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Rezension von:
Hans-Lukas Kieser
Universität Zürich
Empfohlene Zitierweise:
Hans-Lukas Kieser: Der Völkermord an den Armeniern 1915/16: neueste Publikationen (Rezension), in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 3 [15.03.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/03/10400.html


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Der Völkermord an den Armeniern 1915/16: neueste Publikationen

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Einführung

Der Erste Weltkrieg wurde früh und treffend als die "seminal catastrophe" der Alten Welt - Europas, des Zarenreiches und der osmanischen Welt - bezeichnet. Die Katastrophe innerhalb der Katastrophe, die Vernichtung der osmanisch-armenischen Gemeinschaft in Kleinasien, organisiert durch ihren eigenen Staat im Kontext ethnoreligiöser Umgestaltung Kleinasiens: Sie kam in der Geschichtswissenschaft jahrzehntelang nicht richtig zur Sprache. Daran änderte nichts, dass Pioniere der Genozidstudien und internationaler Genozidächtung wie Raphael Lemkin den Armeniermord als zeitgeschichtliches Beispiel von Genozid anführten, ja Lemkins Lebenswerk durch diesen initiiert wurde, wie er in seiner Autobiografie schreibt.

1915/16 wurden die osmanischen Armenier zu Fuß oder per Eisenbahn aus ihrem jahrtausendealten Siedlungsgebiet "verschickt" (so der Verwaltungsbegriff), nachdem zuvor Angehörige der armenischen Elite landesweit verhaftet worden waren. Männer und Burschen wurden in Ostanatolien meist zu Beginn der Verschickung getötet; dasselbe geschah mit den meisten, die Militärdienst taten. Anstatt, wie proklamiert, in Nordsyrien angesiedelt zu werden, gerieten Hunderttausende Überlebende der Verschickung in Konzentrationslager, die mangels Versorgung Sterbelager waren. Die dennoch Überlebenden wurden in einer finalen Aktion 1916 massakriert, soweit sie nicht zum Bruchteil jener gehörten, die frühzeitig weiter in den Süden gelangt oder in Aleppo untergetaucht waren. Die Türkei folgt bis heute der Diktion des jungtürkischen Kriegsregimes, das die Armenier als illoyale Minderheit, ihre Aussiedlung als militärische Notwendigkeit und die Opfer als bedauerlich, aber durch Krieg, Banditen und Mangel bedingt darstellte. Dabei minimierte es die Opferzahl und wies jede Verantwortung oder gar Türkisierungsintention von sich. Eine Vielzahl zeitgenössischer Quellen und Augenzeugenberichte spricht jedoch eine andere Sprache.

Vor dem Hintergrund der Genese des türkischen Nationalstaats und seiner Ideologie lässt sich unschwer nachvollziehen, weshalb sich die Historikerzunft in der Republik Türkei, dem Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches, erst sehr spät und nur partiell, vor allem dank junger Privatuniversitäten, an eine offene Auseinandersetzung herantastet. Bemerkenswert bleibt, dass die deutschsprachige institutionalisierte Geschichtswissenschaft das Thema bis vor Kurzem nicht in ihr Verständnis des 20. Jahrhunderts zu integrieren, ja nicht einmal entsprechende Quelleneditionen zu erarbeiten vermochte, obwohl Deutschland als damaliger Kriegsverbündeter in seinen Archiven zentrale Quellen über den Armeniermord aufbewahrt. Doch auch dies ist nachvollziehbar: Die Auseinandersetzung mit der erdrückenden NS-Vergangenheit absorbierte die akademische Welt; die Erinnerung an den "Holocaust vor dem Holocaust" (Elie Wiesel) und seine unabdingbare Einbindung in ein umfassendes Geschichtsverständnis blieben daher aufgeschoben.

Die Etablierung der Holocaust- und Genozidstudien, der globalhistorische Schub nach 1989, transnationale Vernetzung und postnationalistische Forschungsansätze, das starke Interesse an der Genese der postosmanischen Ordnung des Nahen Ostens sowie die intensivierte Europakandidatur der Türkei seit Ende der 90er-Jahre gehören zu den Faktoren, die das weithin vergessene Trauma in den letzten Jahren ins grelle Licht der internationalen Aufmerksamkeit gerückt haben. Medien, Diplomatie, Parlamente und Gerichte in verschiedenen Ländern sind inzwischen in vielfacher Weise mit der Problematik beschäftigt. Außenminister Gül bezeichnete kürzlich das "armenische Problem" nach der Irakfrage als größte "Bedrohung" für die Türkei (Tageszeitung Sabah vom 12.1.2007).

Der armenisch-türkisch Journalist Hrant Dink, der in einer Perspektive der Verständigung auf Ausleuchtung und Ächtung des Armeniermordes hingearbeitet hat, wurde am 19. Januar 2007 nach mehrfachen Drohungen als "Verleumder des Türkentums" ermordet. Orhan Pamuk sagte Ende Januar wegen ähnlicher Drohungen eine Reise nach Deutschland ab. Zur speziellen Aktualität in Europa gehört die Frage, inwiefern die öffentliche Relativierung, Leugnung oder gar Rechtfertigung des Armeniermordes unter Türken in Europa, insbesondere durch türkeistämmige Parlamentsabgeordnete, geduldet werden kann. Ein Thema, über das offen und ehrlich zu reden es nach vielen Jahrzehnten höchste Zeit wurde, ist somit massiven politischen Kräften, von der internationalen Diplomatie bis hin zur Innenpolitik, ausgesetzt. Umso wichtiger ist die sachliche Diskussion jenseits politischer Instrumentalisierung, ob durch Gegner eines EU-Beitritts der Türkei, durch eine armenische Irredenta oder durch türkische Akteure, die sich einmal mehr als Opfer westlicher Verschwörung inszenieren, um dem historischen Gegenstand auszuweichen.

Allein in den letzten drei Jahren ist eine Reihe bedeutender wissenschaftliche Bücher zum Thema publiziert worden, die eine Vielfalt an Quellen, darunter auch bisher unzugängliche, erschlossen haben. Die vorliegende Sammelrezension konzentriert sich auf Beiträge mit wissenschaftlichem Anspruch, inklusive neuerer Quelleneditionen. Einbezogen worden sind auch einige wenige Publikationen, die der Vernichtung der Armenier 1915/16 den Charakter eines staatlichen Großverbrechens absprechen. Anzumerken ist, dass die Bezeichnung "Genozid" selbst, die für ein Großverbrechen an einer ethnoreligiös definierten Gruppe steht, nicht die retroaktive Anwendung der UN-Konvention von 1948 und ihrer unverjährbaren Sanktionen impliziert. Allerdings mildert dies die für die politische Kultur in der Türkei und Europa so bedeutsame Frage nach der historischen Verantwortung von Staat und Gesellschaft nicht ab. Im Zentrum dieser Rezension stehen jedoch nicht diese, Politik und Diplomatie beschäftigende Fragen, sondern der wissenschaftliche Gehalt und Erkenntniswert der neuen Publikationen.

Historiografische Lebenswerke

Beginnen wir mit zwei fast gleichzeitig, aber unabhängig voneinander im Herbst 2006 publizierten Büchern. Beide sind Summe eines historischen Lebenswerkes, das in beiden Fällen den Umbrüchen vom Osmanischen Reich zum türkischen Nationalstaat gewidmet ist. Zentraler Forschungsgegenstand beider: der destruktive jungtürkische Umgang mit den Christen Kleinasiens, vor allem den Armeniern. Die Rede ist von dem Pariser Armenier Raymond Kévorkian und von dem Türken Taner Akçam, der in den USA lebt. Beide stimmen in grundsätzlichen Punkten überein: Es handelt sich bei dem, was den osmanischen Armeniern 1915/16 angetan wurde, um einen Genozid; er ist ideologisch eng an den türkischen Ethnonationalismus geknüpft; türkischer Ethnonationalismus wurde im Kontext der osmanischen Balkanverluste 1912/13 virulent und politikwirksam; aufgrund ihrer Genese und ihres landesweiten Ablaufs ist die Vernichtung der Armenier Kleinasiens keinesfalls auf Maßnahmen zur Wahrung der Sicherheit im Weltkrieg zu reduzieren oder als Ergebnis eines Bürgerkriegs zu begreifen.

Der an der Université Vincennes-Saint-Denis (Paris-VIII) lehrende Historiker Raymond Kévorkian legt mit seinem Werk "Le Génocide des Arméniens" eine umfassende Gesamtdarstellung vor, die aus einem reichen Fundus von Quellen schöpft. Sie hat über tausend dicht bedruckte, aber stilistisch gut lesbare Seiten und ist in sechs Teile gegliedert, von denen der erste die gemeinsame Opposition von Armeniern und Jungtürken gegen den Sultan Abdulhamid II. in den Jahren 1895-1908 und der zweite die "Jungtürken und Armenier in der Probezeit der Macht (1908-1912)" behandelt.

Eine besondere Stärke dieses Bandes, der in mancher Hinsicht auf Jahre den Standard bestimmen wird, liegt an der erstmaligen umfassenden Einbeziehung armenischer Quellen und Augenzeugenberichte. Die Perspektive der Opfer war wegen der türkischen Leugnungspropaganda lange zugunsten diplomatischer Quellen, die als objektiver galten, vernachlässigt, wichtige Einblick ins Geschehen waren damit ausgeblendet worden. Zu Kévorkians Quellen gehören auch brisante Nachkriegsbestände aus dem Istanbuler Patriarchat, die jetzt in Jerusalem lagern, darunter eine amtlich beglaubigte Kopie von General Vehip Paschas schriftlichem Zeugnis vom 5. Dezember 1918 für eine osmanische, post-jungtürkische Ermittlungskommission. Darin hielt dieser, der Oberkommandierende der 3. Armee, die in Ostanatolien stationiert war, unter anderem fest: "Die Deportationen der Armenier [1915/16] wurden im völligen Widerspruch zur Menschlichkeit, Zivilisation und behördlichen Ehre durchgeführt. Die Massaker und die Ausrottung der Armenier, der Raub und die Plünderung ihres Eigentums waren das Resultat von Entscheidungen, die vom Zentralkomitee des Komitees für Einheit und Fortschritt ausgingen."

Diese armenischen Quellen kombiniert mit Dokumenten osmanischer und anderer Provenienzen ermöglichen es Kévorkian, in dichter, oft Schwindel erregender Weise die Interaktionen der Mitglieder des jungtürkischen Comité Union et Progrès (CUP) mit der Daschnak nachzuverfolgen. Die Daschnak war die wichtigste armenische Partei und trat für eine pluralistische, liberale Reform des Osmanischen Reichs, insbesondere für Sicherheit in den hauptsächlich von Kurden und Armeniern bewohnten Ostprovinzen ein; seit der jungtürkischen Revolution von 1908 unterhielt sie ein Wahlbündnis mit dem CUP. Der dritte Teil des Buches zeichnet die dramatischen zweieinhalb Jahre vom Balkankrieg bis zum Frühjahr 1915 nach: Aus einem ungleichen Paar von "Brüdern" (so bisweilen ihre wechselseitige Anrede!) wurden Verfolger und tödlich Verfolgte, die aber noch fast bis zum Sommer 1915 Kontakt hielten und Verhandlungen führten.

Das Gerüst von Kévorkians Erzählung ist nicht neu: Das Wahlbündnis von CUP und Daschnak war seit der zweifelhaften Rolle des CUP während des antiarmenischen Massakers in Adana, 1909, Spannungen unterworfen. Kévorkian geht darauf in einem detaillierten Kapitel ein, das die gescheiterte staatliche und rechtliche Aufarbeitung des Massakers minutiös nachzeichnet (97-150). Eine wirkliche Entfremdung, wenn auch noch keinen definitiven Bruch - denn welche Alternative besaßen die Armenier? - brachten die Balkankriege. Die territorialen Verluste und muslimischen Flüchtlingsströme nach Anatolien verschärften schon vorhandene osmanische Ressentiments gegenüber anatolischen Christen, zumal diese in Bildung und Arbeitsleben Gewinner der osmanischen Modernisierung des 19. Jahrhunderts waren. Neu ist, dass Kévorkian gleichzeitig die internationale Diplomatie, die osmanische Zentralregierung, die Interaktion Daschnak - CUP sowie die Entwicklung in den Provinzen im Auge hat. Bisher kaum genutzte armenische Quellen belegen die prekäre Sicherheitslage in den Ostprovinzen und die zunehmende Furcht armenischer Führer, ihre ganze Gemeinschaft solle vernichtet werden.

Daher erging Ende 1912 der armenische Appell an die europäische Diplomatie, woraus Anfang 1914 der internationale Reformplan für die Ostprovinzen resultierte. Dessen Umsetzung sollten zwei Generalinspektoren aus neutralen Ländern vor Ort betreuen. Für die beiden Inspektoren, die im August 1914 eintrafen - aber von der Regierung "dank" des Weltkrieges gleich wieder zurückgeschickt werden konnten -, ließ das armenisch-apostolische Patriarchat 1913/14 eine Volkszählung in seinen Gemeinden durchführen. Sie ergab eine Zahl von knapp zwei Millionen. Trotz einiger Mängel der Zählung hält Kévorkian sie für die mit Abstand zuverlässigste (338).

Das CUP legte den Armeniern den Rekurs auf europäische Mächte, und damit den Reformplan, als Verrat am nationalen Interesse zur Last, da er die nationale Souveränität beschnitten habe. Kévorkian zitiert ein Memorandum des osmanisch-armenischen Rates an den Großwesir, also den Regierungschef, vom Mai 1913. Darin beklagt sich der Rat, dass die Presse die Armenier für die osmanische Niederlage auf dem Balkan verantwortlich mache und offen mit ihrer Vernichtung drohe, damit ein für alle Mal die ausländische Einmischung aufhöre (196). Die Daschnak wie die armenische Elite insgesamt setzte auf Reform im osmanischen Rahmen, wie das ihre langjährige, durch das Bündnis mit dem CUP bekräftigte Politik war. Kévorkian stellt zudem heraus, dass auch die revolutionäre armenisch-sozialistische Partei Huntschak dem nicht generell entgegenstand, auch wenn im Huntschak-Kongress in Constanza, Rumänien, am 5. September 1913 der erneute Übergang zu revolutionärer Gewalt beschlossen wurde. 44 der 61 osmanischen Lokalkomitees nahmen daran nämlich nicht teil. Und auf dem Kongress der osmanischen Huntschak in Istanbul Ende Juli / Anfang August 1914 erklärten die 31 anwesenden Lokalkomiteevertreter den Kongress in Constanza für illegal (219, 320).

Kévorkian arbeitet konzis den während der Balkankriege hervortretenden Willen des CUP zu ethnoreligiöser Homogenisierung Kleinasiens als künftiger Wahlheimat des Türkentums heraus. Er macht deutlich, welche Bedrohung pluralistisch orientierte Gruppen im zunehmenden Türkismus in Kombination mit dem doktrinären Zentralismus des CUP erblickten. Er verficht die These, das CUP selbst, nicht die Opposition, wie in den meisten Geschichtsbüchern steht, habe im Juni 1913 den ihm unbequem gewordenen Großwesir Mahmud Pascha ermordet, um die im Januar begonnene CUP-Diktatur definitiv zu festigen (181). Bei einem späteren gewaltsamen Tod, demjenigen des seelisch aufgeriebenen amerikanischen Missionars Leslie 1915, scheint mir die Unterstellung, die Behörden hätten einen unbequemen Zeugen beseitigen wollen, allerdings eher unwahrscheinlich (768).

Der mit Abstand längste, mehr als 400-seitige vierte Teil befasst sich mit der ersten Phase des Genozids, der Phase der Massaker und "Verschickungen" in Kleinasien 1915, auf die die im fünften Teil beschriebene zweiten Phase, die der Vernichtung der Überlebenden in den Wüstenlagern Nordsyriens 1916/17 folgte. Hervorstechender Vorzug des vierten Teils gegenüber bisherigen Gesamtdarstellungen ist die akribische komparative Beschreibung: Provinz um Provinz, Schritt um Schritt wird die systematische Zerstörung der armenischen Gemeinschaft in Kleinasien und Thrakien, deren zentrale Steuerung und lokale Implementierung, vorgeführt. Eine große Zahl von Akteuren, Tätern und Opfern, erscheint mit Namen und ist dank des Indexes gut auffindbar. Eine formale Kritik sei dennoch angebracht: Bei einem Buch dieses Umfanges können Leser die erste vollständige Nennung einer Quelle oder Veröffentlichung kaum finden, eine vollständige separate Bibliografie wäre daher angebracht gewesen, so ungern Verleger diese zusätzlichen Seiten auch einräumen. Dieselbe Kritik gilt für Akçams Buch.

Kévorkian unterscheidet die im Herbst 1914 beginnende Terrorisierung der Bevölkerung im Grenzgebiet zu Russland und dem Iran von der im April 1915 beginnenden landesweiten Zerstörung der Gemeinschaft. Er zitiert ein vielsagendes Telegramm von Tahsin, dem Vali (Provinzgouverneur) von Erzurum und ehemaligen Vali von Van vom Mai 1915, das davor warnt, "die Armenier durch Gewaltanwendung zur Revolte zu drängen", um sie dann zu deportieren (289). Wie mehrere Dokumente aus jenen Wochen belegt dieses Telegramm orchestrierte Gewaltakte gegen die Armenier und verneint eine allgemeine Revolte derselben. Auf diesem Argument beruhte jedoch die zeitgenössische antiarmenische Propaganda, die sich insbesondere auf armenischen Widerstand in Van im April / Mai 1915 berief. Der Großwesir brachte dieses Argument sowie den armenischen Ruf nach internationalen Reformen von 1912 als Begründung der antiarmenischen Politik vor, als ihn der armenische Patriarch Zaven am 10. Juli 1915 auf die "Hinrichtung" seines Volkes ansprach (668).

Innenminister Talat, Mitglied des CUP-Zentralkomitees, war die treibende Kraft der antiarmenischen Vernichtungspolitik. Balkanmuslim und türkistischer Wahlanatolier, betrachtete er auch unpolitische Armenier als potenziell separatistisch. Nach den Istanbuler Razzien gegen die Elite im April und im Juni machte er sich gegen den Widerstand von Kollegen, die internationale Reaktionen fürchteten, dafür stark, die armenische Bevölkerung auch aus der Hauptstadt zu entfernen. Er setzte sich teilweise durch. Dass die Armenier Istanbuls in toto verschont geblieben seien, ist eine Legende, die bis heute in den Medien kursiert, obwohl unter anderem deutsche diplomatische Dokumente dem eindeutig widersprechen (678).

Surrealität des Bösen: Der prominente osmanisch-armenische Schriftsteller, Jurist und Parlamentsabgeordnete Krikor Zohrab spielte am Abend des 1. Juni 1915 im Cercle d'Orient in Istanbul noch Karten mit Talat, dem Innenminister und Architekten des damals schon begonnenen Genozids. In einer stürmischen Unterredung wenige Stunden zuvor hatte er Talat aufgefordert, Rechenschaft abzulegen; in derselben Nacht wurde er verhaftet, verschleppt und schließlich ermordet (667). Ein weiteres Beispiel täuschender Nähe: Der armenisch-osmanische Offizier Hovhannes Aguinian soll den Kriegsminister und Oberbefehlshaber der Armee Enver Pascha Ende 1914 in kritischer Stunde im Inferno von Sarikamis auf dem Rücken tragend gerettet haben. Enver bezeugte in der Tat das damalige Heldentum armenischer Soldaten in einem an einen armenischen Geistlichen gerichteten Brief, der im Osmanischen Lloyd am 26.2.1915 veröffentlicht wurde. Über das völlige Fiasko seines Winterfeldzuges gegen Russland ließ Enver in der Öffentlichkeit den Mantel des Schweigens breiten (278).

Die Folgen von Sarikamis - schwierige Situation an der Ostfront, hohe Truppenverluste (darunter Aguinian) und Frustration der Führung - sind wichtige Elemente der Vorgeschichte zum Armeniermord. Als das CUP-Regime Ende März / Anfang April aber zum endgültigen Schlag gegen die Armenier ausholte, verbanden sich Rachegefühl und Euphorie. Denn aus dem Sieg in den Dardanellen vor Istanbul vom 18. März 1915, war das Hochgefühl eines "überaus brutalen Chauvinismus" hervorgegangen, so General Pomiankowski, der österreichische Militärattaché und häufige Begleiter Envers. Kévorkian macht in diesem Zusammenhang mit Jay Winter darauf aufmerksam, dass seit dem ersten deutschen Giftgaseinsatz in Ypres im April 1915, allgemein das Bewusstsein entstand, man befinde sich in einem totalen Krieg (307).

Die Deportation der armenischen Bevölkerung aus Thrakien in die syrische Wüste im Oktober 1915 schloss, mit wenigen Ausnahmen, die erste Phase des Genozids, das heißt die Vertreibung und Massenraubmorde im Siedlungsgebiet der Betroffenen ab. Die Verschickungen aus Westanatolien erfolgten streckenweise per Eisenbahn und umfassten auch die Männer, die nicht zum Militär eingezogen waren. In Ostanatolien jedoch, wo die Verschickung der Bevölkerung nach einigen Vorläufern im Juni 1915 begonnen hatte, wurden Jünglinge und Männer meist vor oder zu Beginn der Verschickung massakriert. Dasselbe geschah mit den meisten in unbewaffnete Arbeiterbataillone eingeteilten Armeniern.

Die erste Phase des Genozids ruinierte die Wirtschaft Kleinasiens, insbesondere - bis heute - die Landwirtschaft im bergigen, klimatisch schwierigen Ostanatolien. Hier wurden jeweils kurz nach der Deportation Muslime angesiedelt, die oft aus dem Balkan stammten, und nicht die nötige Erfahrung besaßen, um die in der Mehrheit bäuerlichen, über Jahrtausende eingelebten Armenier zu ersetzen. Die (türkisch-muslimische) "Nationalisierung" der Wirtschaft, der die Übernahme armenischen Raubguts diente, litt zudem unter massiver Korruption und privater Bereicherung. In diesem Zusammenhang kam es während des Kriegs zu Strafverfolgungen, allerdings nicht wegen Morden, Vergewaltigungen oder Versklavungen. Einzelne Ausnahmen gab es unter den Kommandanten Vehip Pascha und Cemal Pascha, dem Gouverneur von Syrien (765).

Der Autor setzt einen deutlichen Akzent, wenn er die Massaker syrischer Christen (in heutiger Selbstbezeichnung Aramäer oder Assyrer), namentlich in der Provinz Diarbekir, als einen vom Zentrum gewollten Genozid versteht. Er tut dies, obwohl ein Telegramm Talats vom 12. Juli 1915, das allerdings durch eine deutsche Intervention bedingt war, dem entgegenzustehen scheint: Es schrieb vor, die "disziplinarischen Maßnahmen" auf die Armenier zu begrenzen (463).

Der Begriff "Zweite Phase" des Genozids stammt von Kévorkian. Er legt im fünften Teil seines Buches eine Erweiterung bereits publizierter Befunde darüber vor (Revue d'Histoire Arménienne Contemporaine Bd. 2, 1998). Er schätzt die Zahl der bereits in Kleinasien Ermordeten auf 880.000, die Zahl der im Sommer oder Herbst 1915 lebend in Nordsyrien Angekommenen auf 800.000; 300.000 weitere kleinasiatische Armenier hätten fliehen oder vor Ort bleiben können (781).

Die zweite Phase war nicht Wiederansiedlung, wie es offiziell geheißen hatte, sondern Vernichtung durch Auszehrung in einem "Universum von Konzentrationslagern" (826). Ansätze zur Integration der Flüchtlinge in und um nordsyrische Städte wurden planvoll zunichte gemacht, die letzten Überlebenden im Sommer 1916 massakriert. Nur wer in Aleppo untertauchen konnte oder zum Bruchteil jener gehörte, die in den Libanon oder nach Palästina weitergeleitet wurden, entging dem Vernichtungswillen. Die Konzentrationslager unterstanden dem örtlichen Verschickungsdirektorium, das dem Innenministerium zugeordnet war und mit der Spezialorganisation zusammenarbeitete. Weiter südlich war allein Cemal Pascha zuständig; im Unterschied zu Talat förderte er teilweise eine Wiederansiedlung der Verschickten, sie mussten sich allerdings im Sommer 1916 als Muslime eintragen lassen (841).

Kévorkian geht den Gründen für Cemals abweichendes Verhalten nach und setzt es in Verbindung mit seinen separaten Ansätzen zu Friedensverhandlungen. Innovative Akzente setzt Kévorkian auch im sechsten und letzten Teil, der sich vor allem mit den Prozessen gegen die jungtürkischen Kriegsverbrecher nach 1918, aber auch mit der Situation der im Lande verbliebenen Armenier und dem Patriarchat befasst. Zum Abschluss der Vernichtung armenischer Existenz in Kleinasien hatte die osmanische Regierung im Sommer 1916 das Patriarchat in Istanbul aufgehoben; doch nach dem Krieg beharrten die Siegermächte auf seiner Wiedereinrichtung. Zum Wiederaufbau der Gemeinschaft in Kleinasien konnte das Patriarchat wegen des Sieges der türkischen Nationalisten nicht beitragen, sehr wohl aber zu einer substanziellen Dokumentation des Geschehens, aus der Kévorkian für sein umfassendes Werk geschöpft hat.

Akçams Buch, gegenwärtig ein Top Seller unter englischsprachigen Türkeibüchern, ist die überarbeitete Fassung eines 1999 auf Türkisch erschienenen Buches, das seinerseits in Teilen auf seiner auf Deutsch verfassten Dissertation "Armenien und der Völkermord" fußt (die kürzlich unverändert wieder aufgelegt wurde) und Teile seines Essaybands "From Empire to Republic: Turkish nationalism and the Armenian genocide", London 2004, integriert [1]. Es richtet sich an ein internationales Publikum, ganz besonders aber, direkt und indirekt, an ein Bildungspublikum in und aus der Türkei.

Akçams Leistung ist es, eine solide, teils innovative Gesamtsicht des Geschehens mit der Erforschung der Gründe und fatalen Folgen gescheiterter juristischer und politischer Aufarbeitung bis heute zu verbinden. Damit beleuchtet er das zentrale Tabu des türkischen Nationalismus. Akçam ist der erste türkische Historiker, der seit Ende der 80er-Jahre dezidiert dieses Tabu benennt und erforscht. Er gehört zu einer seit den 90er-Jahren gewachsenen internationalen Gruppe von Wissenschaftlern, die sich von nationalgeschichtlichen Mustern abgewandt haben, denen Teile der Osmanistik und Türkeiwissenschaft noch bis in die jüngste Zeit verhaftet blieben.

Akçams Werk kommt an dasjenige von Kévorkian an Umfang und Reichtum der Fakten, Personen und Detailanalysen nicht heran; eine detaillierte Gesamtdarstellung vorzulegen ist aber auch nicht sein Anspruch, auch nicht die umfassende Einbeziehung aktueller Sekundärliteratur: Neben Kévorkians Arbeiten fehlen auch neuere deutsche Titel, was damit zusammenhängen mag, dass der Pionier Akçam in den 1990er-Jahren dem akademischen Deutschland den Rücken kehren und in die USA auswandern musste; heute lehrt er an der University of Minnesota.

Genese und Durchführung des Völkermords legt Akçam mit besonderer Berücksichtigung des Comité Union et Progrès, des türkischen Nationalismus und dessen folgenreicher Perzeption des europäischen Imperialismus dar. Wie Kévorkian schöpft er unter anderem aus der reichhaltigen Dokumentation, welche die versuchte, wenn auch gescheiterte juristische Aufarbeitung der Verbrechen nach 1918 hinterlassen hat ("Istanbuler Prozesse").

Akçam vertritt eine moralische Position: Massenmord ist auch dann zu ächten, wenn er scheinbar im höchsten Interesse von Staat und Nation verübt wird. Damit steht der Titel "A Shameful Act" in Verbindung, der ein Diktum Mustafa Kemals aufnimmt. Dass der türkische Nationalismus es verpasst hat, sich zur expliziten Ächtung des Armeniermords im Ersten Weltkrieg durchzuringen, betrachtet Akçam als verheerend für die politische Kultur der türkischen Republik und ihre Menschenrechtsbilanz im ganzen 20. Jahrhundert.

Eine dritte, ebenfalls im Herbst 2006 erschienene umfangreiche Monografie ist diejenige des schwedischen Historikers und Holocaust-Forschers David Gaunt, der am Södertörn University College in Stockholm lehrt. Ihr Hauptgegenstand sind die syrischen Christen in ihrem Siedlungsgebiet in Südostanatolien, insbesondere Diyarbekir, und im Nordiran. Sie basiert auf einer im Team geleisteten Arbeit, die erst seit Kurzem zugängliche Quellen aus dem Militärarchiv in Ankara und Quellen des Innenministeriums im osmanischen Archiv in Istanbul verarbeitet. Konstruktive schwedisch-türkische Diplomatie hat den Zugang zu den Quellen erleichtert.

Mehrere der Militärquellen finden sich transkribiert und übersetzt im Anhang, der zusammen mit instruktiven "Notes on the sources" zwei Fünftel des Buches ausmacht. Diesem geht ein achtzigseitiger Katalog der betroffenen aramäischen Dörfer mit je einer Kurzbeschreibung des Geschehens sowie ein substanzielles Kapitel über die Schlacht von Azakh voraus. Dieses Bergdorf verteidigte sich im Herbst 1915 erfolgreich gegen eine Übermacht osmanischer Truppen. Bezeichnend ist die Falschinformation in einem militärischen Telegramm vom 19. Oktober 1915, das aus den Aramäern Armenier machte und ihre Zahl übertrieb (453); erst ein Telegramm vom 28. November korrigierte den Fehler (491). Der deutsche Offizier Scheubner-Richter weigerte sich, bei der Repression mitzuwirken, die gemäss Envers Befehl "sofort und mit extremer Härte" geschehen sollte. Scheubner-Richter fand, dass es sich um eine "nicht unberechtigte Verteidigung von Menschen handle, die dem Schicksal der meisten Armenier anheim zu fallen fürchteten" (283, 313).

Gaunt nutzt die militärischen und weitere Quellen, darunter deutsche, russische und Interviews mit Überlebenden oder deren Nachfahren. Auf dichter Quellenbasis beschreibt er den expansionistischen osmanischen Feldzug nach Nordiran im Winter 1914/15. Er richtete sich bereits exterminatorisch gegen Christen und wurde für regionale Muslime als "Großer Dschihad" propagiert (63). Aramäer und Armenier suchten daher Hilfe bei Russland und übten in der Reaktion ebenfalls Gewalt gegen muslimische Dörfer aus. "Diese ganze militärisch-politische Sinnlosigkeit [an der osmanischen Ostfront] habe ich nie so deutlich durchschaut wie auf dem Ritt über die halbverwehten Pfade unmittelbar vor der persischen Grenze", schloss Paul Leverkühn, Scheubner-Richters Adjutant (149).

Etwas anders als Kévorkian schließt Gaunt, dass die antiaramäische Politik der Zentralregierung "unartikuliert und konfus" geblieben sei, dass aber die "Provinz- und Lokalregierungen die Aramäer in derselben Weise wie die Armenier zur Zielscheibe nahmen" - ohne die Zentralregierung zu informieren. Es handle sich auch in ihrem Fall um Genozid, aber ohne die umfassende Verschickung (188) und, wie zu ergänzen wäre, ohne die spezifische zweite Phase des armenischen Genozids. In Diyarbekir "sammelten sich die Anstifter zum [syrisch-christlichen] Genozid eher um eine provinzielle denn ministeriale Elite"; in deren Zentrum stand der CUP-Mitbegründer Vali Dr. Reschid, der sich schon bei der Stigmatisierung und Vertreibung griechisch-orthodoxer Osmanen 1913/14 hervorgetan hatte (313). Für den Holocaust-Forscher Gaunt funktionierten Reschids paramilitärische Kräfte "wie die Einsatzgruppen der Nazis, die Massenhinrichtungen unter Beihilfe lokaler Kräfte organisierten" (314).

Dass die Aramäer als nichttürkische, nichtmuslimische Gruppe von Beginn an ein besonders bedrohter Teil im Rahmen einer umfassenden, Kleinasien ethnoreligiös homogenisierenden Umsiedlungspolitik waren, belegt ein Telegramm Talats vom 26. Oktober 1914: "Speziell die Nestorianer im Grenzgebiet zum Iran [...] sollen aus ihren Siedlungsgebieten in geeignete Provinzen wie Ankara und Konya ausgestoßen und dort unter den Muslimen zerstreut werden" (128, 447). Gaunts Arbeit belegt, wie aus Umsiedlungsplänen zu Kriegsbeginn binnen weniger Monate eine exterminatorische Praxis erwuchs. Sie ist ein substanzieller Beitrag zum Verständnis der Genese und des Ablaufs der Genozide an der osmanischen Ostfront.

Quelleneditionen

Ohne die Erschließung und Publikation zahlreicher Quellen wären die großen Fortschritte der jüngsten Forschung nicht möglich geworden. An erster Stelle sei auf die Arbeit von Wolfgang Gust, einem pensionierten Journalisten des "Spiegel", und seiner Frau Sigrid Gust hingewiesen. Er hat der Wissenschaft und darüber hinaus der Ächtung von Genozid und politischer Unkultur einen vortrefflichen Dienst geleistet, indem er umfassend deutsche diplomatische Quellen erschlossen hat, und zwar sowohl im Internet (www.armenocide.de) als im Druck. In der Einleitung zur gedruckten Version, die eine umsichtige Auswahl aus der Internetpublikation darbietet, liefert Gust eine ausführliche Synthetisierung der Ereignisse auf deutscher Quellenbasis. [3]

Man mag gegen die These von der direkten deutschen Mitschuld einiges einwenden; in der Tat präsentiert sich die jungtürkische antichristliche Umsiedlungspolitik ebenso wie die Massakerpolitik als "endogen". Man kommt aber nicht darum herum, über formale Befehlsstränge hinaus den gravierenden Einfluss deutscher Politik und des deutschen Militärs auszuloten: Sie bejahten auf oberster Ebene aus militärischen Gründen Deportationen aus den Ostprovinzen (456) und wagten nicht, sich wirksam entgegenzustemmen, als daraus alsbald eine Ausrottungspolitik wurde, die dem deutschen Botschafter spätestens Anfang Juli 1915 eindeutig bekannt war (185). Die Notiz des Reichskanzlers vom 17. Dezember 1915 spricht eine klare Sprache: "Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht. Bei länger andauerndem Kriege werden wir die Türken noch sehr brauchen" (395).

Ohne das Zusammenwirken mit Deutschland hätte das CUP-Regime seine Ausrottungspolitik so nicht durchführen können. Das deutsch-türkische Kriegsbündnis, das Enver im Juli 1914 aktiv betrieb, verpflichtete das Osmanische Reich frühzeitig zur Kriegsteilnahme, erlaubte die Suspendierung des Reformplans und trug zur Gigantomanie der jugendlichen jungtürkischen Führer bei. Diese waren politisch und strategisch zwar nie Juniorpartner der Deutschen, ideologisch (im Sinne des Sozialdarwinismus) und psychologisch jedoch schon. Die Wirkung des Endsieg besessenen deutschen "Über-Ichs" ist zu bedenken: Es half mit, das verhasste moralische "Über-Ich" der amerikanisch-protestantischen Mission, die Colleges, Spitäler und respektierte Repräsentanten im ganzen Land besaß, zu überspielen. Das Kriegsbündnis des CUP-Regimes mit Deutschland trug dazu bei, den Dialog mit diesen seit Generationen ansässigen zivilen, menschenrechtlich standfesten Akteuren definitiv zu zerstören.

Verkümmerte Individualethik mancher deutscher Offiziere vor Ort manifestierte sich dem Oberlehrer in Aleppo Martin Niepage darin, dass "fatales Stillschweigen oder krampfhaftes Bemühen, das Thema zu wechseln, in ihren Kreisen eintraten, wenn ein lebhaft fühlender Deutscher mit selbständigem Urteil auf das fürchterliche Elend der Armenier zu sprechen kam" (496). "Es ist falsch deutscherseits, wie es von Offizieren geäußert wurde, es komme auf das Leben tausender Armenier nicht an", bemerkte Franz Günther, Generaldirektor des Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft (591). Neben einem solchen Partner verloren die CUP-Eliten die Hemmung, eine eigene Minderheit von Staatsangehörigen auszurotten. Zu diesem Tabubruch wären die wilhelminischen Eliten zweifellos (noch) nicht bereit gewesen. Ihr Versagen, im entscheidenden Moment Einspruch zu erheben, sollte sich als fatal für Deutschland erweisen.

Einblick ins Handeln eines deutschen Offiziers, der, anders als Scheubner-Richter, bei der Gewalt gegen die Armenier lustvoll, unüberlegt und im Stile eines Söldners mittat, gibt Hilmar Kaisers Edition der Briefe Graf Eberhard Wolffkeels von Reichenberg. Dieser war der einzige deutsche Offizier in osmanischer Uniform, teilte jedoch mit anderen, namentlich Envers Freund und Stellvertreter Bronsart von Schellendorf, Antisemitismus und antiarmenischen Rassismus (XV). Er war beteiligt an Operationen gegen armenische Selbstverteidigung in Zeytun, am Musa Dagh und in Urfa. Er durchschaute sehr wohl den antiarmenischen Lug und Betrug, unter anderem ein Telegramm, in dem es über die Situation in Zeytun hieß, "Christen hätten eine Moschee besetzt und angefangen die Moslims zu ermorden" oder einen Offizier, "der sich friedlich und redlich von Erpressung nährte" (45): Grundsätzliche Konsequenzen, zum Beispiel seinen Dienst zu quittieren, zog Wolffskeel daraus nicht, obwohl in Urfa deutschsprachige Missionare und Unternehmer ihm eindringlich die Situation darlegten. Über das spätere Schicksal Wolffskeels und seine Biografie im Allgemeinen liefert die Einleitung des Herausgebers wenig Informationen.

Ein ebenfalls deutsches, aber ganz anderes Dokument ist Harry Stürmers "Zwei Kriegsjahre in Konstantinopel: Skizzen deutsch-jungtürkischer Moral & Politik". Es wurde erstmals 1917 in Lausanne herausgegeben, und auf Englisch im selben Jahr in London. Die englische Ausgabe ist in revidierter Form und mit einer instruktiven Einleitung, ebenfalls von Hilmar Kaiser, neu herausgegeben worden. Stürmers Buch war neben Johannes Lepsius' und Martin Niepages Veröffentlichungen und Karl Liebknechts Anfrage im Reichstag eines der wenigen, starken Zeugnisse deutschen ethischen Widerspruches gegen den Armeniermord.

Stürmer, Korrespondent der Kölnischen Zeitung in Istanbul, brach innerlich mit Deutschland, nachdem seine Frau die Schreie eines in einer Polizeiwache mitten in der Stadt gefolterten Armeniers gehört und einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Schon zuvor hatte er "täglich vom Balkon aus genügend Gelegenheit gehabt, die Gruppen unglücklicher armenischer Deportierter unter Gendarmerieeskorte" zu verfolgen. Stürmer überschätzte den deutschen Einfluss auf die Jungtürken, wie Kaiser richtig betont. Er unterstreicht andererseits, wie hellsichtig Stürmer den Armeniermord als Teil einer türkistischen demografischen und ökonomischen Umgestaltung Anatoliens erkannte. Da ihn der Lobpreis auf diese Türkismuspolitik aus der Feder jüdischer, wie das CUP aus Saloniki stammender Journalisten der Zeitung Hilal empörte, schloss Stürmer fälschlich, die kleine jüdisch-osmanische Gemeinschaft sei insgesamt Profiteurin des Genozids (13 f.).

Erstmals aus dem Familiennachlass herausgegeben und mit einem Kommentar versehen, wiederum von Hilmar Kaiser, wurden die Memoiren des US-Botschafters in Istanbul, Abram Elkus, dem Nachfolger von Henry Morgenthau, 1916/17. Wie dieser, der sich energisch für die Armenier eingesetzt hatte, betrachtete Elkus die jungtürkischen Führer als "strong jingoists. Their ideal was Turkey for Turks and the suppression, if possible, of all other races and nationalities in Turkey" (63). Dies war für den US-Botschafter der Hauptgrund der Massengewalt, die während seiner Amtszeit als zweite Phase des Genozids weiterging: "Turkish officials have now adopted and are executing the unchecked policy of extermination through starvation, exhaustion, and brutality of treatment hardly surpassed even in Turkish history", so Elkus in einem Telegramm vom 17. Oktober 1916 (119).

Elkus unterstützte den Fluss amerikanischer Gelder des von Missionaren getragenen Near East Relief unter anderem nach Aleppo. Von hier brachte ein illegales Netzwerk mit lokalen Helfern, unter Leitung der Schweizerin Beatrice Rohner, Hilfe in die Konzentrationslager. Über den US-Konsul in Aleppo erhielt der Botschafter Informationen aus erster Hand. Mit dem Abbruch der Beziehungen im April 1917 musste Elkus die Koffer packen und, Kaiser zufolge, besonders heikle Teile seines Archivs zerstören (116). Insgesamt geben diese Memoiren einige interessante Einblicke, auch in das unangenehm berührende, nahe Verhältnis des Ehepaars Elkus mit Talat und seinem Intimfreund Cavid; sie brillieren aber nicht durch eine substanzielle Dokumentation oder vertiefte Analysen. Elkus gab mit seiner Antrittsrede, die die "immerdar exzellenten Beziehungen zwischen Osmanischem Reich und den USA" rühmte, ein besonders starkes Beispiel unter vielen von diplomatischer Beschönigung im 20. Jahrhundert (56).

Mit den traumatischen türkisch-amerikanischen Beziehungen der Jahre ab 1915 befasst sich Merrill Peterson, emeritierter Geschichtsprofessor der University of Virginia. Familiäre Reminiszenzen an amerikanische Armenierhilfe - "starving Armenians!" - und die Beschäftigung mit dem Holocaust haben ihn spät an das tief in der amerikanischen Seele eingeprägte, aber jahrzehntelang verschüttete Thema Armenien herangeführt. Er setzt sich damit auf der Basis englischsprachiger Sekundärliteratur sowie der Archivalien der wichtigsten amerikanischen Überseemission auseinander. Diese erkor im frühen 19. Jahrhundert die Bibellande, das heißt die Osmanische Welt, zu ihrem wichtigsten Wirkungsgebiet, und zwar erst hauptsächlich Palästina, dann Kleinasien. Ihre auf zahlreichen Stationen verteilten Mitglieder haben detaillierte Berichte über den Armeniermord verfasst; sie haben miterleben müssen, wie im Ersten Weltkrieg die Träger und Früchte einer privilegierten amerikanisch-armenischen Wahlverwandtschaft seit den 1830er-Jahren brutal zerstört wurden.

Merrills Zusammenfassung des Traumas und der amerikanischen humanitären und politischen Reaktionen auf das Trauma ist lesenswert, zumal zahlreiche Quellenzitate sie lebendig machen. Die Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg stimmt ihn bedenklich: "The Jewish homeland would eventually become the state of Israel, and the historian observing its fate cannot help pausing over the utterly different fate of Armenia" (82); "Great Betrayal" bezeichnet er das amerikanische Vergessen der Armenier, das nach dem Vertrag von Lausanne von 1923 einsetzte. Allerdings analysiert Merrill die Bedeutung Armeniens und Israels in der amerikanischen (Heils-)Geschichte und in ihrem, dank Überseemission und puritanisch-millenaristischem Erbe besonderen Verhältnis zum Nahen Osten nicht. Im letzten Kapitel bringt er instruktive Einblicke in Entstehung und Entwicklung der armenischen Diaspora in den USA, der größten weltweit.

Zeugnisse von Überlebenden wurden jahrzehntelang unter dem Druck der türkischen Leugnungspropaganda als "weiche Quellen" in der Debatte kaum beachtet, obwohl sie ganz unentbehrliche Einblicke in das konkrete Geschehen geben. Einige Manuskripte oder frühere Publikationen sind erst jüngst aus dem Armenischen übersetzt und für ein internationales Publikum veröffentlicht worden. So Vahram Dadrians Tagebuch, das sich vom 11. Mai 1915 - Vahram war damals 15 - bis 26. Juni 1919 erstreckt. Es ist vom literarisch ehrgeizigen Autor danach stilistisch überarbeitet worden; das Original ist nicht mehr greifbar. Dennoch zweifeln Kenner der Verhältnisse nicht an der weitestgehenden Authentizität der Aufzeichnungen.

Vahrams Vater war ein wohlhabender Händler in der Stadt Çorum nordöstlich von Ankara, hatte einflussreiche türkische Freunde und gehörte keiner politischen Partei an (10). Auch er wurde im Mai 1915 verhaftet, kam aber nach drei Wochen frei. Solange man nicht mit Hardlinern konfrontiert war, fungierte Geld als das wichtigste Mittel, um mittels Bestechung Erleichterungen, im besten Fall das Überleben zu sichern. Vahrams Tagebuch zeigt dies mit aller Deutlichkeit für die ganze Zeit der Verfolgung.

In seinem Eintrag vom 19. Juli 1915 realisierten der Jüngling und seine Familie, dass es kein Entkommen gab, dass alle von der Verschickung betroffen waren und dass dies meist den Tod bedeutete (16). Am 29. Juli mussten sie mit den übrigen Armeniern Çorums aufbrechen. Die Route führte zu Fuß und mit Pferdegespannen Richtung Süden nach Tarsus, von dort nach Aleppo. Auf dem ersten Teil der Reise waren sie besonders gefährdet, Massakern zum Opfer zu fallen. Dank des Gouverneurs von Çorum, der den begleitenden Sicherheitskräften den Schutz der Verschickten eingeschärft habe, und dank reichlicher Bestechung, sei es, anders als bei den übrigen Konvois der Region, nicht zum Massenmord gekommen. Dennoch starben manche an Erschöpfung oder bei einzelnen Überfällen. Vielerorts waren die Verschickten dem Hass und den Beschimpfungen von irregulären Truppen oder Teilen der Bevölkerung ausgesetzt.

Entscheidend für das schließliche Überleben der Familie war jedoch, dass sie sich in Aleppo mittels Beziehungen und Bestechung vom Gros der in Norsyrien Todgeweihten absondern und, wie insgesamt 130.000 Armenier, weiter nach Damaskus und darüber hinaus befördern lassen konnte. Dort war das Überleben noch schwierig genug. Der Status mancher glich demjenigen von Sklaven (125). Formal mussten sie zum Islam konvertieren (164 f.). Aber Vahram und seine Familie wurden als Einwohner von Jeresh (heute Nordjordanien) registriert und waren keinem behördlichen Vernichtungswillen mehr ausgesetzt. Vahrams Vater jedoch und viele andere starben an Typhus. Geldüberweisungen eines Freundes in Istanbul halfen dem Rest der Familie, zu überleben. Ebenfalls angeschriebene türkische Freunde in Çorum ließen sie im Stich und rückten das Geld, das ihnen in der Stunde der Not anvertraut worden war, nicht mehr heraus. Einen besonderen Wert gewinnt das Tagebuch dadurch, dass Vahram in Jeresh Erzählungen von Überlebenden gesammelt hat. Verblüffend auch, wie rasch die Informationen flossen: Im Herbst 1916 wussten die Armenier in Jeresh, dass die letzten Überlebenden bei Der Zor massakriert worden waren (166, 170).

Die Erinnerungen (= armenisch "Housher") der 1908 geborenen Euphronia Halebian Meymerian geben Einblick in den Sonderfall eines armenischen Offiziers in der osmanischen Armee und laden zu vorsichtigen Vergleichen mit "Hitler's Jewish Soldiers" [3] ein. Anders als die übrigen Armenier Aintabs (heute Gaziantep), blieb die Familie des Offiziers Setrak Halebian (damals Haleblian) protegiert. Als Textilfachmann war ihm zu Beginn des Krieges angetragen worden, im Rang eines Offiziers eine Uniformfabrik in der Stadt aufzubauen. Das gab ihm 1915 auch die Möglichkeit, einige wenige Armenier durch eine Anstellung zu retten und deportierte Frauen im Haus zu verstecken.

Dennoch wurde die Atmosphäre in der Stadt für die Familie 1916 unerträglich; Offizierskollegen brüsteten sich, dass kein Armenier in Anatolien übriggeblieben und somit die armenische Frage gelöst sei. Setrak solle jetzt auch konvertieren, sich an ihren (türkistischen) Clubtreffen beteiligen und lebenslang dem türkischen Staat dienen. Einladungen zu entsprechenden Versammlungen von Frauen ergingen auch an seine Gattin (10). Anders als bei "halbjüdischen" Soldaten in der Wehrmacht, galt es nicht, einen rassischen Schein ("Deutschblütigkeitserklärung") zu erlangen, sondern - in diesem Fall - sich ethnoreligiös als Türke zu sozialisieren.

Die Halebians entschlossen sich zur Flucht und konnten mit Hilfe eines zuverlässigen türkischen Karawanenführers Ende 1916 in Aleppo untertauchen; hier war die finale Kampagne gegen die Armenier bereits vorüber. Das Buch erzählt die kurze Rückkehr in die Heimatstadt 1919, die erneute Flucht, diesmal in den Libanon und den Kampf der jungen Flüchtlingsfrau Euphronia im Libanon um Bildung und eine selbständige Existenz - ein Kampf auch gegen patriarchalische Bräuche in armenischen Familien. Hilfreich dabei und überhaupt fürs Überleben waren amerikanische Missionarinnen und deren Institutionen, insbesondere die American University of Beyrouth. Früh verwitwet, arbeitete Euphronia Halebian Meymerian dort jahrelang als Lehrerin und emigrierte schließlich in die USA.

Varteres Mikael Garougians (1892-1958) aus dem Armenischen übersetzte, mit Fußnoten und einem Register versehene Autobiografie ist in mehrfacher Hinsicht aussagekräftig: Sie gibt Einblicke in eine armenische Dorffamilie; in die Légion Arménienne, der sich der Autor 1917 anschloss; in das Schicksal der 1919 nach Anatolien zurückgekehrten oder dort verbliebenen Armenier; und in die armenische Diaspora in den USA und das Denken eines Arbeiters, der nach seiner definitiven Emigration 45 Jahre in einer Eisenfabrik in Wisconsin angestellt war. Als begabter Beobachter und Schreiber betätigte sich Varteres früh gelegentlich als Journalist.

Im Vorwort zu seinem zu seinen Lebzeiten nie veröffentlichten armenischen Manuskript schrieb Garougians 1957, er berichte fast vergessene Ereignisse im Blick auf "Tage, die erst noch kommen würden" (XV und nochmals 211). Auch europäische Zeitgenossen gingen schon in der Zwischenkriegszeit davon aus, dass man erst in einer künftigen Epoche, volles Licht auf den Armeniermord werfen werde können; in den 50er-Jahren, zur Zeit des bündnispolitischen Honigmondes von USA und Türkei, lag diese Epoche in utopischer Ferne. Vieles deutet darauf hin, dass sie mit dem Ende des Kalten Kriegs gekommen ist.

Varteres wurde im armenischen Dorf Khoulakyough (Hulaköy) westlich des heutigen Elazig in Ostanatolien geboren. Amerikanische Missionare hatten dort ein College aufgebaut, das der Jüngling gerne besucht hätte. Doch beschloss die Familie seine frühe Heirat. Danach reiste er als Arbeitsmigrant in die USA, um dem Militärdienst zu entgehen, den seit 1908 auch Nichtmuslime zu absolvieren hatten. In der Fremde erfuhr er vom Ausbruch des Weltkriegs. Die antiarmenische Repression habe auch sein Heimatdorf und seine Familie getroffen, seine Frau habe vielleicht während der Verschickung in einem Dorf bei Urfa untertauchen können, berichteten ihm armenische Freunde.

Der junge Mann war schockiert, aber auch von Schuldgefühlen geplagt. Er entschloss sich, in den Kriegsdienst gegen die Türkei einzutreten; er begab sich nach Marseille, um sich der französischen Légion arménienne anzuschließen. Mit ihr gelangte er nach Kilikien und drang bis nach Aintab vor. Dann erhielt er Urlaub, denn er hatte erfahren, dass der Schweizer Spitalleiter Jakob Künzler aus Urfa seine Frau Manan in einem Dorf entdeckt hatte (Varteres spricht ungenau vom deutschen Missionar Mr. Yahkoub, 33). Er traf sie nach langen Jahren der Trennung, reiste aber noch in sein Heimatdorf bei Harput. Dort wurde er verhaftet und schließlich in die Rekrutenschule eingezogen. Er konnte aber schließlich auf sehr unsicheren Wegen via Urfa aus der kemalistischen Türkei fliehen, um in "the Land of Hope" (272), die USA, zurückzukehren.

Dieses Buch verblüfft durch originelle, ideologisch wenig modellierte Beobachtungen und Empfindungen, die sich auf zeitgenössische Briefe und Notizen stützen bzw. diese zitieren. Eindrücklich etwa ist seine Schilderung einer Gerichtsszene in Urfa, in der ein Mädchen aus Khoulakyough, das in Urfa von einem Türken geheiratet und damit gerettet worden war, hartnäckig beteuerte, sie sei Muslimin, habe nichts mit "dreckigen Ungläubigen" zu tun und kenne die anwesenden Bewohner ihres Heimatdorfes nicht (48). Oder ein alter Bekannter in Elazig 1920 im Gespräch über armenisches Verhalten vor 1915: "Auch wir haben uns Schuld zuzuschreiben", sagte er, "es gab viele Dinge, die wir nicht hätten publik machen sollen. Wir hätten zwar schlau wie die Schlangen, aber auch schlicht und einfältig wie Tauben sein sollen" (101). [4]

"Disputed Genocide"

Das Buch von Justin McCarthy, Esat Arslan, Cemalettin Taskiran und Ömer Turan befasst sich mit der Provinz Van, die nördlich bzw. östlich an David Gaunts Untersuchungsgebiet anschließt. Es basiert zur Hauptsache auf britischen Konsularberichten und Dokumenten der osmanischen Armee und Verwaltung. Sporadisch stützt es sich auf weitere Quellen, u. a. amerikanische Missionarsquellen, nicht jedoch auf deutsche Zivil-, Militär- und Missionarsquellen (es gab in Van eine deutsche Mission mit Außenstationen in den Dörfern). Entsprechend der Quellenbasis legt das Autorenteam Wert auf strategische Überlegungen und hält treffend fest, dass Envers expansiver antirussischer Traum zum Debakel bei Sarikamis und damit zu den prekären Verhältnissen an der Ostfront führte. Denn vom militärischen Kräfteverhältnis her hätte eine solide Defensivtaktik beste Erfolgsaussichten gehabt (178, 218).

Allerdings bleibt das Team dieser Grundüberlegung insofern nicht treu, als es die fast zeitgleichen gescheiterten Vorstöße in den Nordiran nicht auch als Verzettelung der Kräfte und Faktor der Prekarisierung und Brutalisierung der Ostfront begreift. Es geht im Gegenteil so weit, der "armenischen Rebellion in Van" eine Mitschuld am Scheitern des Nordiranfeldzugs zu geben, der derselben expansiven Strategie gehorchte (212). Kommandiert wurden die Vorstöße in den Nordiran von Cevdet und Halil, beides Familienangehörige Envers. Die Daschnak hatte auf ihrem Kongress im August 1914 das Ansinnen des CUP, sich guerillamäßig am Ausgreifen nach Osten zu beteiligen, zurückgewiesen. Die türkistische / pantürkistische Wende in der Politik des CUP und ihre Konsequenzen sind für das Autorenteam kein Thema; das daraus resultierende Scheitern armenischer Loyalität gegenüber dem CUP-Regime bleibt unangesprochen.

Im Bezug auf den Daschnak-Kongress zitieren die Autoren ein Militärdokument über "Geheimbeschlüsse" der Daschnak, darunter derjenige, im Kriegsfall "programmierte Operationen hinter der Front" durchzuführen. Leider datieren sie weder an dieser noch an vielen anderen Stellen die herangezogene Quelle. Tatsächlich handelt es sich in diesem Fall um ein schon vielfach, kürzlich auch in einem Militärquellenband abgedrucktes undatiertes Dokument, das vermutlich erst im August 1915, zur Rechtfertigung ex post, verfasst wurde. [5] Solche Quellen als "bloße Berichterstattung", ihre Terminologie als "kühl und technisch" und die ganze Quellengattung daher als besonders vertrauenswürdig zu bezeichnen (201), klingt naiv. Anders als die Autoren in derselben Passage meinen, war tatsächlich die versuchte Vergewaltigung einer Armenierin der Auslöser zum offenen Kampf in Van: Es geschah am 20. April 1915 vor dem deutschen Waisenhaus, und es handelte sich um eine ehemalige Schülerin der deutschen Missionarin Käte Ehrhold. Deren Bericht figuriert nicht in dieser Studie.

Das Buch will die These einer lange vorbereiteten allgemeinen "armenischen Rebellion" vom Beispiel Van her beweisen. Der Begriff der "armenischen Rebellion" wird durchgehend und inflationär gebraucht. Damit suggerieren die Autoren, der Vernichtung der Armenier Kleinasiens sei ihre landesweite Erhebung vorausgegangen. Diese Suggestion schließt an zeitgenössische CUP-Propaganda an. Viele glaubwürdige Zeugnisse, auch Quellen im erwähnten Militärquellenband, stehen ihr entgegen.

Die Provinz Van war als Grenzregion indes ein Sonderfall. Bewaffnete armenische Kräfte, namentlich der Daschnak, waren hier gut organisiert und agierten grenzüberschreitend, manchmal mit russischer Unterstützung. Dennoch lässt sich selbst für Van nicht von einem systematisch vorbereiteten Aufstand sprechen: Bewaffneter Kampf war in Van eine Option für unsichere Zeiten und den Fall, dass man wieder einmal zwischen die Fronten geriet. Er war in Van so gut vorbereitet wie nirgends sonst. Überdies bildeten die Armenier in Teilen der Provinz und in der Stadt die Mehrheit, nicht jedoch insgesamt. Dass sich armenische Dörfer in den Jahren vor dem Weltkrieg mit offenem jungtürkisch-armenischen Einverständnis bewaffneten, um Überfällen räuberischer Stämme nicht schutzlos ausgeliefert zu sein (184, 210), widerspricht deutlich der These der Autoren vom konspirativen bewaffneten Separatismus seit Ende des 19. Jahrhunderts.

Zu bewaffnetem armenischen Widerstand wäre es 1915 nicht gekommen, wenn die Ostfront nicht prekär geworden wäre, wenn die antiarmenische Politik nicht landesweit dramatisch zugenommen hätte und Cevdet nicht "brutal und illegal" (200) gegen die Armenier Vans vorgegangen wäre. Armenische Waffen hätten insbesondere unter den Bedingungen einer Umsetzung des Reformplans geschwiegen. Diesen Plan karikieren die Autoren in CUP-Tradition übrigens als internationales Komplott für eine schließliche russische Annexion und bemühen dafür den Vergleich mit dem Libanon (148). Der Vergleich spräche jedoch für die international ausgehandelte Lösung: Das Autonomiestatut von 1861 bescherte dem Libanon einen bis 1914 währenden "langen Frieden" (Engin Akarli).

Die Separatismusthese, das Pauschalbild einer "rebellischen Minderheit" (48, 264) und die starre Komplotttheorie in diesem Buch zu verwerfen, bedeutet nicht, die Politik der Van-Armenier rundum gut zu heißen. Es gilt aber dezidiert klar zu stellen, dass eine große Mehrheit sowohl im armenischen Volk als auch in der Elite echte Reform, Sicherheit für Leben und Eigentum und Rechtssicherheit innerhalb des osmanischen Rahmens vor allem anderen anstrebte. Die zahlreichen armenischen Beamten im Dienste des osmanischen Staates, auch in Van (269-72) belegen primär dies. Zweifellos war die dominante Daschnak, wie das CUP, von sozialdarwinistischem und elitärem Denken infiziert; sie konnte jedoch, anders als das CUP, keinen staatlichen Machtapparat gegen eigene Bürger kehren. Wegen dieser grundlegenden Asymmetrie ist McCarthys alte Rede von "intercommunal warfare" (233), die er auf ganz Anatolien bezieht, falsch. Nur in Frontregionen, wo russische Protektion mitspielte, ist sie angemessen.

Nach erfolgreichem Kampf gegen Cevdets Kräfte in Van und deren Abzug ließen sich die Armenier zahlreiche Schandtaten gegen die wehrlose muslimische Bevölkerung zuschulde kommen. So sehr es die Spuren türkischer Staatsideologie trägt, gehört es zu den Stärken dieses Buches, der muslimischen Bevölkerung und ihrem Leid in Ansätzen eine Stimme zu geben: etwa im retrospektiven Zeugnis eines einstmaligen Dorfjungen (247-251). Dass muslimische Opfer keine humanitäre Hilfe aus dem Ausland bekommen hätten (247), trifft jedoch nicht zu: Missionare in Van und an vielen anderen Stationen, namentlich in Urfa, schlossen sie von ihrer Hilfe keineswegs aus. Doch blieb humanitäre Hilfe, auch für die Armenier, ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Das Buch von Guenter Lewy, einem emeritierten Politologen und Holocaustforscher an der University of Massachusetts-Amherst, befasst sich mit den "Armeniermassakern in der osmanischen Türkei", wie der Haupttitel lautet. Lewy war fasziniert, wie er schreibt, einem Detektiv gleich den Argumenten und Belegen einer hoch brisanten und zerklüfteten Historiografie nachzugehen (xi). Sein Buch ist auf weite Strecken ein quellenkritisches Resümee der Sekundärliteratur und publizierter Dokumente in westlichen Sprachen. Neben dieser für sich selbst und seine Leser vorgenommenen "Klärung" (xii) ist seine "Schlüsselfrage" (245) diejenige nach dem Vorsatz ("premeditation") für die Armeniermassaker. Seine Ambition liegt darin, eine "alternative Erklärung" (252) zu liefern, jenseits "der armenischen" und "der türkischen Position".

Lewy gliedert sein Buch in vier Teile: Ein erster einführender über Vorgeschichte und Kontext des Themas; ein zweiter, betitelt als "Two rival historiographies", über Kernargumente der jeweiligen Positionen; ein dritter und längster enthält Lewys Resümee wichtigster Ereignisse und eine Quellendiskussion; am Schluss steht seine "alternative Erklärung". Darauf folgt noch ein Epilog zum Thema "Politisierung der Geschichte"; er spricht die armenische Bemühung um Anerkennung, geschichtspolitischen türkischen Druck auf höchster diplomatischer Ebene in Israel und den USA sowie die Frage nach der Zukunft der türkisch-armenischen Beziehungen an.

Lewy arbeitet zielbewusst, auf breiter Literaturbasis und, so scheint es, akribisch. Und doch stimmt einiges nicht. Kévorkian hat er an zwei verschiedenen Stellen ganz falsch verstanden: Kévorkian spricht weder von insgesamt 870.000 armenischen Deportierten noch von insgesamt 630.000 Todesopfern, wie Lewy vorgibt (236, 240) sondern von "ca. 870.000" vorläufig Überlebenden der Deportation, "die sich in Syrien 'wieder angesiedelt' vorfanden", von denen in den Wüstenlagern "ca. 630.000, davon 200.000 massakriert in den Gegenden von Rasulayn und Der Zor," gestorben seien (Revue d'Histoire Arménienne Contemporaine 1998, 14, 61). Ärgerlich, dass dieses falsche Zitat des renommierten Forschers bereits Eingang in ein englischsprachiges Interview der türkischen Zeitung Zaman gefunden hat (24.4.2006).

Auch Christian Gerlachs Artikel "Nationsbildung im Krieg" zitiert Lewy nicht zutreffend. Gerlach weist darin darauf hin, dass gewisse Befunde sich "mit dem Bilde eines straff zentral gesteuerten Vernichtungsprogramms kaum vereinbaren" ließen. [6] Bei Lewy erscheint dies so, als würde Gerlach die Vorstellung einer vom Zentrum ausgehenden Vernichtungspolitik zurückweisen (248). Tatsächlich lässt Gerlach in seinem Artikel keinen Zweifel an jungtürkischer Vernichtungspolitik im Rahmen eines, wie er es nennt, "Massenraubmords" an den Armeniern. Ronald Suny, Hilmar Kaiser und Donald Bloxham zitiert Lewy als Kritiker intentionalistischer Muster im Sinne Vahakn Dadrians (249). Er sagt aber nicht, dass alle drei die "tragischen Ereignisse von 1915-16", wie Lewy sie oft benennt, als Genozid verstehen und ihm daher widersprechen, was seine Schlüsselfrage nach Vorsatz und Regierungsverantwortung betrifft.

Lewy peilt explizit die These an, man könne "die Schuld der Zentralregierung der Türkei für die Massaker von 1915-16" nicht belegen. Zwar gäbe es im Falle des Holocausts auch keinen schriftlichen Befehl, doch könne hier der Entscheidungsprozess aus "Aussagen vor Gerichten" und "reichhaltigen authentischen Dokumenten" belegt werden (250). Die These von der Unschuld der Zentralregierung leitet Lewys "alternative Erklärung": Er schiebt die Verantwortung auf lokale Killer, vor allem Kurden, ab; das Verhungernlassen in den behördlichen Lagern in Nordsyrien legt er als Resultat allgemeinen Mangels aus.

In einem etwas widersprüchlichen Schlusssatz schwächt er seine These ab, wenn er sagt, die Regierung trage "Verantwortung für die schlimm aus dem Ruder gelaufenen Deportationen, die Schuld an den Massakern jedoch, die stattfanden, müsse jenen angelastet werden, die wirklich töteten" (257). Sein Satz freilich "it is impossible to prove conclusively that the young Turk regime did not initiate a program of deliberate genocide in the spring 1915", der in der "Search inside"-Version bei Amazon noch erscheint (256), wurde offenbar im letzten Moment vor der Drucklegung gestrichen.

Die These Lewys ist inkohärent. Sie geht von einer unrealistisch naiven CUP-Zentralregierung aus, die wohlmeinend, aber überfordert, kurzsichtig und in Panik gewesen sei. So belesen Lewy ist, spiegelt sein Buch zudem in mancher Hinsicht noch die Diskussionslandschaft der 70er- und 80er-Jahre. Damals ließ sich ansatzweise von einer historiografischen Dichotomie zwischen armenischer und türkischer Position sprechen. Seither ist eine breite wissenschaftliche Produktion jenseits solcher Positionen und jenseits nationalistischer Rückbindungen entstanden, die den Armeniermord als Zusammenspiel zentraler und lokaler Kräfte und einen Prozess kumulativer Radikalisierung vor dem Hintergrund langfristiger ideologischer Optionen zu beschreiben weiß.

Lewy geht bewusst nicht auf den Genozidbegriff ein (xii), obwohl der Untertitel seines Buches "a disputed genocide" lautet; er gehorcht aber implizit einer Vorstellung von Genozid im Sinne von intentionalistisch verstandenem Holocaust; vor diesem Hintergrund ist seine Kernfrage nach "premeditation" zu verstehen. Raphael Lemkin erwähnt er nicht. Wie in seinem Werk über den Zigeunermord (The Nazi persecution of the gypsies, Oxford 2000) tendiert er dazu, den Begriff Genozid entgegen Lemkin und der etablierten Begrifflichkeit exklusiv für den Holocaust zu reservieren. Man kann Lewy aber zugute halten, dass er Exzesse türkischer Leugnungstradition wie auch die These vom Bürgerkrieg (252) zurückweist und durchblicken lässt, dass die bisherige Erinnerungspolitik der Türkei die Würde der armenischen Opfer und ihrer Nachfahren schwer verletzt habe.

Sahin A. Söylemezoglu ist, wie aus den ersten Seiten seines Buches hervorgeht, ein seit 1965 in Deutschland lebender türkischer Staatsangehöriger und passionierter Amateurhistoriker. Er versteht sein Buch, von dem die türkische Botschaft in Berlin "einige tausend Exemplare gekauft hat", als Materialsammlung und Beitrag zur Diskussion und erbittet explizit Kritik. In seinen Kommentaren nimmt er nicht nur Stellung gegen die "Völkermord-These", sondern möchte zu erkennen geben, wie "diese Tragödie [von 1915] planmäßig herbeigeführt" (11 f.), ja dass "das ganze Blutbad von armenischen Terrororganisationen gezielt vorbereitet wurde" (248 f.).

Söylemezoglus zentrales, auch auf dem Umschlag und in der Einleitung angesprochenes Dokument ist ein Brief des Amerikaners Cyrus Hamlin (42-44). Hamlin war 1839 als Missionar ins Osmanische Reich gegangen und hatte 1860 in Istanbul das Robert College gegründet (aus dem die heutige Elite-Universität Bogazici hervorgegangen ist). Er war 1876 in die USA zurückgekehrt, aber in enger Verbindung mit der Türkeimission geblieben und äußerte sich vielfach öffentlich über osmanische Probleme. So in der Zeitung "The Congregationalist" am 23. Dezember 1893, wo er unter dem Titel "A dangerous movement among the Armenians" die revolutionäre armenisch-sozialistische Partei Huntschak scharf angriff, die 1887 im Genfer Exil gegründet worden war.

Hamlin stand mit seiner Kritik im Einklang mit den amerikanischen Missionaren in der Türkei, die zwar die revolutionäre Gewalt verurteilten und mit radikalen Studenten darüber hitzige Debatten führten, aber zugleich die Missstände in den Ostprovinzen anprangerten und Seite an Seite mit den osmanischen Armeniern auf international abgestützte Reformen pochten. Wegen dieser Haltung rügte übrigens Mavroyeni, der osmanische Gesandte in Washington, Hamlin in einem Bericht vom Mai 1894.

In der Tat war die revolutionäre Gewalt, die die Huntschak propagierte, skandalös nicht nur, weil sie die Ermordung armenischer und nichtarmenischer Repräsentanten vorsah, die ihr im Wege standen, sondern zugleich auch, als Folge ihrer Aktionen, staatliche Repression und muslimische Gewaltakte gegen die armenische Bevölkerung bewusst provozieren wollte. Diese wiederum sollten, so das "entsetzliche und diabolische" (Hamlin) Kalkül, die Großmächte, insbesondere Russland zum Handeln bewegen, nachdem die im Vertrag von Berlin 1878 von der osmanischen Regierung gegebenen Reformversprechen toter Buchstabe geblieben waren. Als einzige armenische Partei strebte die Huntschak ein unabhängiges Armenien an. Dieses sollte multiethnisch und sozialistisch sein. Die Huntschak verlor indes nach 1896 viel Einfluss zugunsten der Daschnak, die für Reformen im osmanischen Rahmen eintrat und diese im Bündnis mit dem CUP durchsetzen wollte.

Söylemezoglu begeht zwei gravierende Fehler: Er überträgt verallgemeinernd eine auf die hamidische Ära und die Huntschak der 1890er-Jahre gemünzte berechtige Aussage auf das Jahr 1915 (diese Fehlübertragung findet sich im Ansatz auch im Buch von McCarthys Team); und er pickt Hamlins Text aus dem bedeutenden Corpus von Dokumenten amerikanischer Missionare heraus. Der Tenor dieser amerikanischen Quellen ist jedoch Söylemezoglus Interpreation diametral entgegengesetzt, sowohl im Hinblick auf die großen antiarmenischen Pogrome von 1895/96 als auch auf die Zerstörung der ganzen Gemeinschaft 1915. Ähnlich pickt er aus Wolfgangs Gusts Befunden nur die Feststellung heraus, Lepsius habe deutsche diplomatische Dokumente gefälscht (249), ohne die davon nicht betroffene Hauptaussage dieser Dokumente anzusprechen: Dass "die Regierung tatsächlich den Zweck verfolgt, die armenische Rasse im türkischen Reiche zu vernichten", wie Botschafter Wangenheim bereits am 7. Juli 1915 gegenüber dem Reichskanzler zusammenfasste.

Man kann Söylemezoglus Bemühen, positive Aspekte christlich-muslimischer und armenisch-türkischer Koexistenz in der osmanischen Welt herauszustellen, und sei es mit einem Sammelsurium verschiedensten Materials, im Hinblick auf die Herausforderungen der Gegenwart nur begrüßen. Doch fehlt dem amateurhistorischen Ansatz die bitter notwendige Glaubwürdigkeit: Vor lauter Splittern im Auge der Anderen bleibt der schwarze Balken, bleiben die Verantwortung des Staates gegenüber seinen armenischen Angehörigen, ja die elementarsten Fakten der armenischen "Tragödie von 1915" - die Massaker und das Zugrundegehenlassen in der syrischen Wüste -, ausgeblendet.

These und Thema des Deutschtürken und freien Publizisten Cem Özgönül ist, wie bereits im Titel seines Buchs ersichtlich, "der von Lepsius geschaffene Mythos eines Völkermordes" (64). In den ersten beiden Kapiteln geht er auf Lepsius' Biografie und "die Genozidthese" ein, das dritte und Hauptkapitel, das fast die Hälfte des Buches umfasst, setzt sich mit "Lepsius-Manipulationen" deutscher Dokumente auseinander; das vierte Kapitel sucht die deutsch-osmanische Beziehung im makrogeschichtlichen Kontext zu verstehen; das "Zwischenfazit" (der Autor plant einen weiteren Band), und damit das Buch, endet mit dem Satz, man habe es "mit einem Mythos eines Völkermordes zu tun, der zugleich einen Rufmord an der Würde einer ganzen Nation darstellt" (311).

Was Quellenerschließung und vor allem was die hier relevante Arbeit des Vergleichs der Originalquellen mit den von Johannes Lepsius 1919 publizierten betrifft, baut Özgönül weitestgehend auf dem auf, was Wolfgang und Sigrid Gust geleistet und im Internet (www.armenocide.de) publiziert haben; das gilt auch für relevante Informationen zu Lepsius' Biografie und seiner Tätigkeit als Nachrichtenmann in Holland 1917. Özgönül zieht zudem die Mikrofilme des Nachlasses von Ernst Jäckh an der Yale University sowie einige Sekundärliteratur auf Deutsch, Englisch und Türkisch hinzu. Auf dieser Basis setzt er sich mit Johannes Lepsius, den deutsch-türkischen Beziehungen und dem Ende des Osmanischen Reiches auseinander. Lepsius misst er dabei eine entscheidende Rolle als Produzent und Verbreiter von "literarischen Abbildungen" dieser zentralen Periode zu.

Özgönül sucht Lepsius als Dokumentenfälscher und international agierenden, ein "engmaschiges proarmenisches Propagandanetzwerk" anleitenden "Strippenzieher" darzustellen. Im Bemühen, Lepsius' frontübergreifendes Netzwerk kräftig zu (über-)zeichnen, fließt etwa die Falschinformation ein, ein Mitarbeiter im Lepsius-Hilfswerk in Urfa, ein Basler Arzt, habe zuvor in britischen Diensten gestanden (82). Oder die vollmundige Fehlbehauptung, es gebe, vor dem Hintergrund globaler Agitation von Lepsius, "keine voneinander unabhängigen Primärquellen" über den Armeniermord (101).

Vor allem aber scheint Özgönül einen wichtigen Befund aus Gusts Forschung, der seiner These entgegensteht, übersehen zu haben: Nahezu alle Kürzungen, Auslassungen oder Änderungen in den Dokumenten hatte bereits das Auswärtige Amt vorgenommen, das Lepsius die Kopien der Dokumente aushändigte; für seine Quellenedition arbeitete Lepsius nur mit Kopien. Nichts davon stellt jedoch den Haupttenor der deutschen Dokumente in Frage: eine zwischen Hilflosigkeit, Empörung und Zynismus schillernde deutsche Haltung gegenüber der faktisch ablaufenden, durch die Dokumente bezeugten Vernichtungspolitik.

Özgönül zieht immerhin deutsche Primärquellen heran und bemüht sich um einen demonstrativ hinterfragenden Zugang. Und er bringt rhetorische Begabung mit. Es geht in der Tat um viel: eine in mancher Hinsicht noch unbewältigte, fürs heutige deutsch-türkische Zusammenleben jedoch bedeutsame deutsch-osmanisch-armenische Vergangenheit. Die weltgeschichtliche Überlegung etwa, was geworden wäre, wenn Deutschland, Frankreich und England nach den Balkankriegen gemeinsam die unabdingbaren Reformen in den armenisch-kurdischen Ostprovinzen gefördert hätten, weist zutreffend auf ein gravierendes internationales Verantwortungsdefizit hin (264). Es hätte in der Tat konstruktive Alternativen noch kurz vor der Katastrophe gegeben.

Die Führungsverantwortung der CUP-Regierung, ob sie nun reagierte oder aktiv handelte mindert Özgönül unzulässig ab. Denn obwohl er den herausragenden Forscher über die jungtürkische Bewegung, Sükrü Hanioglu, in seiner Bibliografie aufführt, ignoriert er Hanioglus Befund, dass führende Männer im CUP-Zentralkomitee schon früh alles andere als "Egalitaristen" (50) und der "Tradition des Osmanismus", das heißt gemeinosmanischer Koexistenz, zugewandt (228), sondern primär Türkisten waren; die Balkankriege und das zunehmende Misstrauen innerhalb des Staatensystems bestärkten die CUP-Führung in ihrem Sozialdarwinismus und ihrer Entschlossenheit, Kleinasien zu türkisieren.

Halbwahrheiten des nationalistischen Geschichtsdiskurses, die mit Ängsten und Ressentiments der vielfach vom Balkan stammenden CUP-Akteure zusammenhängen, bleiben daher unkritisch stehen: die "Tatsache", dass Russland mit dem Reformversuch von 1913/14 nach der balkanischen nun auch die kleinasiatische Türkei zerschlagen wollte (72); die Erzählung vom allgemeinen armenischen Aufstand und Bürgerkrieg ab 1914; schließlich die Rede von der "Stunde Null", der Republikgründung 1923 (303). Dazu kommen notorische Zahlenmanipulationen (174).

Daher kann der Versuch des jungen Deutschtürken nicht ins Freie führen, sondern er endet in der Sackgasse des Nationalismus: Anstatt universaler Opfer- und Menschenwürde wird am Schluss durch angebliche Komplotte verletzter türkischer Nationalstolz aufs Podest gehoben; anstatt ans Wahrheitsethos wird ans "hohe Offizierethos" so fragwürdiger Gestalten des deutschen Weltkriegsmilitarismus wie Bronsart von Schellendorf und Hans Humann appelliert (310). Anstatt von der historisch verbürgten, staatlich zu verantwortenden Vernichtung der Armenier Kleinasiens ist von einem rufmörderischen Mythos die Rede.

Gerne möchte ich Cem Özgönül für die Fortsetzung seiner Arbeit einen substanziellen Umbruch, einen Satz über Tabuschwellen, den Mut zu einer wirklichen Opferperspektive wünschen. Im vorliegenden Buch schießt sich Özgönül stattdessen auf die verzerrte Negativfigur Lepsius ein. Dieser habe ein weltweites antitürkisches Komplott namens Genozidmythos initiiert, unter anderem weil er als Philarmenier den Bruch des deutsch-osmanischen Kriegsbündnisses und einen Separatfrieden mit England verfolgt habe (309).

Die "Genozidthese" sei sowieso "Teil eines revanchistischen Konzeptes" (54). Das passt zwar zur kemalistischen Meistererzählung, die Lausanne als "alles überstrahlende Referenz, den Dreh- und Angelpunkt zur Konstituierung einer modernen türkischen Identität" gegenüber lauter Feinden kultiviert (303). Um der vorausgehenden Gründungsetappe des Nationalstaats und den die Türkei heute bedrängenden historischen Fragen, auf den Grund zu gehen, reicht dies nicht.

Schwieriges deutsches Erinnern

Auch Annette Schaefgen befasst sich in ihrem Buch mit deutsch-türkischer Geschichte im Fokus des Armeniermords. Es ist die Frucht einer Dissertation, die sie am Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin bei Wolfgang Benz geschrieben hat. Sie weist einleitend auf Lemkins Herausarbeitung des Begriffes "Genozid" aus seinen Studien über Juden- und Armeniermorde hin und hält sich an den internationalen Forschungsstand, wenn sie schreibt: "Die Kriterien der UN-Völkermordkonvention treffen auf den Völkermord an den Armeniern zu, rückwirkend ist die Konvention jedoch nicht anzuwenden" (9 f.).

Zuerst resümiert Schaefgen den historischen Sachverhalt und die Rezeption des Armeniermords in Deutschland bis 1945 auf Grund der Sekundärliteratur, danach setzt sie sich im Hauptteil der Arbeit mit der Rezeption des Völkermords in der Bundesrepublik auseinander. Am Schluss hält sie fest: "Bis zum Jahr 2005 war auf politischer Seite eine Kontinuität der Passivität und des Ausblendens zu konstatieren: Erst in diesem Jahr hat das Parlament das Thema aufgrund eigener Initiative behandelt" (173). Sie hebt wenig überraschend hervor, dass "die türkischen Interessen in einem erheblichen Ausmaß" an dieser Verzögerung schuld waren. Primär aus sicherheitspolitischen Motiven war die Bundesrepublik seit der türkischen NATO-Mitgliedschaft gehalten, eine protürkische, von massiver Entwicklungshilfe begleitete Politik zu betreiben (62-65). Ein unkritisch verbindendes und gerne benutztes Element dieser Beziehung war die "unvergessene Waffenbrüderschaft" (66).

Schaefgen fördert in ihrem Hauptteil die diplomatische Doppelzüngigkeit sowie ungute Redeweisen zu Tage. Im Reisebericht des Botschafters Wilhelm Haas wurde 1955 "die Ausrottung der Armenier" mit dem Hinweis auf die "Tragik des Vernichtungskampfes als ein geschichtlich unvermeidliches Geschehen" bezeichnet (59). Haas' Nachfolger Fritz Oellers ließ 1957 im Stile der Ära vor 1945 verlauten: "Von den Türken restlos gelöst wurde die Armenier-Frage" (61).

Auf diesem Hintergrund und bei einer wachsenden Arbeiterdiaspora aus der Türkei, ohne begleitende Geschichtsarbeit, war Deutschland in den 1980er-Jahren schlecht vorbereitet, eine offene öffentliche Auseinandersetzung zu führen. Der Journalist Ralph Giordano brachte 1986 im WDR erstmals eine Fernsehdokumentation über den Armeniermord, die den Titel "Die armenische Frage existiert nicht mehr" trug (so ein von der deutschen Botschaft festgehaltenes Zitat Talats). Giordano wurde von deutschtürkischer Seite massiv bedroht und beschimpft. Diplomatischer Druck und organisierte Leugnung machten sich mehrmals aggressiv bemerkbar, wenn Konferenzen oder bescheidene Denkmäler zur Erinnerung an 1915 auf die Tagesordnung kamen.

Der Mitte der 80er-Jahre ausgetragene Historikerstreit um die Einzigartigkeit der Judenvernichtung war ebenfalls nicht dazu angelegt, der schwierigen deutsch-türkisch-armenischen Vergangenheit gerecht zu werden. So waren für einen der Kontrahenten, Eberhard Jäckel, die Armeniermassaker "nach allem, was wir wissen, eher von Morden begleitete Deportationen als geplanter Völkermord" (103). Das Argument von der Einzigartigkeit wurde fortan von türkischen Organisationen und der türkischen Diplomatie im Einklang mit israelischer Politik und deren Lobbygruppen dafür missbraucht, dem Armeniermord jeglichen Genozidcharakter abzusprechen (92 und 103 f.).

Giordanos Film blieb nach der Erstaustrahlung 1986, die eine Welle deutschtürkischer Proteste ausgelöst hatte, bis 2005 beim WDR, der zeitweilig sogar die Existenz des Streifens bestritt, unter striktem Verschluss (95 f.). Bei manchen Politikern herrschte Opportunismus vor. Am schlimmsten jedoch war, dass "dissidente" Deutschtürken, die - wie Taner Akçam oder Elcin Kürsat-Ahlers - von der nationaltürkischen Linie abwichen, nicht dezidiert vor Bedrohung und diffamierenden Artikeln in der europäischen türkischen Presse geschützt wurden oder werden konnten (120). Die prominentesten, wirksamsten deutschen Stimmen für die Ächtung des Armeniermordes blieben, neben Lepsius, bis zur Jahrhundertwende die literarischen von Armin Wegener, Franz Werfel und Edgard Hilsenrath. Werfels Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" von 1933 und Hilsenraths Roman "Das Märchen vom letzten Gedanken" von 1989 widmet Schaefgen ein eigenes kürzeres Kapitel.

Die eingangs angesprochene Veränderung der internationalen Politik-, Medien- und Forschungslandschaft seit den 90er-Jahren hat sich schließlich auch in Deutschland ausgewirkt. Erstmals 2002 tauchte der armenische Völkermord auf einem schulischen Lehrplan auf. Als er alsbald auf türkischen Druck hin klamm heimlich wieder gestrichen wurde, geriet der "feige wie servile Akt der Selbstzensur" - so eine Tageszeitung - Anfang 2005 an die große Glocke (138). Nun, zum 90. Jahrstag von 1915, war ein Damm gebrochen. Lange nach der am 11. Januar 1916 buchstäblich niedergebrüllten Anfrage Karl Liebknechts im Deutschen Reichstag, die Aufschluss über die Ausrottung der Armenier forderte, nahm sich das deutsche Parlament erstmals doch noch des Themas an. In einmütigem Kontrast zu 1916 sprachen nun die Abgeordneten von Verbrechen, Vertreibung, Vernichtung und deutscher Mitverantwortung, mieden aber in der Resolution vom 16. Juni 2005 aus Rücksicht auf die Türkei den Begriff Völkermord.

Annette Schaefgen hat eine wichtige Arbeit zu einem bis vor wenigen Jahren noch verdrängten Thema deutsch-türkischer Geschichte vorgelegt. Einige wenige Korrekturen seien noch angebracht: Der Beliner Kongress 1878 versprach den Armeniern der Ostprovinzen keinerlei Autonomie, nur Sicherheit (17); Genf war nicht das (einzige) Zentrum proarmenischer Hilfe in der Schweiz (19); Henry Riggs war amerikanischer Missionar, nicht Diplomat (33); die Begriffe "armenierrein" und "Endlösung" wurden schon von deutschen Zeitgenossen, wenn auch selten, gebraucht (167). Über den radikal gewandelten Scheubner-Richter, sein Verhältnis zum jungen Hitler (51) und dessen explizite Angst, ohne "Lösung der Judenfrage" würde "das deutsche Volk" "wie die Armenier" werden, gibt es nun eine neuere Forschungsarbeit von Mike Joseph. [7]

Jörg Berlins und Adrian Klenners "Darstellung und Dokumente" (so im Untertitel) sind explizit didaktisch ausgerichtet. Das Buch beginnt mit einem historischen Überblick über die Geschichte des osmanisch-armenischen Siedlungsgebietes, der sorgfältig auf der Basis aktueller Sekundärliteratur und publizierter Quellen erarbeitet ist. Darauf folgt eine reiche Auswahl an Quellen, die alle, soweit fremdsprachig, ins Deutsche übersetzt sind. Die Übersicht gliedert sich nach prägnanten Fragestellungen und geht auch speziell auf die Frage deutscher Mitverantwortung ein. Für die Autoren "sind im Hinblick auf eine Mitverantwortung deutscher Offiziere noch bedrückende Forschungsergebnisse zu befürchten" (65). Anders als der Buchtitel "Völkermord oder Vertreibung?" suggeriert, lassen sie keinen Zweifel offen, dass ersteres zutrifft. Ein Manko des Überblicks ist der fehlende Nachweis von Zitaten.

Dieses Buch ist die reichhaltigste einschlägige Handreichung für Schulen, aber auch für einführende Übungen an Universitäten. Tücken seien nicht verschwiegen: Lehrende brauchen viel Vorwissen, um zum Beispiel das Dokument 16, worin die Pariser Huntschak-Zentrale 1914 zum Kampf gegen das Osmanische Reich aufruft (91), mit der Information zu relativieren, dass die osmanischen Huntschak-Komitees 1914 eine ganz andere Haltung deklarierten. Ferner ist in der Legende zu Abbildung 15 im Kartenanhang, beides aus einer Publikation von 1989 entnommen, von Armenierprogomen, "ausgeführt von den kurdischen Hamidijetruppen, 1894-96" die Rede: Kurdische Hamidiye waren indes längst nicht die einzigen Täter, wie namentlich Jelle Verheijs Studie herausgearbeitet hat. [8] Der Hinweis auf schwer vermeidbare Tücken tut diesem nützlichen und empfehlenswerten Band indes keinen Abbruch.

Ein weiteres klares Zeichen dafür, dass der Armeniergenozid - und mit ihm eine mit Deutschland und Europa verknüpfte spätosmanische Welt - im deutschsprachigen Wissenschafts- und Bildungsbetrieb schließlich Eingang gefunden hat, ist Boris Barths handliches Übersichtswerk über Völkermord im 20. Jahrhundert. Barths durchdachtes, anregendes Werk ist in fünf Teile gegliedert. Ein erster befasst sich mit Genozid im Hinblick auf Fragen der Definition, des Völkerrechts und der historischen Herleitung. Der zweite Teil resümiert drei "Fälle von eindeutigem Völkermord", so den Armeniermord im Ersten Weltkrieg, den Judenmord im Zweiten Weltkrieg sowie Ruanda 1994; der dritte Teil "Fälle mit Genozidverdacht", darunter solche in Deutsch-Südwestafrika und unter dem stalinistischen Regime. Der vierte Teil geht der Frage nach dem Zusammenhang von "Gesellschaftsstruktur und Genozid" nach, der fünfte der Frage nach einer möglichen Früherkennung entstehender Genozide.

Man mag, gerade als Historiker, Barths strengen, eng gefassten Begriff von Genozid befürworten, auch wenn sich damit eine Schere zum juristischen Begriff auftut: Im Einklang mit der UN-Genozidkonvention beschränkt er sich auf eindeutig ethnoreligiöse Opfergruppen und schließt damit die Verbrechen des Kommunismus aus. Er setzt jedoch einen umfassenderen Vernichtungswillen voraus, als die UN-Definition es tut, wobei er Genozid als Staatsverbrechen auffasst (40).

Es gibt gute Gründe, Genozid als modernes Phänomen auf die einschlägigen Verbrechen des 20. Jahrhunderts einzuschränken. Barth betont zu Recht den tiefen Zivilisationsbruch des Ersten Weltkriegs und seine verheerende Langzeitwirkung (189 f.). Dennoch spricht die Genoziddefinition klar dafür, einen umfangreichen Massenmord wie denjenigen an der Bevölkerung der Vendée während der Französischen Revolution auch als Genozid zu betrachten. Die exklusive Anwendung auf die Zeit nach 1914 widerspricht auch dem Gebrauch von Raphael Lemkin, dem Schöpfer des Begriffes. Zur Frage von Lemkins Denkweg (76) wäre die Heranziehung seiner Autobiografie wünschenswert gewesen. [9]

Genozid weiterhin als "Verbrechen aller Verbrechen" (48) und "supreme crime" (43) zu begreifen, wie das viele Autoren tun, historisiert die zeitbedingte Exklusionslogik nationalistischer Akteure nicht ausreichend. Ein schlagendes Beispiel dafür sind die "Euthanasie"-Morde ab 1939, die keineswegs der Genoziddefinition entsprechen, aber eine wichtige Etappe auch auf dem Weg zur Judenvernichtung darstellen (111). "Die wichtigste Lektion aus der Ausrottung der europäischen Juden" besteht daher kaum darin, "weitere Genozide", sondern weitere Menschheitsverbrechen und deren Voraussetzungen zu verhindern (61). Zweifellos sind noch unheimlichere Menschheitsverbrechen als solche an ethnoreligiös beziehungsweise rassisch definierten Opfergruppen denkbar, vielleicht auch historisch greifbar.

Tragender Begriff dafür kann nicht Genozid, sondern muss der universalere Begriff Crime contre l'humanité oder crime de lèse-humanité sein: Letzterer Begriff wurde vom russisch-jüdischen Juristen der russischen Botschaft in Istanbul und Mitautoren des Reformplans André Mandelstam auf den Armeniermord angewandt, lange bevor ihn 1946 ein polnischer Ankläger benutzte (9). Ganz am Ende weist Barth dann mit Bezug auf eine Äußerung des International Criminal Tribunal for Rwanda darauf hin, dass "zwischen Völkermord und crimes against humanity keine Normenhierarchie bestünde" (209).

Vielleicht wird eine künftige Generation Genozid unter eine universale Kategorie von Glaubens- oder Religionsverbrechen einordnen und damit zur Geltung bringen, dass radikale Akteure, religiös beziehungsweise ideologisch motiviert, an das Gebot von Zerstörung und Massenmord zur Schaffung einer neuen, "bereinigten" Gesellschaft glaubten. Mit Bezug auf den Befehl an die Hebräer in Numeri 31, alle Midianiter, Männer, Frauen und Kinder zu töten, um in Kanaan eine neue, Tora-konforme Gesellschaft aufbauen zu können, schrieb Yehuda Bauer: "If that story is not a 'divine' justification for genocide, I don't know what it is". [9] Das steht im Widerspruch zu Barths Aussage, vor dem 20. Jahrhundert sei "in keinem Fall eine unbedingte, gezielte und ideologische Vernichtungsabsicht nachweisbar" (31). Auch die Nazis "waren nicht in der Lage, Juden rassisch zu identifizieren, und mussten auf die Religion zurückgreifen", hält Boris Barth indes treffend fest (185 f.). Im langen Schatten des nach 1914 eingetretenen "Moratoriums der Bergpredigt" (Tucholsky) kombinierte der Wahn der Nazis Rassenerwählungstheorie mit religiöser Kategorisierung. Das mosaische Projekt jedoch hatte lange zuvor in eine Entwicklung gemündet, die die eigene Geschichte und ihre Schatten radikal zu hinterfragen wusste. Damit stempelte es jegliche künftige analoge Wiederholung von ethnoreligiöser "Säuberung" zum Verbrechen.

Seit dem Ende des Kalten Krieges, der in der Türkei avant la lettre schon 1919 begonnen hat, beginnt die internationale Gemeinschaft und die transnationale Forschungsgemeinde die Vernichtung der Armenier Kleinasiens von 1915/16 in diesem Sinn und gemäß der Neuformulierung Raphael Lemkins zu verstehen. Die hier vorgestellten Bücher belegen die Intensität der Auseinandersetzung, die im Gange ist, und den Willen, wie bei Boris Barth, sie endlich vollgültig ins Geschichtsverständnis des 20. Jahrhunderts zu integrieren. Die Auseinandersetzung ist bei den meisten Autoren mit der festen Hoffnung verbunden, dass die kritische Ausleuchtung türkisch-armenisch-europäischer Geschichte, so anstrengend und schmerzlich sie ist, zu konstruktiven Beziehungen beitragen wird.


Anmerkungen:

[1] Vgl. meine Besprechung von beidem in: Neue Politische Literatur 2 (2005).

[2] Bryan Mark Rigg: Hitler's Jewish soldiers.The untold story of Nazi racial laws and men of Jewish descent in the German military, Kansas 2002 (deutsche Ausgabe, Paderborn 2003).

[3] Vgl. meine Besprechung in: Neue Politische Literatur 2 (2005).

[4] Unter anderem mag hier allzu vorwitzige Kritik an deutsch-osmanischer Kriegspropaganda 1914/15 gemeint sein; vgl. Jakob Künzler: Im Landes des Blutes und der Tränen, Zürich 2004, 32 und 37.

[5] Vgl. meine Besprechung des Militärquellenbands Arsiv Belgeleriyle Ermeni Faaliyetleri 1914-1918, Ankara 2005, in: Neue Politische Literatur 2 (2005).

[6] Gerlach, in: H. Kieser / D. Schaller: Der Völkermord an den Armeniern und die Shoah, Zürich 2002, 358.

[7] Mike Joseph, in: Kieser / Plozza: Der Völkermord an den Armeniern, die Türkei und Europa, Zürich 2006, 147-165.

[8] Die armenischen Massaker von 1894-1896. Anatomie und Hintergründe einer Krise, in: H. Kieser (Hg.): Die armenische Frage und die Schweiz (1896-1923), Zürich 1999, 69-129.

[9] Teilweise veröffentlicht in Totten / Jacobs (Hg.): Pioneers of Genocide Studies, New Brunswick 2002.

[9] Yehuda Bauer, in: Rethinking the Holocaust, New Haven 2001, 41.

Alle Übersetzungen fremdsprachiger Zitate stammen vom Rezensenten.

Hans-Lukas Kieser