Rezension über:

Hermione de Almeida / George H. Gilpin: Indian Renaissance: British Romantic Art And the Prospect of India (= British Art and Visual Culture since 1750. New Readings), Aldershot: Ashgate 2006, xv + 336 S., 60 color plates, 180 ill., ISBN 978-0-7546-3681-6, GBP 75,00
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Rezension von:
Michaela Braesel
Institut für Kunstgeschichte, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Ekaterini Kepetzis
Empfohlene Zitierweise:
Michaela Braesel: Rezension von: Hermione de Almeida / George H. Gilpin: Indian Renaissance: British Romantic Art And the Prospect of India, Aldershot: Ashgate 2006, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 11 [15.11.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/11/9277.html


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Hermione de Almeida / George H. Gilpin: Indian Renaissance: British Romantic Art And the Prospect of India

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Mit dem Buch liegt eine sehr umfassende Untersuchung zur Entwicklung des Indienbildes in England, zur Präsentation Indiens durch englische Künstler und zu den Auswirkungen und Einflüssen auf die englische Kultur von 1750 bis ins frühe 19. Jahrhundert vor. Die sieben großen Kapitel zeigen auf, welche Aspekte der indischen Kultur besonders geschätzt wurden bzw. in welche Konzepte sie integriert oder an welche Ideengefüge sie angepasst wurden. Almeida und Gilpin geht es darum, darzulegen, dass im 18. Jahrhundert zunächst noch die Möglichkeit eines fruchtbaren Mit- und Nebeneinanders bestand, die erst durch die politischen Entscheidungen am Ende des 18. Jahrhunderts nicht mehr aufrechtzuerhalten war. Zu Grunde legen die Autoren die Auffassung einer "Indian Renaissance". Hierunter verstehen sie die Anregungen, welche die Angehörigen der englischen Handelskompanien erfuhren und die zu einer Vermischung englischer und indischer Kultur führten, zu einem friedlichen, gleichberechtigten und befruchtenden Miteinander beider Kulturen. Dieses änderte sich erst durch die Neuorganisierung der englischen Handelskompanie in Folge des Verlusts der Amerikanischen Kolonien und der Befürchtungen in Zusammenhang mit der Französischen Revolution und verursachte eine Trennung von Indern und Engländern sowie die kriegerische Aneignung weiter Landesteile.

In der Zugrundelegung der These von einer "Indian Renaissance" unterscheidet sich die Publikation von Veröffentlichungen wie Beth Fowkes Tobins "Picturing Imperial Power", in welcher der Schwerpunkt auf die kulturelle Herabstufung und Inbesitznahme Indiens über die Künste im späten 18. Jahrhundert gelegt wird. [1] Einige Porträtanalysen kommen zu ähnlichen Ergebnissen, aber die ideengeschichtliche Hinterlegung erfolgt bei Almeida / Gilpin insgesamt ausführlicher und bildet die Grundlage für die argumentative Darlegung der "Indian Renaissance". Bei Almeida / Gilpin wird zudem der Landschaftsmalerei eine wesentliche Rolle zugesprochen. An ihr wird der Wandel des Indienbildes und der englisch-indischen Beziehungen anschaulich dargelegt.

Englische Künstler, die Indien im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert als einen Markt entdeckten, führten ihre Einflüsse durch diese "Indian Renaissance" in ihren Arbeiten zurück nach England und prägten ihrerseits das Indien-Bild, banden dieses in die englische Romantik ein. Die Autoren schildern die Entwicklung der "Indian Renaissance" und die Bedeutung Indiens für die englische Romantik sehr objektbezogen. Dabei geht es ihnen darum, anhand ausgewählter Werke, die entweder nach Themen, Motiven oder Künstlern zusammengestellt werden, die Veränderungen chronologisch und anschaulich aufzuzeigen. Sie beginnen mit einer "Ikone" der indisch-englischen Beziehungen, "Tippo's Man Tiger Organ" (um 1795, Victoria & Albert Museum London), und schildern damit eingangs gleich eines der dunkleren Kapitel englisch-indischer Beziehungen. Diese Orgel, die in Form eines Tigers gehalten ist, der einen Engländer tötet, dient dazu die problematischen Beziehungen zwischen Indien, England und Frankreich, woher das Orgelwerk stammte, darzulegen. Erläutert wird ausgehend vom Tiger, dann zum Banyan Baum, den Höhlentempeln von Elephanta übergehend, die unterschiedliche kulturell konditionierte Wahrnehmung und symbolische Belegung dieser Gegenstände. Ihr politisch und künstlerisch motivierter Einsatz in der englischen Kunst wird anschließend aufgeschlüsselt. Die Rezeption Indiens durch englische Künstler wird durch das Gedankengut der Romantik, die Ideen des Pittoresken und Erhabenen bestimmt, durch die moralisch-religiöse Erziehung und die Faszination des Fremden gesteuert. Die Autoren zeigen im ersten Kapitel, wie die englischen Künstler sich auf die fremde Kultur einlassen und sowohl durch die Landschaft als auch durch die Tempelarchitekturen, basierend auf den zeitgenössischen Kategorien des Pittoresken und Sublimen, Inspiration gewinnen. Hier bot sich ein neuer Eindruck von Emotionalität, von dem Zusammenhang zwischen Gott und Natur, der wiederum auf die Genese der englischen Romantik zurückwirkte und in englischer Bearbeitung einflussreich nach England zurückgeführt wurde. Zugleich machte die wissenschaftliche Erforschung der indischen Sprachen, Literatur und Religion die hohe Qualität und Eigenständigkeit der indischen Kultur bewusst, die das zunächst harmonisch-gleichberechtigte Nebeneinander unterstützte. Die wachsende Kenntnis der indischen Kultur verhalf dieser zu einer steigenden Wertschätzung, die darauf beruhte, dass durchaus der eigenen englischen Kultur vergleichbare Konzepte bzw. sogar noch beeindruckendere Modelle gefunden wurden. Zugleich wurde der Versuch des Verständnisses der fremden Kultur und ihrer Vermittlung, wie die Autoren darlegen, eine Grundlage der späteren imperialistischen Aneignung (62-63), da hiermit eine Verfügbarmachung verbunden war, die zunächst helfen sollte, die Komplexität und Fremdheit der indischen Kultur zu bewältigen.

In den folgenden Kapiteln widmen sich die Autoren der Porträt- und Historienmalerei, der Naturstudien und besonders der Landschaftsmalerei. In Zusammenhang mit der Porträtmalerei wird das Leben der englischen Beamten und ihre Beziehung und Bindung an indische Fürstenhäuser geschildert, auf welchen Wegen und mit welcher Motivation eine Vermischung von englischen und indischen Traditionen erfolgte, nach welchen Überlegungen englische und indische Frauen dargestellt wurden. Bei der Landschaftsmalerei zeigen die Autoren am Beispiel einzelner Künstler auf, wie Indien selbst in seiner Verbindung von Landschaft und Kunst den englischen Erwartungen des Sublimen entgegenkam und wie die indische Szenerie von englischen Künstlern für einen englischen Betrachter übersetzt wurde, d. h., wie sich eine indische Landschaft unter Anlegung der Darstellungsmuster von Claude Lorrain, Richard Wilson oder Canaletto sowie der Theorien von Locke und Burke darbot, welche Parallelen zwischen indischen und englischen Landschaften aufgefunden wurden.

Den Autoren gelingt auf stets überzeugende Weise die Verbindung des historischen Hintergrunds, besonders in Hinblick auf die Bedeutung einzelner einflussreicher Politiker und Verwalter, sowie kunstgeschichtlicher und -theoretischer Aspekte. Hierbei kommt dem Gouverneur Warren Hastings eine Schlüsselrolle zu. Die Autoren sehen in ihm einen der maßgeblichen, wenn auch letzten Protagonisten der "Indian Renaissance". Hastings bevorzugter Künstler war der Porträtmaler Johann Zoffany, dessen Spezialität das "conversation piece" bildete. In seinen Bildern spiegele sich ein letztes Mal die noch bestehende Harmonie zwischen England und Indien, die dann durch Pitts und Cornwallis' "India Act" von 1784 unterbunden wird und Indien von einem Handelsort in einen abhängigen Teil des "Empire" verwandelt. Wie sich diese politische Aneignung Indiens vollzieht, zeigen die Autoren anhand der Historienbilder, welche die kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Herrscher von Mysore, dem Auftraggeber der "Tiger Organ", schildern und der Landschaftsmalerei, die die "picturesque possession of India" vornehme (181). Die Landschaftsmalerei komme nun den Erwartungen eines englischen Publikums entgegen, die das malerische und das kurios-fremde Indiens fasziniert, das aber kein tiefer reichendes Interesse an der indischen Kultur besitzt. Entsprechend wurde nun auch die indische Kunst als "primitiv" und moralisch fragwürdig eingeschätzt. Der Reiz Indiens ist nur noch ein oberflächlicher, der durch europäische Sehgewohnheiten und Erwartungen gelenkt wird. An Künstlern wie Thomas Daniell und Charles Gould legen die Autoren dar, wie Indien als bizarre und kulturell niedrig stehende Welt an ein englisches Publikum vermittelt und damit die territoriale Aneignung des Landes gerechtfertigt wird. Künstler wie William Blake und William Turner greifen dann nach Auffassung der Autoren noch einmal Elemente der "Indian Renaissance" auf, um sie kritisch der politischen Entwicklung entgegenzusetzen und künstlerische Anregungen für das eigene Werk zu gewinnen.

Insgesamt bieten die Autoren eine sehr detaillierte Darstellung der Möglichkeiten eines indisch-englischen Kulturaustausches und des tatsächlich vollzogenen Weges, der in seiner historischen Bedingtheit genau dargelegt und an klug ausgewählten Beispielen erläutert wird. Die Verbindung von historischer und geistesgeschichtlicher Information sowie kunstgeschichtlicher Analyse macht das Buch zu einer durchgehend interessanten und aufschlussreichen Lektüre. Allein in einigen wenigen Aspekten wären Belege oder ein nochmaliges Reflektieren des historischen Standpunkts wünschenswert, so für die ironische Haltung Zoffanys in seinen "conversation pieces", die sich von der von David Solkin in Zusammenhang mit William Hogarth herausgestellten ironischen Position unterscheidet, oder für die Deutung von Turners landschaftlichen Historienbildern. [2]


Anmerkungen:

[1] Beth Fowkes Tobins: Picturing Imperial Power. Colonial Subjects in Eighteenth Century British Painting. Durham, London 1999.

[2] David H. Solkin: Painting for money: the visual arts and the public sphere in eighteenth-century England. New Haven, London 1993.

Michaela Braesel