Rezension über:

Jan Glete (ed.): Naval History 1500-1800 (= The International Library of Essays on Military History), Aldershot: Ashgate 2005, xxvi + 537 S., ISBN 978-0-7546-2498-1, GBP 100,00
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Rezension von:
Jürgen Luh
Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Potsdam
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Jürgen Luh: Rezension von: Jan Glete (ed.): Naval History 1500-1800, Aldershot: Ashgate 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/09/8458.html


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Jan Glete (ed.): Naval History 1500-1800

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"State formation, international relations, maritime trade and the interaction between technology, economy and policy can all be fruitfully studied from a naval perspective". Jan Glete hat Recht. Er hat es in seinem im Jahr 2000 erschienen Buch "Warfare at Sea, 1500-1650. Maritime Conflicts and the Transformation of Europe" unter Beweis gestellt. [1] Der Professor für Geschichte der Universität Stockholm untersuchte darin den Seehandel der Zeit, vor allem aber die Fähigkeit der europäischen Staaten, insbesondere Portugals, Venedigs, Spaniens, des Osmanischen Reiches, Dänemarks, Norwegens und Schwedens, der Niederlande sowie Englands, auf See Gewalt zu gebrauchen bzw. Gewalt zu kontrollieren. Dabei zeigte sich, zusammenfassend und vereinfacht dargestellt, dass Unternehmertum (Seehandel) und die Fähigkeit, Kreativität zu fördern bzw. sich aufkommende Innovationen zu eigen zu machen (im Schiffbau und in der Schiffsbewaffnung), entscheidend für die Staatsbildung wie auch für den Aufstieg neuer ökonomisch orientierter Mächtegruppen war. Die Betrachtung der oben genannten europäischen Mächte führte Glete deshalb zu dem Schluss: "Dynamic performance created new power structures in politics and economy, while inability or unwillingness to change caused decline and loss of power" [2] .

Bei seiner Gesamtschau stützte sich Glete auf viele Einzeluntersuchungen zu Spezial- oder Detailfragen, ohne die der Versuch einer Synthese gar nicht möglich gewesen wäre. Die wichtigsten dieser Untersuchungen hat er für den Band "Naval History 1500-1680" zusammengestellt und herausgegeben, "selected with the intention to show new perspectives and promising departures for historical studies of navies, warfare at sea and important contexts of naval history" (xiv).

Aufgenommen sind allerdings nur englischsprachige Zeitschriftenartikel. Das liegt zum einen daran, dass es bei diesen Texten keine copyright-Probleme gab (dennoch fehlen deswegen einige wenige, aber wichtige englischsprachige Artikel [3]), und zum anderen daran, dass weder in Frankreich und den Niederlanden, noch in Deutschland, den skandinavischen Staaten, in Italien und der Türkei in den letzten Jahren grundlegende (Zeitschriften-)Beiträge zur Seegeschichte zwischen 1500 und 1680 erschienen sind. Anders sieht die Situation in Spanien, vor allem aber in Portugal aus, wo man sich traditionell mit der See(kriegs)geschichte des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts beschäftigt. Bedeutende Artikel von Forschern aus diesen Ländern fehlen wohl wegen der angenommenen Sprachbarriere. Doch verweist der Herausgeber auf die 1991 in Lissabon erschienene zweibändige Essaysammlung "Estudos de arquelogica naval" von Joao da Gama Pimental Barrata.

Glete hat die Artikel in dem Sammelband ähnlich dem Aufbau seiner Untersuchung von 2000 sortiert: Teil 1 umfasst vier Essays über "Technology", Teil 2 sechs zu "Policy and Administration", Teil 3 vier Aufsätze zum Thema "Tactics in Battle", Teil 4 wiederum sechs zu "Strategy and Operations", Teil 5 vereinigt dann vier Essays zum Thema "Trade Warfare and Privateering". Ein Namensregister schließt den Band ab.

Im ersten Teil findet sich der seinerzeit (1973) grundlegende Beitrag von John F. Guilmartin Jr. aus dem Marriner's Mirror "The Early Provision of Artillery Armament on Mediterranian War Galleys", der aufzeigte, welche Art von Artillerie wie auf den Galeeren im Mittelmeerraum zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts positioniert war. Zu wissen, wie die Kanonen auf einer Galeere angeordnet waren, machte es erst möglich zu verstehen, wie diese Schiffe funktionierten, d. h. wie sie wirklich sicher und erfolgreich manövriert werden konnten. Ebenso bahnbrechend wie die Studie Guilmartins waren die Arbeiten von Richard Barker (1988), "'Many may peruse us': Ribbands, Moulds and Models in the Dogyards", und Geoffrey Parker (1996), "The Dreadnought Revolution of Tudor England", zu Design und Bau von Segel(kriegs)schiffen. Barker, ein Zivilingenieur, hielt seinerzeit Textquellen, primitive Zeichnungen, ethnologische Untersuchungen und archäologische Ergebnisse nebeneinander und konnte auf diese Weise neue Erkenntnisse darüber gewinnen, nach welchen Gesichtspunkten und wie die europäischen Schiffsbauer große Schiffe entwarfen und zimmerten. Parker verglich als erster Historiker das Gewicht der Kanonen von englischen Kriegsschiffen mit dem Gesamtgewicht dieser Schiffe, um auf diese Weise detaillierte Aussagen über deren Design, die Verteilung der Geschütze an Bord, ihre Standfestigkeit bei Beschuss sowie ihre Segeleigenschaften zu gewinnen.

Im zweiten Teil sind die Artikel von Andrew C. Hess, "The Evolution of the Ottoman Seaborn Empire in the Age of Oceanic Discoveries, 1453-1525", und Ruggiero Romano, "Economic Aspects of the Construction of Warships in Venice in the Sixeenth Century", noch immer lesenswert, weil sie zeigen, dass die ambitionierte Machtpolitik zur See, für die eine überlegte Administration Voraussetzung war, ihren Anfang im östlichen Mittelmeer hatte. Beide Aufsätze wurden Ende der 1960er Jahre geschrieben, beide gehören darüber hinaus zu den wenigen Artikeln, die nicht die spanische, englische oder niederländische Flotte zum Untersuchungsgegenstand haben.

Zu diesen wenigen zählen außerdem noch die Essays von Palmira Brummet (1993), "The Overrated Adversary: Rhodes and Ottoman Naval Power", und von Glenn A. Ames (1997), "The Straits of Hurmuz Fleets: Osmani-Portugese Naval Rivalry and Encounters, c. 1660-1680". Beide Artikel sind im vierten Teil des Sammelbandes abgedruckt. Brummets Essay ist aus der Sicht des Johanniter-Ordens geschrieben und analysiert die Idee von Seemacht im Rahmen nur regionaler Interessen. Ames' Artikel untersucht das Aufeinandertreffen von zwei kleineren Seemächten im Indischen Ozean, die beide auf ihre Flotten angewiesen waren, um das Wohlergehen ihrer vereinzelten Besitzungen zu sichern.

Nicolas A. M. Rodgers Beitrag (1996) im dritten Teil, "The Development of Broadside Gunnery, 1450-1650", macht noch einmal deutlich, dass, entgegen gängiger Vorstellungen, die frühen Segelkriegsschiffe nicht gebaut wurden, um aufeinander Breitseiten zu feuern - ein Gedanke vor allem britischer Marinehistoriker des neunzehnten Jahrhunderts, allen voran Sir Julian Corbetts, der Francis Drake zu einem Vorläufer Horatio Nelsons machen, die "line of battle" schon im sechzehnten Jahrhundert als Gefechtstaktik angelegt sehen wollte. Denn den frühen Segelkriegsschiffen waren noch für eine geraume Zeit die so gefährlichen Galeeren überlegen. Erst um 1570, "after more than half a century of effort, northern shipwrights finally arrived at a satisfactory solution to their problem: a fast and handy sailing ship with a powerful ahead-firing armament, combining the power of sail with the military qualities of the galley" (244). Die Erfahrungen, die man im mit diesem Schiffstyp gesammelt hatte, führten schließlich nach und nach, d. h nachdem man die Probleme des richtigen Designs der Schiffe und die einer angemessenen Gefechtstaktik gelöst hatte, zur "Broadside Gunnery".

Die beiden wichtigen Artikel von R. Baetens und R. A. Stradling im fünften und letzten Teil des Sammelbandes, "The Organization and Effects of Flemish Privateering in the Seventeenth Century" und "The Spanish Dunkirkers, 1621-48: A Record of Plunder and Destruction", quantifizieren den Einfluss der Handelskriegführung auf den spanischen Seehandel und damit auf die Möglichkeiten der iberischen Macht, sich in der Auseinandersetzung mit den aufständischen Niederlanden zu behaupten.

Auch die hier nicht ausdrücklich genannten Artikel sind in der Regel von grundlegender Bedeutung, wenn auch manchmal nur für bestimmte Details wie zu Einzelheiten und Einsatz der Bewaffnung oder der Entwicklung der Gefechtstaktik. Und so freut man sich über diese überzeugende Aufsatzsammlung. Allerdings verschreckt doch der Preis des Bandes, der sage und schreibe 173 Euro 50 kostet. Dabei sind die Essays nicht einmal neu gesetzt worden, sondern nur fotomechanisch wiedergegeben; ein Artikel ist dabei im Druckbild so klein geraten, dass man ganz gerne eine Lupe hätte.

Eine weite Verbreitung wäre dem Band zu wünschen. Mit Blick auf den Preis und angesichts der Tatsache, dass Abonnenten des Marriner's Mirror 10 der 24 in dem Sammelwerk vereinigten Aufsätze nachschlagen können, ist sie allerdings nicht sehr wahrscheinlich.


Anmerkungen:

[1] Jan Glete: Warfare at Sea, 1500-1650. Maritime Conflicts and the Transformation of Europe, London 2000.

[2] Ebd., 186.

[3] Beispielsweise der Aufsatz von Brian Lavery: The Revolution in Naval Tactics (1588-1653), in: Martine Acerra / José Merino / Jean Meyer (Hg.): Les Marines de Guerre Européennes, XVII-XVIIIe siècles, Paris 1985, 167-174.

Jürgen Luh