Rezension über:

Wolfgang Gippert: Kindheit und Jugend in Danzig 1920 bis 1945. Identitätsbildung im sozialistischen und im konservativen Milieu, Essen: Klartext 2005, 552 S., ISBN 978-3-89861-388-0, EUR 32,00
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Rezension von:
Sven Oole
Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Sven Oole: Rezension von: Wolfgang Gippert: Kindheit und Jugend in Danzig 1920 bis 1945. Identitätsbildung im sozialistischen und im konservativen Milieu, Essen: Klartext 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 12 [15.12.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/12/9859.html


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Wolfgang Gippert: Kindheit und Jugend in Danzig 1920 bis 1945

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Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wird gemeinhin auf den 1. September 1939 datiert, als um 4.45 Uhr das deutsche Schulschiff "Schleswig-Holstein" die polnischen Befestigungen auf der "Westerplatte" beschoss. Nur warum zielte die erste Feuersalve auf eine kleine Halbinsel an der Mündung der Weichsel, wo sich lediglich ein unbedeutendes Munitionsdepot befand?

Weil das Gelände vor den Toren der Hafenstadt Danzig lag, die nach dem Ersten Weltkrieg vom Deutschen Reich abgetrennt und 1920 zum entmilitarisierten Freistaat deklariert worden war. Die 88-köpfige Wachmannschaft des Depots, von den Polen mittels eines ausgeklügelten Passierscheinsystems heimlich auf 210 aufgestockt und mit drei Kanonen bestückt, war den Danzigern ein ständiger Dorn im Auge. Obwohl nicht Gegenstand der Dissertation des Kölner Erziehungswissenschaftlers Wolfgang Gippert taucht die "Westerplatte" in dessen Studie über Kindheit und Jugend in Danzig von 1920 bis 1945 allenthalben auf. Denn der angrenzende Vorort Neufahrwasser steht stellvertretend für das konservative, der Stadtteil Schidlitz hingegen für das sozialistische Milieu, in dem die von Gippert ausgewählten fünf Zeitzeugen aufgewachsen sind.

Im ersten Teil der voluminösen Arbeit wird die Geschichte der "Freien Stadt Danzig" bis 1939 geschildert, die auf Grund der Bestimmungen des Versailler Vertrages in der Zwischenkriegszeit "historisch einmalige Sozialisationsbedingungen" (Klappentext) bot. Nach Gippert war der Kompromiss der Alliierten, die Stadt unter das Protektorat des Völkerbundes zu stellen, ausgehandelt worden, "um [dem neu erstandenen] Polen den notwendigen Seehandel über Danzig zu ermöglichen, was zahlreiche politische, rechtliche und wirtschaftliche Verflechtungen zwischen der Freien Stadt und Polen zur Folge hatte und weder die Zustimmung der [weit überwiegenden] deutschen noch der polnischen Bevölkerung fand" (13). Infolgedessen sah sich der dorthin entsandte Hohe Kommissar beinahe täglichen Streitfällen - etwa um die Nutzung von Lagerschuppen - ausgesetzt. Ohne Sanktionsbefugnisse konnte er diese jedoch nicht schlichten, geschweige denn den Schlägertruppen der allmählich aufsteigenden NSDAP wirksam begegnen.

Das angespannte Verhältnis zwischen den Nachbarstaaten spitzte sich zudem ab 1926 mit dem Bau eines Konkurrenzhafens in Gdingen zu, das zum "polnischen Korridor" gehörte. Denn ein solches Projekt - eben dies war die Grundlage der "Danzig-Lösung" - hatten die alliierten Experten in Gdingen ursprünglich für nicht machbar gehalten.

Wegen der völkerrechtlich komplizierten Lage des Freistaates mussten die Nationalsozialisten nach ihrer Machtergreifung - die NSDAP erhielt bei den Danziger Volkstagswahlen 1933 eine knappe Mehrheit von 50,3 Prozent der Stimmen - politische Rücksichten nehmen. Zum einen bestand der Schutz des Völkerbundes fort, zum anderen fehlte den Nationalsozialisten eine verfassungsändernde Zweidrittelmehrheit im Volkstag: Gleichschaltung oder Nürnberger Rassegesetze konnten daher nicht analog zum Reich durchgeführt werden. Anderweitigen Repressionen ausgesetzt, emigrierten die über 10.000 Danziger Juden - ebenfalls einmalig - fast vollständig und entgingen so dem Holocaust. Trotzdem gelang es den Nationalsozialisten nach und nach, wie Gippert anhand des Danziger Schulsystems darlegt, in zentrale Bereiche des alltäglichen Lebens einzudringen. Erleichtert wurde ihnen das dadurch, dass "eine unterschwellige Sehnsucht oder die offen formulierte Forderung nach einer Wiedereingliederung Danzigs in das Reich einen festen Bestandteil der nationalen politischen Kultur in der Freien Stadt quer durch die Parteienlandschaft darstellte" (141).

Der zweite Teil der erziehungswissenschaftlichen Arbeit besteht aus zwei Milieustudien, denen jeweils eine genaue, mit Daten des Statistischen Landesamtes der Freien Stadt Danzig unterfütterte Beschreibung der Stadtteile vorangestellt ist. Gippert geht sodann in einer Längsschnittanalyse, die eine einzelne Lebensgeschichte in den Vordergrund stellt, und in einer Querschnittanalyse, in der drei Autobiografien und ein Interview vergleichend untersucht werden, seiner Fragestellung nach: Unter welchen ortsspezifischen Bedingungen hat sich das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen vollzogen, und welche Bedeutung hatten diese für die Persönlichkeitsentwicklung der Heranwachsenden?

Lisa Barendt etwa wird 1916 im Arbeiterviertel Schidlitz-Stolzenberg geboren; der Vater, ein Tagelöhner, ist in russischer Kriegsgefangenschaft, die Mutter muss sich mit acht Kindern durchschlagen. Lisa besteht den Volksschulabschluss, tritt der "Sozialistischen Arbeiterjugend" (SAJ) bei und macht eine Ausbildung als Zigarrenrollerin. Nach der Geburt des dritten Kindes wird der Ehemann Walter, SPD-Mitglied wie ihr Vater, zur Wehrmacht eingezogen und fällt 1944 bei Arnheim. Die 28-jährige Witwe erlebt Bombardierung und Kriegsende in Danzig, wird beim Einmarsch der Roten Armee Ende März 1945 mehrfach vergewaltigt. Nach der Flucht über Mecklenburg findet sie 1946 in Schleswig-Holstein ein neues Zuhause.

Gippert thematisiert die beengten Wohn- und Lebensverhältnisse im Quartier, erörtert besonders Lisas politisches Engagement und die Repressionen, denen die Barendts unter den Nazis ausgesetzt waren: Die Familie zog sich ins Private zurück - "ein weit verbreitetes Einstellungsmuster, auch im sozialdemokratischen Arbeitermilieu" (342).

Anders der Hafenvorort Neufahrwasser, in dem ein kleinbürgerliches Klima herrscht, wo beispielsweise Gerhard Ellerhold, geboren 1926, als Sohn eines Schusterehepaares aufwächst. Für ihn ist die "Westerplatte" ein Abenteuerspielplatz. Ellerhold besucht die Mittelschule und steigt in der Hitlerjugend bis zum Jungstammführer auf, dem 600 Knaben unterstehen. Nach dem Schulabschluss wird er 1943 als Luftwaffenhelfer zur Flak und ein Jahr später zur Wehrmacht eingezogen. Ellerhold landet nach dem Krieg in Köln.

Auch hier zeichnet Gippert - wie bei zwei weiteren Männern (Jg. 1928 und 1931) und einer Frau (Jg. 1922) - den Lebenslauf mit seinen Prägungen in Kindheit und Jugend und dem starken Einfluss der nationalsozialistischen Ideologie nach. Deutlich wird, dass der "alte Mittelstand" der Handwerker und Kleingewerbetreibenden in besonders starkem Maße die NSDAP wählte. "Denn unter allen Stadtteilen Danzigs war der Hafenvorort jenes Viertel, das sich von der Konkurrenzsituation durch den Nachbarhafen in Gdingen am stärksten betroffen und durch das polnische Munitionsdepot auf der gegenüberliegenden Westerplatte am deutlichsten bedroht sah" (535).

Gippert hat, wenngleich die Arbeit bisweilen schwer zu lesen ist, einen wertvollen Beitrag zur Regionalgeschichte des Danziger Raumes geliefert. Ursprünglich weiter angelegt, sollte die Studie auch das katholische und liberale protestantische Milieu umfassen. Deren fehlende Berücksichtigung ist zu bedauern. Denn die Milieus von Schidlitz und Neufahrwasser unterscheiden sich zwar in den politischen Einstellungen der Bevölkerung, jedoch sind die Wohn- und Lebensverhältnisse ähnlich gewesen. Daher wären weitere Untersuchungen über das mittelständisch geprägte Langfuhr oder das Villenviertel Zoppot wünschenswert - wie überhaupt eine überzeugende Gesamtdarstellung der Geschichte Danzigs bis heute fehlt.

Etwas unglücklich für eine vergleichende Studie ist die Diskrepanz der untersuchten Geburtsjahrgänge: Während die männlichen Zeitzeugen den Nationalsozialismus als Kinder erlebten, waren die Frauen bereits jugendlich bzw. erwachsen. Außerdem hätte sich der Historiker eine breitere Quellenbasis, bessere Karten und ein Personen- sowie Sachregister gewünscht.

Besonders positiv hervorzuheben ist dagegen, dass Gippert das sensible Kapitel der Vertreibung und Vergewaltigungen nicht ausgeklammert, sondern dessen Bedeutung für den weiteren Lebensweg der Betroffenen herausarbeitet: "Die Erlebnisse, die die letzten Kriegsmonate und die unmittelbaren Nachkriegswochen mit sich führten, [...] rissen in der jungen Frau Wunden auf, deren Tiefen sich nur schwer erahnen lassen. Gänzlich verheilt sind diese wohl niemals. Das gilt auch für ihre Vertreibung aus der Heimat" (381).

Sven Oole