Rezension über:

Wolfgang Blösel: Themistokles bei Herodot: Spiegel Athens im fünften Jahrhundert. Studien zur Geschichte und historiographischen Konstruktion des griechischen Freiheitskampfes 480 v. Chr. (= Historia. Einzelschriften; Heft 183), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2004, 422 S., ISBN 978-3-515-08533-5, EUR 76,00
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Rezension von:
Michael Jung
Münster
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Michael Jung: Rezension von: Wolfgang Blösel: Themistokles bei Herodot: Spiegel Athens im fünften Jahrhundert. Studien zur Geschichte und historiographischen Konstruktion des griechischen Freiheitskampfes 480 v. Chr., Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2004, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 12 [15.12.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/12/7709.html


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Wolfgang Blösel: Themistokles bei Herodot: Spiegel Athens im fünften Jahrhundert

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Die Perserkriege und ihre historiografische Behandlung in der griechischen Antike gehören ohne jeden Zweifel zu den beinahe klassischen Themen der Alten Geschichte, und so kann auch die von Wolfgang Blösel 1997 in Heidelberg erstellte, aber erst 2004 veröffentlichte Dissertationsschrift auf umfangreiche Vorarbeiten zurückgreifen. Das Werk lässt sich einordnen in ein in den letzten Jahren neu akzentuiertes Interesse an Herodot, seinem Geschichtswerk und seiner Interpretation. [1] Blösel widmet sich insofern einem Thema, das bereits lange vielfach im Fokus althistorischer Aufmerksamkeit lag. Er analysiert im Werk des Herodot die Figur des Themistokles, in der er - so die Kernthese der vorliegenden Schrift - eine paradigmatische Erzählung über die Geschichte Athens im fünften Jahrhundert v. Chr. erkennen will.

In der Einleitung (13-63) legt Blösel zunächst die seinem Vorgehen zugrunde liegenden Annahmen dar: Er versteht das Geschichtswerk des Herodot als eine auf ein potenziell panhellenisch zu definierendes, von adliger Lebenskultur geprägtes Publikum ausgerichtete Schrift. Diesem sei es selbstverständlich gewesen, auch subtilere Anspielungen auf Ereignisse der eigenen Zeitgeschichte zu dechiffrieren und zu interpretieren. Dabei sei Herodot nicht nur auf das Publikum einer einzigen Polis ausgerichtet gewesen, insbesondere nicht auf das athenische, sondern habe eine dezidiert überparteiliche Sichtweise eingenommen. Die Figur des Themistokles sei vor diesem Hintergrund als eine Facette paradigmatischer Geschichtsschreibung zu verstehen, in der kundige zeitgenössische Leser und Hörer subtile Kritik am Athen der Seebundszeit erkennen konnten. Im Zuge einer Spätdatierung des herodoteischen Werkes [2] hält der Autor eine Vielzahl historischer Verweise und Anspielungen bis in die Zeit des Nikias-Friedens für möglich. In der Gestaltung der herodoteischen Protagonisten kann Blösel daher historische exempla für spätere Ereignisse erkennen. Hierzu muss die Arbeitsweise und -technik Herodots von entscheidender Bedeutung sein, um derartige Anspielungen interpretatorisch korrekt entschlüsseln zu können. Breiten Raum nimmt daher bereits in der Einleitung die Frage ein, auf welche Quellen Herodot für sein Werk zurückgreifen konnte. Hier macht Blösel neben mündlichen Traditionen insbesondere ältere Zeitgenossen aus, wie etwa Charon von Lampsakos, Hellanikos von Lesbos u. a., und eröffnet hier bereits eine Perspektive, die für die Bearbeitung seines Themas immer wieder wichtig sein wird: Die Frage, welche Traditionsstränge Herodot für seine Vergangenheitsdarstellung aufgegriffen und umgearbeitet hat. Vor dem Hintergrund dieser, verschiedene und z. T. widersprüchliche Traditionen aufgreifenden Arbeitsweise Herodots versteht Blösel dessen Werk als eigenständige, die Gegenstände neu interpretierende Arbeit, die den Blick auf eigene Gegenwart gestatten wollte.

Dies will der Autor anhand der Darstellung des Themistokles demonstrieren. Dieser nähert er sich in chronologischer Weise, indem er Schlüsselpartien Herodots der Reihe nach untersucht. Der Leser folgt mit Blösel dabei der herodoteischen Chronologie, die mit der Deutung des Orakels von der "hölzernen Mauer" durch Themistokles beginnt (64-107). In der Darstellung Herodots erkennt Blösel den Versuch, den ersten Auftritt des Themistokles zu einer Rettung in höchster Not zu gestalten, die jenseits der historischen Wahrheit - Blösel sieht die athenische Flottenpolitik bereits unmittelbar nach Marathon eingeleitet - den Protagonisten nicht nur zum Retter Athens, sondern ganz Griechenlands gestaltet, indem er die maritime Verteidigung inauguriert. Die Zweite behandelte Episode ist der Rückzug aus Thessalien (108-131): Hier übergehe Herodot Bestechungsvorwürfe gegen Themistokles und belasse dessen Charakterisierung weiter in einem positiven Grundtenor. In der Schlacht von Artemision (132-185) sieht Blösel erste signifikante Anspielungen Herodots auf die Seebundspolitik: Die Bestechung des Themistokles durch die Euboier, deren Ertrag dieser wiederum nutze, um den Kommandanten Eurybiades und die Korinther zum Kampf zu motivieren, sei in Wirklichkeit eine Anspielung auf die Unterwerfung Euboias durch Perikles 446/5. In der Darstellung der Seeschlacht von Salamis mit der spektakulären Geheimbotschaft des Themistokles an Xerxes - die der Autor überzeugend als taktische Kriegslist interpretiert - erreicht nach Blösel die positive Darstellung des Themistokles bei Herodot ihren Höhe- und Wendepunkt (186-254). Aus dem entscheidenden Strategen und listenreichen Schlachtenplaner werde im herodoteischen Kriegsrat von Andros, den Blösel historisch auf Salamis verortet, der Erpresser kleiner Inseln (255-320). In dem Motiv der Habgier des Themistokles erkennt er ältere, dem Protagonisten feindliche Überlieferungstraditionen (wie z. B. die zweite Botschaft an Xerxes) und zugleich eine scharfe Kritik an der athenischen Seebundspolitik. So versteht der Autor dann die Darstellung Herodots, derzufolge dem Themistokles am Isthmos von den übrigen Strategen die Ehrung verweigert worden sei, als paradigmatische Erzählung für die Weigerung der übrigen griechischen Poleis, Athens Verdienste anzuerkennen (321-335). Nach Blösel zerfällt die Darstellung des Themistokles bei Herodot also in zwei gegensätzliche Teile: Während dieser bis Salamis die griechische Sache betrieben habe und ihr entscheidend genützt habe, sei danach eine abrupte Wende zu beobachten: Er zeige eine maßlose Habgier, denke an den eigenen Vorteil und missachte das Recht der kleineren Poleis. Dahinter sieht Blösel eine scharfe Kritik Herodots am Athen der Seebundszeit, dessen Politik sich in der Komposition der Charakterlinien des Themistokles spiegele.

Der Studie sind einige Kritikpunkte vorzuhalten: Immer wieder verliert der Autor sich in Spekulationen um Traditionsstränge und Quellen, die Herodot rezipierend und umgestaltend aufgreift, ohne diese Thesen immer plausibel machen zu können. Die Versuche, Aussagen früherer Autoren des fünften Jahrhunderts v. Chr. zu rekonstruieren, erinnern wegen der fehlenden Belegmöglichkeiten bisweilen an die Ansätze der literaturhistorischen Quellenforschung und können daher oft bloß spekulativen Charakter besitzen. Insofern kann die Arbeit daher ihrem Ziel, Einblick in die Arbeitsweise Herodots zu gewinnen, zumindest in diesem Punkt nicht immer gerecht werden. Dies hängt auch mit einem grundsätzlicheren Problem zusammen: Zwar nennt der Untertitel die historiografische Konstruktion als Untersuchungsthema, die Studie selbst aber leistet eben dies kaum: Der Versuch, Herodot nachzuweisen, dass er die Perserkriegsvergangenheit als moralisches Paradigma für die Pentekontaetie und den Peloponnesischen Krieg konstruiere, ist auf das Engste verbunden mit dem Anspruch, gleichzeitig aus derselben Quelle selbst auch eine eigene Rekonstruktion der Perserkriegsgeschichte zu gewinnen. Beide Versuche überlappen und überlagern einander in der vorliegenden Studie in einer mitunter schwer zu entwirrenden Weise. Dies ist auch dem Vorgehen geschuldet, das in Einzelinterpretationen herodoteischer Episoden beide Ziele miteinander vermischt, anstatt die Analyse des Konstruktionscharakters von Geschichte bei Herodot von der eigenen Rekonstruktion deutlicher zu trennen. Insgesamt handelt es sich um eine Arbeit, die fast ausschließlich philologisch-literaturhistorisch orientiert vorgeht und neuere methodische Ansätze - etwa zur Unterscheidung von Geschichte und Erinnerung, zur intentionalen Geschichte etc. - nicht in wünschenswerter Klarheit aufgreift, die den Konstruktionscharakter von Vergangenheit schärfer hätten akzentuieren können. Außerdem wird durch zahlreiche - nicht immer plausibel angeschlossene - Exkurse zu intertextuellen Bezügen zugleich literaturhistorische Arbeit geleistet, die dem Rezensenten mitunter vom eigentlichen Thema abzuführen scheint (z. B. 158-160; 236-241; 305-314). Andere wiederum referieren umfangreich nur einen bereits älteren Forschungsstand (241-254). Der eigentliche Kern der von Blösel vorgelegten Interpretation beruht, dies sollte angemerkt werden, auf vielen impliziten - z. T. in der Forschung strittigen - Prämissen (man denke etwa nur an den Streit über das Entstehungsdatum der Historien), sodass ihre Ergebnisse durchaus Anlass zu kontroverser Diskussion zu bieten scheinen.

Insgesamt beinhaltet das vorliegende Werk dennoch eine Vielzahl überzeugender und stichhaltiger Einzelbeobachtungen, die für die Interpretation der behandelten Herodot-Stellen Innovatives beitragen können. Auch der zugrunde liegende Ansatz, in der Themistokles-Darstellung Bezüge auf die Pentekontaetie zu erkennen, kann durchaus zu weiteren Diskussionen anregen. Die Schlussthese, dass Herodots Themistokles-Darstellung an einem Punkt komponiert worden sei, als dessen Rehabilitierung in Athen bereits wieder im Gange gewesen sei, mag durchaus zutreffend sein. Nicht alle Einzelglieder der umfangreichen Argumentationsketten sind immer überzeugend oder alternativlos, dennoch bietet die Arbeit in vielen Punkten eine interessante und anregende Interpretation Herodots.


Anmerkungen:

[1] Vgl. etwa J.A.S. Evans: Herodotus, Explorer of the Past. Three Essays, Princeton 1991; E.J. Bakker / I.J.F. De Jong / H. van Wees (Hg.): Brill's Companion to Herodotus, Leiden / Boston / Köln 2002.

[2] Blösel hält auf Seite 27 Anm. 70 auch die Spätdatierung von Fornara auf die Jahre 415/414 für plausibel.

Michael Jung