Rezension über:

Tilman Struve: Salierzeit im Wandel. Zur Geschichte Heinrichs IV. und des Investiturstreites, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2006, X + 435 S., ISBN 978-3-412-08206-2, EUR 49,90
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Rezension von:
Bernd Schütte
Halle/S.
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Bernd Schütte: Rezension von: Tilman Struve: Salierzeit im Wandel. Zur Geschichte Heinrichs IV. und des Investiturstreites, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 2 [15.02.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/02/11856.html


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Tilman Struve: Salierzeit im Wandel

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Das Jahr 2006 stand aus mediävistischer Sicht trotz der Magdeburger und Berliner Großausstellung, die sich von den Zeiten Ottos des Großen an dem 1806 untergegangenen alten Reich widmete, ganz im Schatten Kaiser Heinrichs IV. Die neunhundertste Wiederkehr von Heinrichs Todestag am 7. August bot den Anlass für zahlreiche wissenschaftliche Bemühungen, die nicht nur den Kaiser, sondern auch die gesamte spätsalische Zeit in den Blick nahmen. Zu erinnern ist zum Beispiel an die Heinrich-Biografie von Gerd Althoff, das Canossa-Buch von Stefan Weinfurter sowie die Paderborner Ausstellung mit ihren begleitenden Publikationen. [1]

Rechtzeitig zum Gedenkjahr erschien auch das hier vorzustellende Buch aus der Feder des Kölner Mediävisten Tilman Struve, der wegen seiner langen Tätigkeit an den Regesten Heinrichs IV. zu den besten Kennern der Zeit des vorletzten Saliers zählt. [2] Anders als Althoff und Weinfurter bietet Struve aber keine Monografie, sondern eine Aufsatzsammlung: Vereint sind zwölf den Fachleuten wohlvertraute Beiträge aus den Jahren 1982 bis 2002, von denen drei in bekannten Sammelwerken und neun in weitverbreiteten Zeitschriften erschienen sind. Die Aufsätze wurden sämtlich neu gesetzt und drucktechnisch vereinheitlicht, doch finden sich die Anmerkungen nunmehr geschlossen am Ende (241-417), was die Benutzbarkeit des Buches nicht gerade erhöht.

Abgesehen vom Vorwort (IX f.) erläutert Struve sein Anliegen und den Aufbau seiner Sammlung ausführlich in der Einleitung ("Das salische Königtum zwischen Anfechtung und Behauptung", 1-11). Daraus geht hervor, dass sich die Arbeiten gerade wegen ihrer Beschäftigung mit Heinrich IV. und der Zeit des Investiturstreites zumindest in der Rückschau leicht vereinen und unter inhaltlichen sowie sachlichen Gesichtspunkten zusammenstellen ließen. Davon zeugen vor allem die übergeordneten, allerdings nur im Inhaltsverzeichnis erscheinenden Zwischenüberschriften, die "Geschichtsschreibung als Seismograph" (12-34), "Die Dynastie der Salier" (35-83), "Die Gegenspieler" (84-144), "Die Anhänger" (145-199), "Angriff und Verteidigung" (200-226) sowie "Zeitdiagnose" (227-240) lauten. In diesem Zusammenhang wurden auch die einzelnen Aufsätze mit neuen Titeln versehen, doch hat Struve bewusst auf eine wissenschaftliche Aktualisierung verzichtet. Stattdessen finden sich am Schluss (420-423) Hinweise auf neuere Editionen und Literatur, die noch nicht beziehungsweise nicht durchgängig benutzt werden konnten.

Die Sammlung wird durch zwei allgemein gehaltene Beiträge, die sich den Themen "Das 11. Jahrhundert als Wendezeit. Aspekte des Epochenwandels" (12-34; erstmals 1992) und "Endzeiterwartungen. Das Erlebnis des Investiturstreites als Krise und Aufbruch" (227-240; erstmals 2002) widmen, geschickt gerahmt. Dazwischen befinden sich die folgenden Spezialstudien: "Herrscherurkunden als Medium dynastischer Propaganda. Die Interventionen des Thronerben in den Diplomen Heinrichs III." (35-56; erstmals 1982), "Die Briefe der Kaiserin Agnes als Zeitdokument. Sorge um den Bestand salischer Herrschaft" (57-66; erstmals 1984), "Der planvolle Rückzug der Kaiserin aus der Reichsregierung. Die Romreise des Jahres 1065" (67-83; erstmals 1985), "Rudolf von Schwaben. Der Gegenkönig in der zeitgenössischen Wahrnehmung" (84-95; erstmals 1991), "Gregor VII. Das Aufeinandertreffen der Exponenten von kirchlichem Reformgedanken und theokratischem Königtum" (96-116; erstmals 1991), "Mathilde von Tuszien-Canossa. Von der Vermittlerin zur unermüdlichen Vorkämpferin des Reformpapsttums in Reichsitalien" (117-144; erstmals 1995), "Die städtischen Kommunen Oberitaliens. Das salische Königtum als Förderer städtischer Freiheit in Lucca, Pisa und Mantua" (145-176; erstmals 1997), "Die Interessengemeinschaft von Königtum und Bischöfen. Milo von Padua" (177-199; erstmals 1996), "Päpstliche Sanktionen gegen Heinrich IV. Die Diskussion um die Berechtigung zur Eideslösung" (200-212; erstmals 1989), und "Strategien zur Konsolidierung salischer Herrschaft. Die Rückbesinnung auf die antiken Grundlagen des Kaisertums" (213-226; erstmals 1988).

Unter dem Strich ist Struve zwar kein Werk aus einem Guss gelungen, aber eine sinnfällige Verbindung problemorientierter Studien geglückt, die in zentrale Bereiche der späteren Salierzeit und insbesondere der Regierungszeit Heinrichs IV. führen. Daraus entsteht kein geschlossenes Bild der Epoche wie bei Weinfurter oder gar eine Art Biografie wie bei Althoff, doch illustrieren die Aufsätze beispielhaft sowohl die Auseinandersetzungen als auch den tief greifenden Wandel einer bewegten Epoche. Das Buch wird durch ein Register (426-435) erschlossen.


Anmerkungen:

[1] Gerd Althoff: Heinrich IV., Darmstadt 2006; s. hierzu die Rezension von Bernd Schütte, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 12 [15.12.2006], URL: http://www.sehepunkte.de/2006/12/10694.html; Stefan Weinfurter: Canossa. Die Entzauberung der Welt, München 2006; Christoph Stiegemann / Matthias Wemhoff (Hg.): Canossa 1077. Erschütterung der Welt. Geschichte, Kunst und Kultur am Aufgang der Romanik, Bd. 1: Essays, Bd. 2: Katalog, München 2006.

[2] Bislang erschien J. F. Böhmer: Regesta Imperii 3. Salisches Haus: 1024-1125. Zweiter Teil: 1056-1125. Dritte Abteilung: Die Regesten des Kaiserreiches unter Heinrich IV. 1056 (1050) - 1106. 1. Lieferung: 1056 (1050) - 1065, neubearbeitet von Tilman Struve, Köln / Wien 1984.

Bernd Schütte