Rezension über:

Franz Bosbach / Magnus Brechtken (Hgg.): Politische Memoiren in deutscher und britischer Perspektive. Political Memoirs in Anglo-German Context (= Prinz-Albert-Studien; Bd. 23), München: K. G. Saur 2005, 195 S., ISBN 978-3-598-21423-3, EUR 58,00
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Rezension von:
Jürgen Elvert
Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Jürgen Elvert: Rezension von: Franz Bosbach / Magnus Brechtken (Hgg.): Politische Memoiren in deutscher und britischer Perspektive. Political Memoirs in Anglo-German Context, München: K. G. Saur 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 10 [15.10.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/10/10463.html


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Franz Bosbach / Magnus Brechtken (Hgg.): Politische Memoiren in deutscher und britischer Perspektive

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In seinem Nachwort zu den "Erinnerungen" von Franz Josef Strauß schrieb der Verleger Wolf Jobst Siedler im September 1989, dass Strauß die Arbeit an seinen Memoiren im Herbst 1987 aufgenommen und damit begonnen habe, seine Lebenserinnerungen auf Tonband zu sprechen. Eine ausführliche Darstellung der "Spiegel"-Krise sei durch seinen Tod verhindert worden. Zu diesem Zeitpunkt hätten 1.200 Manuskriptseiten vorgelegen, im Sommer 1988 habe Strauß das bis dahin Geschriebene mit in die Ferien genommen, um daran zu arbeiten. Der Stoff sei chronologisch-systematisch unterteilt, gelegentliche Überschneidungen beseitigt sowie Namen, Daten, Fakten und die von Strauß herangezogenen Zitate überprüft worden, wovon die Darstellung des Autors unberührt geblieben sei. Bewusst habe man darauf verzichtet, durch zusätzliches Material Lücken zu schließen, um die Authentizität des Werkes nicht zu gefährden. Das Nachwort steht auf Seite 567 des Buches, links daneben schaut der Leser auf ein ganzseitiges Altersporträt des bayerischen Ministerpräsidenten, welches suggeriert, dass hier ein gleichsam authentischer Lebensbericht "aus dem Zentrum der Macht" (Klappentext) vorliege.

Magnus Brechtken freilich kann in der Einleitung zu dem hier vorzustellenden Buch zeigen, dass eine solche Wahrnehmung falsch wäre. Stattdessen lagen lediglich die Mitschnitte einer Vielzahl von Interviews vor, die verschiedene Gesprächspartner mit Strauß geführt hatten, darüber hinaus gab es ein 30-seitiges Probekapitel, das auf Grundlage eines Gesprächsmitschnittes verfasst worden war, Strauß vorgelegen hatte und von ihm mit einigen wenigen Marginalien versehen worden war. Das war zugleich der einzige schriftliche Beitrag des "Autors" zu "seinem" Werk. Statt seiner sollten sich bis zur Fertigstellung des Textes mehrere Personen etwa ein Jahr lang mit dem vorliegenden Material befassen. Das Ergebnis ihrer Arbeit schien dann allerdings so "authentisch", dass beispielsweise Rudolf Augstein den bayerischen Ministerpräsidenten "spucken hören" zu können glaubte.

Dieses Beispiel zeigt die Bedeutung, aber auch die Probleme von Memoiren für die Geschichtswissenschaft, insbesondere von politischen Memoiren, um die es hier in erster Linie geht. Schließlich geben sie Einblick in das Denken von zumeist ehemaligen Entscheidungsträgern und fördern so das Verständnis für politisches Handeln und die Entstehung bestimmter politischer Konstellationen. Ob Memoiren damit "die beste Einführung in das Studium der Geschichte" darstellen, wie Carl J. Burckhardt einst glaubte, darf freilich bezweifelt werden. Denn wenn es tatsächlich um einen ebenso ungetrübten wie ungebrochenen Zugang zum Denken und Handeln politischer Entscheidungsträger gehen sollte, müsste ein Höchstmaß an Authentizität gewährleistet sein. Im Idealfall würde das bedeuten, dass die Hauptperson den Text tatsächlich selber verfasst hat, ohne dabei finanzielle und bzw. oder apologetische Interessen zu verfolgen, sondern ausschließlich deshalb, um nachfolgenden Generationen ein besseres Verständnis für die Besonderheiten der eigenen Lebensgeschichte und dem davon berührten Ausschnitt aus der Geschichte zu geben. Diese Voraussetzungen sind indes in der Regel nicht gegeben. Zu Recht zählt die Geschichtswissenschaft deswegen Memoiren zu den "Traditionsquellen", denen bekanntermaßen mit besonderer Vorsicht begegnet werden sollte. Das ändert jedoch nichts an dem hohen Verbreitungsgrad, den Memoiren insbesondere von führenden politischen Entscheidungsträgern oftmals erreichen. Sie wirken deshalb zumindest kurzfristig in erheblichem Umfang meinungsbildend und sorgen so für die Verankerung bestimmter Sachverhalte im kollektiven Langzeitgedächtnis.

Hieran wird deutlich, dass die Geschichtswissenschaft am Genre "politische Memoiren" nicht vorbeigehen darf, sondern, da sie es bisher versäumt hat, sogar gefordert ist, sich intensiver als bisher mit diesem Phänomen zu beschäftigen. Einen Beitrag dazu wollte die Prinz-Albert-Gesellschaft im September 2004 leisten, als sie in Zusammenarbeit mit der Universität Nottingham auf Schloss Ehrenburg in Coburg eine deutsch-britische Konferenz zum Thema "politische Memoiren in deutscher und britischer Perspektive" durchführte. Die seinerzeit gehaltenen Vorträge liegen nun (mit einer Ausnahme) in gedruckter Form vor - solide in Leinen gebunden, wie es für die Bände der "Prinz-Albert-Studien" gute Tradition ist.

Dabei lotet Magnus Brechtken in seiner instruktiven und nachdenklich stimmenden Einleitung zunächst die Möglichkeiten und Grenzen einer solchen Beschäftigung aus. Peter Stadler spürt noch einmal der europäischen autobiografischen Tradition seit dem Mittelalter, vornehmlich aber in der Neuzeit nach und schlägt den Bogen bis in das 20. Jahrhundert. Dabei sieht er ein schwankendes Interesse am Genre der Memoirenliteratur, das im 16. Jahrhundert seinen ersten Höhepunkt hatte, um dann im 19. Jahrhundert eine zweite Blütephase zu erleben. Dagegen spiegeln sich seines Erachtens in den Memoiren des 20. Jahrhunderts in größerem Maße als zuvor die politischen Spannungen und Verwerfungen der Zeit. George Egerton berichtet aus einem Forschungsprojekt der University of British Columbia zum Thema "Politische Memoiren" und erinnert daran, dass politische Entscheidungsträger offensichtlich seit Menschengedenken dazu neigten, ihre Erinnerungen aufzuzeichnen und dass das dem zu Grunde liegende Ausgangsmotiv seit den frühesten Anfängen unverändert in einer Mischung aus Eitelkeit und Pathos liegt. Nach einem Überblick über die Geschichte der Memoirenliteratur vergleicht er die britische mit der deutschen Memoirentradition des 20. Jahrhunderts: In Großbritannien spiegele sich darin der Versuch, die Erinnerung an den jeweils eigenen Beitrag zur Rolle Großbritanniens als imperiale Führungsmacht bzw. als Siegermacht im Ersten und Zweiten Weltkrieg herauszustellen, während der größte Teil der modernen deutschen Memoirenliteratur entweder von Nazis geschrieben worden sei, die versucht hätten, ihre eigene Weste weiß zu waschen, oder von Nazi-Opfern, die sich immer noch vom Nationalsozialismus verfolgt fühlten. Mit diesem Vergleich macht es sich der Verfasser allerdings zu leicht, weil er die zentrale Bedeutung des Nationalsozialismus als Bezugsgröße für beinahe alle "memoirentauglichen" politischen Entscheidungsträger der Bundesrepublik Deutschland bis hin zu Helmut Kohl ("Gnade der späten Geburt") unterschätzt. Egertons tabellarische Übersicht über den prozentualen Anteil an Memoiren von Regierungsmitgliedern zwischen den Kabinetten Palmerston/Russel (1859-66) und Wilson (1964-70) gleicht dieses Manko aber wieder aus, zeigt sie doch, dass die vermeintliche bzw. tatsächliche Dramatik einer bestimmten Epoche in einem unmittelbaren Verhältnis zur Anzahl der in diesem Zeitraum verfassten Memoiren steht: Für die Jahre 1866-68 verfassten 5% der Kabinettsmitglieder Memoiren, für die Jahre 1940-45 immerhin 53,3%.

Den drei einführenden und deshalb weiter gefassten Beiträgen folgt eine Reihe von Einzelstudien zu besonders prominenten Fällen: Richard Shannon berichtet über Entstehung der Memoiren Gladstones und Disraelis, Michael Epkenhans erinnert noch einmal an die Genesis von Bismarcks "Gedanken und Erinnerungen", Hans-Christof Kraus lässt die Memoiren der deutschen Reichskanzler von Hohenlohe bis Papen Revue passieren, Guido Müller legt die Motive frei, die Theodor Heuss bewogen hatten, seine Erinnerungen niederzuschreiben, David Reynolds kann belegen, dass Winston Churchill schrieb, um Geld zu verdienen, jedoch enttäuscht war, den Nobelpreis für Literatur zu erhalten, weil er sich den Friedensnobelpreis gewünscht hatte, Hanns Jürgen Küsters rekonstruiert detailliert und faktenreich die Entstehung der "Erinnerungen" Adenauers und Magnus Brechtken schildert abschließend die von Helmut Schmidt und Henry Kissinger gleichermaßen geschickt betriebene öffentliche Nutzung von "Erinnerung" zur eigenen Profilbildung als "elder statesman". Auch wenn damit offensichtlich ein breites inhaltliches Spektrum abgedeckt wurde, lassen sich die einzelnen Kapitel durchaus exemplarisch lesen: Mit Gladstone, Disraeli und Bismarck wird an die "Klassiker" der Memoirenliteratur des 19. Jahrhunderts beiderseits der Nordsee erinnert, die mit ihren Erinnerungen nicht nur die historische Interpretation der von ihnen repräsentierten Zeitabschnitte erheblich beeinflussen konnten, sondern darüber hinaus auch als Vorbilder für nachfolgende Politikergenerationen dienen sollten - wie beispielsweise für die deutschen Reichskanzler zwischen der wilhelminischen Ära und dem Ende der Weimarer Republik. Heuss und Churchill repräsentieren jenen Autorentypus, der aus bestimmten Gründen möglichst großen Einfluss auf die Textentstehung nahm bzw. diesen wie im Falle Churchills sogar ausschließlich selber verfasste. Und anhand von Adenauers "Erinnerungen", aber auch an den Beispielen Kissinger und Schmidt lassen sich ausgezeichnet die Verflechtungen von ökonomischen und publizistischen Interessen von Verlagen und Autoren belegen.

Die Bedeutung von politischen Memoiren für die Geschichtswissenschaft in Erinnerung gerufen und das Thema durchweg gut, teilweise sogar spannend lesbar behandelt zu haben, ist das wesentliche und nicht geringe Verdienst dieses Buches, das daher uneingeschränkt zur weiteren Nutzung empfohlen sei.

Jürgen Elvert