Rezension über:

Ole Martin Høystad: Kulturgeschichte des Herzens. Von der Antike bis zur Gegenwart. Aus dem Norwegischen von Frank Zuber, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2006, 231 S., ISBN 978-3-412-28705-4, EUR 24,90
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Rezension von:
Marion Maria Ruisinger
Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Friedrich-Alexander-Universität, Erlangen-Nürnberg
Redaktionelle Betreuung:
Maren Lorenz
Empfohlene Zitierweise:
Marion Maria Ruisinger: Rezension von: Ole Martin Høystad: Kulturgeschichte des Herzens. Von der Antike bis zur Gegenwart. Aus dem Norwegischen von Frank Zuber, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 1 [15.01.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/01/9916.html


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Ole Martin Høystad: Kulturgeschichte des Herzens

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Ole Martin Høystad, Professor für interdisziplinäre Kulturwissenschaften am Telemark University College in Bo, Norwegen, will unserer "entzauberte[n] Welt" die Augen für die anthropologische Bedeutung der Herzsymbolik öffnen (7). Dabei nimmt er in erster Linie das "europäische Herz" in den Blick, bezieht aber auch außereuropäische Kulturen ein, sofern diese Einfluss auf die Kulturgeschichte des europäischen Herzens genommen haben. In einem betont interdisziplinären Ansatz stützt sich Høystad auf Quellen und Forschungsliteratur zur Religions-, Kultur- und Ideengeschichte, aber auch auf ausgewählte literarische Werke. So entfaltet er auf 216 Seiten ein Herzenspanorama, das rund 4000 Jahre Menschheitsgeschichte umspannt und von Europa ausgehend auch andere Kontinente berührt.

Die "Kulturgeschichte des Herzens" ist in zwei etwa gleich große Abschnitte aufgeteilt. Gegenstand des ersten Teils ist das "Herz in unterschiedlichen Kulturen". Der zweite Teil - überschrieben "Kampf ums Herz. Die Entstehung des modernen Europäers" - verfolgt die Bedeutung des Herzens und der mit ihm verbundenen Emotionalität vom Hochmittelalter über Descartes und Montaigne, Shakespeare, Rousseau, Herder und Goethe bis in unsere Gegenwart. Høystad führt vor, dass sich die europäische Kulturgeschichte nicht nur als eine Geschichte des Geistes, sondern auch als eine Geschichte des Herzens schreiben lässt. Unter dem Einfluss des kartesianischen Dualismus sei allerdings der Blick dafür verloren gegangen, wie sehr Hirn und Herz gemeinsam unser Denken und Tun bestimmen.

Dieser zweite Teil bringt für den kulturhistorisch versierten Leser nichts grundsätzlich Neues, ist durch die Verknüpfung bereits bekannter Inhalte unter dem Gesichtspunkt der Herz-Symbolik aber dennoch eine anregende Lektüre. Spannender liest sich der erste Teil, der einen zeitlich wie räumlich weit ausgespannten Kulturenraum verdichtet und auf die jeweilige Herzsymbolik hin untersucht. Dabei offenbaren sich Herzen, denen ganz unterschiedliche Bedeutung und Funktion beigemessen wurde, und die in divergente, zum Teil völlig konträre kulturelle Praktiken eingebunden waren. Einige Beispiele seien im Folgenden referiert.

Høystad beginnt mit dem um 2000 v. Chr. niedergeschriebenen sumerisch-babylonischen Gilgamesch-Epos, in dem er das erste Herzopfer der Kulturgeschichte ausmacht (19). Das Herz galt den Sumerern als der Sitz der Empfindung und war angesichts der Sinnesfreudigkeit ihrer Religion von entsprechend großer Bedeutung.

Im Alten Ägypten wurde das Herz als einziges Organ bei der Einbalsamierung in den Brustkorb des Leichnams zurückgelegt. Ihm kam es zu, am jüngsten Tag Zeugnis über seinen Träger abzulegen und sich auswiegen zu lassen. Das Ideal war ein "Steinherz", das hart und kalt - und damit besonnen und stabil - war. Es galt dem Ägypter als Sitz des Verstandes und wurde im Sinne einer Mikrokosmos-Makrokosmos-Analogie mit der Sonne gleichgesetzt.

Das Körpergefühl und damit auch die Herzwahrnehmung des homerischen Menschen sind heute nur noch schwer nachvollziehbar. Laut Høystad kenne Homer allein für das Herz drei verschiedene Begriffe mit unterschiedlichen Bedeutungen. Das Gefühlsleben dieser Zeit sei uns durch den platonischen Bruch heute verschlossen, der die verständige Seele als Zentrum des Menschen festschrieb und damit den Grundstein für den späteren europäischen Leib-Seele-Dualismus legte.

Aristoteles - laut Høystad "der Herzensphilosoph der Antike" (54) - weist dem Herzen den führenden Platz unter den Organen zu und erklärt es zum Sitz der Seele. Für Galen, der die rhythmischen Lebensprozesse im menschlichen Körper durch seine Physiologie zu erklären versucht, ist das Herz nicht das wichtigste, aber das heißeste Organ. In ihm wird das Blut, wie in einem Schlackeofen, geläutert, gereinigt und mit dem Lebensgeist, den Spiritus vitalis, vermengt, der durch die Atemluft eintritt. Høystad gibt in diesem Zusammenhang zu bedenken, dass die galenische Physiologie mit ihrer Spiritualisierung des Blutes und des Herzens als Grundlage für die spätere christliche Blutsymbolik fungiert haben dürfte (57). Im Christentum wurde das Herz, das sowohl der Sitz des Guten als auch des Bösen sein kann, zu einem Symbol für die Seele, für das Leiden und für die (Nächsten-)Liebe.

Der Islam wird von Høystad als die "ausgeprägteste und vielleicht letzte überlebende Herzenskultur" bezeichnet (85). Für diesen ist die Glut des Herzens göttlichen Ursprungs. Der hohe Stellenwert des Herzens und der von ihm ausgehenden Emotionen findet seinen Niederschlag in der arabischen Poesie ebenso wie in der islamischen Mystik. So sind die Sufis auf der Suche nach dem "Herz des Herzens", um mit Gott eins zu werden. Die "Herzenslehre der arabischen Kultur" sei, so der Autor, trotz der wissenschaftshistorischen Beschäftigung mit dem Kulturtransfer vom arabischen in das christliche Mittelalter bislang nur wenig berücksichtigt worden.

Eine aufschlussreiche Ergänzung findet die bis dahin in Europa und dem Mittelmeerraum verharrende Darstellung durch die Ausweitung nach Mittelamerika. Hier kam es im 16. Jahrhundert zum Zusammenprall von zwei Kulturen, bei denen das Herz auf ganz unterschiedliche Weise im Zentrum stand: Für die christlichen Eroberer war es ein Zeichen der Nächstenliebe, für die aztekischen Priester ein Organ, das herausgeschnitten werden musste, um den Sonnengott zu nähren und dadurch das Ende der Welt hinauszuzögern. Der Geopferte verlor zwar sein Leben, wurde aber Teil des göttlichen Lichts. Die Schilderung des blutigen Aufeinandertreffens der beiden unterschiedlichen Herzkulturen führt vor Augen, dass kulturelle Toleranz nicht aus einer rein beobachtenden, sondern nur aus einer verstehenden Auseinandersetzung mit dem Fremden erwachsen kann.

Das letzte Beispiel stammt aus einem ebenso fremdartig anmutenden Kontext wie die Kultur der Azteken: aus der altnordischen Anthropologie. Dem norwegischen Recken gilt das Herz als Sitz des Mutes und als Zentrum der Lebenskraft. Aus seinen physischen Eigenschaften kann abgelesen werden, ob sein Besitzer mutig oder feige ist: Das Herz eines tapferen Mannes ist klein, fest und kalt.

Die "Kulturgeschichte des Herzens" bietet eine anregende, aber keine maßgeschneiderte Lektüre. Dem fachwissenschaftlichen Lesepublikum wird vieles bereits vertraut vorkommen. Dieses hatte Høystad aber, wie er im Vorwort klarstellt, beim Schreiben auch gar nicht im Visier. Er wendet sich vielmehr an Spezialisten einer anderen Art, an "Spezialisten fürs Herz", und das sind für ihn alle, "die Kontakt mit ihrem Herzen haben und mehr über dessen Wurzeln wissen möchten" (8). Für das interessierte Laienpublikum ist dieser Parforceritt durch 4000 Jahre Herzensgeschichte allerdings keine ganz einfache Lektüre. Als Zugeständnis an den anvisierten Leserkreis bemüht sich Høystad um eine möglichst unakademische Anmutung des Textes. Bis auf In-Text-Belege bei wörtlichen Zitaten verzichtet er auf alles, was den Lesefluss stören könnte. Statt eines Anmerkungsapparates bietet er im Anhang eine fünf Seiten starke Auswahlbibliografie. Etwas schade nur, dass im Bemühen um eine niederschwellige Textgestaltung auch auf Verweise auf die Abbildungen verzichtet wurde. Der Tafelteil mit 24 hochwertigen Reproduktionen ist durch die ausführlichen Bildlegenden zwar selbsterklärend, steht durch die fehlende Einbindung in den Text aber doch recht erratisch in der Mitte des Bandes.

Marion Maria Ruisinger