Rezension über:

Whitney R. D. Jones: Thomas Rainborowe (c. 1610-1648). Civil War seaman, siegemaster and radical, Woodbridge / Rochester, NY: Boydell & Brewer 2005, X + 154 S., ISBN 978-1-84383-121-1, GBP 40,00
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Rezension von:
Torsten F. Reimer
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universit√§t M√ľnchen
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Torsten F. Reimer: Rezension von: Whitney R. D. Jones: Thomas Rainborowe (c. 1610-1648). Civil War seaman, siegemaster and radical, Woodbridge / Rochester, NY: Boydell & Brewer 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 10 [15.10.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/10/10470.html


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Whitney R. D. Jones: Thomas Rainborowe (c. 1610-1648)

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Thomas Rainborowe kann genauso wenig als ein typischer Vertreter des 17. Jahrhunderts gelten, wie Whitney R. D. Jones' Buch über den Colonel der New Model Army eine typische Biographie darstellt. Zuerst einmal ist Rainborowe (von Zeitgenossen oft auch Rainsborough genannt) vor allem deswegen von Interesse, weil er zumindest politisch keineswegs typisch für seine Zeit war: "I think it is clear", bekannte er 1647 während der Putney Debates, "that every man that is to live under a government ought first by his own consent to put himself under a government" (71). Dieser Satz und seine weiteren Äußerungen während der Richtungsdebatten in der New Model Army sicherten einem Mann einen Nischenplatz in der Geschichte politischer Ideen, der sich sonst "nur" als Offizier im Bürgerkrieg auszeichnete und von dem keine wesentlichen Schriften bekannt oder erhalten sind. Letzteres ist auch einer der Gründe dafür, warum Jones' Buch über Rainborowe keine Biographie im engeren Sinne ist, taucht der Protagonist hier doch im Wesentlichen in seinen manchmal nur umrisshaft dokumentierten Taten und kaum als Person auf.

Aus einer Händler- und Seefahrerfamilie stammend, schloss sich Thomas Rainborowe schon bald nach Ausbruch des Bürgerkriegs der Flotte des Parlaments an. Einige Zeit später wechselte er zur Infanterie und erwies sich hier als entschlossener und energischer Kommandant; Jones legt zudem noch Wert darauf, Geradlinigkeit und ein aufbrausendes Wesen als weitere Charakterzüge seines Protagonisten zu erwähnen. Rainborowe brachte es schließlich zum Colonel und nahm an vielen Schlachten des Bürgerkriegs teil, wobei er sich besonders im Belagerungskrieg einigen Ruhm erwarb. Obwohl nie von gleicher Bedeutung oder Machtfülle wie Cromwell oder Fairfax, war Rainborowe, wie Jones gut herausarbeitet, doch einer der herausragenden Offiziere der New Model Army. Spätestens durch seine oben zitierten Äußerungen in den Putney Debates wurde er zu einem Aushängeschild der politisch radikalen Leveller und kam wiederholt in Konflikt mit Cromwell. Nach einer kurzen Episode als Admiral der Flotte des Parlaments wurde Rainborowe 1648, auf dem Weg zur Belagerung einer royalistischen Festung, ermordet. Die Umstände seines Todes und Gerüchte, die Armeeführung stünde hinter dem Anschlag, um sich einen unbequemen Kritiker vom Hals zu schaffen, trugen zu seiner Popularität bei und machten ihn zu einer Ikone für diejenigen, die auf einen Sieg der radikalen Kräfte in der Armee gehofft hatten.

Mangels einschlägiger Quellen kann Jones weder einen wirklich gut dokumentierten Lebenslauf Rainborowes nachzeichnen - die Zeit bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges etwa bleibt weitgehend im Dunkeln - noch seine Persönlichkeit deutlich herausarbeiten. Gerade weil die Biographie von Rainborowe keine Charakterstudie ist, erscheinen gelegentliche Kurzcharakterisierungen handelnder Personen etwas banal (Cromwell etwa wäre, so Jones, "less than human" gewesen [131], hätte er sich über den Tod seines Kontrahenten Rainborowe nicht auch gefreut; vgl. auch 85 und 97). Nach einer Einführung zum familiären Hintergrund von Thomas Rainborowe schreibt Jones eigentlich eine kleine Geschichte des Englischen Bürgerkrieges unter besonderer Berücksichtigung der Stationen, an denen Rainborowe beteiligt war. Ausführlicher behandelt werden dabei Episoden wie die Putney Debates oder die Hintergründe der Meuterei der presbyterianisch geprägten Flotte, deren Oberbefehlshaber Rainborowe zu diesem Zeitpunkt war. Gründlich und spannend rekonstruiert Jones den Ablauf und Hintergründe der Ermordung des Colonels. Abschließend geht er auf den Nachruhm Rainborowes ein und zieht eine kurze Bilanz seiner Leistungen als Soldat sowie seiner Beziehung zu den Levellern. Einige kleine Fehler irritieren - so hieß der Earl of Warwick Robert, nicht Richard Rich (12), die zweite Schlacht von Newbury fand vier Tage später statt, als Jones angibt (28), und Hull wurde nicht bereits ein Jahr lang durchgängig belagert, als Rainborowe im Oktober 1643 mit Entsatz dort ankam (18).

Jones liefert die erste monographische Skizze zum Leben Rainborowes. Der Wert seiner Studie liegt darüber hinaus in der Untersuchung der Position seines Protagonisten in den Machtkämpfen innerhalb der New Model Army, der Konflikte, die seine politischen Auffassungen etwa mit Cromwell brachten, und der Politisierung der Armee. Jones' Stärke liegt dabei eher im konkreten politischen Umfeld, weniger im Bereich der Ideen. So wird etwa deutlich, wie Rainborowe schon vor Cromwell zum entschiedenen Kritiker einer friedlichen Lösung mit Karl I. wurde oder wie die "Grandees" der Armee auf die zunehmende Radikalisierung der Truppen reagierten, denen Rainborowe in Putney seine Stimme lieh. Hinsichtlich der Inspiration für Rainborowes politische Ideen bleibt Jones aber zu vage und verweist auf freiheitliche Einflüsse aus Neuengland. Er erwähnt zu Anfang zwar Rainborowes politisch radikalen Bruder und die Beziehungen seiner Familie zu englischen Seefahrern und Händlern und in die Kolonien, konkrete Einflüsse oder Wechselbeziehungen werden aber bestenfalls angedeutet. Trotz dieser Einschränkung ist das kompakte Buch gerade auch angesichts der desolaten Literaturlage zu Rainborowe sehr willkommen und über weite Teile aufschlussreich, wenn man sich auch eine gelegentliche Vertiefung hätte wünschen können.

Torsten F. Reimer