Rezension über:

Anett Müller: Modernisierung in der Stadtverwaltung. Das Beispiel Leipzig im späten 19. Jahrhundert (= Geschichte und Politik in Sachsen; Bd. 24), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2005, 486 S., ISBN 978-3-412-28805-1, EUR 59,90
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Rezension von:
Charlotte Bühl-Gramer
Friedrich-Alexander-Universität, Erlangen-Nürnberg
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Charlotte Bühl-Gramer: Rezension von: Anett Müller: Modernisierung in der Stadtverwaltung. Das Beispiel Leipzig im späten 19. Jahrhundert, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 12 [15.12.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/12/10065.html


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Anett Müller: Modernisierung in der Stadtverwaltung

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In dieser bei Hartmut Zwahr an der Universität Leipzig entstandenen Dissertation untersucht Anett Müller am Beispiel Leipzigs Entstehung und Ausbau einer leistungsfähigen Kommunalverwaltung. Industrialisierung und Urbanisierung forcierten den Übergang von der Ordnungsverwaltung alten Stils zur modernen Leistungsverwaltung und führten zu Professionalisierung, Bürokratisierung und Ausdifferenzierung von Verwaltungsarbeit, Verwaltungsinhalten und Ämterorganisation. Der Untersuchungszeitraum umfasst die Jahre 1873 bis 1892. Die Zäsuren resultieren aus den modifizierten rechtlichen Bedingungen und Regelungen der Revidierten Städteordnung vom 24. April 1873 und der ersten, 1892 abgeschlossenen großen Eingemeindungswelle, die eine Verdoppelung der Einwohnerschaft Leipzigs mit sich brachte und die Kommune vor völlig neue Verwaltungsaufgaben stellte.

Da für Leipzig bislang weder verwaltungsgeschichtliche Studien für das 19. und 20. Jahrhundert noch eine wissenschaftlich fundierte Stadtgeschichte vorliegen, konnte die Verfasserin auf keinerlei Vorarbeiten zurückgreifen.

In einer kurzen Einleitung (11-33) werden zunächst Gegenstand, Vorgehensweise und Quellenlage thematisiert. Die für verwaltungsgeschichtliche Arbeiten des 19. Jahrhunderts meist außerordentlich dichte Überlieferung trifft auch auf Leipzig zu. Der größte Teil der ausgewerteten Quellen befindet sich im Stadtarchiv Leipzig, wo die Verfasserin als Archivarin beruflich tätig ist. Wo nötig, wurden weitere Quellen aus den staatlichen Archiven in Leipzig und Dresden herangezogen.

Auf die Einleitung folgt ein kurzes Kapitel zu den Orten der Verwaltung (35-46), die die verwaltungsgeschichtliche Umbruchphase auch in räumlicher Hinsicht sinnfällig macht: Vor dem 1905 errichteten Rathausneubau als funktionalem Verwaltungszweckbau beschränkten vormoderne Arbeitsbedingungen und erheblicher Flächen- und Raummangel effektives Verwaltungshandeln; Dezentralisation durch Ausgliederung von Verwaltungseinheiten erschwerten die verwaltungsinterne Kommunikation zusätzlich.

Vier Großkapitel strukturieren das verwaltungsgeschichtliche Forschungsfeld: Aufbau und Organisation der Stadtverwaltung, ausgewählte Aufgabenfelder, die verschiedenen Beamtengruppen und ihre Tätigkeiten sowie deren Interessenvertretungen. Im Abschnitt Aufbau und Organisation (51-130) werden neben den rechtlichen Rahmenbedingungen die einzelnen Organe der Verwaltung vorgestellt und die Zusammensetzung und Personalpolitik des Stadtrats, die Tätigkeit des Ratsplenums, der -abteilungen und -deputationen sowie die Geschäftsführung des Rats untersucht. Wachsende Ausschusstätigkeit, eine Zunahme an Vorgängen und Amtskorrespondenz, eine Verschiebung von der ehrenamtlichen Tätigkeit zum kommunalen Berufsbeamtentum sind die wichtigsten Veränderungen. Auffällig ist, dass weniger die Revidierte Städteordnung von 1873 als das Jahr 1876 eine verwaltungsgeschichtliche Zäsur bildete: Ursachen hierfür sind Veränderungen in der Geschäftsbehandlung und -verteilung, die einen Kompetenzzuwachs der Stadträte nach sich zogen und der Amtsantritt eines neuen Bürgermeisters. Auch für Leipzig bestätigt sich also die Schüsselstellung der Stadtoberhäupter als Initiativzentrum der kommunalen Verwaltung. Das in vielen Städten praktizierte Modell "Aufstieg durch Ortswechsel" trifft dagegen für die Leipziger Bürgermeisterwahlen nicht zu. Hier bevorzugte man bekannte Persönlichkeiten der lokalen Öffentlichkeit.

Das umfangreichste Kapitel der Studie widmet sich ausgewählten Aufgabenfeldern der Kommunalverwaltung (139-239). Da auch hier die Studie auf keinerlei Vorarbeiten zurückgreifen kann, muss der einleitende Überblick über das Aufgabenspektrum eher kursorisch bleiben. Die vorgestellten Beispiele zur Verwaltung der Verwaltung machen überzeugend deutlich, wie die Aufgabenausweitung und -differenzierung zur Entwicklung einer inneren Verwaltung führten, der Wandel im Aufgabenbestand demnach immer auch auf die Struktur zurückwirkte und zu einer Ausweitung der Organisation führte. Die Beispiele zu Wandlungen des Aufgabenbestands und zur Entstehung neuer Aufgabenfelder sind dagegen nicht immer glücklich gewählt: Sie machen zuweilen aufgrund ihrer eher nachrangigen Bedeutung den tiefgreifenden Wandel im Aufgabenspektrum nicht immer deutlich genug sichtbar bzw. lassen durch die beiden Beispiele, in denen der Staat Verpflichtungen auf die Kommune übertrug (Krankenversicherung, Standesämter) den wesentlich größeren, explosionsartig wachsenden Bereich der kommunalen Zuständigkeiten eher unterbelichtet. Das liegt vor allem daran, dass aus (verständlichen) Gründen das Forschungsfeld eingegrenzt werden musste: Die Gemeindebetriebe und damit der für die Modernisierung der Stadtverwaltung während der Urbanisierung so zentrale Bereich der Städtetechnik bleiben in der Untersuchung ausgeschlossen.

Das nachfolgende Kapitel stellt die Akteure der Verwaltung vor (241-318). Die Untersuchung der verschiedenen Beamtengruppen zeigt ein besonders starkes Anwachsen der Gruppe der nichtjuristischen Beamten. Durch die Auswertung von Instruktionen für einzelne Aufgabenbereiche und Beamte kann Müller das Tätigkeitsspektrum des Verwaltungspersonals an ausgewählten Beispielen vorstellen. Entsprechend der vielfältigen Verwaltungsaufgaben waren auch die Qualifikations- und Ausbildungsbedingungen sehr heterogen. Persönliche Kontakte und Empfehlungen spielten für eine Anstellung häufig eine entscheidende Rolle. Fortbildungen kompensierten Ausbildungsdefizite. Personalführung und -verwaltung wurden durch den Anstieg der Beamtenstellen ausdifferenziert. Hierarchien und Dienstwege bildeten sich heraus.

Der abschließende Blick auf die regionalen und lokalen Interessenvertretungen der Kommunalbeamten (319-361) untermauert den Professionalisierungsschub der Verwaltung: Formalisierung der Ausbildung, Implementierung und Systematisierung von Fachwissen durch umfangreiche Bildungsangebote, Innovationsschub durch institutionelle Vernetzung und persönlichen Erfahrungsaustausch, aber auch Fragen der sozialen Absicherung, der Geselligkeit und der Standespolitik bildeten die Agenden der Vereinsaktivitäten. Den Rahmen der Gesamtthematik bilden schließlich zwei kurze Schilderungen, die mithilfe der historischen Imagination den fiktiven Arbeitstag eines Beamten im Jahr 1873 (47-49) und 1892 (363-366) beschreiben und die Veränderungen im Alltag der Beamten deutlich machen.

Die vorliegende Untersuchung versteht sich als "ein erster Schritt zur Beseitigung des verwaltungsgeschichtlichen Defizits" (22). Zweifellos bietet die kenntnisreiche und quellengesättigte Studie eine sehr gute Ausgangsbasis für weitere verwaltungs- und stadtgeschichtliche Forschungen. Ein Resümee, ein umfangreicher Anhang mit Kurzbiografien aller in der Studie namentlich genannten Leipziger Beamten, einer Zusammenstellung der Geschäftsverteilung der Ratsmitglieder 1876, einer vergleichenden Übersicht der Verwaltungszweige 1873 und 1892 sowie ein Personenregister runden die Arbeit ab.

Charlotte Bühl-Gramer