Rezension über:

Clemens Heitmann: Schützen und Helfen? Luftschutz und Zivilverteidigung in der DDR 1955 bis 1989/90 (= Militärgeschichte der DDR; Bd. 12), Berlin: Christoph Links Verlag 2006, 476 S., 5 Farb-, 24 s/w-Abb., ISBN 978-3-86153-400-6, EUR 29,90
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Rezension von:
Christian Th. Müller
Hamburger Institut für Sozialforschung
Redaktionelle Betreuung:
Dierk Hoffmann / Hermann Wentker im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Christian Th. Müller: Rezension von: Clemens Heitmann: Schützen und Helfen? Luftschutz und Zivilverteidigung in der DDR 1955 bis 1989/90, Berlin: Christoph Links Verlag 2006, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 11 [15.11.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/11/11145.html


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Clemens Heitmann: Schützen und Helfen?

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Seit der bahnbrechenden Arbeit von Heribert Seubert "Zum Legitimitätsverfall des militarisierten Sozialismus in der DDR" aus dem Jahr 1995 sind zahlreiche Studien über die Anwendung von Formen militärischer Disziplinierung als Modell gesellschaftlicher Disziplinierung und spezifisches Mittel zur Herrschaftssicherung des SED-Regimes entstanden. Im Vordergrund standen dabei vor allem Anspruch und Praxis der "sozialistischen Wehrerziehung" im Erziehungs- und Bildungswesen sowie in den Streitkräften der DDR. Demgegenüber war jedoch über die Methoden und Resultate der Wehrerziehung bei der älteren und nicht wehrpflichtigen Bevölkerung bislang eher wenig bekannt. Weitgehend unerforscht war außerdem die Entwicklung und Rolle der Luftschutz- und Zivilverteidigungsorganisation, die mit etwa einer halben Million ehrenamtlichen Angehörigen 1988 die personalstärkste paramilitärische Organisation in der DDR bildete.

Clemens Heitmann hat nun mit dem vorliegenden Buch, das als Dissertation an der Universität Potsdam entstanden ist, versucht, die Analyse der Organisationsgeschichte der DDR-Zivilverteidigung (ZV) mit der Erforschung von Indoktrination und Sozialdisziplinierung der Bevölkerung jenseits von Schule, Studium und Wehrdienst zu verbinden. Heitmann wählt dazu den leider nicht näher erläuterten methodischen Ansatz der "politische(n) Geschichte", in der er Elemente von Strukturgeschichte und biografischem Ansatz miteinander zu kombinieren trachtet (9). Seine Darstellung gliedert sich im Wesentlichen in drei Schritte.

Zunächst stellt Heitmann die Zivilverteidigung als "strategischen Faktor" in der Kriegführungskonzeption des Warschauer Vertrages vor. Ausgangspunkt ist dabei die bereits hinlänglich bekannte Entwicklung der sowjetischen Militärdoktrin und des ihr zugrunde liegenden Kriegsbildes vom russischen Bürgerkrieg bis zum Ende der Achtzigerjahre, deren Implikationen für die Zivilverteidigungskonzeptionen in UdSSR und DDR er im Anschluss analysiert. Dabei stellt der Autor - wie bereits im Titel des Buches insinuiert - die schützende und helfende Funktion der ZV in Frage. Stattdessen skandalisiert er die der ZV in Übereinstimmung mit Artikel 61 - 67 des Ergänzungsprotokolls von 1977 zum IV. Genfer Abkommen für den Kriegsfall übertragenen Aufgaben als die eigenen Streitkräfte entlastend und damit die Kriegsanstrengungen im Sinne totaler Kriegführung unterstützend. Heitmanns Argumentation hätte auch in dieser Frage - ähnlich wie bei seiner Bewertung der sowjetischen Kriegsbilder und Zivilverteidigungskonzeptionen für einen auch nuklear geführten Krieg als obsolet und weltfremd - durch die vergleichende Einbeziehung der Konzepte von USA und NATO deutlich an Überzeugungskraft gewonnen. Auf Grundlage eines derartigen Vergleichs hätte er - so dieser Befund dann noch aufrecht zu erhalten wäre - den Anachronismus des Kriegsbildes und die kriegsunterstützende Rolle der ZV als Spezifika der Kriegführungskonzeption von Sowjetunion und Warschauer Vertrag belegen können.

Im zweiten Schritt zeichnet Heitmann die organisatorische Entwicklung vom Luftschutz zur Zivilverteidigung detailliert nach. Dabei arbeitet er die nahezu permanenten materiellen und personellen Engpässe ebenso wie die kaum lösbaren Probleme bei Schutz und Versorgung der Bevölkerung unter den Bedingungen nuklearer und moderner konventioneller Kriegführung sowie das daraus resultierende Legitimationsdilemma der ZV-Organisation anschaulich heraus.

Das dritte Großkapitel, das die Überschrift trägt: "Indoktrination, Kontrolle und Mobilisierung - fünf Beispiele für die Allgegenwart der Zivilverteidigung im SED-Staat", stellt mit der gesellschaftlichen "Vorbereitungsarbeit", der Einbindung in die "sozialistische Wehrerziehung" und der Indienstnahme des DRK eigentlich nur drei Beispiele der Allgegenwart der ZV dar, während die beiden anderen Analysen die Zusammensetzung des haupt- und ehrenamtlichen Personalbestandes sowie die Überwachung der ZV durch Partei und Staatssicherheit betreffen. Die Zivilverteidigung versteht Heitmann dabei als Organisation, deren Personal "repräsentativ" für die gesamte DDR-Bevölkerung (273) gewesen sei und somit die "zeitlebens" andauernde "wehrpolitische Mobilisierung und Indoktrination" (299) durch das SED-Regime verkörpere. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang, dass sich der Autor bei derart weitreichenden Thesen nicht auf seinen mit enormer Akribie zusammengetragenen Corpus an archivalischen Quellen, sondern auf nahezu dreißig Jahre alte westliche Publikationen stützt, die den Alltag des DDR-Bürgers "von der Wiege bis zur Bahre" (300) durch die Zumutungen der "sozialistischen Wehrerziehung" geprägt sahen. Auch wenn sich die Wehrideologen der SED eine solch weitestgehende Erfassung der Bevölkerung wahrscheinlich sehnlichst gewünscht haben, sah die Wirklichkeit doch völlig anders aus. Trotz ihres beeindruckenden Personalbestandes konnte die ZV letztlich nur einen Bruchteil der nicht von "bewaffneten Organen" und anderen paramilitärischen Organisationen benötigten Bevölkerungsteile erfassen, wobei die Gruppe der Rentner - mithin ein Anteil von schätzungsweise 20 bis 25 % der Gesamtbevölkerung - durch die "sozialistische Wehrerziehung" praktisch überhaupt nicht erreicht wurde. Weiterhin hätte der Leser gern mehr über die prägenden Wirkungen des Dienstes in der ZV und seine Wahrnehmung durch das ehrenamtliche ZV-Personal erfahren. Über die vereinzelt wiedergegebenen Stimmungsberichte hinsichtlich geäußerter Kritik an Einsatzkonzepten und organisatorischen Missständen hinaus, hätte die Darstellung in diesem und anderen Punkten von den ursprünglich geplanten Zeitzeugenbefragungen mit einem sample typischer Vertreter des ZV-Personals erheblich profitieren können.

Insgesamt hat Clemens Heitmann mit seinem Buch eine auf breiter Quellenbasis akribisch recherchierte Organisationsgeschichte der DDR-Luftschutz- und Zivilverteidigungsorganisationen vorgelegt. Die Praxen der Indoktrination und Sozialdisziplinierung sowie die Diskussion ihrer Ergebnisse geraten dabei leider ebenso aus dem Blick wie die Schilderung von Tätigkeitsprofil und Alltag der haupt- und ehrenamtlichen ZV-Kräfte. Vor allem bei letzteren hätte sich die Frage nach tatsächlichem Anteil und Rolle der ZV in ihrem Leben aufgedrängt. Die von Jürgen Kocka aufgeworfene und von Heitmann aufgenommene Frage nach den "tatsächlichen Wirkungen diktatorischer Herrschaft" (387) wird somit für den Bereich der ZV letztlich nicht beantwortet.

Die Lesbarkeit der Darstellung ist dabei durch zahlreiche Redundanzen und den aufgeblähten, zum Teil mehr als die Hälfte der Seite einnehmenden Fußnotenapparat beeinträchtigt. Die Gestaltung des Bandes überzeugt demgegenüber in bewährter Weise. Hervorzuheben ist dabei insbesondere der Anhang, der unter anderem zahlreiche aufwändig gestaltete Organigramme zur Strukturentwicklung von Luftschutz und Zivilverteidigung enthält.

Christian Th. Müller