Rezension über:

Klaus S. Davidowicz: Zwischen Prophetie und Häresie. Jakob Franks Leben und Lehren, Wien: Böhlau 2004, 170 S., ISBN 978-3-205-77273-6, EUR 29,90
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Rezension von:
Anselm Schubert
Theologische Fakultät, Georg-August-Universität, Göttingen
Redaktionelle Betreuung:
Ute Lotz-Heumann
Empfohlene Zitierweise:
Anselm Schubert: Rezension von: Klaus S. Davidowicz: Zwischen Prophetie und Häresie. Jakob Franks Leben und Lehren, Wien: Böhlau 2004, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 1 [15.01.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/01/6407.html


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Klaus S. Davidowicz: Zwischen Prophetie und Häresie

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Der Messiasprätendent Jakob Frank (1726-1791) gilt, weniger auf Grund seiner messianischen Ambitionen, sondern vielmehr wegen seines religiös begründeten und alle moralischen Normen sprengenden Antinomismus, laut einem berühmten Diktum Gerschom Scholems, als eine der "abstoßendsten Erscheinungen der jüdischen Geschichte". [1] Grundlegende Texte und Forschungen zu dieser spätesten Blüte des frühneuzeitlichen Sabbatianismus lagen bislang fast nur in polnischer Sprache vor. Die vorliegende Arbeit ist überaus willkommen als die erste zusammenhängende und auf Quellenstudium beruhende, sine ira et studio verfasste Darstellung des Lebens und Wirkens dieses wohl umstrittensten sabbatianischen Messiasprätendenten.

Jakob Frank, in einfachen Verhältnissen in Podolien geboren, kann nur vor dem Hintergrund der Geschichte des Sabbatianismus verstanden werden. Unter dem Einfluss der Kabbalah Isaak Lurias hatte sich 1648 der Smyrnaer Rabbi Sabbatai Zwi, dem Scholem seine meisterhafte Studie gewidmet hat, [2] als Messias offenbart und damit die größte messianische Bewegung im Judentum bis zu diesem Zeitpunkt ausgelöst. Nachdem er wegen seiner wachsenden Popularität verhaftet worden war, trat er, um einer drohenden Hinrichtung zu entgehen, zum Islam über. Dieser Schritt spaltete seine Anhängerschaft: während der Großteil sich von Zwi lossagte, gelang es einer kleineren Gruppe, den unerwarteten Schritt Zwis durch bestimmte kabbalistische Überlegungen als notwendig zu erklären: der Abfall des Messias diente als Zeichen für die antinomistische Überwindung des Gesetzes. Die Gruppe dieser so genannten Dönme trat äußerlich ebenfalls zum Islam über, um die Konversion des Messias nachzuvollziehen, blieb nach innen aber ebenso geheimen wie berüchtigten antinomistischen Riten und Vorstellungen verhaftet.

1752 kam Frank mit der Gruppe der Dönme in Saloniki in Berührung und erklärte sich zur zweiten Inkarnation Sabbatai Zwis. Er kehrte nach Polen zurück und sammelte dort um sich eine Bewegung, der er sich als antinomistischer Messias vorstellte. Analog dem Vorbild Zwis veranlasste er seine Anhänger zum Katholizismus überzutreten. Sexuell-orgiastische Riten, mit denen die messianische Überwindung des Gesetztes demonstriert wurde, sowie Franks Erneuerung der traditionellen Ritualmordbeschuldigung gegenüber den nichtfrankistischen Juden trugen zum schlechten Ruf der Bewegung Franks in der jüdischen Historiografie bei. Da zugleich von christlicher Seite die Aufrichtigkeit seiner Konversion bezweifelt wurde, wurde Frank nach verschiedenen Händeln und Prozessen 1760 verhaftet und für zehn Jahre im Kloster Czenstochau inhaftiert. Hier entwickelte er eine komplizierte kabbalistische Theologie, in der seine Tochter Eva die Rolle einer christlich-jüdischen, marianischen Weisheitsfigur spielt. Nachdem er aus der Haft entlassen wurde, begab er sich nach Brünn und nach Offenbach am Main, wo er einen kleinen Hof gründete, dem er als messianisch-kabbalistischer Meister vorstand. Seine Aussprüche und Lehren wurden von seinen Anhängern gesammelt, erhalten sind auch Sendschreiben Franks an verschiedene zerstreute Gemeinden seiner Bewegung. Entgegen der über Frank verhängten damnatio memoriae muss man heute davon ausgehen, dass seine Anhängerschaft im deutschen und österreichischen Judentum recht umfangreich und einflussreich war.

Ob Jakob Frank den messianischen und kabbalistischen Bewegungen der jüdischen Frühen Neuzeit zuzurechnen ist, oder ob sich in ihm eine neuzeitliche Form des antinomistischen Nihilismus ankündigt, wie Scholem auf Grund der Verbindungen einiger Frankisten zur französischen Revolution vermutete, ist in der jüdischen Historiografie umstritten. Davidowicz äußert zu dieser Frage keine Meinung. Relativ positivistisch erzählt er stattdessen auf der Grundlage einer Vielzahl bislang unbekannter Dokumente die Lebensgeschichte Franks, seiner engsten Anhänger und das Schicksal seiner so genannten "Kompagnie". Im Fehlen jeder strukturierenden Fragestellung besteht auch das grundlegende Manko dieser Darstellung. Dazu ist allerdings zu erwähnen, dass es sich bei diesem Buch um eine grundlegend und popularisierend (!) überarbeitete Fassung der Wiener judaistischen Dissertation des Autors handelt, die 1998 unter dem Titel "Jakob Frank, der Messias aus dem Ghetto" bei Lang erschien. Um es gleich zu sagen: die Überarbeitung zu einer popularisierten Fassung hat dem Buch nicht gut getan. Der gesamte wissenschaftliche Apparat, die quellenkundlichen Ausführungen, das umfangreiche Literaturverzeichnis, all das fehlt, und es bleibt nur noch das bare Gerüst der biografischen Erzählung. Die wissenschaftliche Sorgfalt und das historiografische Profil der ursprünglichen Dissertation vermisst man bei der vorliegenden Darstellung, ohne dass gegenüber dem (ebenfalls sehr gut zu lesenden) Original ein stilistischer oder inhaltlicher Gewinn zu erkennen wäre. Umso unerklärlicher, dass in dem Buch jeder Verweis auf die Dissertation fehlt, wie überhaupt an den Formalia des Buches einiges auszusetzen ist: in den Fußboten wird immer wieder Literatur zitiert, die nicht in der Bibliografie nachgewiesen ist und umgekehrt.

Durch die Kürzung hat sich in der vorliegenden Fassung überdies die Deutungsperspektive gegenüber der Dissertation verschoben: Da man dem Lesepublikum offensichtlich die überaus komplexen kabbalistischen und sabbatianischen Hintergründe der Geschichte Franks ersparen wollte, ohne die sie schlechterdings unverständlich bleibt, tendiert die popularisierende Fassung zu einem vereinfachenden Erklärungsmodell. Ein Großteil der über Frank überlieferten, bei seinen Anhängern z.T. als kanonisch geltenden Geschichten, Sagen und Märchen wurde nach dem Muster polnischer Volkssagen geformt, in der der "Prostak", der starke, schlaue und in jeder Hinsicht potente Bauer, die zentrale Rolle spielt. In der vorliegenden verkürzten Darstellung von Davidowicz stellt sich beim Lesen zunehmend der irreführende Eindruck ein, Frank habe sich selbst im Sinne eines frühneuzeitlichen self-fashioning primär als ein solcher Held stilisiert. Die differenziertere und lesenswertere Darstellung ist immer noch Davidowiczs Dissertation, die zu recht bereits jetzt das Standardwerk zum Thema darstellt.


Anmerkungen:

[1] Gerschom Scholem: Erlösung durch Sünde, in: ders.: Judaica 5, hg. von Michael Brocke, Frankfurt/M. 1992, 89.

[2] Gerschom Scholem: Sabbatai Zwi. Der mystische Messias, Frankfurt/M. 1992 [hebr. Jerusalem 1957].

Anselm Schubert