Rezension über:

Gertrude Cepl-Kaufmann / Antje Johanning: Mythos Rhein. Zur Kulturgeschichte eines Stromes, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2003, 334 S., ISBN 978-3-534-15202-5, EUR 39,90
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Rezension von:
Gabriele B. Clemens
Universität Saarbrücken
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Gabriele B. Clemens: Rezension von: Gertrude Cepl-Kaufmann / Antje Johanning: Mythos Rhein. Zur Kulturgeschichte eines Stromes, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2003, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 5 [15.05.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/05/11181.html


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Forum:
Diese Rezension ist Teil des Forums "Zur Geschichte des Rheins" in Ausgabe 7 (2007), Nr. 5

Gertrude Cepl-Kaufmann / Antje Johanning: Mythos Rhein

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Der vorliegende Band der beiden Düsseldorfer Germanistinnen bietet dem Leser eine rund zweitausendjährige Rezeptionsgeschichte des Rheins, wobei die zeitliche Gewichtung sehr unterschiedlich ausfällt. Römerzeit, Mittelalter und die Frühe Neuzeit werden eher in einer Art Vorspann abgehandelt, bevor die Autorinnen mit ausführlichen Kapiteln zu Aufklärung und Romantik einen ersten thematischen Schwerpunkt setzen. Im vorletzten Kapitel "Phönix aus der Asche" wenden sie sich dann der Weimarer Republik zu. Den Abschluss bildet ein "kleiner, sentimentaler Rückblick" auf die Jahre der Bundesrepublik mit der Hauptstadt Bonn. Über die Zeit des Nationalsozialismus schweigen sie sich ohne Angaben von Gründen aus. Insgesamt konzentrieren sich die beiden Autorinnen also auf das lange 19. Jahrhundert, dem mehr als 200 der über 300 Seiten Text gewidmet sind. Dies auch aus gutem Grund, entstanden doch gerade in diesem Zeitraum die Mythen des Rheins, und der Fluss erfuhr seine größte Aufmerksamkeit durch Dichter, Maler und zahllose Touristen. Folgt man den Autorinnen, so haben erst Aufklärung und Romantik in je eigener Weise den Rhein zum Herzstück eines zukünftigen Europas verklärt. Aber sie demonstrieren auch mit dem gebotenen Material nachdrücklich, dass der Rhein im 19. Jahrhundert zugleich politischer und ideologischer Zankapfel zwischen Frankreich und Deutschland war, deren vermeintliche Erbfeindschaft sich in dieser Zeit herausschälte. Einen Höhepunkt bildete in diesem Zusammenhang das aggressiv-nationalistische Lied die "Wacht am Rhein" von Max Schneckenburger, das im Vorfeld des Deutsch-Französisches Krieges eine ungeheure Popularität erlangte.

Der sehr schön illustrierte und gut lesbare Band enthält neben zeitgenössischen Abbildungen zahlreiche Literaturzitate von Schriftstellern und Journalisten, die sich mit dem Rhein auseinandersetzten, und stellt so eine schier unerschöpfliche Fundgrube dar. So kommen unter anderem Mitglieder der Familie Brentano, Georg Forster, Joseph Görres und immer wieder Heinrich Heine ausführlich zu Wort. Daneben informieren andere Kapitel über die technische Entwicklung der Rheinschifffahrt, über den boomenden Tourismus im 19. Jahrhundert und damit zusammenhängend über die schier unübersichtliche Fülle an Rheinreiseführern, deren herausragende Exemplare ebenfalls vorgestellt werden.

Die Lektüre dieses wirklich schön gestalteten Bandes ist anregend und sie wäre auch ein Genuss, wenn es in diesem Buch nicht von historischen Fehlern wimmeln würde. Dabei handelt es sich nicht um irgendwelche Kleinigkeiten, sondern um Belege von geschichtswissenschaftlichem Halbwissen, die nicht nur Fachleuten auffallen dürften. Angeführt sei hier nur eine Auswahl besonders eklatanter Missgriffe. Auf Seite 90 erfährt der Leser, dass die Lombarden, aus Oberitalien stammende christliche Geldverleiher, den Kern der reichen jüdischen Gemeinde in Bacharach bildeten. Den Familien Brentano, La Roche und Jacobis bescheinigen die Autorinnen das Verdienst, das Rheinland aus seiner geistigen Lethargie befreit zu haben (41). Da fragt man sich, wie sie denn im Rheinland gewirkt haben und wie man diese Behauptung belegen könnte. Darüber hinaus gab es im ausgehenden 18. Jahrhundert im Rheinland - wie andernorts auch - in jeder größeren Stadt Zirkel, etwa Freimauer- und Lesegesellschaften, in denen sich Intellektuelle oder zumindest politisch und kulturell Interessierte trafen. Im Jahr 1806 hob Zar Alexander I. angeblich die Kontinentalsperre auf (79). Das hätte wohl höchstens Napoleon anordnen können. Weiterhin habe der Freiherr vom Stein ab 1815 von Frankfurt am Main aus (!) die maßgeblichen preußischen Reformen auf den Weg gebracht (49). Das ist nun schlichtweg unmöglich, weil er 1808 als leitender Minister in Berlin von Friedrich Wilhelm III. entlassen wurde und nach dem Wiener Kongress von Frankfurt und Cappenberg aus ohnmächtig zusehen musste, wie sein Rivale Hardenberg in Berlin das von ihm begonnene Werk fortführte.

Erstaunlich ist es auch, was man über die intellektuelle Ausstrahlung der Provinzstadt Düsseldorf um 1800 erfährt: "Alle Bildungseinrichtungen wie Schulen, Bibliotheken, Universitäten und Akademien blühten, kurz, die Stadt war von großer Attraktivität ein Zentrum des europäischen aufgeklärten Geistes." (54). Problematisch ist nur, dass die berühmte Düsseldorfer Kunstakademie erst 1826 gegründet wurde und die Universität gar erst im Jahr 1965. Zudem ist zu lesen, dass Frankreich 1830 auf dem Pariser Frieden auf das Rheinland verzichtet habe (190). Diesen Friedenschluss hat es bekanntlich nie gegeben. Die Brüder Grimm in Göttingen werden dem "Rheinischen Westen" zugerechnet. 1832 habe sich auf dem Hambacher Fest die "Jugend" versammelt. Gewiss, Studierende und Schüler haben hier auch demonstriert, aber die Mehrzahl der geschätzten weit über 20.000 Festteilnehmer waren gestandene Winzer, Juristen und wohlhabende Kaufleute. Das ganze Dilemma der Arbeit rührt daher, dass die wichtigsten Arbeiten der historiografischen Forschung anscheinend nicht rezipiert oder zumindest in den Anmerkungen nicht genannt werden. So fehlen etwa profunde Studien zum Hambacher Fest (Cornelia Förster), Arbeiten zur Säkularisation im Linksrheinischen (Wolfgang Schieder), zu den Rheinflößen (Dietrich Ebeling) oder die zahllosen Arbeiten der Forschung zur bürgerlichen Kultur Bielefelder oder Frankfurter Provenienz. Wenn man die Kulturgeschichte eines Stromes schreiben möchte, darf man nicht die Mühen scheuen, sich in der Nachbardisziplin zu informieren, da sonst ein wirklich ansprechend gestaltetes Buch zu einem interessanten Thema letztendlich zum Ärgernis wird.

Gabriele B. Clemens