, Gender und Ritual Space" ist ein anregendes, spannendes Buch. Cole hat das Bild der russischen matriuschka gewählt, der Puppe in der Puppe, um die Vieldeutigkeit des weiblichen Körpers zu erfassen, der im Denken der Griechen als eine Miniaturlandschaft imaginiert wird. Dieses Bild gilt für das gesamte Buch: Ausgehend von der Trennung von produktiv genutzten und sakral bedeutungsvollen Landschaften nimmt sich Cole Umgangsweisen mit Räumen und rituelle Praktiken ganz unterschiedlicher Art vor, die jedoch eines gemeinsam haben: die geschlechtsspezifische Codierung. Hatte in den 80er Jahren François de Polignac mit seiner Studie La naissance de la cité eine neue Sicht auf die antike Polis angeregt, insofern er Raum und Religion im Zusammenhang betrachtete und aus der Situierung von Heiligtümern und Heroengräbern auf eine bewußte symbolische Markierung des Polisraumes schloß, so zielt Coles Studie auf eine Erweiterung der räumlichen und kultischen Perspektive um die Kategorie "Geschlecht".

Über sieben Kapitel flicht Cole eine assoziationsreiche Gedankenkette, die im weitesten Sinne um die geschlechtsspezifische Strukturierung und Nutzung des sakralen Raumes kreist: um Bezüge weiblicher und männlicher Gottheiten zur Landschaft; um (agrarische) Nutzungsweisen des Raumes, wie sie beispielsweise im Demeterhymnos fassbar sind; um geschlechtsspezifische Unterschiede in rituellen Praktiken wie Reinigungsvorschriften oder Eidesformeln, mit denen die Beziehung zur Natur und den Göttern geregelt ist; um die weibliche Präsenz in städtischen wie überregionalen Heiligtümern und städtischen Zentren; um Körpervorstellungen und Fruchtbarkeits- bzw. Sterilitätsvorstellungen; um weibliche Kultpraktiken in Grenzräumen; um Reproduktionskreisläufe und ihre Beeinflussung durch textile Weihegaben. In den ersten drei Kapitel stehen vor allem der Polisraum bzw. das räumliche Zentrum der Polis, die asty, sowie überregionale Zentren wie Delphi oder Olympia im Mittelpunkt der Betrachtung (1. Claiming Homeland, 2. Ritual Space, 3. Inventing the Center); zwei Kapitel handeln von den Akteuren, von der geschlechtsspezifischen Codierung von Kulten (4. The Ritual Body) und vom weiblichen Körper in Bezug auf den agrarisch genutzten Raum (5. The Plague of Infertility); die letzten beiden Kapitel sind der Göttin Artemis gewidmet, der Göttin der Grenzregionen (6. Landscapes of Artemis) und der menschlichen Grenzsituationen wie Geburt und Tod (7. Domesticating Artemis).

Cole macht es der Leserin nicht leicht, ihr zu folgen, da der rote Faden nur locker geknüpft ist und sie nur gelegentlich - so im Kapitel über die Landschaften der Artemis - Hinweise auf die Forschungszusammenhänge gibt, in die sie ihre Untersuchung gestellt sehen will. Sie stellt keine theoretischen Überlegungen an, die es erleichtern, die vielfältigen Befunde, die sie vorstellt, einzuordnen und zu verstehen. Ihre Stärke liegt in der Detailanalyse von wenig bekannten Befunden, in der Entschlüsselung der räumlichen Präsenz von weiblichen und männlichen Gottheiten der Stadt Thasos (50-57) beispielsweise oder in der Analyse der räumlichen Situierung der Artemisheiligtümer und ihrer Bezüge zu weiblichen Kulten (178-197). Damit eröffnet sie neue Perspektiven auf die geschlechtsspezifische Ausgestaltung des Imaginären, wie Nicole Loraux die in rituellen Praktiken, Tragödienaufführungen und Göttererzählungen fassbaren Vorstellungsweisen der Griechen nannte. Im Ergebnis bietet Cole Ansätze zu einer geschlechtsspezifischen Kartierung des sakralen Raumes, die durch historische und regionale Differenzierungen weiter spezifiziert werden müsste. Leider gehen ihre Deutungen selten über die Symbolebene hinaus; der produktive Umgang mit dem Raum, wie er beispielsweise in der Verbindung der Göttin Artemis mit der Ziegenhaltung und Schafzucht fassbar ist, wird allzu zwanghaft auf die Formel "Fruchtbarkeit" reduziert, da die Göttin eben auch für die Gefahren im Kindbett zuständig ist. In der Situierung der Artemisheiligtümern an wasserreichen Stellen sieht Cole Fruchtbarkeitsvorstellungen wirken, wo vielleicht eher ganz konkret an Schaftränken oder an Wollwäsche zu denken ist. Dahinter steht das Bild von der ganz auf ihre reproduktiven Aufgaben beschränkten Frau, obwohl Coles detaillierte Analyse weiblicher Weihgaben an die Göttin Artemis die produktive Seite, die weibliche Textilarbeit und die Wollproduktion, als nicht minder bedeutsam erkennen lässt. So erschöpft sich ihre Analyse am Ende in der Setzung einer symbolischen Verknüpfung von Fruchtbarkeit, territorialen Grenzen und gemeinschaftlicher Identität, die so allgemein ist, dass sie nichts erklärt. Gleichwohl ist zu hoffen, dass der Impuls, der von dem Buch ausgeht, aufgegriffen und die räumliche Perspektive auf rituelle Praktiken und Ordnungsvorstellungen der Geschlechter, die Cole anbietet, weitere Früchte tragen wird. Auf jeden Fall kann die Lektüre empfohlen werden.

Beate Wagner-Hasel