Rezension über:

Alexander Nützenadel: Stunde der Ökonomen. Wissenschaft, Politik und Expertenkultur in der Bundesrepublik 1949-1974 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft; Bd. 166), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005, 427 S., ISBN 978-3-525-35149-9, EUR 49,90
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Rezension von:
Jan-Otmar Hesse
Historisches Seminar, Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Michael C. Schneider
Empfohlene Zitierweise:
Jan-Otmar Hesse: Rezension von: Alexander Nützenadel: Stunde der Ökonomen. Wissenschaft, Politik und Expertenkultur in der Bundesrepublik 1949-1974, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 1 [15.01.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/01/9056.html


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Alexander Nützenadel: Stunde der Ökonomen

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Alexander Nützenadels Kölner Habilitationsschrift erzählt die Geschichte des Siegeszuges eines Berufsstandes. Die "Volkswirtschaftslehre" habe "eine besondere Form der Expertenkultur" hervorgebracht, "die sich von anderen Disziplinen grundlegend unterschied. Sie begründete die Sonderrolle des Faches, das sich in seinem methodischen Selbstverständnis zunehmend am mathematisch formalisierten Modelldenken der Naturwissenschaften orientierte und zugleich aufgrund seines Gegenstandes große gesellschaftspolitische Relevanz besaß." (13). Als eine "Leitwissenschaft" habe daraufhin dieses Fach sowohl zur Verwissenschaftlichung der Politik insgesamt beigetragen als auch den gesamtgesellschaftlichen Übergang zu einem Planungsdenken und einer gesellschaftlichen Makrosteuerung ganz maßgeblich vorangetrieben. Die überaus kenntnisreiche Begründung dieser These liefert Nützenadel in vier systematischen Kapiteln: einer Überblicksdarstellung zur Geschichte der Volkswirtschaftlehre in der Bundesrepublik, der Vorstellung von Institutionen der wissenschaftlichen Politikberatung, des internationalen Kontexts der bundesdeutschen Wirtschaftspolitik und -wissenschaft sowie schließlich einer Schilderung der Entwicklung der bundesdeutschen Wirtschaftspolitik. Diese erzählt Nützenadel als schleichende Hinwendung zu einer aktiven Konjunkturpolitik, deren Endprodukt die keynesianisch inspirierte Globalsteuerung Karl Schillers während der Großen Koalition und die Verabschiedung des Stabilitätsgesetzes 1967 war.

Im ersten, wissenschaftshistorischen Teil der Arbeit wird gezeigt, dass die bundesdeutsche Wirtschaftswissenschaft bereits seit Mitte der 1950er-Jahre von der "Neoklassischen Synthese" dominiert wurde. Die Rolle des Ordoliberalismus betrachtet Nützenadel dagegen zu Recht als überbewertet, schöpfte sie doch stärker aus der öffentlichen Reputation und der Involvierung in die Politik. Durch die hier erstmals in die historische Forschung einfließende Geschichte der Wirtschaftsforschungsinstitute nach dem Zweiten Weltkrieg, der Einführung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, des Aufbaus mathematischer Verfahren zur Prognose wirtschaftlicher Entwicklungen und der Bedeutungszunahme makroökonomischer Modellanalyse kann Nützenadel zeigen, wie die Idee einer gesamtwirtschaftlichen Beobachtung und Steuerung der Wirtschaft bereits in den 1950er-Jahren in der Bundesrepublik das Fach beherrschte. Allerdings werden andere, ebenfalls stark expansive Forschungszweige (beispielsweise Arbeiten auf dem Gebiet der Verkehrswissenschaft, der Standorttheorie, der Sozialpolitik oder der Kartell- und Monopolfrage) nicht thematisiert. Der wissenschaftshistorische Teil enthält einige beklagenswerte Fehler: So wäre es eine wissenschaftliche Sensation, wenn Nützenadel wirklich die "spieltheoretischen Arbeiten Stackelbergs zum Oligopolproblem" (46) vorweisen könnte, die dann zehn Jahre vor Oskar Morgensterns und John von Neumanns bahnbrechendem Buch erschienen wären. Letzteren, den ungarischen Mathematiker John von Neumann, wird man nicht ernsthaft als Angehörigen der "Wiener Schule" der Nationalökonomie bezeichnen können, deren jüngste Generation Österreich fast geschlossen verlassen hatte, bevor die Nazis auch nur im Deutschen Reich an die Macht gekommen waren (48). [1]

Dennoch ist der wissenschaftshistorische Teil ausgesprochen nützlich. Die eigentliche Stärke der Arbeit liegt aber in den sich anschließenden Kapiteln: Die Geschichte der wirtschaftswissenschaftlichen Beratungsgremien hat den Vorzug, nicht beim einflussreichen Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft stehen zu bleiben, sondern diesen vielmehr in eine lange Kontinuität seit Bismarcks Plänen zu einem Preußischen Volkswirtschaftsrat bis hin zum Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung einzuordnen. Mit der Schilderung der internationalen Verflechtung wirtschaftswissenschaftlicher Expertisen kann Nützenadel zeigen, wie eng der schleichende Übergang zu einer aktiven Konjunkturpolitik mit der Diskussion über die Konvergenz ost- und westdeutscher Wirtschaft auf der einen Seite und den maßgeblich von Frankreich induzierten, europäischen konjunkturpolitischen Initiativen verbunden war.

Bis dahin bewegt sich die Arbeit auf der Ebene der Theorie und der Planungen bzw. der Institutionenentwicklung. Im letzten Drittel werden dann die konkreten politischen Initiativen vorgestellt. Nützenadel folgt dabei der Argumentation Helge Bergers [2], dass die Konjunkturpolitik in Deutschland eben nicht mit den finanzintensiven Ausgabenprogrammen im Zeichen der keynesianischen Globalsteuerung begonnen habe, sondern mit den Konjunkturdämpfungsideen Mitte der 1950er-Jahre. Auch wenn die ökonomische Wirkung der als "Zweites Konjunkturprogramm" ausgewiesenen Haushaltssperren kaum messbar war, sei die "langfristige politische Wirkung [...] erheblich" gewesen (261 f.). Ähnliche Konjunkturdämpfungsversuche folgten 1959/60 und während der Kanzlerschaft Erhards - so kann Nützenadel in diesem archivgesättigtem Teil überzeugend darlegen -, um unter Schiller und Strauß mit umgekehrten Vorzeichen zur vollen Entfaltung zu kommen. Stabilitätsgesetz und Konzertierte Aktion bildeten die Werkzeuge in einem expansiven konjunkturpolitischen Instrumentenkasten, der sich in der Rezession 1966/67 scheinbar bewährte, um freilich Mitte der 1970er-Jahre an der Unzuverlässigkeit der eigenen Prognoseverfahren zu scheitern.

Insgesamt ist Nützenadel somit der überzeugende Nachweis gelungen, dass sich in Wirtschaftspolitik und Wirtschaftswissenschaft simultan der Übergang zu einer an makroökonomischen Modellen orientierten Steuerungstheorie der Wirtschaft durchsetzte, ein Prozess, der in beiden gesellschaftlichen Bereichen Mitte der 1950er-Jahre begann und während der Großen Koalition in voller Blüte stand. Etwas ausführlicher hätte man sich die Erklärung hierfür gewünscht, denn aus der Synchronizität kann nur bedingt auf eine wechselseitige Kausalität beider Prozesse geschlossen werden, könnten jene doch auch von einem externen Impuls, der expansiven Bildungs- und Forschungspolitik, der Entwicklung der Großrechneranlagen, der Mathematik usw. ausgelöst sein. Das hohe gesellschaftliche Ansehen der Ökonomen - das angesichts ihres "Versagens" (Knut Borchardt [3]) während der Weltwirtschaftskrise in der Tat in jeder Hinsicht erstaunlich ist - wird von Nützenadel sicher zu Recht auf deren gestiegenen Einfluss in der wissenschaftlichen Politikberatung zurückgeführt, welcher dann aber seinerseits mit dem Bedeutungsgewinn moderner Konjunkturpolitik begründet wird, einem Erfolg der Verwissenschaftlichung der Politik. Nützenadel ist einem reflexiven Prozess der gegenseitigen Bedeutungssteigerung von (Wirtschafts-)Politik und (Wirtschafts-)Wissenschaft auf der Spur, der für die bundesdeutsche Nachkriegsgeschichte geradezu konstitutiv zu sein scheint. Aber es bleiben Rätsel zurück: Die Ökonomen, die die Wirtschaftspolitik berieten, waren gerade nicht jene, die das mathematisch abstrakte Modelldenken im akademischen Milieu vorantrieben. Wenn Karl Schiller somit von der methodischen Professionalisierung der Disziplin profitiert hatte, so stand er aber nicht für diese. Noch in den 1960er-Jahren ging vielmehr ein tiefer Bruch durch die Disziplin, in der mathematische und nicht-mathematische Ökonomen heftig über die Zukunft des Faches stritten. Das Fach war weniger homogen, als es bei Nützenadel den Anschein hat. Umso erstaunlicher ist sein Einfluss auf die Politik. Ein Erklärungsansatz hierfür könnte in der spezifischen Form der Selbstbeschreibung des Faches liegen, das keine Gelegenheit ausließ, sich gegenüber den ebenfalls von gravierenden Expansionsprozessen gekennzeichneten, anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen abzuheben. Auf dieser Grundlage konnten dann auch Strategien der Bedeutungssteigerung erfolgreich sein, wie sie der Sachverständigenrat praktizierte. Indem man nach der Veröffentlichung der Gutachten nicht an der Diskussion darüber teilnahm, d. h. durch die konsequente "Kritikimmunisierung" (173), erhielten jene das Arkanum absoluter wissenschaftlicher Neutralität und wurden in Medien und Politik wie Wortmeldungen aus dem Jenseits mit religiöser Metaphorik bedacht. Diese Selbstbeschreibung - so könnte das Argument weiter lauten - wurde von der Politik deshalb so dankbar angenommen, weil sie Lösungen für ihr zentrales Problem versprach: In einer überkomplexen Welt Handlungsfähigkeit zu zelebrieren. Hierdurch verschoben sich die disziplinären wie auch die gesamtgesellschaftlichen Prioritäten zu Gunsten der konkreten, problemorientierten Erfassung der 'Wirklichkeit' und es ist vom heutigen Standpunkt wesentlich klarer, warum die Stunde der Ökonomen eben keine Stunde der Soziologen, der Pädagogen, der Philosophen oder gar der Historiker sein konnte.


Anmerkungen:

[1] Zu den Biografien der "Wiener Schule" (Hayek, Morgenstern, Machlup, Haberler) vgl. Michel Beaud / Gilles Dostaler: Economic Thought Since Keynes. A History and Dictionary of Major Economists, Aldershot 1995.

[2] Helge Berger: Konjunkturpolitik im Wirtschaftswunder. Handlungsspielräume und Verhaltensmuster von Bundesbank und Regierung in den 1950er Jahren, Tübingen 1997.

[3] Knut Borchardt: Anerkennung und Versagen. Ein Jahrhundert wechselnder Einschätzungen von Rolle und Leistung der Volkswirtschaftslehre in Deutschland, in: Reinhard Spree (Hg.): Geschichte der deutschen Wirtschaft im 20. Jahrhundert, München 2001, 200-221.

Jan-Otmar Hesse