Rezension über:

Maria Gough: The Artist as Producer. Russian Constructivism in Revolution, Berkeley: University of California Press 2005, xi + 255 S., ISBN 978-0-520-22618-0, USD 49,95
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Rezension von:
Magdalena Nieslony
Kunstgeschichtliches Institut, Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Magdalena Nieslony: Rezension von: Maria Gough: The Artist as Producer. Russian Constructivism in Revolution, Berkeley: University of California Press 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 12 [15.12.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/12/11254.html


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Maria Gough: The Artist as Producer

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In der ersten umfassenden westlichen Darstellung des Russischen Konstruktivismus von 1983 [1] äußert die Autorin Christina Lodder die Hoffnung, ihrer Studie würden detailliertere Untersuchungen folgen (4). Erfüllt wurde dieser Wunsch erst über zwanzig Jahre später, als 2005 sogleich zwei Buchpublikationen erschienen sind, die sich ausgewählten Aspekten des Konstruktivismus widmen. [2] Kein Zufall zu sein scheint, dass beide Arbeiten in den USA entstanden sind, denn der anhaltenden Präsenz der Russischen Avantgarde im europäischen Ausstellungsbetrieb seit 1990 entspricht leider kein vergleichbares Interesse seitens der Forschung. Hingegen bildet gerade der politisch engagierte Konstruktivismus einen der thematischen Schwerpunkte der einflussreichen amerikanischen Zeitschrift "October". Maria Goughs "The Artist as Producer" zeigt, dass der Konstruktivismus viele - und bis dato unbekannte - Gesichter hat, und dass das Forschungsfeld noch lange nicht bestellt ist.

Goughs Buch basiert auf der Dissertation, die von Yve-Alain Bois, einem der Mitherausgeber von "October", in Harvard betreut wurde. Mit Bois teilt Gough nicht nur das Interesse an der Russischen Avantgarde, sondern auch das an der Analyse der spezifisch visuellen Kommunikationsmodi der von ihr behandelten Objekte: "Through a reconstruction of the laboratory object's rules of functioning [...] I endeavor to explicate the meanings that are inscribed in that object, made in that object, but which are not immediately legible in it" (10). Die Autorin weist mehrfach nach, dass sie im Stande ist, den "mode of thinking" (11) der zunächst äußerst hermetisch wirkenden Werke greifbar zu machen.

Dabei bleiben die Werkanalysen nie abstrakt, im Gegenteil: Form und die ihr jeweils inhärente Bedeutung werden immer historisch konkret verortet. Ermöglicht wird die so entstandene Mikro-Historie des Russischen Konstruktivismus durch eine beeindruckende Zahl von Quellenmaterialien aus zahlreichen staatlichen und privaten russischen Archiven. Gough setzt ihrer Untersuchung einen engen zeitlichen und geografischen Rahmen, indem sie sich auf die im März 1921 gegründete "Arbeitsgruppe der Konstruktivisten" am Moskauer INCHUK (Institut für Künstlerische Kultur) konzentriert. In den fünf Kapiteln ihrer Abhandlung diskutiert sie die dort geführte Debatte über Komposition und Konstruktion (Kap. 1), die nichtutilitären Raumkonstruktionen (Kap. 2), die Erörterung der Rolle des Künstlers in der Produktion (Kap. 3, 4) und die versuchte Realisierung des Übergangs von Kunst in Produktion (Kap. 5).

Verspricht das Inhaltsverzeichnis auf den ersten Blick eine 'runde' Darstellung der Moskauer INCHUK-Gruppe, so wird der Leser schon in der Einführung darauf vorbereitet, dass er es nicht mit einer Monografie zu tun habe, sondern mit einem "hybrid genre of art-historical writing" (18). Auch innerhalb der gewählten Gruppierung trifft Gough eine strenge Auswahl. Unter den "Praktikern" des INCHUK (Aleksandr Rodtschenko, Konstantin Medunezkij, Georgij und Vladimir Schtenberg, Warwara Stepanowa) steht der bisher kaum beachtete Karl Joganson fraglos im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit, während unter den "Theoretikern" (Boris Arwatow, Ossip Brik, Boris Kuschner) Nikolai Tarabukin die meiste Beachtung erfährt. "The Artist as Producer" ist daher nur bedingt als Einstiegslektüre in den Problemkreis des Moskauer INCHUK, geschweige denn in den des breiter gefassten Konstruktivismus geeignet. Diese Konzentration des Interesses führt beispielsweise dazu, dass einige zentrale Figuren wie Warwara Stepanowa oder Aleksei Gan kaum zur Sprache kommen. Ebenso fehlt eine Auseinandersetzung mit den Bedingungen der Moskauer Gruppe, wozu insbesondere die künstlerische Arbeit Tatlins oder die Debatten in der Petrograder Zeitschrift "Kunst der Kommune" gehören würden. Es ist auch bedauerlich, dass die in der russischen Kunsttheorie am Anfang des 20. Jahrhunderts virulente Idee der "Lebensschöpfung" durch die Kunst keine Erwähnung fand. Die Einbeziehung der Vorgeschichte würde den irreführenden Eindruck verhindern, die Ideen und Argumente der Konstruktivisten seien eine genuine Leistung der Moskauer INCHUK-Mitglieder.

Die von Gough vorgenommene Fokussierung ist aber keineswegs willkürlich, sondern dient der Entwicklung einer neuen Sicht auf den Konstruktivismus. So behandelt sie diejenigen Positionen ausführlich, die aus dem Rahmen der bisher vorherrschenden Interpretation der Produktionskunst als funktionalistische Objektgestaltung (also als eine Art Design vor der Etablierung des Terminus) herausfallen. Sie zeigt, dass die Antwort der Konstruktivisten auf die zentrale Frage nach der Rolle des Künstlers in der revolutionären Gesellschaft nur insofern einstimmig war, als alle Mitglieder der Gruppe die bürgerliche, autonome Kunst ablehnten und ihre Kräfte in den Dienst der Gemeinschaft stellen wollten. Differenzen treten auf beim Versuch, die mögliche Position des Künstlers in der industriellen Produktion genau zu bestimmen. Karl Joganson und Nikolai Tarabukin - der eine praktisch, der andere theoretisch - wenden sich gegen die Objektgestaltung und sehen den neuen Künstler vielmehr als einen "production organizer" (178) bzw. "engineer of production itself" (148).

Die Stärke von Maria Goughs Darstellung des Moskauer Konstruktivismus liegt also nicht zuletzt in der selbst auferlegten Beschränkung, die die Heterogenität der Gruppe, den fragmentarischen Charakter der versuchten Selbstdefinition des Künstlers sowie die Widersprüche zwischen Theorie und Praxis aufzeigt. Gough entgeht damit der Gefahr der "scholastischen Sicht" (Pierre Bourdieu), die Kohärenz sucht, wo es Brüche, Unschärfen und Teilwidersprüche gibt. [3] Das Ergebnis bildet eine alternative, hoch differenzierte Geschichte einer Kunstrichtung, die so radikal wie nie zuvor das Ende der Kunst herbeizuführen suchte.


Anmerkungen:

[1] Christina Lodder: Russian Constructivism, New Haven / London 1983.

[2] Christina Kiaer: Imagine no possessions: the socialist objects of Russian Constructivism, Cambridge, Mass. / London 2005 und das hier besprochene Buch von Maria Gough.

[3] Pierre Bourdieu: Die scholastische Sicht, in: ders.: Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns, Frankfurt/M. 1998, 201-218.

Magdalena Nieslony