Rezension über:

Sönke Lorenz / Martin Kintzinger / Oliver Auge (Hgg.): Stiftsschulen in der Region. Wissenstransfer zwischen Kirche und Territorium (= Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde; Bd. 50), Ostfildern: Thorbecke 2005, VIII + 251 S., ISBN 978-3-7995-5250-9, EUR 39,90
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Rezension von:
Elsanne Gilomen-Schenkel
Helvetia Sacra, Basel
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Elsanne Gilomen-Schenkel: Rezension von: Sönke Lorenz / Martin Kintzinger / Oliver Auge (Hgg.): Stiftsschulen in der Region. Wissenstransfer zwischen Kirche und Territorium, Ostfildern: Thorbecke 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 12 [15.12.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/12/9019.html


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Sönke Lorenz / Martin Kintzinger / Oliver Auge (Hgg.): Stiftsschulen in der Region

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Der vorliegende Band veröffentlicht die Beiträge der dritten Fachtagung, die das DFG-Projekt "Stiftskirchen in Baden-Württemberg" im März 2002 in Weingarten durchgeführt hat. Die Beziehungen von Stift, Stiftsschule und Universität sollten speziell zur Darstellung kommen, da sie in der Stiftskirchenforschung häufig vernachlässigt wurden.

Forschungsperspektiven und -problematik werden einführend von Martin Kintzinger dargelegt. Während sich die Forschung intensiv mit Stiftskirchen befasste und einzelne "Stiftslandschaften" oder einzelne Stiftstypen, wie Stadtstift, Pfalz- oder Residenzstift und Universitätsstift beschrieb, wurde die Stiftsschule, obwohl in monografischen Arbeiten jeweils mit berücksichtigt, kaum erforscht. Künftige Forschungen zur Stiftsschulgeschichte sollten vermehrt den sozial- und kulturhistorischen Kontext der Stiftsschulen und speziell den Stiftsschulunterricht auch anhand von Parallelüberlieferung anderer Provenienz untersuchen.

Die vorliegenden Einzeluntersuchungen gelten drei Themenkreisen: dem Verhältnis von Stift und Universität, der Ausbildung der Stiftsgeistlichen und den Stiftsschulen im Besonderen.

Zum Thema Universität und Stift behandelt Sönke Lorenz schulgeschichtlich die Entwicklung der Höheren Schulen in Prag, Wien und Erfurt. Vor der Gründung der Universitäten dieser Städte unterstand das Höhere Schulwesen ihren Stiftskirchen, was im Fall von Erfurt durch eine Schulordnung aus dem Jahr 1282 in Einzelheiten belegt ist. Bei den Universitätsgründungen, die im 14. Jahrhundert erfolgten, ging die Trägerschaft des höheren Schulwesens an die weltliche Obrigkeit über, im Falle von Prag an den König, von Wien an den Herzog und von Erfurt an die Stadt. Dieser Verlust der Führungsrolle der Stifte, der im Osten des Deutschen Reichs im 14. Jahrhundert festzustellen ist, erfolgte in Westeuropa ein Jahrhundert früher, wie die Ausführungen von Jacques Verger über die französischen Universitäten und die regulierten Chorherren zeigen. In Frankreich wurde der Aufschwung der Hohen Schulen im 12. Jahrhundert durch die bedeutenden Kongregationen der Regularstifte geleistet, allen voran von St. Victor in Paris. Als dann im 13. Jahrhundert die Universitäten entstanden, geschah dies ohne wesentliche Beteiligung der Stifte. Zwar bestanden durchaus Kontakte zwischen Universitäten und Stiftsgemeinschaften, zum Beispiel in Paris zu den Stiften von St. Victor, Ste-Geneviève und Val-des-Ecoliers, aber engere institutionelle Verbindungen sind nur in Südfrankreich nachzuweisen.

An Beispielen der Region werden solche institutionellen Verbindungen zwischen Universität und Stift untersucht, nämlich zu Basel von Guy Marchal, zu Tübingen von Oliver Auge, zu Heidelberg von Oliver Fieg und zu Freiburg im Breisgau von Dieter Speck. Der von Marchal analysierte grundsätzliche Unterschied der Institutionalität von Stift und Universität, feierlicher Gottesdienst beim Stift und wissenschaftlicher Unterricht bei der Universität, führte dazu, dass oft in die Universität inkorporierte Stifte oder Stiftspfründen auf die Dauer nicht zu halten waren und andere Lösungen zur Alimentierung der Universität getroffen werden mussten. In Basel brachte die Reformation die Lösung dieser grundsätzlichen Konfliktsituation. Das Kollegiatstift St. Peter wurde aufgehoben und ging als Kollegium an die Universität über.

In Tübingen wurde der Universität bei der Gründung zusätzlich zur eigentlichen Ausstattung ein Teil des Sindelfinger Stifts inkorporiert. Dadurch war der Lehrkörper unterschiedlich besoldet. Gegenüber den durch die Universität direkt Besoldeten waren die Inhaber der Sindelfinger Pfründe unabhängig, was sich als ungünstig erwies. Bei der Neuregelung dieser Verhältnisse wurde ein von der Universität losgelöstes Stift neu geschaffen.

In Heidelberg waren der Universität aus umliegenden Stiften zwölf Pfründen inkorporiert worden, worüber sie das Präsentationsrecht ausübte. Wiederholt entstanden deswegen Auseinandersetzungen mit den betroffenen Stiften, was schließlich bei der Universitätsreform 1452 zu einer Änderung der Pfründenverwaltung führte.

Wie eng sich dennoch die Vorstellung der Verbindung von Universität und Stift erwies, zeigt das Beispiel Freiburgs. Zwar war die Universität bei ihrer Gründung finanziell ausreichend ausgestattet worden, doch nach dem Beispiel Heidelbergs war man bemüht, ein Stift zu inkorporieren, was aber nie erfolgreich war. Enge Verbindungen bestanden etwa zum Basler Domstift, das im 16. Jahrhundert in der Stadt im Exil lebte, oder später im 18. Jahrhundert zum Waldkircher Stift, doch eine institutionelle Verbindung kam nicht zustande.

Über Ausbildung und Bildungsverhalten der Stiftsgeistlichen legt Christian Hesse einen Überblick über Dom- und Kollegiatstifte im Reich vor. Brigitte Hotz untersucht in einer prosopografischen Einzelstudie das Konstanzer Domkapitels im Zeitraum 1362-1378. Helmut Flachenecker wertet für eine Reihe bayerisch-fränkischer Stifte eine Datenbank der Universität Eichstätt aus, in der Studenten deutscher Universitäten und deren Lebensläufe von 1400 bis 1630 verzeichnet wurden, wobei die Angaben von deren Herkunftsorten mit dortigen Stiftsschulen in Verbindung gebracht werden. Während sich die Bedeutung des Universitätsbesuchs für die individuelle Karriere von Stiftsangehörigen klar fassen lässt, sind Rückschlüsse auf vorgängig besuchte Stiftsschulen schwierig nachweisbar. Unbestreitbar ergibt sich, dass im Spätmittelalter immer mehr Absolventen artistischer Universitätsstudien in die Stiftskapitel aufgenommen wurden. Im Falle des Konstanzer Domkapitels konnte anhand der päpstlichen Stellenvergabe nachgewiesen werden, dass studierte und graduierte bürgerliche Kandidaten gegenüber schlechter gebildeten adligen Kandidaten bevorzugt wurden. Entsprechend stammte die Mehrheit der Domkanoniker aus dem schwäbischen Stadt-Patriziat gegenüber einer Minderheit aus dem Adel. Eine ständische Umschichtung oder Durchmischung der Stifts- und Domstiftskapitel ist im Deutschen Reich im Spätmittelalter verbreitet zu beobachten.

Dem Themenkreis der Stiftsschule im Besonderen gilt die Untersuchung von Hermann Ehmer, der ihre Verbindung zum humanistischen Gymnasium in Württemberg darstellt. Als Beispiel besonderer Schulen stellt Dorothea Kuld die Mädchenschulen der Augustiner-Chorfrauen der Congregatio Beatae Virginis seit dem 17. Jahrhundert vor, welche neben höheren Schulen immer auch unentgeltlich Elementarschulen führten. Das Schulwesen einer ländlichen Region behandelt Wilfried Schöntag am Beispiel der Stiftsschule der Prämonstratenser von Marchtal, deren mittelalterliche interne Klosterschule im 15./16. Jahrhundert als Lateinschule der Region zur Verfügung stand. Deren Erfolg lässt sich an den Matrikeln süddeutscher Universitäten aufzeigen, an denen zahlreiche Studenten aus der Marchtaler Herrschaft eingeschrieben waren.

In der Tagungszusammenfassung unterstreicht Peter Moraw, dass das Thema der regionalen Stiftsschule in den vorgelegten Studien schul- und bildungsgeschichtlich vor allem durch universitätsgeschichtliche Quellen und Forschungen geprägt erscheint. Darin spiegelt sich die Quellenlage der Stiftsschulen wieder, die nur sporadisch für Schul- und Lehrbetrieb auswertbar sind. Im Unterschied zu den Quellen im deutschen Reich stehen in Westeuropa, besonders in England solche zur Verfügung, die seit dem 11./12. Jahrhundert statistische Angaben über Schulen ermöglichen. Wie die vorgelegten Studien gezeigt haben, sind in Südwestdeutschland im 14. und 15. Jahrhundert verbreitet auswertbare Quellen vorhanden, während dies im Osten und Norden des Reichs nicht der Fall ist. Dort ist nicht nur die Anzahl der Stifte insgesamt viel geringer, sondern auch deren Ausstattung an Personal viel kleiner. Entsprechend prägen höchst unterschiedliche Stiftslandschaften das deutsche Reich, und die untersuchte Region stellt eine davon vor.

Der sorgfältig redigierte Band enthält wiederum, wie die vorgängig publizierten Tagungsbände des Stiftskirchenprojekts, einen vorzüglichen Orts- und Personenindex. Es ist den Herausgebern gelungen, den in der Forschung vernachlässigten Themenkreis mit den vorgelegten Studien zu erhellen. Besonders interessant sind die Verbindung von Überblicksartikeln und monografischen Einzelforschungen sowie die Neubewertung des Forschungsstands, insbesondere der methodischen Fragestellungen.

Elsanne Gilomen-Schenkel