Rezension über:

Tilo Eggeling: Raum und Ornament. Georg Wenceslaus von Knobelsdorff und das friderizianische Rokoko, 2., akt. und erw. Aufl., Regensburg: Schnell & Steiner 2003, 238 S., 242 z.Tl farbige Abb., ISBN 978-3-7954-1564-8, EUR 56,00
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Martin Pozsgai
Kunsthistorisches Institut, Freie Universität Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Martin Pozsgai: Rezension von: Tilo Eggeling: Raum und Ornament. Georg Wenceslaus von Knobelsdorff und das friderizianische Rokoko, 2., akt. und erw. Aufl., Regensburg: Schnell & Steiner 2003, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 1 [15.01.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/01/2796.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Tilo Eggeling: Raum und Ornament

Textgröße: A A A

1980 erschien im Verlag Gebrüder Mann zu Berlin die Dissertation von Tilo Eggeling unter dem Titel "Studien zum friderizianischen Rokoko. Georg Wenceslaus von Knobelsdorff als Entwerfer von Innendekorationen". Die Arbeit war im Grunde ein Meilenstein, nicht allein für die Kunstgeschichte des Rokoko, sondern für die Architekturgeschichte. Denn sie zeigte die Kompetenz eines Architekten des 18. Jahrhunderts auch und gerade für die Innenausstattung im herrschaftlichen Schlossbau auf. Sie wies lehrreich darauf hin, dass bei der Würdigung von Raumausstattungen grundsätzlich die ganze Bandbreite möglicher Ideenlieferanten zu berücksichtigen ist - und dass hierzu selbstverständlich auch Entwurfszeichnungen des Architekten gehören, die bis ins ornamentale Detail gehen. So ist durch schriftliche Überlieferung belegt, dass Knobelsdorff Entwürfe für wandfeste Dekorationen, aber auch für Kamine, Spiegelrahmen und Vasen sowie "Dessins für ein groß Stück Wand in Silber bordierter Tapete" fertigte, nicht zu vergessen die Risse für die in der Regel ebenfalls in den Zuständigkeitsbereich eines Hofarchitekten fallenden Fest- und Trauerdekorationen.

Für die Genese einer Raumdekoration konnte Eggeling die verschiedensten Wege exemplifizieren. Er zerlegte sie mit Recht in die beiden Sphären des Entwurfs und der Ausführung, die jeweils von anderen Händen stammen konnten. Ein verantwortlicher Architekt wie Knobelsdorff griff mit seiner Entwurfsgewalt nicht immer in die erste Phase ein, doch kann man ihm sicher gewisse Vorstellungen von allgemeiner Disposition, deren Umsetzung dem entwerfenden Künstler aufgetragen wurde, nicht absprechen. Über allem stand die billigende oder ablehnende Haltung des Bauherren und Auftraggebers, König Friedrich II., der sich sogar Konkurrenzentwürfe verschiedener Autoren vorlegen ließ, offenbar, um frei auswählen zu können.

Quasi voraussetzungslos - wenn man dem verbreiteten Urteil, dass unter dem Vater Friedrich Wilhelm I. die höfische Kunstproduktion auf ein Minimum reduziert gewesen ist, glauben mag - wurden die ersten modernen Dekorationen in Rheinsberg geschaffen. Dies konnte nur durch entsprechenden künstlerischen Austausch gelingen; die Verpflichtung auswärtiger Künstler mit den entsprechenden Kenntnissen und Fähigkeiten gehörte dazu, aber auch die Aneignung respektive Erweiterung dieser Kompetenzen innerhalb der einheimischen Künstlerschaft in Form von Reisen und Druckwerken.

Alles dies konnte Eggeling schon 1980 in konzentrierter Form vortragen. Sein Gedankenpanorama beruhte indes auf einem Zuschreibungsunterbau, der Zeichnungen und Wanddekorationen auf Grund der dünnen Quellenlage und der fehlenden Signaturen für Knobelsdorff in Anspruch nahm und nehmen musste. Eine Abgrenzung zu den übrigen wichtigen friderizianischen Dekorateuren geschah nicht. Diese "Hauptschwierigkeit" monierte bereits der damalige Rezensent Björn R. Kommer 1982 im 35. Band der Kunstchronik.

Umso erfreuter nimmt man dann das vorliegende Buch zur Hand, das unter dem Titel "Raum und Ornament. Georg Wenceslaus von Knobelsdorff und das friderizianische Rokoko" neue Erkenntnisse verheißt. Indessen wird man schnell feststellen, dass hinter dem völlig neuen Titel eine nur marginal überarbeitete Neuausgabe des Dissertationstextes von 1980 steht. Zwar wurden erfreulicherweise die meisten Abbildungen durch solche von besserer Qualität und in Farbe ausgetauscht, wurde die zwischenzeitlich erschienene Literatur durchgehend nachgetragen und wurde der Text auch punktuell erweitert.

Zu bedauern ist jedoch, dass bei der Gelegenheit einer erneuten Publikation weder Begründungen für Zuschreibungen, die 1980 im Rahmen des Dissertationsvorhabens nicht "geleistet werden" (Eggeling) konnten, "nachgereicht" noch die schon damals vom Autoren selbst als Manko empfundene notwendige Charakterisierung der anderen beteiligten Künstlerpersönlichkeiten vorgenommen wurden. Auch erfuhr der Textkorpus wie schon 1980 kein aufmerksames Lektorat. Der Flüchtigkeitsfehler in Anmerkung 68 der ersten Auflage, der das Erscheinen von Jean Mariettes Stichwerk "L'Architecture Française" in das Jahr 1927 datierte, wurde unkorrigiert in die Wiederauflage übernommen. Während damals wie 2003 dieselben Angaben im Literaturverzeichnis mit 1727 jedoch richtig angegeben wurden, hat sich unbegreiflicherweise in den bislang korrekten Eintrag zusätzlich ein Fehler eingeschlichen, die Druckfolge heißt jetzt "L'Architecture Franaise".

Über Leben und Werk des Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff hat Tilo Eggeling im Katalog der Ausstellung "Zum Maler und zum großen Architekten geboren" aus Anlass des 300. Geburtstags im Jahr 1999 neue Erkenntnisse publiziert. Nicht Zuschreibungsfragen standen hierbei jedoch im Vordergrund, sondern die zweifellos beeindruckende künstlerische Gesamtleistung Knobelsdorffs. So bleibt zu hoffen, dass das 2003 noch immer unangefochtene Ergebnis der Studien von 1980 mit der weitgehenden Inanspruchnahme der Kompetenz des preußischen Hofarchitekten für den ornamentalen Bereich auch dann noch der Architekturgeschichte erhalten bleibt, wenn künftige Forschungen die Anteile der anderen beteiligten Künstler gegen dasjenige des preußischen Hofarchitekten herauszuarbeiten vermögen.

Martin Pozsgai