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Rezension von:
Heiko Droste
Kassel
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Heiko Droste: Neue Bücher zur schwedischen Geschichte der Frühen Neuzeit (Rezension), in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 2 [15.02.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/02/10721.html


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Neue Bücher zur schwedischen Geschichte der Frühen Neuzeit

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Seit knapp 20 Jahren erscheint in Schweden eine stetig wachsende Zahl von populärwissenschaftlichen Geschichtsbüchern. Sie werden mehrheitlich von Universitätshistorikern geschrieben. Am Beginn dieser Entwicklung stand der gewaltige Erfolg des Erstlings von Peter Englund, damals Doktorand an der Universität Uppsala. In seinem Buch "Poltava. Erzählung über den Untergang einer Armee" [1] schilderte Englund in mikrohistorischer Perspektive die Ereignisse im Umfeld der für die schwedische Armee vernichtenden Niederlage bei Poltava im Jahr 1709 aus Sicht eines Beteiligten. Englund hat mittlerweile neun, meist sehr erfolgreiche Bücher sowie zahlreiche Aufsätze und Essays vorgelegt. Sie behandeln bevorzugt Themen der schwedischen Großmachtzeit (1611-1718). Hinzu treten Essays zur Geschichte des 20. Jahrhunderts. Er ist deutschen Lesern durch das Buch "Die Verwüstung Deutschlands" [2] bekannt.

Im Jahr 2002 wurde Englund von der schwedischen Akademie zum Nachfolger des verstorbenen Historikers Erik Lönnroth berufen. Aus Anlass seines Eintritts in die Akademie hielt deren Direktor eine Rede, in der er besonders Englunds Erzählfreude und sein tiefes Engagement für die Schicksale Einzelner hervorhob. "[Englunds] Art, Geschichte lebendig zu machen, werde sowohl von der Akademie als auch der breiten Bevölkerung geschätzt, die sich davon engagieren lassen." [3] Die Akademie kooptierte somit nicht nur den bekanntesten Historiker Schwedens, sondern auch einen Vertreter der Zunft, der sich ausdrücklich für die Popularisierung wissenschaftlicher Forschungen sowie einen gesellschaftlichen Auftrag des Historikers ausgesprochen hatte.

Bei Englund trat neben dieses gesellschaftliche Engagement allerdings noch ein zweites Moment, das für dieses Genre prägend geworden ist: die Unzufriedenheit mit den Arbeiten selbst ernannter Historiker. Sie zielen in Konkurrenz zu, regelmäßig auch in deutlicher Abneigung gegenüber Universitätshistorikern auf denselben Leserkreis. Für diese Art der populärwissenschaftlichen Darstellungen steht in Schweden der Name Herman Lindqvist. Lindqvist veröffentlichte über rund zehn Jahre eine neunbändige Geschichte Schwedens (mehr als 5.000 Seiten stark), die bis heute sehr erfolgreich ist, bei der akademischen Zunft allerdings meistenteils auf deutliche Ablehnung stieß. [4] Letztere bemängelte ein antiquiertes Geschichtsbild sowie den wahllosen Umgang mit Quellen. Dahinter steht der von Historikern gern kritisierte Mangel an Handwerk sowie die Unkenntnis der Forschungsdiskussion; dieser Vorwurf wurde auch von Englund erhoben.

Obwohl nicht alle Fachhistoriker diese Kritik teilen, ist die Bedeutung dieser Diskussion nicht zu überschätzen, weil sie ein Nachdenken über die Sprache der Historiker auslöste. Gibt es eine Art populären Schreibens, mit deren Hilfe neuere Forschungsrichtungen in der universitären Geschichtswissenschaft auch für den gebildeten Laien verständlich gemacht werden können? Zu Englunds besten Arbeiten zählen jedenfalls seine Essays, die genau diesen Anspruch erfüllen. [5] Mittlerweile verzichten nur noch wenige Fachhistoriker darauf, für den historisch interessierten Laien zu schreiben. Bei vielen universitären Stellenausschreibungen wird ausdrücklich nach diesen "popularisierenden" Bemühungen gefragt. Das führt zu einer erstaunlich umfangreichen Produktion von Geschichtsbüchern in schwedischer Sprache. Sie werden über den Buchhandel und mehrere explizit historisch ausgerichtete Buchclubs vertrieben.

Im Folgenden sollen fünf Neuerscheinungen der letzten Jahre präsentiert werden. Sie sind alle von akademischen Historikern geschrieben und zielen auf ein breites Publikum. Die Auswahl versucht, die Vielfalt des Buchmarkts abzubilden.

1) Das neueste Buch von Peter Englund "Die Silbermaske - eine kurze Biographie über Königin Christina" ist im Auftrag der schwedischen Akademie entstanden. Englund stellt das Leben Christinas dar, durchbricht allerdings von Beginn an die chronologische Form. Er richtet sich damit an Leser, die die Biografie Christinas zumindest in wesentlichen Zügen bereits kennen. Vor demselben Hintergrund ist sein expliziter Verzicht auf die "Illusion" großer wissenschaftlicher Fortschritte zu sehen. Er beruft sich vielmehr auf die breite Forschung zu Christina, in der im Wesentlichen alle zur Verfügung stehenden Quellen bearbeitet worden seien.

Englund arbeitet vielmehr an einer neuen Deutung dieser Biografie, die er in 83 kurzen Kapiteln ausführt. Diese bieten in aller Regel eher miniaturenhafte Erzählungen einzelner Ereignisse aus Christinas Leben. Beispielsweise setzt das Buch mit einer Theateraufführung in Rom ein, andere Kapitel beschreiben Reisen, Briefe, Gespräche. Die großen Themen der Konversion oder Abdankung werden zwar angesprochen, treten allerdings in den Hintergrund. Das ist angesichts der widersprüchlichen Forschungslage durchaus angemessen.

Vereinzelte erklärende Fußnoten und eine kurze Literaturliste machen deutlich, dass Englund tendenziell Literatur schreiben will, dass er wie in seinen früheren Büchern popularisieren und engagieren will. Die Person der Königin tritt dabei zugunsten von Schilderungen des Hoflebens wie der barocken Kultur teilweise zurück, ein Verfahren, das die Lesbarkeit entscheidend befördert. So entsteht eine gut geschriebene Deutung der Königin, die darüber hinaus einen klaren Gegenwartsbezug sucht.

Damit sind freilich auch die Grenzen dieser Biografie benannt. Alle früheren Biografien haben hinlänglich demonstriert, dass moderne Maßstäbe der Königin nicht gerecht werden. Christina war den Zeitgenossen ein Wunder, das von Englund durch teilweise brilliant geschriebene historische Miniaturen eingekreist wird. Mit den gesellschaftspolitischen Vorstellungen Englunds ist die Königin wie die höfische Gesellschaft ihrer Zeit freilich nicht überzeugend zu beschreiben.

2) "Signums schwedische Kulturgeschichte: Großmachtzeit" ist von der Anlage her am ehesten mit einer akademischen Studie vergleichbar. Der Anstoß zu dieser voluminösen schwedischen Kulturgeschichte, von der bisher vier Bände vom Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert erschienen sind [6], ging dabei vom Verlag selbst aus. Der annoncierte Zeitplan sieht vor, dass pro Jahr zwei Bände erscheinen sollen. Der verantwortliche Herausgeber Jakob Christensson führt seine Autoren dabei an einer kurzen Leine. Sie haben maximal ein Jahr Zeit, ihnen zugewiesene Themen aufzuarbeiten. Diese Themen sind mit Blick auf die Vergleichbarkeit in allen Bänden ähnlich angelegt und gelten der politischen Kultur, der gelehrten Kultur, Fragen von Recht und Moral, Kommunikation und Presse, Kirche und Glauben, Verwandtschaft, Mensch und Natur usw. Auch wenn manches Kapitel von der Anlage fragwürdig sein mag (so werden Einwanderer und Samen zusammengefasst, was angesichts der forcierten Schwedisierung der Samen bis ins 20. Jahrhundert hinein zumindest gedankenlos ist), sind die Autoren doch in aller Regel ausgewiesene Experten für ihr Gebiet.

Schon der einführende, fast 90-seitige Abriss zur politischen Kultur vom finnischen Historiker Nils-Erik Villstrand ist sehr gelungen und auf hohem Niveau geschrieben. Er bietet eine Zusammenfassung der neuesten Forschungsergebnisse zur schwedischen Großmachtzeit, noch immer eines der zentralen Forschungsfelder an den Universitäten. Diesen Anspruch lösen die meisten anderen Autoren ebenfalls ein, deren Artikel allerdings wesentlich kürzer sind. Das Buch kann letztlich kein geschlossenes Bild der Epoche formulieren. Dafür sind die Interessen der Autoren zu verschieden. Dennoch überzeugt die Konzeption in ihrem Bemühen, diesen Mangel nach Möglichkeit zu vermeiden. Eine große Zahl von Endnoten und eine reiche Literaturliste machen das Buch für den gebildeten Leser wie für den Studenten gleichermaßen wertvoll.

Der Stil ist wie in allen hier besprochenen Büchern flüssig und zieht das historische Beispiel meist der systematisierenden Darstellung vor. Das erhöht die Anschaulichkeit und entspricht einer im Wesentlichen eher untheoretischen Wissenschaftskultur. Im Ergebnis liegt ein rundum gelungenes Buch vor, an dem allenfalls die zuweilen ungenügenden Bildreproduktionen unangenehm auffallen.

3) Das nach wie vor beliebteste Genre der schwedischen Historiografie ist die Biografie. Praktisch alle Regenten der Frühen Neuzeit wie auch einzelne Mitglieder des Hochadels sind in den vergangenen Jahren in meist dicken Monografien beschrieben worden. Dieser Befund ist umso bemerkenswerter, als dieser Trend fast bruchlos auf einen umfassenden Mangel an Biografien in den vorangegangenen Jahrzehnten folgte. Den Autoren bietet sich somit ein weites Feld, wobei sie sich meist eindeutig von den Arbeiten der positivistischen Historiker des 19. und frühen 20. Jahrhunderts distanzieren.

Ein Beispiel für dieses neue Interesse ist das Buch von Lars-Olof Larsson über "das Erbe Gustav Wasas", die Herrschaft seiner vier Söhne Erik, Johan, Magnus und Karl. Das Buch ist der dritte Teil einer Serie von Biografien, die mit den Königen der Unionszeit (1397-1523) einsetzte und mit dem Band über "Gustav Wasa (1496-1560). Landesvater oder Tyrann" fortgesetzt wurde. [7] Larsson ist seit Jahrzehnten ausgewiesener Kenner der Epoche, wie an vielen Stellen deutlich wird. Das Buch bietet zwar keine Fußnoten, aber viel Zitate, eine reich kommentierte Bibliografie sowie Personen- und Ortsregister.

Larsson orientiert sich in seiner Darstellung weitgehend an der Chronologie der Ereignisse. Die einzelnen Söhne stehen dabei in der Forschung für gewisse Themen. Bei Erik XIV. geht es um seine gewaltsame Herrschaft, vergebliche Heiratsprojekte, zunehmende geistige Umnachtung wie den Sturz durch seine Brüder. Johan III. leitete über seine Ehe mit einer polnischen Prinzessin eine Re-Katholisierung ein, die letztlich von seinem Bruder Karl IX. brutal beendet wurde. Karl usurpierte den Thron auf Kosten seines Neffen Sigismund. Magnus starb in frühen Jahren. Die Wasasöhne stehen in der schwedischen Forschung somit für Bürgerkrieg und konfessionelle Streitigkeiten. Larsson stellt diese Entwicklung ohne falsches Pathos und mit analytischer Schärfe dar. Dabei macht es ihm offensichtlich Freude, feste Glaubensgrundsätze der älteren Forschung zu widerlegen. Zudem blickt er weit über das rein Biografische hinaus. Er bietet dem gebildeten Leser somit ein überzeugendes neues Bild und den Kollegen Anregungen für eine notwendige Neubewertung dieser Epoche.

4) Der Sammelband "Die Gegenstände der Forschung. Dreißig Forscher zu den Möglichkeiten kulturhistorischer Museumsmaterialien" thematisiert Museumsgegenstände und ihren Wert für die Forschung bzw. die historische Erkenntnis. Dies geschieht in 30 reich illustrierten Artikeln von 5 bis 15 Seiten Länge. Neben grundsätzlichen Einträgen zu Gen- und Samenbanken oder Amateurfotografien dominieren eher spezifische Artikel zu Konservendosen, dem Pferd Gustavs II. Adolf oder zu Liebesbriefen aus Sanatorien. Das Ziel ist, am konkreten Gegenstand und unter Rückgriff auf wissenschaftliche Literatur (auch theoretischer Art) exemplarisch aufzuzeigen, welche Geschichten in den Gegenständen quasi gebunden sind und welche Erkenntnisse daraus gezogen werden können. Die einzelnen Artikel sind dabei durchaus kritisch gegenüber der Institution Museum, so wenn Maria Sjöberg dem führenden kulturhistorischen Museum Schwedens, dem Nordiska Museet, vorhält, dass es praktisch keinerlei Gegenstände habe, die die kriegerische Epoche Schwedens thematisierten: "Warum ist die Kulturgeschichte friedlich?"

Die Autoren sind meistenteils für ihr Thema durch frühere Arbeiten ausgewiesen. Bei der Frage des Leserkreises zeigt sich allerdings eine gewisse Unentschiedenheit der Herausgeber. Vom selbst formulierten Anspruch zielt der Band eher auf ein studentisches Publikum, das an die Forschung herangeführt werden soll. Die reich bebilderte Gestaltung, die durchweg gut lesbare Erzählform wie auch die Vielfalt der Themen machen es allerdings auch für den historisch interessierten Laien zugänglich. Darüber hinaus sind die einzelnen Artikel als wissenschaftliche Einführungen etwas kurz geraten. Das Buch gehört somit in den auch in Schweden reich mit Literatur bestückten Museums-Shop.

5) Auch das Buch über die "älteste Zeitung der Welt: Die Post- och Inrikestidning" wird von den Herausgebern deutlich als Auftragswerk der schwedischen Akademie kenntlich gemacht. Die Zeitung befindet sich seit über 200 Jahren in deren Besitz. Die Autoren betonen jedoch, dass seitens der Akademie keine Auflagen zu ihrem Inhalt gemacht worden seien. Die Freiheit der Forschung ist in Schweden selbst in populärwissenschaftlichen Arbeiten zum Thema geworden, nicht zuletzt, weil der Staat mit seinen Institutionen (zu denen trotz formaler Unhängigkeit sicher auch die Akademie zu zählen ist) einen für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich großen Einfluss auf Forschung und Lehre hat. Geschichtsschreibung gegen die Interessen der Mächtigen - und das sind in Schweden seit Langem demokratisch gewählte Regierungen - das hat in Schweden noch immer einen guten Klang.

Das Buch stellt die Geschichte der ältesten Post-Zeitung von ihren Anfängen im Jahr 1645 bis zur Gegenwart dar. Da sie bis in das 18. Jahrhundert hinein die einzige schwedische Zeitung war, ist die Darstellung über weite Strecken mit einer Zeitungsgeschichte Schwedens gleichzusetzen. Sie basiert auf einer fünfbändigen Zeitungsgeschichte Schwedens, die erst vor wenigen Jahren erschienen ist und im Wesentlichen von denselben Autoren verfasst wurde. [8] Der wissenschaftliche Apparat ist folglich auf kurze Kommentare mit weiterführender Literatur begrenzt, die am Ende eingefügt sind. Die Gestaltung ist prächtig und verweist auf das weite Feld der Coffee Table-Bücher. Sie sind trotz eines vergleichsweise hohen Preises sehr beliebt. Eine opulente Beschreibung der Feld- und Seeschlachten Schwedens etwa ging direkt in die zweite Auflage. [9]

Ziel der Darstellung ist, die Entwicklung von Zeitungswesen und Journalismus als Spiegelbild der Gesellschaft insgesamt deutlich zu machen. Dazu werden viele lange Zitate und Abbildungen in den Text eingebunden, die die Darstellung sehr anschaulich machen.

Der Band verweist allerdings auch auf zwei grundsätzliche Probleme der populärwissenschaftlichen Literatur. Zum einen ist der enge Bezug auf die national-schwedische Sichtweise hier wie in anderen Bänden auffallend. Die älteste Zeitung der Welt hatte lange Zeit keine einheimischen Konkurrenten. Dennoch ist die schwedische Zeitungsgeschichte ohne Bezug auf ausländische Zeitungen, die in großer Zahl gelesen wurden und bis heute in Stockholm überliefert sind, kaum verständlich. Diese Tatsache fand schon im fünfbändigen Vorgängerwerk keine rechte Würdigung.

Die populärwissenschaftliche schwedische Historiografie ist noch stärker als die akademische Forschung auf schwedische Themen und Diskussionen beschränkt. Selbst die Fachblätter sind zumeist rein schwedischsprachig. Die schwedische Forschung findet international daher wenig Resonanz. Zudem zieht die Beschränkung auf die schwedische Kultur für die Frühe Neuzeit oft den Verzicht auf die baltischen und deutschen Provinzen, zuweilen gar die finnische Geschichte, die bis 1809 integraler Bestandteil der schwedischen Geschichte war, nach sich. Dieses "eigentliche Schweden" ist aber nicht nur wesentlich kleiner als die Großmacht Schweden; es ist kulturell auch ärmer, da der finnische, der baltische wie der deutsche Einfluss an den Rand gedrängt werden.

Schwerwiegender für die Würdigung der populärwissenschaftlichen Literatur ist zum anderen, dass diese Werke erklärtermaßen keine neuen Forschungsergebnisse bieten wollen - der Begriff der Popularisierung zielt auf eine Übersetzungsleistung. Die Autoren müssen sich also in aller Regel entscheiden, ob sie forschen oder popularisieren wollen. Bereits das erwähnte Handbuch zur Pressegeschichte arbeitete streckenweise nur den Forschungsstand des frühen 20. Jahrhunderts auf. Zugleich band das Werk auf Jahre hinaus die Forschungsleistung praktisch aller Zeitungshistoriker.

Das führt langfristig zu einer Schwächung der wissenschaftlichen Forschung, die aufgrund der geringen Zahl Historischer Institute ohnehin überschaubar ist. Wichtige Impulse gingen lange Zeit von den Dissertationen aus. Deren Gewicht wurde durch eine 1999 eingeführte Reform der Forscherausbildung im Anspruch allerdings begrenzt; die tendenziell kürzeren Arbeiten unterliegen zudem nicht länger einer Publikationspflicht. Die populärwissenschaftlichen Werke können die Forschung in aller Regel nicht vorantreiben. Die in großer Zahl erscheinenden Besprechungen dieser Werke sind meist unkritisch und finden selten den Weg in die Fachjournale. In der Tagespresse werden hingegen auch unergiebige Arbeiten schnell als bahnbrechend und gedankenreich gewürdigt.

Der gebildete Leser in Schweden ist über die fachwissenschaftlichen Ergebnisse und Diskussionen trotz allem vermutlich wesentlich besser informiert als sein deutsches Pendant, mit Sicherheit gilt dies für den Bereich der frühneuzeitlichen Geschichte. In Schweden werden neue Dissertationen regelmäßig in der Tagespresse vorgestellt; einige dieser Dissertationen werden sogar in die Programme der erwähnten Buchclubs aufgenommen. Dabei ist freilich anzumerken, dass der Typus der hoch spezialisierten Studie deutschen Zuschnitts in Schweden auf wenig Verständnis stößt. Auch in den wissenschaftlichen Qualifikationsarbeiten gibt es das deutliche Bemühen um große Themen in langer zeitlicher Perspektive.

Insgesamt gibt es kein eindeutiges Urteil zu dieser Form der Literatur. Die Frage der Legitimierung der akademischen Forschung über das Mittel der Popularisierung ist nicht gering zu gewichten. Historiker haben etwas zu sagen, auch jenseits platter Aktualisierungen. Die Fremdheit der vormodernen Gesellschaften findet offenkundig das Interesse der Allgemeinheit, wie der Erfolg historischer Museen ausweist. Insbesondere die Form der mikrohistorischen Darstellung bietet Möglichkeiten, mittels der detaillierten Schilderung eines Gegenstandes auch methodische und theoretische Fragen zu transportieren. Das heißt, die Komplexität des Forschungsprozesses wird auch einem nichtakademischen Publikum vermittelbar. In Schweden wie auch in Deutschland wird das "Schwierige" der Forschung oft zu bereitwillig auf Kosten der Anschaulichkeit vermieden. Das aber sollte eine Forderung an die Popularisierung sein. Die vorgelegten Arbeiten werden dem Anspruch mehrheitlich gerecht. Das ist eine andere Art des Forschens wie des Schreibens, eine andere Wissenschaftskultur, die sich eindeutig am angloamerikanischen Bildungssystem orientiert. Sie legt großen Wert auf eine stilistisch ausgefeilte Darstellung - ganz sicher kein Nachteil. Und sie ist sich stärker als die deutsche Historiografie bewusst, dass das Schreiben von und über Geschichte ein diskursiver Prozess ist, der aus der und für die Gesellschaft geschieht.


Anmerkungen:

[1] Peter Englund: Poltava. Berättelsen om en armés undergång, Stockholm 1988 (viele Auflagen). (Alle Übersetzungen ins Deutsche durch den Rezensenten.)

[2] Peter Englund: Die Verwüstung Deutschlands. Eine Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, Stuttgart 1998. Das Original erschien 1993 unter dem Titel "Ofredsår" und ist der erste Teil einer auf drei Bände angelegten "Biographie" des Festungsbaumeisters Erik Dahlbergh.

[3] Rede unter URL [02.01.2007]: http://www.svenskaakademien.se/litiuminformation/site/page.asp?Page=1&Inc Page=941&Destination=5.

[4] Herman Lindqvist: Historien om Sverige, Stockholm 1992-2000, 9 Bände, die jeweils in zwei Auflagen erschienen sind und im Moment vom Verlag erneut als Sammelbox angekündigt werden.

[5] Peter Englund: Förflutenhetens landskap. Historiska essäer, Stockholm 1991.

[6] Das sind neben dem hier besprochenen Werk: Signums svenska kulturhistoria. Medeltiden (2004); Signums svenska kulturhistoria. Renässansen (2005); Signums svenska kulturhistoria. Frihetstiden (2006).

[7] Kalmarunionens tid. Från drottning Margareta till Kristian II., 2. Aufl., Stockholm 2003; Gustav Vasa - landsfader eller tyrann?, 2. Aufl., Stockholm 2005.

[8] Karl Erik Gustafsson / Per Rydén (Hg.): Den svenska pressens historia. Vier chronologische Bände sowie ein Registerband, Stockholm 2000-2003.

[9] Lars Ericson (Hg.): Svenska slagfält, Stockholm 2003; 2. Aufl. 2004.

Heiko Droste