Rezension über:

Stefan Goebel: The Great War and Medieval Memory. War, Remembrance and Medievalism in Britain and Germany, 1914-1940, Cambridge: Cambridge University Press 2007, xviii + 357 S., ISBN 978-0-521-85415-3, GBP 50,00
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Rezension von:
Ulrich Sieg
Fachgebiet Neuere Geschichte, Philipps-Universität, Marburg
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Ulrich Sieg: Rezension von: Stefan Goebel: The Great War and Medieval Memory. War, Remembrance and Medievalism in Britain and Germany, 1914-1940, Cambridge: Cambridge University Press 2007, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 4 [15.04.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/04/11382.html


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Stefan Goebel: The Great War and Medieval Memory

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Die Frage, wie die Verlusterfahrungen des Ersten Weltkrieges von den Menschen verarbeitet wurde, beschäftigt die Geschichtswissenschaft seit langem. Zwei methodische Zugriffe erwiesen sich als besonders einflussreich. Reinhart Koselleck und George Mosse fragten nach den politischen Funktionen des Gefallenenkults, während Jay Winter die traumatisierende Kriegswirkung und deren private Bewältigung in den Blick nahm. Stefan Goebel strebt nun eine Synthese an, die öffentliche und private Aspekte der Kriegserinnerung gleichermaßen berücksichtigt. Als Gegenstand wählt er die verklärenden Mittelalterdarstellungen, die er mit einem Ausdruck John Ruskins als Mediävalismus charakterisiert. Konkret geht es ihm um den Vergleich des Gefallenenkults in Großbritannien und Deutschland, wobei der zeitliche Rahmen vom August 1914 bis in den Zweiten Weltkrieg reicht. Die einschlägige zeitgenössische Literatur wurde ebenso ausgewertet wie ungedruckte Quellen aus mehr als vierzig Archiven. Dabei nimmt die Argumentation ausführlich auf das reiche Bildmaterial Bezug. Das durch einen sorgfältigen Index erschlossene Werk folgt systematischen Ordnungskriterien und gliedert sich in fünf Kapitel.

Als erstes wird die Rolle der Weltkriegstoten für das Geschichtsverständnis analysiert. Der Mediävalismus erfüllte hierbei eine einfache Funktion. Er verortete die Gefallenen in der mittelalterlichen Geschichte und gab ihnen so ein individuelles Antlitz, das sie in den anonymen Massenschlachten verloren hatten. Diesem Zweck dienten auch lokale Erinnerungsbücher, die gelegentlich an die Tradition mittelalterlicher Chroniken anknüpfen sollten. Im schroffen Kontrast hierzu bevorzugte die nationalistische Rechte pathetische Denkmäler wie in Tannenberg, um die völkische Bedeutung der Totengemeinschaft zu unterstreichen. Nach dem Krieg sollten Totengedenkfeiern vor allem Kontinuität stiften und damit die Erfahrung massenhaften Sterbens bewältigen helfen. Doch war dies nicht so einfach, weil der Diskurs über die "verlorene Generation" in Großbritannien und Deutschland in die entgegengesetzte Richtung wies. Dementsprechend heterogen waren die Formen der Kriegserinnerung, die zwischen der Anknüpfung an traditionelle Symbolbestände und dem Beschwören neuer nationaler Utopien changierten.

Das zweite Kapitel betrachtet die Wirkung, welche der Gedanke nationaler Auserwähltheit auf das mediävalistische Weltkriegsverständnis hatte. Es verdeutlicht, in welchem Ausmaß die Kriegspropaganda auf die Mobilisierung der Bevölkerung zielte und wie selbstverständlich auf beiden Seiten die Rhetorik vom "Heiligen Krieg" war. Theologen wie Henry Scott Holland in Oxford, der scharfzüngig bemerkte, die englische Geistlichkeit handle wie "'Mad Mullahs preaching a Jehad'" (84), gehörten eher zu den Ausnahmen. Allerdings schätzt Goebel die Wirkung apokalyptischer Denkfiguren nicht sonderlich hoch ein, weil sie sich mit dem Bild eines "gerechten Verteidigungskrieges" nicht vereinbaren ließen und die weihevolle Sprache allenfalls in kleinen Zirkeln anziehend wirkte. In der Erinnerung an den Weltkrieg dominierten in Deutschland Bauwerke und bildliche Darstellungen, welche die territoriale Integrität des Landes herausstellten. Während dies Folgen der unzureichend verarbeiteten Kriegsniederlage waren, besaß man in Großbritannien größere Gestaltungsmöglichkeiten. Zumeist entschied man sich für harmonisierende Darstellungsformen, welche die Kriegsanstrengungen in die Tradition von "Lichtgestalten" des Mittelalters wie Richard I. Löwenherz setzten. Mögen dies auch historisch zweifelhafte Sinngebungen gewesen sein, sie wirkten nicht so verhängnisvoll wie die Remythisierung der deutschen Ostgrenze. In dieser Perspektive, die bis in das sozialdemokratische Lager ihre Anhänger besaß, wurden die mittelalterlichen Könige zum Beschützer des deutschen Volks gegen die Angriffslust der Slawen.

Das dritte Kapitel stellt das Kriegserlebnis in das Spannungsfeld von Zerstörung und Beharrung. Schon während des Krieges kam es zu einer Amalgamierung mediävalistischer und moderner Interpretationen, die in der Verherrlichung des Eisens bei Kriegsnagelungen vielleicht ihren signifikantesten Ausdruck fand. Heroische Monumente wie der Bremer Roland ließen sich mühelos in traditionelle Narrative einbetten, während es der Sache nach um die Mobilisierung der Bevölkerung und den effektiven Umgang mit Ressourcen ging. In Ruinen erblickte man primär kulturelle Mahnmale. Dementsprechend hart verliefen die Propagandaschlachten um zerstörte Gebäude. Einhellig betonten alliierte Zeitungen etwa den unersetzbaren Wert der Bibliothek von Löwen, während das deutsche Militär militärische Sachzwänge bemühte, im übrigen aber die "Doppelzüngigkeit" der Gegenseite und das eigene Kulturbewusstsein in den Vordergrund spielte.

Überhöhungen prägten auch das im vierten Kapitel erörterte Verständnis von Ritterlichkeit, das in England tiefere Wurzeln besaß als in Deutschland. Werte wie "courage, duty, honour, fairness and faith" (194) erfreuten sich in den Mittelschichten breiter Akzeptanz und wurden zur Mobilisierung der Jugend immer wieder beschworen. Im Kaiserreich, wo man sich von einer Welt von Feinden umzingelt wähnte, wurde die Verherrlichung des Todes besonders wichtig, wie sich an der Ausformung des Langemarck-Mythos ablesen lässt. Generell spielten christliche Erlösungsvorstellungen in beiden Ländern eine zentrale Rolle. Schon während des Krieges wurde vielfältig der christliche Symbolbestand genutzt, um die kaum fassbaren Ereignisse mit Sinn zu versehen. Dabei kam es im Gewand des Alten zu manch neuartiger Verschmelzung. Exemplarisch sei an die Vorstellung schlafender Toter erinnert, die in Deutschland an mediävalistische Verklärungen des Reichsmythos anknüpften und sich mit germanischen Prophetien verknüpfen ließen.

Die Erinnerung an die Opfer des Ersten Weltkrieges in Großbritannien und Deutschland verortet Goebel zwischen privater Trauer und öffentlicher Mobilisierung. Zudem habe der Weltkrieg die europäische Erinnerungskultur in nationale Einheiten fragmentiert, wobei die regionale und konfessionelle Verfasstheit der Erinnerungswelt mitzubedenken sei. Gleichwohl ähnelten sich in beiden Ländern die Muster, mit deren Hilfe Kriegserinnerungen mit Bedeutung aufgeladen wurden. Erst die hohe Zahl ziviler Opfer habe im Zweiten Weltkrieg zur Abkehr von feierlichen Formen der Erinnerungskultur und einer umfassenden Sprachlosigkeit geführt. Pointiert spricht Goebel in diesem Zusammenhang davon, dass das Ende des Mediävalismus ein "semiotic vacuum" (296) hinterlassen habe.

Ernsthafte Kritikpunkte finden sich kaum. Vielleicht wäre die eingehende Beschäftigung mit den Ideen Otto Gerhard Oexles weiterführend gewesen, welche die kulturkritische Dimension des deutschen Mediävalismus hervorheben. Auf diese Weise hätten die Unterschiede zwischen der deutschen und der englischen Kriegserinnerung wohl noch an Schärfe gewonnen. Und der Umgang mit dem Phänomen protestantischer "Bilderfurcht", hinter der sich ja nicht zuletzt ein ganz spezifisches Bildverständnis verbirgt, wirkt gelegentlich etwas schematisch. Zumeist sind Goebels Ausführungen jedoch ebenso quellennah entwickelt wie argumentativ überzeugend. Wer sich in Zukunft mit der Erinnerungsgeschichte des "Großen Krieges" beschäftigt, wird an seiner gründlichen Studie nicht vorbeikommen.

Ulrich Sieg