Rezension über:

Dieter Ziegler: Die Dresdner Bank und die deutschen Juden. Unter Mitarbeit von Maren Janetzko, Ingo Köhler und Jörg Osterloh (= Die Dresdner Bank im Dritten Reich; Bd. 2), München: Oldenbourg 2006, VII + 482 S., ISBN 978-3-486-57781-5
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Rezension von:
Christiane Kuller
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Empfohlene Zitierweise:
Christiane Kuller: Rezension von: Dieter Ziegler: Die Dresdner Bank und die deutschen Juden. Unter Mitarbeit von Maren Janetzko, Ingo Köhler und Jörg Osterloh, München: Oldenbourg 2006, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 11 [15.11.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/11/10769.html


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Dieter Ziegler: Die Dresdner Bank und die deutschen Juden

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Mit der Studie von Dieter Ziegler und seinen Mitarbeitern liegt nach der Untersuchung zur Deutschen Bank und zur Commerzbank nun auch für die dritte große deutsche Filialbank eine quellengesättigte Untersuchung zur Frage des Umgangs mit Juden vor. Das Thema, angesiedelt im Bereich zwischen Finanzwirtschaft und Judenpolitik, gehört zu den zentralen Fragen, denen sich eine bankenhistorische Studie der NS-Zeit stellen muss, und das Buch von Ziegler und seinen Mitarbeitern nimmt in der Dresdner-Bank-Reihe als eigener Band einen ähnlich hervorgehobenen Platz ein, wie die verwandten Studien in den beiden Projekten zu den Konkurrenzbanken. Schon seit den Ermittlungen der amerikanischen Militärbehörden in der unmittelbaren Nachkriegszeit zieht die Frage nach der Beteiligung der Dresdner Bank an einigen der spektakulärsten "Arisierungsfälle" der NS-Zeit und den vermeintlich hohen "Arisierungsgewinnen" große Aufmerksamkeit auf sich. So ist die quantitative Bilanz auch eine der Kernfragen in Zieglers Buch. Die These von märchenhaften "Arisierungsprofiten" ist bereits für andere Banken kritisch in Frage gestellt worden, und Ziegler verweist sie auch für die Dresdner Bank in das Reich der Legenden. Zwar lässt sich der Gesamtgewinn der Bank auf dem "Arisierungsmarkt" nicht exakt berechnen, er machte aber auch bei hoch greifenden Schätzungen nur einen Bruchteil des Geschäftsaufkommens der Bank aus (423). Dennoch war das Geschäft mit der wirtschaftlichen Verfolgung der deutschen Juden für das Kreditinstitut ein Gewinn, wenn auch weniger in Form von unmittelbaren Mehreinnahmen, sondern vor allem durch den langfristigen Ausbau alter und die Anbahnung neuer Kundenkontakte. Diese betriebswirtschaftlichen Ziele waren es daher nach Zieglers Ansicht auch, die das Verhalten der Dresdner Bank bei der "Arisierung" maßgeblich prägten.

Die Studie nähert sich dem Thema von drei Seiten: Im ersten Teil untersucht Ziegler das Verhalten der Dresdner Bank gegenüber den eigenen Angestellten jüdischer Herkunft. Der zweite Abschnitt beschäftigt sich mit der Involvierung der Bank in die "Arisierung" von gewerblichem Vermögen. Im Mittelpunkt des dritten Teils steht schließlich die Rolle, die die Dresdner Bank bei der Enteignung privaten jüdischen Vermögens spielte.

Das Kapitel über die Verdrängung der Angestellten jüdischer Herkunft aus der Dresdner Bank bestätigt und präzisiert ältere Ergebnisse. [1] Im Vergleich zu den beiden anderen Großbanken gab es bei der Dresdner Bank mit rund 540 Personen die größte Gruppe von Angestellten jüdischer Herkunft, deren Sozialprofil von Ziegler auf breiter Quellenbasis untersucht wird. Klar benennt er die wechselnden Rahmenbedingungen für die "Entjudung" der Mitarbeiterschaft und leitet daraus den Grad der Verantwortlichkeit der Bank ab: Für die ersten beiden "Entjudungswellen" bis zur Reprivatisierung 1937 galt für die Dresdner Bank das "Gesetz für die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums". Bei der willkürlichen Kürzung von Betriebsrenten für "Nichtarier" um bis zu 30 Prozent im Jahr 1938 gab es hingegen keine staatlichen Vorgaben mehr. Die willkürliche Diskriminierung der jüdischen Betriebsrentner war nach Ansicht Zieglers weder ein antisemitischer Akt, noch eine Reaktion auf äußeren Druck, sondern das Ergebnis eines "zynischen, gleichwohl in betriebswirtschaftlichem Sinne rationalen Abwägungsprozesses" zur Senkung der Betriebskosten (443).

Die Verantwortlichen für die Verdrängung jüdischer Mitarbeiter bleiben in Zieglers Darstellung allerdings sehr blass. Entscheidungen, die in den Führungsgremien der Bank fielen, werden kaum behandelt. Der Wechsel von Vorstand Walther Frisch zu seinem Nachfolger Hans Schippel im Jahr 1933 beispielsweise - für die verfolgten Bankmitarbeiter eine "Katastrophe" - wird lediglich kurz erwähnt (115). Zur Personalpolitik hat Ziegler im ersten Band der Dresdner-Bank-Reihe einschlägige Kapitel verfasst. Dort findet sich eine Analyse der "Entjudung" und Nazifizierung der Chefetagen und der Rolle der NS-Betriebszellen und des Vertrauensrats - zentrale Themen, die der Leser im zweiten Band vermisst. Die Antworten auf Zieglers Leitfrage nach Akteuren und deren Motiven muss man daher an anderer Stelle suchen, und die Aufteilung des Themas auf zwei Bände macht die Lektüre dementsprechend mühsam.

Dieses Problem zieht sich durch die ganze Studie. Der zweite Band der Reihe beschränkt sich weitgehend auf die Perspektive der Verfolgungs- und "Arisierungsopfer". In detailliert recherchierten Einzelfallstudien analysieren Ziegler und seine Koautoren von Fall zu Fall die Verhaltensformen einzelner Bankmitarbeiter. Wenn es um den weiter reichenden unternehmenspolitischen Kontext der Dresdner Bank geht, bricht die Argumentation aber nicht selten ab, und man ist wiederum auf andere Bände der Reihe verwiesen.

Im zweiten Abschnitt des Buches, in dem es um die Rolle der Dresdner Bank bei der "Arisierung" von gewerblichem Vermögen geht, haben Ziegler und seine Mitautoren den methodischen Akzent gezielt anders als frühere Studien gesetzt. Im Gegensatz zur Forschergruppe um Ludolf Herbst [2], die für die Commerzbank einen "statistischen Normalverlaufstypus" bei der "Arisierung" konstruieren wollte, legen Ziegler und seine Mitarbeiter den Schwerpunkt auf die Untersuchung von außergewöhnlichen Einzelfällen. Sie lehnen die Konstruktion eines "Normalverlaufs" ab, weil jeder Fall von spezifischen Bedingungen geprägt war und die Akteure große Handlungsspielräume hatten, die in den gut dokumentierten Fallbeispielen klar zu Tage treten. Die Annäherung von den Rändern des Phänomens verspricht eine neue Perspektive, erschwert aber eine vergleichende Einordnung der Ergebnisse von Zieglers Untersuchung. Insbesondere sind kaum verallgemeinerbare Ergebnisse über Handlungsabläufe zu erwarten.

Während die Forschergruppe um Ludolf Herbst für die Commerzbank konstatierte, dass die Institutionen des NS-Staates, die Verbände und die NSDAP die "Arisierung" zunehmend kontrolliert hätten, kommen Ziegler und seine Mitautoren zu dem Ergebnis, dass durch die Einschaltung von staatlichen und Parteistellen in die "Arisierung" die Handlungsspielräume der Akteure bei der Dresdner Bank nicht kleiner wurden (257f.). Auf Grund ihrer guten Beziehungen zu den NS-Spitzen konnten die leitenden Mitarbeiter der Dresdner Bank weiterhin auf die Abwicklung von "Arisierungen" Einfluss nehmen. Die Möglichkeiten, beispielsweise eine Goodwill-Zahlung zu "verstecken", waren vielfältig, und Ziegler führt Beispiele an, in denen die Bank nicht zögerte, ihren Vorteil rücksichtslos durchzusetzen, wenn sie es für opportun erachtete (442f.). Man könnte zu bedenken geben, dass der Handlungsspielraum der Dresdner-Bank-Mitarbeiter in den untersuchten Beispielen deshalb so groß war, weil es sich um wirtschaftlich und persönlich bedeutende Ausnahmefälle handelte, die nicht selten große öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zogen. Neben zahlreichen kleineren Fällen - das Firmenregister füllt fast fünf Seiten - bezieht sich die Darstellung vor allem auf die spektakulären "Arisierungsfälle" der Israel-Frister AG, des Scala-Varietékonzerns und der Engelhardt-Brauerei. Doch nach Zieglers Befund bestanden die "Arisierungsgeschäfte" der Dresdner Bank zum großen Teil aus solchen "Großarisierungen".

Insgesamt sehen Ziegler, Köhler und Janetzko bei der Beteiligung am "Arisierungsprozess" keine markanten Unterschiede zwischen Deutscher Bank, Commerzbank und Dresdner Bank (256). Ebenso wie bei den beiden anderen Großbanken habe es auch in der Dresdner Bank kein standardisiertes Vorgehen bei der "Arisierung" gegeben. Die Tatsache, dass die Dresdner Bank als einzige der drei Filialbanken eine zentrale "Arisierungsabteilung" einrichtete, werten sie nicht als Indiz für eine einheitliche Koordination, da eine erhebliche Zahl von "Arisierungen" auch ohne die Einschaltung der "Arisierungsabteilung" abgewickelt wurde. Nachweislich vorhandene Differenzen in der Praxis der Banken führen die Autoren nicht auf unterschiedliche Unternehmensstrategien, sondern auf das Verhalten einzelner Mitarbeiter zurück. Folgerichtig hebt die Analyse vor allem darauf ab, die erheblichen individuellen Handlungsspielräume der leitenden Angestellten der Dresdner Bank deutlich zu machen. Dabei fanden Ziegler und seine Koautoren nur wenige Bankmitarbeiter, die sich der Erosion der rechtstaatlichen und zivilisatorischen Standards gegenüber Juden widersetzen und sich weiterhin fair verhielten. Opposition gegen "nationalsozialistische Zumutungen" hat es auch in der Dresdner Bank gegeben, allerdings nur, wenn die eigenen wirtschaftlichen Interessen in Gefahr gerieten.

Der dritte Teil des Bandes beschäftigt sich mit der Enteignung privaten jüdischen Vermögens von Emigranten und Deportierten durch den NS-Staat und der Rolle, die die Dresdner Bank dabei spielte. In diesem Bereich waren die Handlungsspielräume der Bank von Anfang an sehr gering. Einen Gewinn konnte die Bank hier kaum verbuchen. Mit Kriegsbeginn schrumpfte der Freiraum der Banken weiter. Sie konnten die Beschlagnahmung jüdischer Konten nur mehr verzögern, beispielsweise indem sie auf der klaren Verteilung der Verantwortlichkeiten beharrten (394). Dies taten sie, so Ziegler, nicht, um den Opfern zu helfen, sondern aus Angst vor eventuellen Regressansprüchen und Reputationsverlust im Ausland. Dass die Banken auf rechtliche Rückendeckung pochten, werten Ziegler und sein Mitautor Jörg Osterloh als Zeichen dafür, dass sie sich des verbrecherischen Charakters der Enteignung bewusst waren.

Hohe Mehreinnahmen erzielte die Dresdner Bank in allen drei untersuchten Handlungsfelder nicht. Das betriebswirtschaftliche Ziel, mögliche Verluste gering zu halten, hat die Bank aber - auf dem Rücken der Opfer - weitgehend erreicht. Insgesamt dominiert daher nach Zieglers Analyse eine "defensive Haltung" der Bank (436).

Fragt man nach den Motiven der Akteure, dann ging es den Bankmitarbeitern weniger um den ohnehin recht geringen "Arisierungs"-Gewinn. Auch lässt sich in keinem der untersuchten Fälle zeigen, dass Konfession, politische Überzeugung oder ethnische Herkunft der Bankvertreter - zwei der wichtigsten Akteure waren jüdischer Herkunft - entscheidend war. Ausschlaggebend war vielmehr das betriebswirtschaftliche Interesse der Dresdner Bank: Die Bankmitarbeiter handelten in erster Linie "einzelwirtschaftlich rational" (333). Die professionelle Logik ließ die "Arisierung" als ein "gewöhnliches Bankdienstleistungsgeschäft" erscheinen (445). Aus dieser Perspektive heraus war es rational, wenn die Dresdner Bank Kredite an jüdische Kundschaft ab November 1938 einer schärferen Kontrolle unterzog, "Arisierer" als Neukunden hingegen mit günstigen Konditionen umwarb. Gegenüber jüdischen Kunden wurden nun Verhaltensweisen betriebswirtschaftlich rational, die vor der nationalsozialistischen Machtübernahme "allen Regeln des Geschäftslebens" widersprachen (69). Mit diesem Ergebnis liegen Ziegler und seine Mitautoren nahe bei den Ergebnissen von Harold James, der für die Deutsche Bank ebenfalls die gegenseitige Durchdringung von betriebswirtschaftlicher Rationalität und Antisemitismus hervorgehoben hat.


Anmerkungen:

[1] Dieter Ziegler: Die Verdrängung der Juden aus der Dresdner Bank 1933-1938, in: VfZ 47 (1999), 187-216.

[2] Ludolf Herbst: Banker in einem prekären Geschäft. Die Beteiligung der Commerzbank an der Vernichtung jüdischer Gewerbeunternehmen im Altreich (1933-1940), in: ders./Thomas Weihe (Hg.): Die Commerzbank und die Juden 1933-1945, München 2004, 74-131.

Christiane Kuller