Rezension über:

Włodzimierz Borodziej / Heinz Duchhardt / Małgorzata Morawiec / Ignác Romsics (Hgg.): Option Europa. Deutsche, polnische und ungarische Europapläne des 19. und 20. Jahrhunderts, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005, 3 Bde., 228 S. + 556 S. + 323 S., ISBN 978-3-525-36287-7, EUR 49,90
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Rezension von:
Peter Oliver Loew
Deutsches Polen-Institut, Darmstadt
Redaktionelle Betreuung:
Marco Wauker
Empfohlene Zitierweise:
Peter Oliver Loew: Rezension von: Włodzimierz Borodziej / Heinz Duchhardt / Małgorzata Morawiec / Ignác Romsics (Hgg.): Option Europa. Deutsche, polnische und ungarische Europapläne des 19. und 20. Jahrhunderts, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 6 [15.06.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/06/11234.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Włodzimierz Borodziej / Heinz Duchhardt / Małgorzata Morawiec / Ignác Romsics (Hgg.): Option Europa

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Europa bewegte in der Moderne immer wieder die Gemüter: Mythos, Realität und Utopie regten in allen Ländern des Kontinents Überlegungen zur politischen Neuordnung an, sei es als Föderation oder als Staatenbund, als Monarchie oder Union. Besondere Bedeutung kam diesen Erwägungen in jenen Nationen zu, die aufgrund der politischen Lage keinen eigenen Staat besaßen oder aber mit der bestehenden Situation unzufrieden waren. Dies traf auch für Polen, Ungarn und Deutschland zu. Die hier entstandenen Europapläne waren Gegenstand eines vom Mainzer Institut für Europäische Geschichte koordinierten und von der VolkswagenStiftung finanziell unterstützten Projektes. Das imponierende Abschlussergebnis liegt nun vor - drei Bände im Schuber mit insgesamt über 1100 Seiten. Auf den einleitenden Aufsatzteil folgt ein umfangreicher Band mit 293 Regesten selbstständig erschienener Druckschriften über die Zukunft Europas, und den Abschluss bilden 18 ausgewählte, in ganzer Länge abgedruckte Texte zu Europa aus den drei Ländern.

Die Herausgeber bemühen sich, die Wahl der drei Länder nicht nur forschungspragmatisch zu begründen, und betonen, "daß die hier behandelten drei europäischen Gemeinwesen, ganz unabhängig von ihren politischen Schicksalen im 19. und (frühen) 20. Jahrhundert, zu denjenigen Regionen zählen, in denen in besonderer Intensität und mit einer gewissen Kontinuität über ein zukünftiges 'Europa' und seine Physiognomie nachgedacht worden ist" (5). Die Untersuchungszeit erstreckt sich von der Französischen Revolution und dem Wiener Kongress bis 1933 (im Falle Deutschlands) bzw. bis 1945 (im Falle Polens und Ungarns).

Der Essayband wartet mit drei Überblicksartikeln unterschiedlicher Länge zu den untersuchten Ländern auf und bietet außerdem noch vier Detailstudien. Heinz Duchhardt hebt die innenpolitischen Beweggründe hervor, die für den deutschen Europadiskurs entscheidend gewesen sind, aber auch die auffallende Pragmatik der deutschen Entwürfe, in denen um 1800 viel von gemeinsamen Maßen und einer gemeinsamen Währung die Rede war. Dem Verfasser zufolge war diese europäische Standardisierung im gesamten 19. Jahrhundert wesentlicher Bestandteil des deutschen Europadenkens, dem jedoch insofern Grenzen gesetzt waren, als "jede Europavorstellung an die Vorbedingung der vollen nationalen Souveränität gekoppelt wurde" (23). Als diese erreicht war, verlor das Thema Europa in Deutschland an Bedeutung, ehe die politische Unrast der Jahre vor 1914 zu einer, so Duchhardt, "Blütezeit des Europa-Diskurses" geführt habe (30). Die Institutionalisierung des Europagedankens im Zeichen des Völkerbundes bewirkte eine Veränderung des deutschsprachigen Europadenkens, das sich einerseits stark wirtschaftlichen Fragen zuwandte, auf der anderen Seite aber auch idealistische Bewegungen wie Coudenhove-Kalergis Paneuropa-Union entstehen ließ; im Klima des latenten Revisionsstrebens blühten in Deutschland zudem vielerlei Mitteleuropa-Pläne, die meist eine deutsche Dominanz über die Region vorsahen.

Sehr umfangreich handeln Włodzimierz Borodziej, Błażej Brzostek und Maciej Górny die polnischen Europapläne ab. Aufgrund einer detaillierten Quellenanalyse gelangen sie zu dem Schluss, die polnischen Pläne hätten - zumindest bis 1918 - in sehr viel geringerem Maße als bislang behauptet föderalistische Elemente enthalten, sie seien "in der Regel abstrakt" gewesen und dem "Bereich des Phantastischen" zuzuordnen (44). Die Autoren machen klar, wie eng das Europadenken im Fall Polens mit dem Nachdenken über die eigene Nation verbunden war, die ja mangels eines eigenen Staates quasi zur europapolitischen Kreativität gezwungen war. Sehr eindrücklich eingebettet in die historischen Hintergründe, werden die Versuche, Polen über den Umweg einer europäischen Lösung wieder errichten zu können, somit als fundamentaler Beitrag zur geistigen Neukonstruktion des Kontinents deutlich. Nach dem Novemberaufstand 1830/31 und im Zeichen des Völkerfrühlings trat jedoch immer stärker die Wiederherstellung des alten polnisch-litauischen Staates in den Vordergrund, mehr oder weniger verbrämt als europäische bzw. mitteleuropäische Lösung. Die unterschiedlichsten politischen Gruppierungen schlugen nun Föderationspläne vor, die eine politische Neuordnung Ostmitteleuropas unter polnischer Führung ermöglichen sollten. Das historische Erbe, auf das man sich bezog, die polnisch-litauische Union, diente auch im Umfeld des Ersten Weltkriegs als argumentatives Reservoir zur Mobilisierung der eigenen Bevölkerung wie zur Integration der Nachbarvölker, doch zeigte sich in den Grenzkriegen nach 1918, wie irreal diese Pläne waren. Dennoch blieben Konzeptionen wie "Intermarium" oder "Pansarmatien" in der Zwischenkriegszeit als politische Schlagworte präsent und erhielten im Zweiten Weltkrieg neue Bedeutung, als man daran ging, die Nachkriegsordnung des Kontinents zu planen. Die Verhandlungen zwischen der polnischen und der tschechoslowakischen Exilregierung über eine Föderation scheiterten letztlich, was einmal mehr die Schwäche idealistischer Entwürfe in einer Situation divergierender politischer Interessen verdeutlichte. Sehr eindringlich schreiben die Autoren: "In vielen Fällen standen die mit großer Geste entworfenen Pläne des Umbaus Europas (oder der Welt) stellvertretend für die aussichtslose politische Lage Polens" (117). Es ist schade, dass die ausgewogene und quellengesättigte Darstellung 1945 abbricht, die Entwicklung der europäischen Einigung und der Beitrag polnischer Intellektueller hierzu deshalb zwangsläufig aus dem Fokus gerät. [1]

Den ungarischen Europaplänen widmet sich Ignác Romsics, der zunächst - und den Grundannahmen der Projektleiter widersprechend - auf die Tatsache hinweisen muss, dass in Ungarn im 19. Jahrhundert "kein einziger begründeter und umfassender Europa-Plan konzipiert wurde", da die politischen und geistigen Eliten mit der Idee des Nationalstaates beschäftigt gewesen seien (136). Stattdessen wurden Überlegungen für eine regionale Neuordnung angestellt, so von Miklós Wesselényi zur Föderalisierung der Habsburgermonarchie oder von Lajos Kossuth, der 1862 einen "Donaubund" vorschlug. In ihrem Gefolge wurden einige großungarische regionalistische Utopien entwickelt, die im Ersten Weltkrieg - beeinflusst von Friedrich Naumanns Mitteleuropa-Gedanken - "größenwahnsinnige Verfasser" (150) dazu bewogen, sich mitteleuropäische Großstaaten unter ungarischer Führung auszumalen. Die föderativen Pläne der Zwischenkriegszeit beschränkten sich auf die Revision der Trianon-Verträge; manche Autoren gaben sich auch technokratisch und brachten eine "Vereinigte Staaten von Europa Aktiengesellschaft" ins Spiel (160).

In Detailstudien nachzulesen sind die Rolle der Schweiz in den deutschsprachigen Föderationsplänen (Małgorzata Morawiec), die Entwicklung des ethnografischen Motivs in polnischen Föderationsplänen (Maciej Górny), die Instrumentalisierung Asiens in der deutschen Europa-Publizistik (Heinz Duchhardt) sowie die Identitätssuche in Werken von Alajos Paikert (Gergely Varga).

Die im Regesten- und im Quellenband en détail zu verfolgende Entwicklung der Europadiskurse ist spannend und verrät mehr über die innenpolitische Lage in den einzelnen Ländern als über Europa. Europa war in den meisten Fällen nur eine Metapher für eine ideale Staatenordnung, die der eigenen Nation die bestmögliche Entfaltung gewähren sollte. Wo Europa aber tatsächlich als politische Option der Zukunft gedacht wurde, gerieten die politischen Realitäten aus dem Blick. Dieser Widerspruch des Europadenkens spiegelt sich in der Ungleichheit der dargestellten Europadiskurse, denn "Europa" bedeutet in den regionalen Plänen in Polen oder Ungarn etwas Anderes als in vielen deutschen Äußerungen. Diese Vielstimmigkeit des Europabegriffes hätte von den Projektbeteiligten noch deutlicher herausgearbeitet und systematisiert werden können. Für eine weitere Beschäftigung mit dem Thema wäre es aufschlussreich, den polnischen und ungarischen Überlegungen die deutsche Föderalismusdebatte zur Seite zu stellen, wie sie im Zuge der Reichseinigung, aber auch in den 1920er-Jahren geführt wurde. Auch eine vergleichende wirkungsgeschichtliche Analyse der drei nationalen Europadiskurse nach 1945 wäre wünschenswert.

Insgesamt handelt es sich um eine vorbildliche, editorisch bestens betreute Veröffentlichung, die nicht nur umfangreiche Analysen, sondern auch bislang vielfach unbekanntes Quellenmaterial zur Verfügung stellt und der weiteren Forschung zahlreiche Wege aufzeigt. [2]


Anmerkungen:

[1] Hierzu im Überblick Peter Oliver Loew (Hg.): Polen denkt Europa. Politische Texte aus zwei Jahrhunderten, Frankfurt/Main 2004, v. a. 36-56.

[2] Nur an wenigen Stellen sind den Bearbeitern kleine Versehen unterlaufen, so gibt es von Adam Mickiewiczs "Büchern des polnischen Volkes" (Bd. 2, 55 f.) seit 1833 eine deutsche Übersetzung, zuletzt veröffentlicht in: Mickiewicz. Dichtung und Prosa. Ein Lesebuch von Karl Dedecius, Frankfurt/Main 1994, 304-316.

Peter Oliver Loew