Rezension über:

Johann Gustav Droysen: Friedrich I. König von Preußen. Vorwort von Eberhard Straub, 3. Aufl., Berlin: de Gruyter 2001, XXIII + 352 S., ISBN 978-3-11-017019-1, EUR 24,95
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Frank-Lothar Kroll (Hg.): Preussens Herrscher. Von den ersten Hohenzollern bis Wilhelm II., München: C.H.Beck 2000, 364 S., ISBN 978-3-406-46711-0, EUR 24,90
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Rezension von:
Jürgen Luh
Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Potsdam
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Jürgen Luh: Publikationen zum Preußen-Jahr 2001 (Rezension), in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 7/8 [15.07.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/07/2280.html


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Diese Rezension erscheint auch in PERFORM.

Publikationen zum Preußen-Jahr 2001

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"Preußen ist wieder chic!" überschrieb Hans-Ulrich Wehler 1983 seinen kritischen Essayband über die Renaissance, die damals der am 25. Februar 1947 aufgelöste Staat in Öffentlichkeit und Wissenschaft erlebte. Im Zuge der großen Ausstellung von 1981 - "Preußen - Versuch einer Bilanz" - im Berliner Martin-Gropius-Bau waren innerhalb kurzer Zeit zahlreiche neue Veröffentlichungen erschienen. Im Hinblick auf das Preußen-Jahr 2001, das seinen Jubiläumswert dem dreihundertsten Jahrestag der Krönung Kurfürst Friedrichs III. zum König Friedrich I. in Preußen verdankte, lässt sich dies nicht sagen. Es liegen nur wenige Titel vor, und davon sind nicht einmal alle neu oder enthalten Neues.

Dies gilt vor allem für Johann Gustav Droysens Werk über Friedrich I., den ersten König in Preußen. Dem Umschlagrücken kann man jedoch nicht entnehmen, dass es sich um eine 129 Jahre alte Schrift handelt, wird das Buch doch dort als "die Biografie zum 300-jährigen Krönungsjubiläum des ersten preußischen Königs" gepriesen. Dabei ist Droysens Abhandlung nie als Jubiläumsschrift konzipiert worden: Die erste Auflage erschien 1867, die zweite, die der Neuausgabe zu Grunde liegt, immerhin bereits 1872. Auch war das Werk nicht als Biografie Friedrichs III./I. gedacht, sondern war vielmehr Bestandteil von Droysens breit angelegter "Geschichte der preußischen Politik", durch die der Historiker Preußens Berufung zur deutschen Führungsmacht untermauern wollte. Im Rahmen dieses Projekts nahm der Band über den ersten König vergleichsweise wenig Raum ein: Gegenüber den drei Bänden über die Zeit des Kurfürsten Friedrich Wilhelm, den zwei Bänden über König Friedrich Wilhelm I. und den vier Volumina über Friedrich II., den Großen, fällt er bescheiden aus.

Darin liegt bereits eine Wertung Droysens, der der Regierungszeit Friedrichs III./I. für den Aufstieg und die Entwicklung des brandenburg-preußischen Staates kaum Bedeutung beimaß. "Große Aufgaben, schwere Prüfungen der Willenskraft und Einsicht erwarteten ihn", so der Historiker zu seiner Ausführungen (14). Aber war der Kurfürst und König, "dazu angetan, sie zu bestehen?" Die Antwort Droysens auf diese Frage lautete "nein"; sein bekanntes vernichtendes Urteil über Friedrichs politische Bemühungen (175): "So seltsam zerlegt sich die preußische Macht und ihre Aktion: im Westen Krieg ohne Politik, im Osten Politik ohne Armee. Wie tapfer die preußischen Truppen in Brabant, an der Donau, in Italien kämpfen mochten, den Gewinn ihrer Leistungen hatten andere Mächte; und zwischen Schweden, Polen, dem Zaren ohne Nachdruck der Waffen, den Waffenerfolgen anderer diplomatisch nachhinkend, sank die preußische Politik zur Intrige herab". Unter Friedrichs Vater, dem Großen Kurfürsten, hätte die Regierung, so Droysens Überzeugung, "zu anderen Ergebnissen geführt" (137). Dass Friedrichs Bestrebung, die preußische Königskrone zu erringen, neben den diplomatischen und kriegerischen Anstrengungen, die der Berliner Hof unternahm, ebenfalls von politischem Charakter war, dass sich hinter dieser Bemühung eine politische Konzeption verbarg, wollte oder konnte der Autor in einer Zeit, in der pompöse Feierlichkeiten und aufwändige Zeremonien als degoutant galten, nicht erkennen (165).

Das Werk Droysens steht damit im Gegensatz zur neueren Forschung, die sich darum bemüht, Friedrich III./I. aus dem Schatten, in den ihn sein Enkel Friedrich II. und im Anschluss an diesen fast die gesamte brandenburg-preußische Geschichtsschreibung gestellt hatte, herauszuführen. Übernimmt man jedoch nicht Droysens Wertung, ist seine Darstellung nach wie vor nützlich - wegen ihres Quellenreichtums und der vielen Details über die damaligen politischen Ereignisse und Verhandlungen, die in ansprechendem Ausdruck geschildert werden.

Von Eberhard Straubs Vorwort, dem einzig "Neuen" zwischen den beiden Buchdeckeln, lässt sich letzteres leider nicht sagen. Straub scheitert daran, es Droysen sprachlich gleich tun zu wollen. Sätze wie: "Er [Droysen] befand sich im Einklang mit den großen Ideen, die von Berlin aus nicht nur den Deutschen, sondern allen mitgeteilt wurden, die am sausenden Webstuhl der Zeit an der Gottheit lebendigem Kleid wirken wollten" (XII) klingen seltsam gestellt. Leider verwendet Straub auf solch sprachliche Gestaltung den Großteil seiner Aufmerksamkeit. Und aus diesem Grund gelingt es ihm kaum, in seinem einleitenden Essay einen Zusammenhang zwischen dem Menschen Droysen, dessen Gedankenwelt und Geschichtsauffassung und dessen Ausführungen zu Friedrich III./I. herzustellen. Seine Bemerkungen zu Preußentum und Protestantismus beispielsweise, beides Strömungen, die Droysens Schriften geprägt haben, verlieren sich ungeordnet im Text. Von Straub erfährt man lediglich, dass "Droysen (...) den Garten [der Menschheit] insgesamt kennenlernen [wollte], wie er bewässert und gepflegt wird, um fruchtbar und nützlich zu bleiben; wie in ihm Unkraut gejätet werden muß, damit er nicht verwildere" (XV). Dies lässt den Leser etwas ratlos. Denn was man gerne wissen würde, etwa wie Droysens Band in seine Geschichte der preußischen Politik einzuordnen ist, und warum man ihn heute neu aufgelegt hat, darüber vernimmt man nichts.

Dies ist bei Frank-Lothar Kroll anders. Er begründet seine Motivation, einen Sammelband über Preußens Herrscher herauszugeben, mit folgenden Worten: Kroll möchte keine "personenzentrierte Monarchenwürdigung traditionellen Stils" liefern, sondern strebt "die Rekonstruktion von Großetappen preußischer und damit zugleich immer auch deutscher Geschichte im gesamteuropäischen Kontext [an], welcher im Falle Preußens jahrhundertelang ein primär auf den Osten bzw. Nordosten Europas bezogener gewesen ist - gespiegelt in den Lebensbildern jener Männer, deren Wirken die verfassungs-, sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Entwicklung dieses mittel- und ostdeutschen Staates ebenso dominierte wie dessen deutschland- und europapolitisches Engagement" (7). Der Einleitung des Herausgebers über "Stufen und Wandlungen der Fürstenherrschaft in Brandenburg-Preußen", in der Kroll für die hier interessierende Epoche der Frühen Neuzeit die Bedeutung der Herrscher bei der Entwicklung geordneter Verwaltung gegenüber den Ständen hervorhebt (18), folgt der Beitrag von Dieter J. Weiß über "Die ersten Hohenzollern in der Mark (1415-1499)", Friedrich I., Friedrich II., Albrecht Achilles und Johann Cicero. Danach stellt Helmut Neuhaus "Die Brandenburgischen Kurfürsten im Jahrhundert der Reformation (1499-1598)" vor. In dem Artikel sind die bekannten Tatsachen über die Kurfürsten Joachim I., Joachim II. und Johann Georg knapp zusammengefasst. Neues findet sich nicht.

Diese Aussage gilt mit Abstrichen auch für den Beitrag von Axel Gotthard "Zwischen Luthertum und Calvinismus (1598-1640)", der den Kurfürsten Joachim Friedrich, Johann Sigismund und Georg Wilhelm gewidmet ist: Erfreulich neu ist im Grunde nur die Bewertung Georg Wilhelms, der im Gegensatz zu dem, was die borussische Geschichtsschreibung behauptet hat, "keine schlechte Politik gemacht habe" (94); lediglich in moderne Wortwahl gekleidet, aber altbekannt dagegen Gotthards resümierende Interpretation: "Die brandenburgischen Hohenzollern herrschten seit der zweiten Dekade des 17. Jahrhunderts über Territorien, die von der Maas bis an die Memel reichten, freilich untereinander unverbunden waren. Das war zunächst einmal eine deutschlandpolitische Herausforderung für alle Nachfolger. Da es auch mittelfristig illusorisch schien, die dazwischenliegenden Länder der norddeutschen Tiefebene zu erwerben oder zu erobern, wies die Staatsräson den Weg zu informeller Herrschaft: also zum Versuch, Vormacht der nördlichen Reichshälfte zu werden - eine Konsequenz, die Friedrich II. mit großer Entschiedenheit ziehen wird, mit einer scharf antiösterreichischen Wendung, die sich für den Reichsverband schlimm auswirken sollte. Das waren die deutschlandpolitischen Fernwirkungen. Sogar rascher würde man die europäischen Dimensionen der Erbfälle des frühen 17. Jahrhunderts klar erkennen: Mit seinen niederrheinischen Besitzungen ragte das Länderkonglomerat der Hohenzollern in einen Brennpunkt der notorischen westeuropäischen Auseinandersetzungen hinein. (...) Wollte man da nicht Spielball werden, hieß es, sich selbst zum Akteur auf der europäischen Bühne aufschwingen, (...) der Große Kurfürst wird dies so sehen."

Diese zielgerichtete Politik stellt allerdings Heinz Duchhardt in seinem Artikel "Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst (1640-1688)" in Frage. Der Kurfürst sei in der Außenpolitik weniger selbst bestimmend gewesen als gefangen zwischen "regionaler Beschränktheit und europäischer Weite" (106), und auch Friedrich Wilhelms "Größe", von der Geschichtsschreibung immer wieder betont, sei "doch etwas recht Relatives" gewesen. Dagegen war, wie Wolfgang Neugebauer in seinem Beitrag "Friedrich III./I. (1688.1713)" feststellt, der erste König in Preußen nicht nur groß in kleinen Dingen, wie sein Enkel von ihm abfälligerweise behauptet hat. Anders als bislang meist zu hören, habe sich der Kurfürst und König nämlich "bis in die Details" (122) mit den wichtigen politischen Materien befasst, Prunk und Pracht, deren sich ein - gemäß der preußischen Historiographie - degoutanter Friedrich III./I. hingab, hätten politische Bedeutung besessen. Neugebauers Bilanz von Friedrichs Regierungszeit fällt daher freundlich aus: Es "überwiegt (...) das Kontinuum in der Staatsentwicklung, und auch auf verfassungs- und verwaltungsrechtlichem Gebiet setzt die Entwicklung zu `absolutistischeren´ Formen bisweilen schon unter Friedrich I. ein. (...) Der Schatten, den der große Vorgänger und die beiden Nachfolger auf Friedrich werfen - er wird kleiner in Anbetracht des Kontinuums" (133).

Die Artikel Peter Baumgarts, "Friedrich Wilhelm I. (1713-1740)", und Johannes Kunischs, "Friedrich II., der Große (1740-1786)", enthalten dagegen weder irgendeine Neubewertung der Könige noch sonst irgend etwas Neues. Baumgart porträtiert Friedrich Wilhelm getreu der Tradition als sparsamen Regenten - die Kosten der Silber-Sammelleidenschaft und der für "lange Kerls" werden nicht problematisiert - als Reformator der preußischen Verwaltung - auch dass Friedrich Wilhelm ein Großteil seiner Zeit mit Jagen zubrachte, bleibt unerwähnt - und als Reorganisator der Armee. Kunisch zeichnet den bekannten Friedrich, der mit der preußischen Position innerhalb des europäischen Staatensystems nicht mehr zufrieden ist, und aus "Ruhmbegierde" sowie "Machtkalkül" dort eine "eigenständige Rolle" anstrebt und deshalb die Kriege um Schlesien beginnt. In diesen habe er sich "besonders als Heerführer, als wahrhafter `Roi connétable´, (...) bewährt und (...) den mehrfach drohenden Untergang seines Königreichs abzuwenden vermocht". Vor allem in der Rolle des Heerführers habe er "ein eigenes, sich immer schärfer ausprägendes Profil gewonnen" (173). Die über die Person hinausweisende Bedeutung des Königs sieht Kunisch darin, dass Friedrich "den ungeheuren Anfechtungen, in die er sich und seinen Staat durch den Eklat von 1740 gestürzt hat, am Ende standzuhalten vermochte" (178).

Friedrichs Nachfolger ist solche weiterreichende Wirksamkeit von der Geschichtsschreibung kaum zugebilligt worden. Wie David E. Barclay in seinem Beitrag "Friedrich Wilhelm II. (1786-1797)" meint, verdiene dieser König "mit Sicherheit mehr als nur eine Fußnote in der preußisch-deutschen Geschichtsschreibung" (196). Friedrich Wilhelm sei zwar als Politiker "altmodisch und rückwärtsorientiert" gewesen, als "ein Mann, der Mozart unterstützte und Beethoven förderte, der Erdmannsdorff und Langhans, Schadow und Iffland begünstigte", aber von einigem Interesse. Infolgedessen stellt Barclay nachdrücklich die Leistungen dieses Königs auf kulturellem Gebiet heraus. Doch reichten diese bei Barclay dann doch nicht für ein Urteil aus, das positiver als gewöhnlich ausfällt: Friedrich Wilhelm II., so der amerikanische Historiker, "war in erster Linie ein Mann des Übergangs" (196).

Artikel von Thomas Stamm-Kuhlmann über Friedrich Wilhelm III., Winfried Baumgart über Friedrich Wilhelm IV., Jürgen Angelow über Wilhelm I., Hans-Christoph Kraus über Friedrich III. und Frank-Lothar Kroll über Wilhelm II., eine kommentierte Bibliografie, eine Zeittafel zur Geschichte Preußens sowie eine Stammtafel des Geschlechts vervollständigen diese weitere Sammlung von Lebensbildern der Hohenzollernherrscher. Sie bietet Bekanntes, einen knappen Überblick über die jeweiligen Herrscher und ihre Zeit, keine auf neuerer Forschung beruhenden Bilder, von wenigen Ausnahmen abgesehen (Wilhelm II., ein Verdienst John C. G. Röhls). Um Preußen im 21. Jahrhundert wieder "chic" zu machen, um neue Forschungen zu Staat und Herrschern zu initiieren, reichte das dreihundertste Krönungsjubiläum nicht aus. Offensichtlich hat die Beschäftigung mit "Preußen" an politischer - und historischer - Aktualität verloren.


Jürgen Luh