Rezension über:

Andrew Stewart: Attalos, Athens, and the Akropolis. The Pergamene "Little Barbarians" and their Roman and Renaissance Legacy. With an Essay on the Pedestals and the Akropolis South Wall by Manolis Korres, Cambridge: Cambridge University Press 2004, xxv + 358 S., 287 fig., ISBN 978-0-521-83163-5, GBP 55,00
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Rezension von:
Ralf Krumeich
Abteilung Klassische Archäologie, Institut für Kunstgeschichte und Archäologie, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Ralf Krumeich: Rezension von: Andrew Stewart: Attalos, Athens, and the Akropolis. The Pergamene "Little Barbarians" and their Roman and Renaissance Legacy. With an Essay on the Pedestals and the Akropolis South Wall by Manolis Korres, Cambridge: Cambridge University Press 2004, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 1 [15.01.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/01/6987.html


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Andrew Stewart: Attalos, Athens, and the Akropolis

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Zwischen 200 und 133 v. Chr. ließ Attalos I., Attalos II. oder Attalos III. von Pergamon an der Südmauer der Athener Akropolis vier bronzene Statuengruppen errichten, die in der Forschung als Kleines Attalisches Weihgeschenk bzw. 'Kleine Gallier' bekannt sind. In deutlich unterlebensgroßem Format (H 1,1-1,2 m) waren hier Giganten, Amazonen, Perser und Gallier als unterlegene Akteure im Kampf gegen mythische oder historische Gegner gezeigt. Unverkennbar waren die pergamenischen Erfolge über die kleinasiatischen Galater als ein wesentlicher Beitrag zur Rettung der griechischen Zivilisation präsentiert und zugleich in die Tradition der durch die olympischen Götter und später durch die Athener zur Zeit des Theseus und der Perserkriege geleisteten Abwehr fundamentaler Angriffe auf die göttliche und menschliche Ordnung eingereiht. [1] Anlass für die neue Würdigung dieses Anathems ist nicht zuletzt die vor wenigen Jahren gelungene Identifizierung mehrerer zugehöriger Basisblöcke durch M. Korres, die hier zum ersten Mal veröffentlicht werden.

Das Buch beginnt mit einem Überblick über die Tendenzen der Forschung zu den 'Kleinen Galliern' (11-80). Nach der Identifizierung römischer Kopien einzelner Statuen des Weihgeschenks durch H. Brunn (1865) standen im Wesentlichen Fragen der Rekonstruktion des originalen Anathems im Zentrum des Interesses [2]; bis heute umstritten ist die Zeitstellung der Gruppen, da Pausanias (1, 25, 2) lediglich einen "Attalos" als Stifter nennt. In Frage kommen vor allem der in der älteren und von der angloamerikanischen Forschung bis heute favorisierte Attalos I. (reg. 241-197) und sein Sohn Attalos II. (reg. 159-138), für den sich insbesondere deutschsprachige Forscher aufgrund stilistischer Beobachtungen ausgesprochen haben; aber auch Attalos III. (reg. 138-133) lässt sich als Stifter nicht ganz ausschließen. Während die vorliegende Monografie in der Frage der Datierung keine entscheidenden neuen Argumente enthält, liefert sie zum ersten Mal eine solide archäologische Grundlage für die Rekonstruktion der originalen Statuensockel sowie für die Komposition einiger Teilabschnitte des Weihgeschenks.

Nach einer minutiösen Rekonstruktion der Fundumstände der kaiserzeitlichen Kopien, von denen neun 1514 in der Nähe des Palazzo Madama in Rom gefunden wurden [3], werden im zweiten Kapitel (81-135) Zitate der 'Kleinen Gallier' in Gemälden der italienischen Renaissance besprochen. Zu Recht stellt Stewart fest, dass solche Anleihen in der Regel nicht strikt zu beweisen seien (100; vgl. 84 f. mit Abb. 99); jedoch werden im Folgenden neben bereits seit Längerem erkannten Zitaten in Gemälden des 16. Jahrhunderts mehrfach auch solche Figuren in Zusammenhang mit dem Attalischen Weihgeschenk gebracht, die typologisch deutlich von den vermeintlichen Vorbildern abweichen und daher zu deren künstlerischer und ideologischer Rezeption nichts beitragen können (vgl. nur Abb. 125-126, 133-135, 141, 143).

Im Mittelpunkt des dritten Abschnitts (136-180) steht die Rezeption der 'Kleinen Gallier' im kaiserzeitlichen Rom. Da das originale Anathem zweifellos auch Figuren siegreicher Kämpfer enthielt [4], bis heute aber ausschließlich Kopien nach besiegten Gestalten nachzuweisen sind, lässt sich hier der Wunsch des bzw. der römischen Auftraggeber(s) nach einer Präsentation eindeutig unterlegener Giganten und Barbar(inn)en fassen. Ob hier tatsächlich die regelmäßig inszenierte Überlegenheit des Imperium Romanum über Barbaren jeder Art gefeiert werden sollte (so 151 f. 160-162, 166-170; vorsichtiger 162 f.), hängt allerdings wesentlich von der nicht geklärten Frage ab, ob es sich um einen kaiserlichen, staatlichen oder privaten Auftrag handelte.

Fragen des originalen Weihgeschenks bilden den Inhalt des vierten Kapitels (181-236). Auch wenn bisher keine Fragmente der Weihinschrift gefunden wurden und sich keine der durch die römischen Kopien überlieferten Figuren exakt mit Einarbeitungen auf den 13 neu identifizierten marmornen Basisblöcken verbinden lässt, ist deren Kombination mit dem Attalischen Weihgeschenk aus mehreren Gründen plausibel: Hierfür sprechen u. a. die Fundorte der Steine im Bereich der Südmauer und die zahlreichen Einlassungen zur Befestigung unterlebensgroßer Bronzefiguren, deren Format etwa demjenigen der Marmorkopien entspricht. Die Blöcke liefern wichtige Informationen zur Komposition des Anathems: Gesichert ist die Verteilung der Figuren auf vier langgestreckte und etwa 1,8 m hohe Orthostatenbasen; die Einarbeitungen auf den Oberseiten der 0,80 m tiefen Steine dokumentieren sowohl isolierte als auch eng miteinander verbundene Figuren, die sich auf den Basen z. T. geradezu gedrängt haben müssen. Einige Wahrscheinlichkeit hat die Rekonstruktion einer Kampfgruppe, und zumindest denkbar ist die Präsenz einzelner Reiter(innen), die gegen zu Fuß kämpfende Gestalten anstürmen. Auch wenn das exakte Personal der Gruppen nicht gesichert ist, können die von Stewart kalkulierten Zahlen und Maße (mindestens 132 Figuren auf vier, jeweils etwa 26,4 m langen Basen) immerhin eine Vorstellung von Figurenreichtum und Ausdehnung des Attalischen Weihgeschenks geben (194 f. Abb. 227). Stewart spricht sich für die Identifizierung des Stifters mit Attalos I. (um 200 v. Chr.) aus (218-220). Überzeugende Gründe historischer oder stilistischer Art hierfür fehlen jedoch; für Attalos II. oder Attalos III. sprechen meines Erachtens nach wie vor die insbesondere von R. Horn ausgeführten stilistischen Argumente. [5] Einige der anschließenden Thesen zur möglichen Aussage und Rezeption des Anathems gelten freilich auch dann, wenn Attalos II. oder Attalos III. und nicht Attalos I. die Gruppe gestiftet haben sollte.

Von zentraler Bedeutung ist die von M. Korres vorgelegte Erstpublikation der mit dem Attalischen Weihgeschenk zu verbindenden Basisblöcke. Aufgrund dreier Eckblöcke, leicht unterschiedlicher Formate und technischer Details sind die Steine vier jeweils mindestens 13,5 m langen Basen zuzuordnen, die sich gut mit den vier Kampfgruppen des Anathems verbinden lassen. Korres bestätigt die bereits von F. C. Penrose (1851) vermutete Lokalisierung des Weihgeschenks auf einer 6,5 m tiefen, in der perikleischen Zeit angelegten und in 145 m Länge von der Höhe des Parthenon bis zur Südostecke der Akropolis verlaufenden Plattform an der Südmauer des Heiligtums; ohne Grabungen in diesem Bereich ist zur Zeit allerdings nicht zu entscheiden, ob die Sockel des Attalischen Anathems unmittelbar an die Mauer angrenzten oder von den Besuchern des Heiligtums umschritten werden konnten (vgl. 187 Abb. 218 f.).

Zwei Appendices enthalten die antiken und frühneuzeitlichen Nachrichten zu den 'Kleinen Galliern' sowie einen Katalog der römischen Kopien. Eine Bibliografie, Indices zu antiken Schriftquellen und ein gut organisiertes allgemeines Register beschließen das Buch, zu dessen bequemer Benutzbarkeit 287 Abbildungen guter bis sehr guter Qualität sowie eine Falttafel beitragen.

Die von A. Stewart und M. Korres vorgelegte Monografie stellt einen wichtigen Beitrag zur Erforschung und Interpretation des Kleinen Attalischen Weihgeschenks auf der Athener Akropolis dar und wird für lange Zeit die maßgebliche Grundlage für die Beschäftigung mit diesem Anathem und seiner Rezeption bleiben. Auch wenn nicht alle Ausführungen zu den vermeintlichen Zitaten einzelner 'Kleiner Gallier' in Gemälden des 16. Jahrhunderts und an der Trajanssäule in Rom (172-174) überzeugen können, sind auch die Kapitel zur Rezeption der Figuren in der Renaissance und in der römischen Kaiserzeit durchweg anregend. Die mustergültige Erstpublikation und Auswertung der vor einigen Jahren identifizierten Basisblöcke lässt zum ersten Mal die Ausmaße des originalen Weihgeschenks erkennen. Freilich haben die Überlegungen zu Personal, Rekonstruktion und Komposition der einzelnen Teilgruppen sowie zu ihrer exakten Lokalisierung an der Akropolismauer zunächst vorläufigen Charakter; und umstritten bleiben wird auch die genaue Zeitstellung des Anathems, das hier mit Attalos I. verbunden wird. Sicherheit ist in dieser Frage wohl erst zu erlangen, wenn ein aussagekräftiges Fragment der zugehörigen Weihinschrift desjenigen Attalos von Pergamon gefunden wird, der der ideologischen Verbindung der pergamenischen Siege über die Galater mit den Abwehrkämpfen der Athener gegen die Barbaren durch eines der umfangreichsten Anatheme der hellenistischen Zeit Ausdruck verleihen ließ.


Anmerkungen:

[1] Vgl. H.-J. Schalles: Untersuchungen zur Kulturpolitik der pergamenischen Herrscher im dritten Jahrhundert vor Christus, IstForsch 36, Tübingen 1985, 51 f. 106-109. 148; P. Strootman: Kings against Celts, in: K. A. E. Enenkel / I. L. Pfeijffer (Hg.): The Manipulative Mode, Leiden / Boston 2005, 118-134.

[2] Vgl. hier auch B. Andreae: Laurea coronatur, RM 100, 1993, 98 mit Taf. 16, 1-2; ders.: Skulptur des Hellenismus, München 2001, 169 f. mit Abb. 130-131 (Sperrholz-Silhouetten), wonach die 'Kleinen Gallier' direkt auf der Südmauer der Akropolis standen. Dies lässt sich allerdings nicht mit Paus. 1, 25, 2 vereinbaren, wonach das Weihgeschenk "an der Südmauer" stand.

[3] Wahrscheinlich ist auch die Figur eines knienden Persers in Aix-en-Provence auf das Attalische Weihgeschenk zu beziehen (296 f. Kat. 4).

[4] Dies ist insbesondere von T. Hölscher: Die Geschlagenen und Ausgelieferten in der Kunst des Hellenismus, AntK 28, 1985, 123-128 bezweifelt worden, der u. a. auf die die große Figurenanzahl verwies, die bei einer Präsenz der Sieger erforderlich sei. Jedoch gehörte der bei Plut. Ant. 60, 4 erwähnte Dionysos mit Sicherheit zur Gigantomachie des Attalischen Weihgeschenks und ist nicht etwa mit Hölscher auf eine der beiden, wohl ebenfalls auf der Akropolis stehenden Kolossalstatuen des M. Antonius zu beziehen, die ursprünglich Eumenes II. und Attalos (I., II. oder III.) darstellten und später umgeschrieben wurden (Plut. Ant. 60, 6).

[5] R. Horn: Hellenistische Köpfe, RM 52, 1937, 150-162; vgl. auch Ch. Kunze: Zum Greifen nah, München 2002, 221-226 (Attalos II.).

Ralf Krumeich