Rezension über:

Ursula Goldenbaum: Der Appell an das Publikum. Die öffentliche Debatte in der deutschen Aufklärung 1687–1796, Berlin: Akademie Verlag 2004, 2 Bde., XI + 970 S., 8 Abb., ISBN 978-3-05-003880-3, EUR 158,00
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Gabriele Ball
Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig
Redaktionelle Betreuung:
Holger Zaunstöck
Empfohlene Zitierweise:
Gabriele Ball: Rezension von: Ursula Goldenbaum: Der Appell an das Publikum. Die öffentliche Debatte in der deutschen Aufklärung 1687–1796, Berlin: Akademie Verlag 2004, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 10 [15.10.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/10/3675.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Ursula Goldenbaum: Der Appell an das Publikum

Textgröße: A A A

Das fast tausend Seiten umfassende, zweibändige Werk, dessen erster Teil rot, der zweite gelb eingebunden ist, zieht unwillkürlich die Aufmerksamkeit der Leserin und des Lesers auf sich. Der Titel "Appell an das Publikum" bestätigt gleichsam die provozierte Signalwirkung auf die heutige "scientific community" und steht für den kommunikativen Aspekt in sieben beispielhaft beschriebenen, konfliktreichen Debatten zwischen 1687 und 1796. Er verweist zudem auf eine herausragende Schrift in einer der Debatten um 1750, nämlich auf Samuel Königs Reaktion - den "Appel au public" - auf das "Jugement" der Berliner Akademie. Es ist eingangs zu betonen, dass ein differenziertes Eingehen auf die Einzelbeiträge sich aufgrund des "sehepunktes" der Rezensentin als aussichtsloses Unterfangen erweisen muss.

Nach einer mehr als einhundertseitigen Einleitung von Ursula Goldenbaum, in der Thesen und Methode vorgestellt werden, setzt sich Frank Grunert mit dem Umfeld des Streits zwischen Christian Thomasius, Samuel Pufendorf und dem Kopenhagener Hofprediger Masio auseinander ("Händel mit Herrn Hector Gottfried Masio"). Ursula Goldenbaum befasst sich in der Chronologie der Debatten danach auf insgesamt mehr als 330 Seiten in 30 Kapiteln mit der brisanten "Wertheimer Bibel" des Johann Lorenz Schmidt und stellt diese damit in das Zentrum der Publikation. Die bereits erwähnte Diskussion um den Akademiepräsidenten Pierre-Louis Moreau de Maupertuis und den als Hofmeister der Emilie du Châtelet bekannten Samuel König füllt die nächsten 150 Seiten. Auch hier zeichnet Ursula Goldenbaum verantwortlich. Mit dieser Debatte wird nicht nur Band zwei, sondern auch die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts eröffnet. Die Autorin untersucht im Fortgang des zweiten Bandes einen Zwist, der in herausragenden Publikationsorganen des 18. Jahrhunderts ausgetragen wird, jenen Lessings ("Literaturbriefe") mit Cramer ("Nordischer Aufseher"). Schließlich kommen Peter Weber ("Publizistische Strategien der preußischen Justizreformer 1780-1794"), Gerda Heinrich ("Die Debatte um 'bürgerliche Verbesserung der Juden'") und Brigitte Erker mit Winfried Siebers (" Bahrdt-Pasquill") zu Wort.

Die Hauptautorin Ursula Goldenbaum betont im Vorwort, dass alle Untersuchungen einer gemeinsamen Konzeption folgen und die Ergebnisse in der Arbeitsgruppe diskutiert wurden. Dieser Eindruck kann nach der Lektüre der sieben Debatten bestätigt werden. Unter Heranziehung archivalischer Quellen, die am Ende der jeweiligen Beiträge zum Abdruck kommen, und den Ergebnissen aus der Forschungsliteratur, die leider nicht in einer Gesamtbibliographie zusammengeführt werden, lösen die Darstellungen die in der Einleitung formulierte Hauptintention ein. Sie betonen nicht nur die Interaktion von Individuen oder sozialen Gruppen, sondern bringen auch die Machtverhältnisse jenseits der wissenschaftlichen (Kanon-)Diskussion zur Sprache und belegen eine durchaus diskontinuierliche, nicht etwa eine fortschreitende Entwicklung der Aufklärung. Das neben dem Gegner adressierte Publikum kann in diesem kommunikativen Prozess als Akteur partizipieren und, wie im Falle des "Jugement", zu Gunsten der Meinungsfreiheit in der Gelehrtenrepublik plädieren. Hier erweisen sich die theoretischen Vorbemerkungen Goldenbaums, die zu Gunsten einer größeren Klarheit eine straffere und weniger quellenreiche Form verdient hätten, als nützlich. Sie unterscheidet nach Manheim qualitative Debatten, welche die "staatstragende Ideologie" verteidigen, transzendentale Debatten, in denen die Argumente standesunabhängig ausgetauscht werden, und schließlich pluralistisch-politische Debatten, in denen die publizistische Strategie eine dominante Rolle spielt. Dabei betont Goldenbaum die genannte Diskontinuität und wehrt sich gegen die ihrer Meinung nach noch immer virulente These Jürgen Habermas', die auf der Entstehung einer politischen Öffentlichkeit im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts insistiert. Es sei daran erinnert, dass bereits vor dreißig Jahren deutliche Stimmen gegen diese Einschätzung laut wurden, an die durchaus hätte angeknüpft werden können. [1]

Auf inhaltlicher Ebene konzentriert sich Goldenbaum auf die bereits Ende des 17. Jahrhunderts einsetzende und das 18. Jahrhundert maßgeblich prägende Diskussion über die Differenz zwischen Vernunft und Glauben. Dies lässt sich besonders an der Auseinandersetzung mit der "Wertheimer Bibel" ablesen. Mit wissenschaftlicher Akribie - die tausend Fußnoten dieser Abhandlung mögen diese nur andeuten - und immer mit dem Ziel, Aufklärung jenseits der großen und oft verfälschenden Linien zu zeigen und zu betreiben, wird diese Debatte nachgezeichnet.

Die Beiträgerinnen und Beiträger haben sich im Sinne Thomas P. Saines die "Hände staubig gemacht": Wir erfahren in extenso von der aktiven Beteiligung Johann Christoph und Luise Adelgunde Victorie Gottscheds in der "Jugement"-Debatte. Letztere übersetzt die "Sammlung aller Streitschriften, die neulich über das vorgebliche Gesetz der Natur, von der kleinsten Kraft, in den Wirkungen der Körper, zwischen dem Herrn Präsidenten von Maupertuis zu Berlin, Herrn Professor König in Holland, und andern mehr, gewechselt worden" ins Deutsche. Die Schrift wird innerhalb weniger Wochen in einer 2. Auflage, der "Vollständigen Sammlung", um mehr als das Doppelte erweitert und findet reißenden Absatz. Dass zwei herausragende Frauen, Gräfin Charlotte Sophie v. Bentinck wie auch die erwähnte L. A. V. Gottsched, in dieser Debatte eine Hauptrolle spielten, ist nur eines von möglicherweise nicht gänzlich überraschenden, aber endlich sorgfältig recherchierten Forschungsergebnissen. Goldenbaum präsentiert in diesem Kontext dankenswerterweise die Streitschriften der 2. Auflage vom Mai 1753 (649). Die Zusammenhänge und Fakten zum Kommunikationsnetz der Gottscheds beweisen, wie viel Unbekanntes und Faszinierendes in den Quellen versteckt liegt. Hier ist Goldenbaums positiver Blick auf die gerade heute unter Legitimationszwängen stehenden Editionsprojekte (25) zu begrüßen. Eine Arbeit, wie sie die Autorinnen und Autoren dieser Bände leisten, kann in produktiver Kooperation mit Editionsvorhaben zu tatsächlich Bahn brechenden Resultaten gelangen.

Gleichzeitig ist es das "Exempel Gottsched", von Goldenbaum bereits in der Einleitung in einem eigenen Kurzkapitel (115-118) gewürdigt, das der Hauptautorin zur Last wird und das im Kontext der Habermas'schen These Angemerkte bestätigt. Der aufklärerische Impetus Goldenbaums, gepaart mit der Überzeugung, in vieler Hinsicht Neuland zu betreten, lässt die Autorin mitunter der Vergangenheit angehörende Vorurteile repetieren und bereits bestehende Diskussionslinien übersehen. Die persona publica Johann Christoph Gottsched, der publikumswirksame Großorganisator und Kommunikator, hat den Verlierer im Literaturstreit längst in den Hintergrund treten lassen, denken wir nur an die seit den 1960er Jahren wieder entdeckten Moralischen Wochenschriften "Die Vernünfftigen Tadlerinnen" und "Der Biedermann" und die einschlägigen Monographien, die sich dem Literaturkritiker, Rezensenten und Zeitschriftenherausgeber Gottsched widmen. [2]

Das Verdienst der Untersuchung, Methode und quellenintensive Forschung zu verbinden, um der Vielschichtigkeit und Diskontinuität der Aufklärung gerecht zu werden, wird dadurch nicht geschmälert und als 'Appell an das Publikum' verstanden.


Anmerkungen:

[1] Jörg Jochen Berns: 'Partheylichkeit' und Zeitungswesen. Zur Rekonstruktion einer medienpolitischen Diskussion an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert, in: Wolfgang F. Haug (Hg.): Massen, Medien, Politik (= Argument-Sonderband; AS 10), Karlsruhe 1976, 202-233.

[2] Johann Christoph Gottsched (Hg.): Der Biedermann. Eine Auswahl. Mit einem Nachwort und Erläuterungen versehen von Marianne Wehr, Leipzig 1966; dass. Mit einem Nachwort und Erläuterungen versehen von Wolfgang Martens, Stuttgart 1975 (Faksimiledruck der Ausgabe Leipzig 1728/29); Johann Christoph Gottsched (Hg.): Die Vernünftigen Tadlerinnen 1725-1726. Im Anhang einige Stücke aus der 2. und 3. Auflage 1738 und 1748. Neu hg. und mit einem Nachwort, einer Themenübersicht und einem Inhaltsverzeichnis versehen von Helga Brandes, Hildesheim / Zürich / New York 1993 (Nachdruck der Ausgaben Halle: Spörl 1725; Leipzig: Brauns Erben 1727; Leipzig / Hamburg: König 1738 und Hamburg: König 1748); Philipp Marsden Mitchell: Johann Christoph Gottsched (1700-1766). Harbinger of German Classicism (Studies in German Literature, Linguistics, and Culture), Columbia, S. C. 1995; Gabriele Ball: Moralische Küsse. Gottsched als Zeitschriftenherausgeber und literarischer Vermittler (= Das Achtzehnte Jahrhundert. Supplementa; Bd. 7), Göttingen 2000.

Gabriele Ball