Rezension über:

Gillian Clark: Christianity and Roman Society (= Key Themes in Ancient History), Cambridge: Cambridge University Press 2004, XII + 137 S., ISBN 978-0-521-63386-4, GBP 15,99
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Rezension von:
Steffen Diefenbach
Lehrstuhl für Alte Geschichte, Universität Augsburg
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Steffen Diefenbach: Rezension von: Gillian Clark: Christianity and Roman Society, Cambridge: Cambridge University Press 2004, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/09/7855.html


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Gillian Clark: Christianity and Roman Society

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Dieser in der Reihe "Key Themes in Ancient History" erschienene Einführungsband gilt einem Themenkomplex, der in jüngeren Forschungen zum antiken Christentum zunehmend an Gewicht gewonnen hat: Was bedeutete es, im Kontext der kaiserzeitlichen Gesellschaft und ihrer sozialen und religiösen Strukturen Christ zu sein? Mit dieser Frage nach der Formierung christlicher Identität verbinden sich komplexe Forschungsprobleme, die den Stellenwert religiöser Vergemeinschaftung als Teil multipler Identitätsstiftung, das Verhältnis von Diskursen und Handlungsorientierungen sowie die Frage nach der Konzeptualisierung von Identität als Voraussetzung für Akkulturations- und Abgrenzungsprozesse betreffen.

Das erste Kapitel (1-15) hat zugleich einführenden und grundlegenden Charakter. Ein Spannungsbogen zwischen den Ursprüngen des Christentums als jüdischer Sekte und seiner Etablierung als Reichsreligion umreißt die einzelnen Themenfelder, die in den folgenden Kapiteln aufbereitet werden. Clark weist darauf hin, dass das antike Christentum zwar in zahlreichen Aspekten durch das jüdische Erbe und den gesellschaftlichen Kontext der Kaiserzeit kulturell geprägt worden sei, jedoch in der diskursiven Bestimmung der eigenen Identität scharfe Abgrenzungen vom Judentum und der heidnischen Gesellschaft vorgenommen habe. Auch die Forschung sei lange Zeit von einer solchen, das Christentum isolierenden Perspektive bestimmt gewesen und habe sie erst unter den Vorzeichen einer pluralistischen und multikulturellen Gesellschaftsentwicklung seit den späten 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts überwunden. Damit sei der Blick dafür frei geworden, das Christentum als eine von unterschiedlichen religiösen Gemeinschaften zu begreifen und Faktoren wie Sozialstatus, Bildung oder Geschlecht, die quer zu religiös begründeten Identitätskonstruktionen liegen, stärker zu berücksichtigen.

Im zweiten Kapitel (16-37) thematisiert Clark allgemeine Fragen gruppenbezogener Abgrenzung, indem sie Spezifika der christlichen Gemeinden im Vergleich mit paganen Kult- und jüdischen Synagogengemeinschaften und die Haltung der Großkirche gegenüber häretischen Gruppierungen erläutert. Im Unterschied zu paganen "elective cults" hätten die Christen über einen fundierenden Text, eine Ethik und ein System der Armenfürsorge sowie über eine translokale Vernetzung der Gemeinden untereinander verfügt. Letzteres habe auch die Wahrnehmung durch das Umfeld bestimmt: Die Christengemeinden hätten als Hetairien und subversive künstliche Verwandtschaften gegolten, die sich im ganzen Reich zusammenschlossen und die Haushalte als gesellschaftliche Keimzellen zu untergraben drohten. - Die Relation zu den jüdischen Gemeinschaften ist schwer zu beurteilen, da sich der historische Kontext des rabbinischen Schrifttums nicht präzise bestimmen lässt und man von lokal unterschiedlichen Ausprägungen des antiken Judentums ausgehen muss. Insgesamt jedoch dürften die Abgrenzungen bis zum 4. Jahrhundert weniger stark ausgeprägt gewesen sein, als es manche christliche Autoren suggerieren. Dies gilt u. a. für die missionarische Öffnung gegenüber Religionsfremden, die auch von den jüdischen Gemeinden praktiziert wurde, indem sie es den "Gottesfürchtigen" ermöglichten, eine enge Verbindung zur Synagoge zu halten, ohne zum Judentum zu konvertieren. - Innerkirchliche Auseinandersetzungen um die Orthodoxie erinnern zwar an die kaiserzeitlichen und spätantiken Debatten zwischen Philosophen- oder Medizinerschulen, wurden jedoch ungleich härter geführt.

Das dritte (38-59) und vierte (60-77) Kapitel gelten mit der Figur des Märtyrers und des Asketen den beiden identitätsstiftenden kulturellen Modellen, die am stärksten Eigenart und Abgrenzung der christlichen Gemeinden gegenüber dem paganen Umfeld verkörperten. Die wichtigsten Felder der Thematik werden kurz umrissen: die Rechtsgrundlagen der frühen Christenverfolgungen, ihr veränderter Charakter als reichsweite und zentral initiierte Vorgänge seit der Mitte des 3. Jahrhunderts, ihre Auswirkungen auf innerkirchliche Entwicklungen (Auseinandersetzungen in der Gefallenenfrage), die letzte und intensivste Verfolgungswelle unter den Tetrarchen sowie der Reliquienkult in nachkonstantinischer Zeit. Besondere Aufmerksamkeit widmet Clark der Frage nach der Wahrnehmung der Martyrien und dem Lesepublikum der Märtyrerakten. Erklärungsansätze für die Popularität der Märtyrer reichen vom Unterhaltungswert gewalttätiger und erotischer Darbietungen über die paradoxe Inversion, die ausgerechnet die Hinrichtungsplätze gesellschaftlicher Außenseiter zu Orten des christlichen Triumphs machte, bis hin zur pastoralen Ersatzfunktion der Martyrien für die kirchlich kritisierten Darbietungen der römischen Spielkultur. - Mit Blick auf die christliche Askese thematisiert Clark neben einzelnen Aspekten ihrer Ausprägung und Organisation vor allem die Unterschiede zu Formen philosophischer Askese. Letztere blieb ein Oberschichtenphänomen und propagierte keine Lösung aus sozialen und bürgerlichen Pflichten, wie sie das christliche Askeseideal der Ehelosigkeit verlangte. Vergleichsweise breiten Raum nimmt die in den letzten Jahrzehnten intensiv geführte Forschungsdiskussion zu Askese, Körper und Gender ein. Clark weist zurecht auf die Problematik hin, äußerlich vergleichbare Phänomene auf der Grundlage moderner Psychologie pathologisierend als Bewältigung von Ängsten zu deuten. Ihr eigener Ansatz - die Fortführung des kulturellen Modells des Märtyrers in der Figur des Asketen - erklärt zwar die besondere Affinität der christlichen Askese zu körperlichem Leid, lässt jedoch die entscheidende Frage offen, warum ab der Mitte des 3. Jahrhunderts die asketische Sorge um das individuelle Heil zunehmend Überhand über eine sozialethisch geprägte Vorstellung von Heiligkeit gewann.

Im fünften Kapitel (78-92) wird die Bedeutung von Texten - biblischen Schriften, Briefen, liturgischen Texten - für die Identität der christlichen Gemeinden untersucht. Trotz des geringen Grades an Literalität in der Antike, der auch in christlichen Gemeinden nicht signifikant überschritten worden sein dürfte, war das Christentum ausgesprochen textzentriert. Predigten fanden ein größeres Publikum als philosophische Vorlesungen und sicherten somit der Bibel eine weite Verbreitung, obwohl der Schul- und Rhetorikunterricht bis zum Ende der Antike auf der Lektüre nichtchristlicher Autoren basierte. Die Wirkung der Bibel auf gebildete Nichtchristen beurteilt Clark ambivalent: Einerseits begründete die geringe stilistische Qualität der Bibel den Vorwurf, das Christentum sei eine Religion der ungebildeten Unterschichten. Andererseits finden sich im philosophischen Diskurs anerkennende Bemerkungen zu einem alten, der griechischen Kultur vorausgehenden barbarischen Wissen. Die daraus erwachsenden Ansatzpunkte für eine Verständigung zwischen Christen und Heiden unter henotheistischen Vorzeichen im ausgehenden 3. Jahrhundert werden von Clark allerdings wohl zu optimistisch beurteilt.

Das Schlusskapitel (93-117) gilt den Motiven der konstantinischen Wende und ihren Folgen für die Entwicklung der Kirche und der spätantiken Gesellschaft. Clark hebt hervor, dass die seit Konstantin privilegierte Kirche keinen Staat im Staate gebildet, sondern sich zu einer öffentlichen Institution entwickelt habe. Gesellschaftliche Veränderungen wurden vor allem im Bereich der Armenfürsorge in Gang gesetzt, die den Bischöfen neue Formen der Patronage eröffnete. Mit Blick auf das Verhältnis von Christentum und Heidentum betont Clark - wie auch schon für die vorkonstantinische Zeit - das Verbindende: Vor allem in der philosophisch-literarischen Elitenkultur, aber auch im Kult (Heilige als christliche Variante des Polytheismus) werden die religionsübergreifenden kulturellen Gemeinsamkeiten hervorgehoben. Das Christentum, so Clarks Fazit, konnte (und kann) nicht ohne den sozialen und gesellschaftlichen Kontext existieren. - Kurze bibliografische Hinweise (118-121) zu weiterführender Literatur und modernen Übersetzungen patristischer Autoren beschließen den Band.

Clark erfasst die wesentlichen Aspekte der facettenreichen Thematik in einer - von Ausnahmen abgesehen [1] - soliden Darstellung, die sich zwischen der Vermittlung von handbuchartigem Basiswissen und essayistischer Präsentation bewegt. Diese Verbindung ist mitunter sehr anregend, führt aber auch zu eher assoziativen Digressionen, wo eine schärfere Strukturierung wünschenswert gewesen wäre. Auch die ausgeprägte Tendenz, Parallelen zwischen der kaiserzeitlichen Gesellschaft und der Gegenwart zu ziehen, ist nicht in allen Fällen gelungen: Aktualisierungen wie die Vergleiche in der gesellschaftlichen Wahrnehmung frühchristlicher Gemeinden und gegenwärtiger islamistischer Gruppierungen oder kommunistischer Zellen der McCarthy-Ära sind eher reißerisch als analytisch ertragreich. Am störendsten wirkt sich dies im Einleitungskapitel aus, wo anstelle von länglichen Ausführungen zu multikulturell bestimmten Gegenwartsorientierungen eine strukturierte und methodisch adäquate Einführung in die Probleme von Identitätsstiftung und Akkulturation wünschenswert gewesen wäre. Ähnliches gilt für die Forschungsgeschichte, die vor dem ausgehenden 20. Jahrhundert in "pro-" und "anti-Christian authors" mit Eusebios v. Caesarea und Edward Gibbon als den Archegeten der jeweiligen Strömungen zerfällt. Diese holzschnittartigen Verkürzungen sind ebenso bedauerlich wie ein rein englischsprachiges Literaturverzeichnis, das zwar mit Blick auf den anvisierten Leserkreis dieser Einführung erklärlich ist, jedoch eine Begrenzung des Horizonts darstellt, die mit Clarks Postulaten zur Notwendigkeit einer umfassenden kommunikativen und disziplinären Vernetzung der Forschung (XIf., 14) nur schwer in Einklang zu bringen ist.


Anmerkung:

[1] Einige Beispiele: Bei CTh IX 17, 6 stimmen weder die Stellenangabe noch die Datierung, noch der Adressat des Gesetzes (57); bei CTh XVI 5, 9 ist die Quellenangabe unvollständig (93); die Ausführungen auf Seite 102 beziehen sich auf Paulinus, vita Ambr. 7 (nicht 9).

Steffen Diefenbach