Rezension über:

Peter Hilsch: Das Mittelalter - die Epoche (= UTB basics), Stuttgart: UTB 2006, 254 S., ISBN 978-3-8252-2576-6, EUR 17,90
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Rezension von:
Robert Gramsch
Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität, Jena
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Robert Gramsch: Rezension von: Peter Hilsch: Das Mittelalter - die Epoche, Stuttgart: UTB 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 7/8 [15.07.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/07/12240.html


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Diese Rezension ist Teil des Forums "Einf√ľhrungsliteratur" in Ausgabe 7 (2007), Nr. 7/8

Peter Hilsch: Das Mittelalter - die Epoche

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Der Vorl√§ufer des hier anzuzeigenden Handbuchs, Peter Hilschs "Grundkurs Geschichte: Mittelalter" [1], hat sich in den letzten Jahren einen festen Platz im akademischen Grundlagenunterricht gesichert. Hilschs neues Einf√ľhrungswerk, nunmehr herausgegeben in der Reihe UTB basics, stellt eine willkommene Aktualisierung dar, die nicht nur inhaltliche Anpassungen und Modifizierungen aufweist, sondern vor allem durch neue Pr√§sentationsformen eine gelungene Weiterentwicklung darstellt.

Der Bedarf f√ľr ein solches Lehrbuch liegt auf der Hand. Bedingt durch heutige Lehrplanvorgaben, tendiert die Mittelalterkenntnis einer Mehrheit der Studienanf√§nger des Fachs Geschichte zunehmend gegen Null. √úbersichtsveranstaltungen, die insbesondere die Masse der auf die Neuzeit fixierten Studenten wenigstens etwas mit dieser fremden Welt vertraut machen, sind mittlerweile Bestandteil der Studienpl√§ne vieler deutscher Universit√§ten. Begleitliteratur, die derartige Grundkurse flankieren kann, ist hoch erw√ľnscht. Hilschs Buch erf√ľllt diesen Anspruch voll und ganz.

Nach einer knappen Einf√ľhrung in den Gegenstand gibt der Autor in vier Kapiteln einen konzentrierten √úberblick √ľber die Gesamtheit der europ√§isch-deutschen mittelalterlichen Geschichte. Die Geschichte der V√∂lkerwanderungszeit sowie des Frankenreiches, des ottonisch-salischen Reiches, der Stauferzeit und des sp√§ten Mittelalters werden in etwa gleichgewichtig behandelt unter Aufzeigen der Grundlinien der politischen Ereignisgeschichte sowie der gesellschaftlichen Strukturen in ihrem Wandel und der Kulturgeschichte.

Dem Rezensenten steht es nicht an, das Buch nach seiner inhaltlichen Ausgewogenheit zu bewerten oder gar um Details zu feilschen. Letztlich tr√§gt jede √úberblicksdarstellung einen individuellen Zug, setzt eigene Akzente. Doch ist das von Hilsch gezeichnete Bild auch unter Fachkollegen ohne Frage mehrheitsf√§hig. Die Darstellung ist solide, ber√ľcksichtigt neuere Forschungsergebnisse, weist zuweilen auf Forschungskontroversen hin. Ein gro√üer Vorteil jener Gleichberechtigung, die Hilsch den Unterepochen des Mittelalters angedeihen l√§sst, ist zweifellos der, dass auch das Sp√§tmittelalter, das in √úberblicksvorlesungen aus Zeitgr√ľnden oft √ľbergangen wird, hier eine angemessene Behandlung erf√§hrt. Im Kapitel 5.4., vor allem im Unterkapitel "Abendl√§ndisches Schisma und hussitische Revolution" (217-226, immerhin 4 % der Gesamtdarstellung!), erreicht Hilsch einen (relativen) Detailreichtum wie nirgends sonst in seinem Buch. Hier tritt die Individualit√§t der Perspektive deutlich hervor, hat doch Hilsch seine besondere Kompetenz auf diesem Gebiet durch eine Monografie √ľber Jan Hus gezeigt. [2] Angesichts der Schwierigkeiten, die hoch bedeutende sp√§tmittelalterliche Papst- und Konziliengeschichte im akademischen Unterricht zu vermitteln, ist diese kleine Schwerpunktbildung als eine der Perlen in Hilschs Buch besonders zu w√ľrdigen.

Gr√∂√üere Neuerungen gegen√ľber der √§lteren, stark textlastigen Studienbuchausgabe ergeben sich im Layout des Bandes. 51 Abbildungen lockern den Text auf und dienen der Veranschaulichung (zu korrigieren sind die irref√ľhrenden Angaben zu Abbildung 43 und 49, denn die dort gezeigten Augsburger Buchmalereien [?] stammen offenbar aus dem 16., nicht dem 14. Jahrhundert). Wichtige Begriffe werden in Marginalien oder eingeschobenen "Info"-Textbl√∂cken kurz erl√§utert, blaue Hervorhebungen im Text weisen auf zentrale Sachverhalte hin. Personen- und Sachregister erm√∂glichen den Direktzugriff auf diese Informationen. Das Druckbild ist √ľbersichtlich und √§sthetisch ansprechend. Leider wurde in dieser neuen Ausgabe auf die Quellenanh√§nge verzichtet, wodurch so mancher sch√∂ne, unmittelbar an vergangene Wirklichkeit heranf√ľhrende Text weggefallen ist.

Eine letzte Pr√ľfung auf die didaktische Brauchbarkeit des Werkes stellen die "Aufgaben zum Selbsttest" dar, die jedem Unterkapitel nachgestellt sind. Die Fragen sind durchaus anspruchsvolle Verst√§ndnis-, nicht blo√üe Wissensfragen. Wer sie alle beantworten k√∂nnte, w√§re f√ľr das weitere Mittelalterstudium bestens pr√§pariert. Allerdings fragt sich der Rezensent doch, ob der Handbuchtext wirklich immer befriedigende Antworten auf die Selbsttestfragen gibt. Man vergleiche zum Beispiel nur, was auf Seite 171f. auf 16 Zeilen zur Beantwortung der Frage "Wie ist die Zunahme ketzerischer Vorstellungen im 12. und 13. Jahrhundert zu erkl√§ren?" (177) geboten wird. Hier steht die gebotene Knappheit der Darstellung einem differenzierten Verst√§ndnis des diskutierten Ph√§nomens, wie es im akademischen Unterricht letztlich vermittelt werden soll, entgegen. Doch mindert dieser Hinweis, nicht zuviel von dem B√ľchlein erwarten zu wollen, nicht den Wert desselben. Peter Hilschs zeitgem√§√üer Einf√ľhrungsdarstellung ist unter Studienanf√§ngern und auch Sch√ľlern ein breiter Leserkreis aufrichtig zu w√ľnschen.


Anmerkungen:

[1] Peter Hilsch: Mittelalter (Grundkurs Geschichte, 2), Frankfurt 1989 (2. Auflage 1995).

[2] Peter Hilsch: Johannes Hus (um 1370-1415). Prediger Gottes und Ketzer, Regensburg 1999.

Robert Gramsch