Rezension über:

David S. Potter: The Roman Empire at Bay, AD 180-395 (= Routledge History of the Ancient World), London / New York: Routledge 2004, XXII + 762 S., ISBN 978-0-415-10057-1, GBP 75,00
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Udo Hartmann
Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Udo Hartmann: Rezension von: David S. Potter: The Roman Empire at Bay, AD 180-395, London / New York: Routledge 2004, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/09/6859.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

David S. Potter: The Roman Empire at Bay, AD 180-395

Textgröße: A A A

David S. Potter hat in der Reihe "Routledge History of the Ancient World" eine Darstellung der Periode zwischen dem Tod Marc Aurels und Theodosius' I. vorgelegt; der gewählte Zeitraum ist ungewöhnlich, vereinigt er doch sowohl die späte Kaiserzeit als auch die beginnende Spätantike. Die Gesamtschau auf zwei Jahrhunderte erlaubt es aber, die allmählichen Transformationen, Verwerfungen und den Mentalitätswandel im Reich trefflich nachzuzeichnen. Die Länge des Zeitraums und Potters Liebe zum Detail führen allerdings dazu, dass die vor allem an Studierende gerichtete Einführung recht umfangreich geworden ist. Potter bietet einen anschaulich verfassten Text, der immer wieder mit Quellenpassagen aufgelockert wird. Er führt dabei die gesamte Palette der Quellengattungen an: literarische Texte, Gesetze, Inschriften, Münzen, Papyri oder auch manichäische Texte. Die umfangreichen Endnoten (582-714) geben sowohl die Quellen als auch wichtige Forschungen an; der Leser wird hier zudem über strittige Punkte in der Forschung informiert. Im Haupttext verzichtet Potter dagegen auf die Diskussion umstrittener Fragen; gerade im 3. Jahrhundert sind jedoch zahlreiche Punkte strittig, sodass hier dem Leser allzu oft das trügerische Bild einer sicheren Kenntnis des Geschehenen vermittelt wird.

Potters Einführung verbindet die Darstellung der großen Entwicklungen mit der detaillierten Rekonstruktion der Ereignisgeschichte und der Veränderungen in den Strukturen des Reiches und immer wieder in die Erzählung eingeflochtenen Seitenblicken auf die Geistesgeschichte. Potter richtet dabei den Fokus häufig auf die verschiedenen Vorstellungswelten der Römer, fragt nach den unterschiedlichen "narratives", mit denen Heiden, Christen, Hofbürokraten, Kaiser oder Germanen ihre kulturelle Identität bestimmten. Seine Darstellung steht durchweg auf dem aktuellen Forschungsstand. In den Endnoten finden sich zumeist die wesentlichen Forschungen genannt; nur in wenigen Fällen wären noch wichtige neue Arbeiten zu ergänzen. [1] Potter gibt dabei fast durchgehend verlässliche Informationen; dem Rezensenten sind nur wenige Fehler in Details aufgefallen. [2]

Nach einem Vorwort entfaltet Potter in fünf Teilen und 14 (durchgezählten) Kapiteln ein breites Tableau an Informationen über Staat, Gesellschaft und Kultur. Der erste Teil stellt dem Leser das Reich der Kaiserzeit vor. Teil II widmet sich der Zeit vom Tod Marc Aurels bis zum Jahr 238. Das Versagen des Commodus als Herrscher habe die Probleme des Systems des Prinzipats aufgezeigt. Potter legt dann den Schwerpunkt auf die Bürgerkriege, die neue Rolle von Armee und Bürokratie sowie die Geisteswelt in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts. Das Kapitel gibt zudem einen hervorragenden Überblick zur in der Forschung immer noch vernachlässigten zweiten Hälfte der Severerzeit. Seinen konzisen und dem aktuellen Forschungsstand entsprechenden Überblick zu den Soldatenkaisern im dritten Teil beginnt Potter mit Gordian III.: Detailliert werden die Krisenmomente, die Erholung des Reiches unter den illyrischen Kaisern und den Tetrarchen sowie die Geschichtsschreibung vorgestellt. Den Quellenwert des Dexippos schätzt Potter aber meines Erachtens doch zu schlecht ein, wenn er die Frage "What sort of historian was he?" mit einem einfachen "poor" beantwortet (233). Den entscheidenden historischen Einschnitt setzt Potter in die Regierungszeit des Gallus mit dem großen Einfall Shapurs. In diesem Teil vermisst man indes eine Stellungnahme zum Problem der Deutung dieser Epoche, also zur Frage, ob und inwiefern die Soldatenkaiserzeit als eine Periode der "Reichskrise" interpretiert werden kann.

Der vierte Teil widmet sich dem constantinischen Reich; Potter beginnt hier mit einer Schilderung unterschiedlicher "narratives" am Ende des 3. Jahrhunderts und stellt dabei die verschiedenen Weltvorstellungen vor. Hier ist in erster Linie die knappe, aber überaus gelungene Darstellung des Manichäismus hervorzuheben. Constantins Umgestaltung des Staates und sein Verhältnis zum Christentum bilden dann die Schwerpunkte des vierten Teils. Im fünften Teil ("Losing power") schildert Potter schließlich die Zeit zwischen den letzten Jahren Constantins und 395. Klar strukturiert werden die Regierung Constantius' II. und der Werdegang Julians geschildert. Julians Usurpation deutet Potter als eine von langer Hand geplante Kaisererhebung (505 f.). Seine Pläne, das Christentum zurückzudrängen, seien aber aufgrund seiner ungeschickten und fanatischen Religionspolitik bei vielen Heiden auf wenig Widerhall gestoßen und daher letztlich erfolglos geblieben. Das 14. Kapitel beschreibt etwas ungeordnet die Ereignisse im letzten Viertel des 4. Jahrhunderts; Potter hebt hervor, dass Rom in dieser Periode seine Hegemoniestellung verloren habe. Er bespricht sehr knapp die beginnende Völkerwanderung bis zur Schlacht von Adrianopel, deren vielfältiges Echo in den Quellen aber nicht erwähnt wird, um dann ausführlicher Kaisertum und Verwaltung zwischen 364 und 395 sowie die Christianisierung des Reiches unter Theodosius darzustellen.

In seinem kurzen Fazit betont Potter zum einen die vielfältigen Kontinuitäten im wirtschaftlichen Leben und in der römischen Kultur über die Brüche von den Severern bis ins 5. Jahrhundert hinweg. Neben den vielfältigen "narratives" im Reich wurde das Christentum nun zur "master narrative" (577), zur dominierenden Weltsicht. Unter Theodosius habe das Reich seine Position als Hegemonialmacht verloren, sei aber auch als "regional power" eine Macht gewesen (581). Als einer der Hauptgründe für den Niedergang des Reiches macht Potter schließlich das Unvermögen der "imperial elite" aus, auf die neuen Fragen adäquate Antworten zu geben.

Auch wenn es Potter zweifellos auf hervorragende Weise gelungen ist, diesen langen Zeitraum in klarer Weise darzustellen, wird der Leser, der zu dieser Einführung in die Geschichte des 3. und 4. Jahrhunderts greift, dennoch einiges vermissen: Während Potter den Ereignissen an der Ostgrenze zumeist großen Raum zubilligt, werden die Grenzen an Rhein und Donau und die Germaneneinfälle eher stiefmütterlich behandelt. Über die germanischen Völker erfährt man so gut wie nichts, weder über die Ethnogenese von Franken und Alamannen, noch über die gotische Wanderung oder die Gotenreiche des 4. Jahrhunderts. Athanarich wird nur im Zusammenhang mit seinem Exil in Constantinopel kurz erwähnt (548), sein "Westgotenreich", sein Krieg mit Valens und seine Christenverfolgungen kommen nicht vor. Die wenigen Bemerkungen zu den Goten im 3. Jahrhundert streichen vor allem die Unsicherheit unserer Kenntnis heraus (245 f.).

Der unvorbereitete Leser könnte auch Schwierigkeiten mit dem Aufbau haben: Ungewöhnliche Einschnitte in den historischen Ablauf, die historische Zäsuren eher verdecken, und die nicht immer klare Abfolge in der Darstellung der Ereignisse werden es dem Studierenden nicht unbedingt erleichtern, sich in der Fülle von Informationen zurechtzufinden. So beginnt Part III zur Soldatenkaiserzeit nicht mit Maximinus, sondern mit den Sasaniden und Gordian III.; Maximinus und die Krise von 238 waren bereits in Part II behandelt worden. Die historische Bedeutung der Tetrarchie geht zudem auf nur 18 Seiten (280-298) am Ende von Kapitel 7 fast ein wenig unter. Diocletians Höchstpreisedikt und seine Christenverfolgung werden erst an späterer Stelle im Part IV beschrieben (333-340). Darüber hinaus vermisst man an vielen Stellen Zusammenfassungen, die wesentliche Entwicklungslinien noch einmal hervorheben. Die wenig aussagekräftigen Karten gestatten es nicht, die geografische Dimension der Ereignisse zu erfassen.

Potter hat eine in fast allen Punkten gelungene Einführung in die Geschichte des 3. und 4. Jahrhunderts vorgelegt, die auf sehr breiter Quellen- und Forschungsbasis umfassend und zuverlässig über alle wesentlichen Aspekte der Epoche informiert. Mit seiner überzeugenden Gesamtschau behandelt er zudem einige Perioden, für die Einführungen auf aktuellem Forschungsstand noch immer Mangelwaren sind; dies trifft auf die späte Severerzeit und die Soldatenkaiserzeit ebenso wie auf die Periode zwischen 364 und 395 zu. Jeder an der Geschichte dieser Epoche Interessierte wird daher mit großem Gewinn zu Potters Werk greifen.


Anmerkungen:

[1] Vgl. etwa F. v. Saldern: Studien zur Politik des Commodus, Rahden 2003; A. Daguet-Gagey: Septime Sévère, Paris 2000; Ch. Körner: Philippus Arabs, Berlin u. a. 2002; s. hierzu die Rezension von Jan Timmer, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 10 [15.10.2004], URL: http://www.sehepunkte.de/2004/10/5220.html ; G. Kreucher: Der Kaiser Marcus Aurelius Probus und seine Zeit, Stuttgart 2003; s. hierzu die Rezension von Meret Strothmann, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 10 [15.10.2005], URL: http://www.sehepunkte.de/2005/10/6001.html ; W. Kuhoff: Diokletian und die Epoche der Tetrarchie, Frankfurt u. a. 2001; R. R. Holloway: Constantine and Rome, New Haven u. a. 2004; M. Christol: L'Empire romain du IIIe siècle. Histoire politique (de 192, mort de Commode, à 325, concile de Nicée), Paris 1997; K. Bringmann: Kaiser Julian, Darmstadt 2004; s. hierzu die Rezension von Jens Bartels, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 7/8 [15.07.2005], URL: http://www.sehepunkte.de/2005/07/8686.html; H. Leppin, Theodosius der Große, Darmstadt 2003.

[2] Die Chronik des Dexippos endet mit dem Tod des Claudius, nicht 272 (233); die Zerstörung des Artemision gehört in den Kontext des Goteneinfalls von 262, nicht ins Jahr 252 (252), vgl. HA Gall. 6,2; Iord. Get. 20,107; den Königstitel nahm Odaenathus erst in der zweiten Hälfte des Jahres 263 an, nicht 262 (259), vgl. U. Hartmann: Das palmyrenische Teilreich, Stuttgart 2001, 103 und 176-179; Aurelian hieß L. Domitius, nicht M. Aurelius (265); der König der Mesene, den Mani vor seiner Indienreise 241/42 bekehrt haben soll, hieß Mihr-Shah (M 47), nicht Ormizd (304), vgl. M. Schuol: Die Charakene, Stuttgart 2000, 167-179; von der Teilnahme des Sopatros an der Einweihung Constantinopels berichtet nicht Eunap (385), sondern Johannes Lydos (de mens. 4,2); Maximos wurde von Valens 364 nicht ins Exil geschickt (522), sondern zu einer Geldstrafe verurteilt (Eunap. VS 7,4,13).

Udo Hartmann