Rezension über:

Othmar Plöckinger: Geschichte eines Buches. Adolf Hitlers "Mein Kampf" 1922-1945. Eine Veröffentlichung des Instituts für Zeitgeschichte, München: Oldenbourg 2006, IX + 632 S., ISBN 978-3-486-57956-7, EUR 49,80
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Rezension von:
Armin Nolzen
Warburg
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Armin Nolzen: Rezension von: Othmar Plöckinger: Geschichte eines Buches. Adolf Hitlers "Mein Kampf" 1922-1945. Eine Veröffentlichung des Instituts für Zeitgeschichte, München: Oldenbourg 2006, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 12 [15.12.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/12/10691.html


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Othmar Plöckinger: Geschichte eines Buches

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Adolf Hitlers autobiografische Schrift "Mein Kampf", die 1925 und 1926 in zwei Bänden erschien, wurde nach dessen Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 von einem nur in Insiderkreisen verbreiteten Buch zum regelrechten Beststeller. Waren bis Ende 1932 nur knapp 228.000 Exemplare abgesetzt worden, so stiegen die Verkaufszahlen innerhalb des nächsten Jahres sprunghaft an. Im Jahr 1933 wurden fast eine Million Exemplare verkauft, und bis 1944 durchbrach "Mein Kampf", das nunmehr in der 1031. Auflage erschien, die Schallmauer von 12,5 Millionen Stück. Acht Millionen Exemplare waren während des Zweiten Weltkrieges an den Mann gebracht worden, darunter ein kaum zu quantifizierender Anteil als Feldausgabe für Soldaten. Das Buch wurde in gekürzter Form in 14 Sprachen übersetzt, zum Beispiel ins Englische, Französische, Dänische, Italienische, Portugiesische, Spanische, Norwegische und Schwedische, und Ende 1933 war gar eine Ausgabe von 500 Stück in Blindenschrift (Punktschrift) erschienen. Angesichts dieses buchhändlerischen Erfolges von "Mein Kampf" ist es verwunderlich, dass dessen Geschichte bislang kaum einmal analysiert worden ist. Auch eine historisch-kritische Ausgabe des Textkonvolutes steht noch aus.

Othmar Plöckinger, der an einem Salzburger Gymnasium Deutsch, Geschichte und Mathematik unterrichtet, hat sich der herkulischen Aufgabe angenommen, mehr Licht in das Dunkel um "Mein Kampf" zu bringen. Sein Ziel ist es, bisher gängige Ansichten über Entstehungs-, Publikations- und Rezeptionsgeschichte des Buches zu überprüfen und die (nicht nur) in der Forschung vorherrschende Ansicht zu revidieren, es sei - entgegen seiner imponierenden Verkaufszahlen - von kaum jemandem gelesen worden. Dem Autor geht es darum, den Topos vom "ungelesenen Bestseller" zu zerstören, den er auch als eine der "hartnäckigsten Verallgemeinerungen und Fehleinschätzungen zur Geschichte des Nationalsozialismus" (2) bezeichnet. Zu diesem Zwecke hat er rund 1850 Archive, Bibliotheken, sonstige Einrichtungen sowie Privatpersonen kontaktiert, um Informationen über den Verbreitungsgrad von Hitlers "Mein Kampf" zu sammeln. Knapp 400 zeitgenössische Schriften hat er auf eine Erwähnung dieses Buches durchforstet; darunter Klassiker der NS-Interpretation wie Wilhelm Reichs "Massenpsychologie des Faschismus" und Sebastian Haffners "Jeckyll & Hyde", aber auch so entlegene Texte wie das im Selbstverlag publizierte Tagebuch eines Innsbrucker Nationalsozialisten. Außerdem präsentiert der Autor mit dem Tagebuch Gottfried Feders, das sich offenbar in Privatbesitz befindet, ein kleines Juwel, das für die Frühgeschichte der NSDAP fast schon einzigartig ist. Hinzu kommen regierungsamtliche Dokumente und Schriften aus Großbritannien, den USA, Frankreich, Österreich und der Sowjetunion, die Aufschluss über die Rezeption von "Mein Kampf" in diesen Ländern geben.

Die vorliegende Untersuchung gliedert sich in drei Teile, in denen der Autor nacheinander die Entstehungs-, die Publikations- und die Rezeptionsgeschichte von "Mein Kampf" abhandelt. Ein großer Vorzug ist es, dass er Hitlers Niederschrift von "Mein Kampf" systematisch mit der Geschichte der NSDAP verzahnt, wie sie sich nach dem missglückten Putschversuch vom 9. November 1923 entwickelte. Dadurch kann er nachweisen, dass die daraus resultierenden innerparteilichen Auseinandersetzungen thematisch in das Buch einflossen. Nach der Lektüre dieser Ausführungen wird sich die Forschung von einigen lieb gewordenen Ansichten verabschieden müssen. So zeigt Plöckinger, dass Hitler "Mein Kampf" alleine verfasste und die Mutmaßungen, ihm sei eine kaum zu beziffernde Zahl an Ghostwritern zur Hand gegangen, jedweder Realität entbehren. Auch die gängige Hypothese, wonach der Geograf Karl Haushofer über seinen Mittelsmann Rudolf Heß eigene geopolitische Vorstellungen in "Mein Kampf" lanciert habe, kann getrost als gegenstandslos angesehen werden. Weil weder Vorentwürfe noch die Endfassung von "Mein Kampf" überliefert sind, arbeitet Plöckinger größtenteils mit den vorläufigen Inhaltsverzeichnissen, um die einzelnen Textbausteine dieses Werkes zeitlich zuordnen zu können. Dabei gelangt er zu dem überzeugenden Ergebnis, dass Hitler den ersten Band von "Mein Kampf" zwischen Oktober 1924 und April 1925 verfasst haben muss. Der zweite Band folgte im Sommer/Herbst 1926 und stand ganz im Zeichen seines Kampfes um die Vorherrschaft innerhalb der "völkischen" Bewegung.

Die Rezeptionsgeschichte von "Mein Kampf", die Plöckinger im dritten Teil behandelt, nimmt fast zwei Drittel des Gesamtumfanges seiner Untersuchung ein und ist nur enzyklopädisch zu nennen. Nacheinander analysiert er die Rezeption in Deutschland, Großbritannien, den USA, der Sowjetunion einschließlich KOMINTERN, in Frankreich und in Österreich. Im umfangreichsten Teil über das Deutsche Reich zeigt er, wie "Mein Kampf" in der allgemeinen beziehungsweise der konfessionell gebundenen Publizistik, in der "völkischen" Bewegung, in der NSDAP, in den übrigen politischen Parteien und bei Wirtschaft und Gewerkschaften aufgenommen wurde. Dessen Rezeption blieb stets - und dieses Ergebnis ist kaum überraschend - sehr selektiv. So beschränkten sich evangelische und katholische Exegeten auf Hitlers Auslassungen zum Verhältnis zwischen Nationalsozialismus und Christentum und sahen über dessen Antisemitismus und Rassismus gemeinhin geflissentlich hinweg, wenn sie beide Aspekte nicht gar positiv bewerteten. Die sowjetische Seite und die KOMINTERN fokussierten sich fast ausschließlich auf einschlägige Passagen zur "Ostpolitik". Plöckingers Analyse zum Stellenwert von "Mein Kampf" in der NSDAP ist wenig weiterführend und konzentriert sich fast ausschließlich auf die Zeit vor 1933. Gern hätte man mehr darüber erfahren, inwieweit Hitlers programmatische Forderungen die Herrschaftspraxis der Parteifunktionäre in der NS-Zeit beeinflussten.

Ohnehin beschränkt sich Plöckinger auf eine qualitative Analyse der Rezeption von "Mein Kampf", die kaum ausreicht, um die Hypothese vom "ungelesenen Bestseller" zu widerlegen. Die einzigen quantitativen Daten, die er präsentiert, sind Ausleihzahlen aus öffentlichen Bibliotheken, die er jedoch selbst als wenig repräsentativ einschätzt. Die einschlägigen OMGUS-Surveys vom März 1946 und Februar 1948, die auf einer Befragung von fast 8.000 Bewohnern der amerikanischen Zone basierten, inwieweit diese "Mein Kampf" gelesen haben, scheint der Autor nicht zu kennen. Immer wieder muss er zugeben, dass seine Quellen keine Auskünfte über die Rezeptionstiefe von "Mein Kampf" geben. Auf die nahe liegende Idee, seine Fragestellung zu verändern, ist er nicht gekommen. Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, nicht jede Erwähnung, die "Mein Kampf" in der politischen Publizistik fand, zu rekonstruieren, sondern danach zu fragen, welche Funktion diese Schrift in der NSDAP beziehungsweise im NS-Staat erfüllte. Beispielsweise zeigt der Autor, dass die Ministerialbürokratie bei der Vorbereitung von Gesetzen und Verordnungen manches Mal auf "Mein Kampf" zurückgriff, um deren inhaltliche Ausgestaltung gegen konkurrierende Vorstellungen durchsetzen zu können. Bei der Benutzung von "Führerworten" wurde allerdings so selektiv verfahren, dass sie durch die Parteiamtliche Prüfungskommission kontrolliert werden musste. Die Bedeutung von "Mein Kampf" scheint also auch darin gelegen zu haben, dass es eine Verwaltungspraxis legitimieren half, die mit der Begründungsfigur argumentierte, man müsse stets dem "Führer entgegen arbeiten" (Ian Kershaw). Plöckingers Studie bildet zwar einen wichtigen Ausgangspunkt zur kritischen Erforschung von "Mein Kampf". Das letzte Wort zu dieser Thematik stellt sie allerdings nicht dar.

Armin Nolzen