Rezension über:

Petra Feuerstein-Herz (Hg.): Gotts verhengnis und seine straffe. Zur Geschichte der Seuchen in der Frühen Neuzeit, Wiesbaden: Harrassowitz 2005, 272 S., ISBN 978-3-447-05225-2, EUR 39,00
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Rezension von:
Klaus Bergdolt
Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Klaus Bergdolt: Rezension von: Petra Feuerstein-Herz (Hg.): Gotts verhengnis und seine straffe. Zur Geschichte der Seuchen in der Frühen Neuzeit, Wiesbaden: Harrassowitz 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 1 [15.01.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/01/10080.html


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Petra Feuerstein-Herz (Hg.): Gotts verhengnis und seine straffe

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Die Seuchengeschichte ist in den letzten Jahren zu einem bevorzugten Sujet der Sozial- und Mentalitätsgeschichte geworden. Will man sich einen Überblick verschaffen, kann der vorzüglich bebilderte Katalog der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel als informative Basislektüre empfohlen werden. Während man, vor allem in den Übersichtsartikeln, grundlegende deutschsprachige wie (vor allem) französische und amerikanische Literaturbeiträge schmerzlich vermisst (ob sie in einem Ausstellungskatalog entbehrlich sind, sei freilich dahingestellt!), werden in anderen Beiträgen exemplarisch wichtige Schwerpunkte der aktuellen seuchengeschichtlichen Forschung aufgezeigt.

Dieter Merzbach bietet neue Erkenntnisse bzw. Zusammenhänge, vor allem bezüglich der Rezeptionsgeschichte Petrarcas, des neben Boccaccio wohl bedeutendsten Analytikers der Katastrophe von 1348, und vergleicht einige Aussagen des frühen italienischen Humanisten mit einschlägigen Schriften von Hans Sachs, verweist in diesem Kontext aber auch auf andere, von der Medizingeschichte bisher weniger berücksichtigte Quellen, so auf die Lieder des Magdeburger Steuereinnehmers und Meistersingers Valentin Voigt (um 1550) oder des Nürnberger Magisters Ambrosius Metzger (Anfang 17. Jahrhundert); ferner rekurriert er auf mittelalterliche Autoren wie Konrad von Würzburg, der im 13. Jahrhundert (übrigens zeitgleich mit den berühmten Fresken in der römischen Kirche Santi Quattro Coronati) den Aussatz von Kaiser Konstantin thematisiert, oder auf den sächsischen Dichter Heinrich von Mügeln, der den Schwarzen Tod von 1348 nach den üblichen Theorien der zeitgenössischen Medizin zu erklären sucht. Marina Arnold präsentiert dagegen einige protestantische Leichenpredigten des 17. Jahrhunderts, in denen die Ursache des Schwarzen Todes, durchaus in der Tradition des 14. Jahrhunderts, in der unerforschlichen Entscheidung Gottes gesehen wird, die Menschheit zu strafen oder zu prüfen. Der, wie es scheint, in diesem Umfeld meist schicksalhaft akzeptierte (im 14. Jahrhundert hatte Petrarca hier noch rebelliert!) Einschnitt in die Familien, wo nicht selten z.B. eine große Kinderschar hingerafft wurde, lässt die persönlichen Katastrophen erahnen. Wirkliche Verzweiflungssituationen mit all ihren subjektiven und objektiven Facetten, etwa auch Suizide, sind allerdings selten dokumentiert.

Zutreffend erscheint die Bemerkung von Michael Schilling, dass die Opfer von Seuchen zahlenmäßig über Jahrhunderte diejenigen der Kriege und Hungersnöte bei weitem übertrafen, wobei die Erforschung der delikaten Interdependenzen durchaus noch ein Desiderat darstellt. In seinem hervorragenden Beitrag analysiert Schilling Flugblätter zur Pest, wobei er mit dem Beispiel Sebastian Brants (Basel 1494) beginnt. Die thematische Vermischung von theologischem und medizinischem Inhalt war für diese Literaturgattung über Jahrhunderte charakteristisch. Mahnungen und Tröstungen erhielten dabei einen besonderen Stellenwert. Der Hausvater, aber auch beispielsweise Geistliche und Gelehrte, konnten hier auch Verhaltensanweisungen zu Seuchen- bzw. Gefahrenzeiten finden. Die Übergänge zu Memento-Mori-Schriften mit Darstellungen von Totentanz-Szenen oder gar des "Triumphs des Todes" waren, wie ein 1610 in Köln von Peter Overradt vorgelegtes dreisprachiges Flugblatt zeigt, nicht selten fließend. Katholiken und Protestanten standen sich im übrigen, was gegenseitige Schuldzuweisungen betraf, in nichts nach. In Regensburg galt so 1562 der als zu nachlässig empfundene Kampf gegen "Bapst und Rotten" als Ursache einer Pest, der etwa 2000 Menschen erlagen. Die Seuche konnte in der Frühen Neuzeit, neben Hungersnot und Krieg, in alttestamentarischer Tradition als Bedrohung schlechthin erscheinen, wie das von Schilling präsentierte Beispiel einer Stadt zeigt, deren Torwächter eine schwangere Frau mit ihren Kindern abgewiesen hatte, über deren Türmen nun aber - Zeichen der göttlichen Rache - Pestpfeile abgeschossen werden.

Bemerkenswert erscheint auch der Beitrag von Petra Feuerstein-Herz, die frühe Buchdrucke aus dem Bestand der Herzog August Bibliothek auf ihre Bezüge zur Pest untersucht hat. Vom 15. bis 18. Jahrhundert ließen sich hier etwa 1000 einschlägige Werke ausfindig machen. Medizinische Ratgeber, Verhaltensanweisungen der Obrigkeiten,

"theologische Seuchenliteratur", Flugblätter, aber auch Dissertationen und Arzneibücher bildeten den thematischen Kern. Das älteste bekannte gedruckte medizinische Werk, ein in Gutenbergs Offizin 1457 hergestellter, fragmentarisch erhaltener Aderlasskalender, hat nur indirekt, nämlich über die Indikation des Aderlasses (dessen Sinn es war, die im Körper überschüssige, pestfördernde Hitze und Feuchtigkeit zu reduzieren) mit der Pest zu tun. Die 1472 bei Johann Bämler in Augsburg erschienene "Ordnung der Gesundheit" enthielt immerhin ein Kapitel "Von der Pestilentz", während der Ulmer Stadtarzt und Humanist Heinrich Steinhöwel - wie im Katalog vermutet wird, wohl als Reaktion auf Bämlers Erfolg - einige Jahre später seine "Ordnung der Pestilentz", das erste deutschsprachige Pestbuch überhaupt, verfasste. Die chronologische Zusammenstellung dieser Inkunabeln, deren Tradition sich im illustrierten Pestbuch des Strassburger Wundarztes Hieronymus Brunschwig (Strassburg 1500) fortsetzte, stellt einen hochinteressanten Passus des Buches dar. Um 1500 lassen sich bereits rund 150 (meist deutschsprachige) Seuchenschriften nachweisen - das Thema war offensichtlich mehr als populär geworden. Kein Zweifel, dass diese Werke für eine gelehrte Öffentlichkeit gedacht waren, obgleich sich Steinhöwel zunächst explizit an die "jungen willigen meister der scherer" wandte. Untersuchungen der handschriftlichen Randbemerkungen solcher Bücher durch die Autorin führten hier zu weiteren interessanten Ergebnissen. Im übrigen wurde in der Regel, kaum modifiziert, die uralte humoralpathologische Pesttheorie wiedergegeben - die Erfindung des Buchdrucks hatte die Präsentation, nicht aber die Inhalte der tradierten Paradigmata revolutioniert. Allerdings wurde der Absatz dieser Werke angesichts der in unregelmäßigen Abständen wiederkehrenden Seuchen deutlich gefördert.

Erwähnenswert sind ferner einige lokale Untersuchungen, welche subtile Einblicke in die Mentalität der Bevölkerung, aber auch der chronisch überforderten Behörden erlauben, so etwa Annette Boldt-Stülzebachs Analyse der Braunschweiger Seuchenspitäler oder Harald Bollbucks auf Augenzeugenberichten basierende Darlegung der letzten Tage des Dichters Martin Opitz, der 1639 in Danzig der Pest zum Opfer fiel. Andreas Herz fasst einige Beobachtungen aus dem Dreißigjährigen Krieg zusammen, wobei er auch auf die seit dem 14. Jahrhundert herausgestellte Rolle der Astrologie verweist. In solchen Kontexten erschien auch die Thematisierung der Ruhr sowie der Pocken (im 18. Jahrhundert) sinnvoll (Heiko Pollmeier, Peter Albrecht, Andrea Jessen), deren historischer Bekanntheitsgrad angesichts der Pest aus vielerlei Gründen hinterher hinkt. Gemeinsam war diesen Seuchen, dass sich Ärzte und Laien um eine effektive Prophylaxe bemühten, die sehr alte Traditionen aufnahm. Dass die schulmedizinischen Therapievorschläge dagegen wenig ergiebig waren, hatte sich ja bereits 1348 herumgesprochen.

Bemerkenswert informativ und exzellent kommentiert sind im übrigen die abgebildeten Exponate der Ausstellung, d.h. Bücher, Textauszüge, Flugblätter, Skizzen, Portraits, Aderlasstafeln usw. Erfreulicherweise wurden in den meisten Beiträgen nicht altbekannte Dinge in eine von dieser oder jener Schule bevorzugte Diskurssprache gepresst oder einem modischen turn angepasst. Vielmehr eröffnen sich dem Leser auf der Basis solider Quellenarbeit wichtige Einblicke in die europäische Seuchengeschichte, speziell in Deutschland. Die Herzog August Bibliothek erwies sich wieder einmal als fast unvergleichliche Schatzkammer.

Klaus Bergdolt