Rezension über:

Helga Grebing: Die Worringers. Bildungsbürgerlichkeit als Lebenssinn. Wilhelm und Marta Worringer (1881-1965), Berlin: Parthas 2004, 320 S., 10 Farb-, 25 s/w-Abb., ISBN 978-3-936324-23-5, EUR 38,00
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Rezension von:
Ingrid Laurien
Universität Potsdam
Empfohlene Zitierweise:
Ingrid Laurien: Rezension von: Helga Grebing: Die Worringers. Bildungsbürgerlichkeit als Lebenssinn. Wilhelm und Marta Worringer (1881-1965), Berlin: Parthas 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 12 [15.12.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/12/9706.html


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Helga Grebing: Die Worringers

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Als Wilhelm Worringers Dissertation "Abstraktion und Einfühlung" 1908 in München im Druck erschien, stieß sie auf eine geradezu enthusiastische Aufnahme. [1] In den Galerien und Museen der Kunststadt waren damals die Werke einer künstlerischen Avantgarde zu sehen, die alles zu revolutionieren schienen, was bisher als gesicherte Weltsicht der Kunst gegolten hatte. Mit Worringers "Abstraktion und Einfühlung" hatte die Kunstwelt einen Theoretiker der Abstraktion gefunden, aber die akademische Welt dankte es ihm schlecht. Zeit seines Lebens blieb der Kunsthistoriker Wilhelm Worringer ein genialer Außenseiter, der sich die Stationen seiner akademischen Laufbahn hart erkämpfen musste. Erst in neuester Zeit ist das Interesse an seiner spekulativen Stilpsychologie neu erwacht, als "Neugier auf eine Kunstgeschichte, die mehr sein will als bloße Kunsthistorie". [2] Inzwischen erschien eine Ausgabe seines Gesamtwerks [3], zu dessen Herausgeberinnen Helga Grebing gehört. Sie legt nun unter dem Titel "Die Worringers. Bildungsbürgerlichkeit als Lebenssinn - Wilhelm und Marta Worringer" eine doppelte Akademiker- oder besser Künstlerbiografie vor. [4]

Wenn eine Historikerin, deren Arbeits- und Lebensschwerpunkt seit jeher in der Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung liegt, sich mit "Bildungsbürgerlichkeit" beschäftigt, so macht das neugierig. Umso mehr, wenn es sich um die Doppelbiografie eines ganz und gar bürgerlichen Paares handelt, das dem Milieu der Arbeiterbewegung vielleicht nicht unbedingt immer politisch fern stand, aber wenig direkte Berührung mit ihm hatte. Die langjährige Freundschaft, die Grebing mit Lucinde Worringer, später Ehefrau des sozialistischen Theoretikers Fritz Sternberg, verband, weckte ihr Interesse am Milieu jener bürgerlichen "Außenseiter" (Peter Gay) [5], ohne die die Weimarer Republik wohl nicht zwölf Jahre lang überlebt hätte. Sie ermöglichte ihr gleichzeitig einen intensiven, ja geradezu intimen Einblick in das Leben der Familie Worringer. So wird vor den Augen der Leser jene "eigentümliche bildungsbürgerliche Lebenswelt" lebendig, die Wertewelt einer Generation, die, um 1890 geboren, bereits "Nachzügler" des Ideals der Bildungsbürgerlichkeit war.

Um es gleich vorweg zu sagen: Dieses Buch über die "verloren geglaubte Welt der Worringers" bietet eine faszinierende Lektüre. Es ist eine historische 'Microstudie', die in der Genauigkeit der Quellenbezüge und der Milieuanalysen wissenschaftlichen Kriterien standhält, aber vor allem durch ihre quasi-literarischen Qualitäten überzeugt. Der Weg der Familie durch die letzten Jahre des Kaiserreichs, den Ersten Weltkrieg, die Jahre der Republik, Inflation, ein paar gute Jahre und schließlich die Katastrophe des Nationalsozialismus, Krieg und wieder ein Neuanfang - das liest sich wie ein spannender Roman, an dessen Ende unwiderruflich der Untergang der bildungsbürgerlichen Kultur in den Katastrophen des Zwanzigsten Jahrhunderts steht.

Dass sie von diesem Ende her schreibt, lässt sich die Autorin nicht anmerken. Sie nimmt die Personen im Moment ihres Handelns ernst, ihr Blick auf deren Wünsche, Träume, Vorstellungen, die sich aus ungezählten Briefen und anderen Zeugnissen erschließen, ist immer verständnisvoll, fast liebevoll, nie denunziatorisch, auch wenn menschliche Schwächen und Probleme zu Tage treten. Lücken, die auch intensive Quellenrecherchen nicht schließen konnten, werden benannt, aber auch dort, wo Vermutungen sicher belegte Fakten ersetzen müssen, erscheinen die handelnden Personen vielschichtig und komplex, nie werden sie reduziert zu bloßen Exemplaren des historischen Milieus, für das sie stehen.

Wilhelm Worringer war ein Aufsteiger der ersten Generation in die bürgerliche Welt, Marta, aus wohlhabendem rheinischen Bürgertum stammend, wurde zwar nicht seine Muse, aber, so Helga Grebing, seine "Supervisorin", die Praktische, die das Finanzielle regelte, die Familie zusammenhielt, dem "Lebensdilettanten" immer wieder auf die Sprünge half und ihm - unter Schmerzen - wiederholt seine einem erhöhten Ich-Kult geschuldeten Seitensprünge und Extravaganzen verzieh. Trotz ihrer nüchternen Sicht auf die Selbststilisierungen ihres Mannes, seiner "Metaphysik des Sich-Treiben-Lassens", erlebte auch Marta ihren höchst eigenen Gefühls- und Ich-Kult in der schwärmerisch intensiven, fast erotischen Freundschaft zu der Schauspielerin Louise Dumont.

Ein wenig liegen der Schwerpunkt der Biografie und die Sympathie der Autorin auf der Seite von Marta - oder ist das nur den ungleich zahlreicheren Lebenszeugnissen geschuldet, die sie hinterlassen hat? Jedenfalls gibt es viel Verständnis für die Kämpfe der Künstlerin mit dem Alltag, für die Mühe, mit der sie der damals ja noch ungleich umfangreicheren Hausarbeit Zeit und Konzentration für ihre künstlerische Arbeit abrang. Marta Worringer rieb sich auf bis zur Erschöpfung, der frühe Tod der Tochter Brigitte brachte sie an den Rand ihrer eigenen psychisch-physischen Existenz, aber nie hätte sie ihre Orientierung an den Idealen der "Bildung", an Literatur, Philosophie und Kunst, aufgegeben. Sie halfen ihr, den Alltag zu überstehen. Sie gaben ihrem Leben Sinn.

Die Lebensgeschichte des Individuums als Sinn seines Lebens - das ist natürlich selbst ein zutiefst bildungsbürgerlicher Gedanke. In der Biografie, im Aufspüren der verborgenen Zusammenhänge eines "Lebensplans" (Wilhelm Dilthey) soll die Ganzheitlichkeit eines Lebenslaufs erlebbar werden, wie die eines Kunstwerks oder eines Bildungsromans. Viel Ganzheitlichkeit war im Lebenslauf der Worringers allerdings nicht mehr zu gewinnen, es galt eher, die Zerrissenheit und Disparatheit, die das Jahrhundert seinen Akteuren auferlegte, zu verarbeiten und für sich selbst zu ordnen.

Sie - lebenstüchtig - plagt sich ab bis zur Überforderung, er - lebensdilettantisch - macht die Karriere. Auch das ist ein bürgerliches Muster. Aber auch er hatte es nicht immer leicht. Worringer blieb eben auch im akademischen Betrieb immer ein Außenseiter, der verdächtigt wurde, ein Jude, ein Kommunist, ein überhaupt völlig unverträglicher Charakter zu sein. Die Zeit des Nationalsozialismus überstanden die Worringers in der inneren Emigration - die Einsamkeit, die wachsende Isolation, das Leiden am Absterben des "geistigen Raumes" mit dem wachsenden Einfluss der Nazis, aber auch der Trost, den man in der Aufrechterhaltung bildungsbürgerlicher Ideale, der Bildung eines "Kreises" Gleichgesinnter fand - all das kennt man aus zahlreichen Darstellungen bildungsbürgerlichen Rückzugs vor der Diktatur, aber es liest sich anders in der verständnisvollen Nähe, die man während der Lektüre der Biografie zu den Personen gewonnen hat.

Die deutschen Bildungsbürger der Weimarer Zeit stehen heute in einem schlechten Ruf. Der eingeschränkte Gesellschaftsbezug ihrer Wertewelt habe zu einem antidemokratischen Kulturpessimismus geführt, der dem aufkommenden Nationalsozialismus nichts entgegenzusetzen gehabt habe. [6] Auch die Worringers hatten in ihrem Umfeld erleben müssen, wie nach - und schon vor - 1933 Bekannte und Kollegen "umfielen" und ihre bildungsbürgerlichen Ideale an die Ideologie der Nationalsozialisten verrieten, und nach einem langen Weg durch Krieg, Flucht und ungesicherter Existenz gestaltete sich Wilhelm Worringers Neuberufung nach 1945 zur Farce, die kein gutes Licht auf die deutschen Universitäten wirft. Die Worringers allerdings, und damit gehörten sie zu einer Minderheit, begriffen, dass der Nationalsozialismus ihre Wertewelt unwiderruflich zerstört hatte. Der Respekt der Autorin ist ihnen dafür sicher.

Trotzdem waren es gerade auch die konkreten Merkmale jener Bildungsbürgerlichkeit, die den Worringers einen Lebenssinn zu stiften vermochten, ohne den sie die Zumutungen und Strapazen ihrer Zeit wohl nicht überstanden hätten. Auch dies, so zeigt Helga Grebings Doppelbiografie, konnten bildungsbürgerliche Werte leisten.


Anmerkungen:

[1] Wilhelm Worringer: Abstraktion und Einfühlung. Ein Beitrag zur Stilpsychologie. Dissertationsdruck Neuwied 1907, Buchveröffentlichung: München 1908. Zahlreiche Neuauflagen bis heute: Wilhelm Worringer: Abstraktion und Einfühlung. Ein Beitrag zur Stilpsychologie, Berlin/Hamburg 1996.

[2] Hannes Böhringer / Beate Söntgen (Hrsg.): Wilhelm Worringers Kunstgeschichte, München 2002, Vorwort.

[3] Hannes Böhringer / Helga Grebing / Beate Söntgen (Hrsg.): Wilhelm Worringer: Schriften, 2 Bände mit CD-ROM, München 2004.

[4] Siehe auch: Helga Grebing: Bildungsbürgerlichkeit als Lebenssinn. Soziobiographische Annäherungen an Wilhelm und Marta Worringer, in: Böhringer / Söntgen (Hrsg.): Wilhelm Worringers Kunstgeschichte, a.a.O., 199-208.

[5] Siehe: Peter Gay: Die Republik der Außenseiter. Geist und Kultur in der Weimarer Zeit 1918-1933, Frankfurt/M. 1970 ff.

[6] Siehe: Georg Bollenbeck: Bildung und Kultur. Glanz und Elend eines deutschen Deutungsmusters. Frankfurt/M. 1994.

Ingrid Laurien