Rezension über:

Jürgen von Ungern-Sternberg: Römische Studien. Geschichtsbewusstsein - Zeitalter der Gracchen - Krise der Republik (= Beiträge zur Altertumskunde; Bd. 232), München: K. G. Saur 2006, XI + 434 S., ISBN 978-3-598-77844-5, EUR 118,00
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Rezension von:
Uwe Walter
Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Uwe Walter: Rezension von: Jürgen von Ungern-Sternberg: Römische Studien. Geschichtsbewusstsein - Zeitalter der Gracchen - Krise der Republik, München: K. G. Saur 2006, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 12 [15.12.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/12/11653.html


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Jürgen von Ungern-Sternberg: Römische Studien

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Jürgen von Ungern-Sternberg gehört wie Dieter Timpe, Hermann Strasburger und Arnaldo Momigliano zu den Althistorikern, deren gelehrte Arbeit sich ganz überwiegend in Aufsätzen und kritischen Rezensionen niedergeschlagen hat. Der vorliegende Band versammelt einerseits Studien zur römischen Geschichtstradition, die Ungern-Sternberg methodisch zwischen der traditionellen Quellenforschung und der literatur- bzw. formgeschichtlichen Erfassung der römischen Historiografie angesiedelt sehen möchte. Dabei ging es ihm von Anfang an in einem umfassenden Sinn um die "Herausbildung und weitere Formung der Vorstellungen, die man sich in Rom von der eigenen Vergangenheit gemacht hat" (VII) - lange bevor Begriffe wie "intentionale Geschichte", "Geschichtskultur" oder "kulturelles Gedächtnis" das Feld zu beherrschen begannen. Da sich Ungern-Sternberg immer auch für die Möglichkeiten der Rekonstruktion des tatsächlich Gewesenen interessiert hat, war er andererseits immun gegen die ärgsten Auswüchse des gerade im kulturwissenschaftlichen Feld zur Vorherrschaft gelangten radikalen Konstruktivismus und werden seine Arbeiten immer noch mit Gewinn studiert werden, wenn Anderes und Prätentiöseres längst vergessen ist.

Der einleitende Aufsatz "Überlegungen zur frühen römischen Überlieferung im Lichte der Oral-Tradition-Forschung" hat 1988 eine Debatte darüber angestoßen, ob die Struktur der frühen römischen Geschichtswerke vor der annalistischen Homogenisierung mit dem Vansina-Modell der mündlichen Tradition zu erklären ist. [1] Ungern-Sternberg ist dem Grundgedanken treu geblieben, wie die anregende, bisher unpublizierte Studie "Hungersnöte und ihre Bewältigung im Rom des 5. Jh.s v. Chr." zeigt (100-112). Den Aufsatz über die Verarbeitung des Galliersturms 390/387 ergänzt ein ebenfalls bisher unveröffentlichter Vortrag, der "Die Gefahr aus dem Norden - die traumatischen Folgen der Gallierkatastrophe" in einen weiteren Kontext rückt (132-146) und die Linien der politischen Instrumentalisierung des metus Gallicus bis Tacitus auszieht. Selbstverständlich sind auch die grundlegenden Studien zur Traditionsgenese und Realgeschichte des Dezemvirats und der Ständekämpfe enthalten; die beiden Beiträge zu Raaflaubs klassischem Band "Social Struggles in Archaic Rome" von 1986 wurden dabei für den Wiederabdruck aktualisiert und erscheinen hier in deutscher Sprache. Weitere Studien gelten den Konstruktionen großer Gestalten wie Romulus und Furius Camillus. Den Abschluss dieses Komplexes bildet ein hier erstmals publizierter, instruktiver Überblick zu "Appians Blick auf Rom" (199-217), in dem die zahlreichen offenen Fragen, etwa zu Appians Kenntnis und Benutzung lateinischer Quellen oder zu Absicht und Publikum des Werkes, illusionslos benannt werden.

Die Krise der Republik hat Ungern-Sternberg immer betont politisch interpretiert und auch nicht davor zurückgescheut, Verantwortung und Versagen klar zu benennen, besonders in "Die Legitimitätskrise der römischen Republik". [2] Der Bogen der in diesem Abschnitt vereinigten Beiträge reicht von den Gracchen über die spätrepublikanischen Frumentargesetze bis zur Catilinarischen Verschwörung. Ungern-Sternberg hat zugleich stets die handfesten sozialen Konflikte in der späten Republik im Blick behalten, wie die erhellenden Aufsätze über das Sozialprogramm der Gracchen (245-263) und die Frumentargesetze (287-305) zeigen.

Den Abschluss des Bandes bilden zwei lesenswerte Vorworte zur Neuausgabe von Gelzers "Nobilität" (im Inhaltsverzeichnis falsch ausgezeichnet) und Täublers "Der römische Staat". Etwas verirrt wirkt eine kleine Studie zur Einrichtung der germanischen Provinzen durch Domitian in der römischen Tradition (364-371); wenn schon, dann hätte dieser Beitrag in die erste Abteilung gehört. [3]

Leider hält die Erschließung des Dargebotenen mit seiner inhaltlichen Qualität nicht ganz Schritt. Der Untertitel nennt drei Themenschwerpunkte, der Autor selbst (VII) nur deren zwei (so auch im Inhaltsverzeichnis). Es gibt zwar ein Schriftenverzeichnis (426-434), das auch mehrere noch unpublizierte Arbeiten nennt und damit von der ungebremsten Schaffenskraft Ungern-Sternbergs zeugt, darunter einen Vergleich der Reformer Josia und Solon. [4] Doch fehlt dem Band jedes Register, sodass weder Namen und zentrale Begriffe noch interpretierte Quellenpassagen leicht aufzufinden sind. Querverweise hätten ebenfalls die innere Geschlossenheit der Forschungen Ungern-Sternbergs unterstrichen - es gibt sie leider nicht. Der Neusatz sorgt für ein einheitliches Erscheinungsbild, doch ohne die Paginierung der ursprünglichen Druckorte, wie sie in den guten alten 'Wege der Forschung'-Bänden Standard war und jüngst auch einer Sammlung von Schriften Dieter Timpes im anschließenden Band der BzA-Reihe beigegeben wurde [5], ist es unnötig mühsam, Hinweisen auf Stellen in den originalen Aufsätzen nachzugehen. So wurde leider versäumt, aus der Sammlung durchweg hochklassiger Studien und kritischer Rezensionen ein Buch zu machen, was angesichts des hohen Ladenpreises eigentlich zu erwarten gewesen wäre. Dennoch überwiegt die Dankbarkeit, die Arbeiten dieses stillen Großen nunmehr vereinigt zur Hand zu haben.


Anmerkungen:

[1] Kritisch dazu Dieter Timpe: Mündlichkeit und Schriftlichkeit als Basis der frührömischen Überlieferung, in: ders.: Antike Geschichtsschreibung. Studien zur Historiographie, hrsg. von Uwe Walter, Darmstadt 2007, 86-108 (erstmals 1988 erschienen).

[2] Zuerst in: Historische Zeitschrift 266 (1998). Der Rezensent hatte das Glück, den zugrunde liegenden Vortrag 1994 beim Kolloquium für Robert Werner hören zu dürfen. Der erste Satz der damals angefertigten Nachschrift lautete: "Der Zusammenbruch der DDR, der rasche und totale Legitimitätsverlust, der von den Repräsentanten des Systems nicht wahrgenommen wurde, nötigen uns, auch den Zusammenbruch der römischen Republik neu zu durchdenken."

[3] Dort wiederum wirkt die gründliche Rezension zu Joachim Jahn: 'Interregnum und Wahldiktatur' etwas deplatziert.

[4] Ein Titel wurde freilich übersehen: Aufstieg, Entfaltung und Niedergang des Römischen Reiches, in: Uwe K. Paschke (Hg.): Holle Universalgeschichte, Bd. 1, Baden-Baden 1976, 124-154 (Nachdr. Erlangen 1988).

[5] Dieter Timpe: Römisch-germanische Begegnung in der späten Republik und frühen Kaiserzeit. Voraussetzungen - Konfrontationen - Wirkungen. Gesammelte Studien. München / Leipzig 2006.

Uwe Walter