Rezension über:

Gian Enrico Rusconi: Deutschland - Italien / Italien - Deutschland. Geschichte einer schwierigen Beziehung von Bismarck bis zu Berlusconi. Aus dem Italienischen übersetzt von Antje Peter, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2006, XII + 410 S., ISBN 978-3-506-72915-6, EUR 39,90
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Rezension von:
Otto Dann
Historisches Seminar, Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Otto Dann: Rezension von: Gian Enrico Rusconi: Deutschland - Italien / Italien - Deutschland. Geschichte einer schwierigen Beziehung von Bismarck bis zu Berlusconi. Aus dem Italienischen übersetzt von Antje Peter, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 6 [15.06.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/06/10857.html


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Gian Enrico Rusconi: Deutschland - Italien / Italien - Deutschland

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Das zu Beginn unseres Jahrhunderts verfasste Werk des bekannten italienischen Zeithistorikers liegt nun auch in einer vom Verfasser erweiterten Übersetzung vor, und das ist vielfach zu begrüßen. Es enthält einen pointierten Abriss der außenpolitischen Beziehungen zwischen Deutschland und Italien seit deren Nationalstaatsgründung, der über die Fachwelt hinaus Beachtung finden wird, und im Zusammenhang damit wird ein aktuelles Problem erörtert, das jeden interessieren wird, dem die deutsch-italienischen Beziehungen ein Anliegen sind.

Der Verfasser ist von einer Zuspitzung im Verhältnis der beiden Regierungen beunruhigt, die er seit der deutschen Vereinigung von 1990 beobachtet und in den Kapiteln XII und XIII an konkreten Beispielen darstellt: der Unsicherheit der italienischen Politik gegenüber der deutschen Vereinigung, an deren entscheidenden Konferenzen Italien nicht beteiligt war, das divergierende Verhalten beider Regierungen in der Jugoslawienkrise, ihr Interessenskonflikt in der Frage der UN-Reform (vgl. hierzu 341-346, auch schon 18 f.). Rusconi sieht die deutsche Politik seit 1990 auf dem Wege zu einer europäischen Großmacht. Das partnerschaftliche Zusammenspiel der beiden Regierungen in der europäischen Nachkriegszeit habe sich in ein "machtpolitisches Ungleichgewicht" (18) verkehrt. Auch wenn man bedenkt, dass Rusconi sein Werk mitten in der Ära Berlusconi verfasst hat, in der die deutsch-italienischen Beziehungen besonders belastet waren, sind seine Argumente durchschlagend und als Hintergrund seines Werkes Ernst zu nehmen. Er sieht in der heutigen Situation der deutsch-italienischen Beziehungen die Gefahr, dass alte Vorurteile wieder erstehen und an Macht gewinnen.

Als Historiker will der Verfasser aufklären und analysieren, in welchen politischen Zusammenhängen sich die gegenseitigen Vorurteile gebildet haben. Er unterscheidet im Rückblick zwei Zeiträume: das Zeitalter der machtstaatlichen Konkurrenz und der Kriege (1866-1945) und das Zeitalter der friedlichen Kooperation beim Aufbau der Europäischen Union (1947-2000). Wohl angesichts der Entstehung eines dritten Zeitraumes erneuter Konkurrenz wurde die Darstellung des ersten Zeitraumes vertieft und in zwei Epochen unterteilt, so dass das Werk drei Teile umfasst.

Der erste Teil (Kapitel I-IV, 23-103) setzt ein mit dem Jahr 1866, dem preußisch-italienischen Bündnis, und analysiert die unterschiedliche Ausgangslage der beiden jungen Nationalstaaten nach den Schlachten von Königgrätz und Custoza. Das Schwergewicht liegt sodann auf der Vorgeschichte und der Beurteilung des italienischen Eintritts in den Ersten Weltkrieg, dem "Syndrom 1915", wobei der Begriff des Verrats eine besondere Rolle spielt (speziell 100 f.).

Im zweiten Teil (Kapitel V-IX, 107-205) steht das Jahr 1943 und der "traumatische Bruch" (151) zwischen den faschistischen Diktaturen im Zweiten Weltkrieg im Mittelpunkt, und auch hier spielen das "Syndrom 1915" und der Begriff des Verrats (speziell 156 und 186 ff.) in der Kommentierung eine besondere Rolle, jedoch um zu zeigen, wie sich die Umstände und Dimensionen verändert hatten.

Ein ganz neues Kapitel dieser Geschichte beginnt mit dem dritten Teil des Buches, in dem die auf ein neues Europa orientierte Zusammenarbeit von Adenauer und De Gasperi bis zum Jahre 1952 verfolgt wird (Kapitel X und XI, 209-257). In einem Exkurs (252-257) wird abschließend auf die Bedeutung Italiens in der Politik des deutschen Außenministers Genscher eingegangen, in dessen gemeinsamer Europa-Initiative mit Emilio Colombo jene produktive deutsch-italienische Zusammenarbeit in den 1980er Jahren eine Fortsetzung fand.

Auch die Darstellung der neuen Probleme in den deutsch-italienischen Beziehungen, die - wie oben erwähnt - mit der deutschen Vereinigung einsetzten (Kapitel XII und XIII), gehören noch zum dritten Teil des Werkes, der die Überschrift trägt "Auf dem Weg nach Europa". Der Verfasser will offensichtlich als Historiker noch nicht jenen dritten Zeitraum in den deutsch-italienischen Beziehungen aufmachen, den er als politischer Zeitgenosse bereits wirksam sieht. Er beendet den dritten Teil seines Buches mit einem Exkurs über das "Phänomen Berlusconi" (330-340).

Nicht zu übersehen aber ist am Ende der Darstellung ein Kapitel (XV, 316-329), in dem der Verfasser die tragenden strukturellen Wandlungsprozesse herausstellt, die den Veränderungen in den deutsch-italienischen Beziehungen zugrunde gelegen haben. Es sind: der Begriff von der Souveränität des Nationalstaats, die geopolitischen Rahmenbedingungen der europäischen Staatenwelt und die Formen und Dimensionen des Krieges. Beeindruckt nimmt man wahr, auf welchem Niveau und mit welcher Fähigkeit zur Generalisierung Rusconi sein Thema angeht.

Mit einem letzten Unterkapitel - "Beständigkeit und Wandel der Stereotype" - kommt der Verfasser noch einmal auf das Thema zurück, dem er bereits ein eigenes Kapitel gewidmet hatte: "Erinnerungspolitik - 1945 bis heute" (XIV, 293-315). Hier geht er in verschiedenen Richtungen auf das Bild von Deutschland und den Deutschen ein, das im postfaschistischen Italien virulent war und ist und - so müssen wir uns klar machen - stets eine Folie seiner eigenen historischen Arbeit bildete (verwiesen sei auf den von Rusconi und Hans Woller herausgegebenen Band "Parallele Geschichte? Italien und Deutschland 1945-2000", Berlin 2006).

Das Werk endet mit einer "Schlussbetrachtung" (341-357), in der sich der Verfasser als politischer Zeitgenosse noch einmal zu Wort meldet. Es ist dem großen Projekt einer "Zivilmacht Europa" gewidmet und hier ist es wichtig, den italienischen Originaltitel des Werkes zu kennen: "Germania, Italia, Europa. Dallo stato di potenza alla potenza civile" (Welch ein Unterschied zum deutschen Titel!). Rusconi diskutiert zum Schluss die aktuellen Strukturprobleme der Europäischen Union: die Verfassungsfrage, das Problem eines europäischen Staatsvolkes sowie die Außen- und Militärpolitik als Dimensionen einer europäischen Staatsbildung - und er bringt seine Hoffnung zum Ausdruck, dass nicht Großmachtdenken, sondern eine gleichberechtigte Kooperation wieder die Grundlage der deutsch-italienischen Beziehungen werden könne.

Otto Dann