Rezension über:

Maureen Healy: Vienna and the Fall of the Habsburg Empire. Total War and Everyday Life in World War I (= Studies in the Social and Cultural History of Modern Warfare; No. 17), Cambridge: Cambridge University Press 2004, xv + 333 S., ISBN 978-0-521-83124-6, GBP 45,00
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Rezension von:
Tatjana Tönsmeyer
Institut für Europäische Geschichte, Mainz
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Tatjana Tönsmeyer: Rezension von: Maureen Healy: Vienna and the Fall of the Habsburg Empire. Total War and Everyday Life in World War I, Cambridge: Cambridge University Press 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 12 [15.12.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/12/8424.html


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Maureen Healy: Vienna and the Fall of the Habsburg Empire

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Der Erste Weltkrieg und der Zusammenbruch der Habsburgermonarchie gehören nicht gerade zu jenen Themen, denen die Geschichtsschreibung bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Doch die Perspektive, die Maureen Healy einnimmt, indem sie sich der "einfachen Menschen", der Frauen, Kinder und nicht eingezogenen Männer annimmt, ist neu: Nicht nur die Truppen kämpften an den Fronten, auch die "Heimatfront" sei zunehmend in einen "totalen Krieg" involviert gewesen. Dieser Kampf wurde auf den Straßen, in Schulen, Geschäften, Unterhaltungslokalen und Wohnhäusern ausgefochten und führte schließlich zur inneren Zersetzung der städtischen Gemeinschaft. Damit sei die Monarchie nicht nur von ihren ethnischen Rändern her, sondern auch in der Hauptstadt zerfallen.

Ausgelöst wurden diese Desintegrationsprozesse durch den sich ständig verschärfenden Mangel an Lebensmitteln und verlässlichen Informationen. Der Staat, der an den Durchhaltewillen und die Opferbereitschaft vor allem der Frauen und Kinder appellierte, verlor dadurch zunehmend sein Ansehen in den Augen der Betroffenen. Diese machten für ihre Misere neben den Autoritäten weniger die äußeren, als vielmehr die vermeintlichen inneren Feinde verantwortlich: die "profitgierigen Juden" oder die "russophilen Tschechen". Bestimmte Minderheiten wurden so aus dem Selbstbild der "Gemeinschaft der Leidenden" ausgeschlossen. Der Erste Weltkrieg legte somit nicht nur an den Peripherien der Monarchie die Schwäche der österreichischen Staatsidee als Inklusionsmechanismus offen. Österreich war weniger eine imagined community als ein Raum, in dem spätestens seit den Kriegsjahren Exklusionsvorstellungen Boden gewannen, die nach 1918 ihren Widerhall in den Debatten um das Staatsbürgerschaftsrecht fanden.

Gegen die mit einer drohenden sozialen Desintegration verbundenen Gefahren versuchten die offiziellen Stellen vorzugehen, in dem sie einerseits - mit dem Höhepunkt in der Wiener Kriegsausstellung von 1916 - den Durchhaltewillen als Bürgerpflicht inszenierten, andererseits Presse und Briefe zunehmend der Zensur unterwarfen. Letzteres hatte vor allem die Konsequenz, dass die Bevölkerung die "offizielle Wahrheit" um die "inoffizielle Wahrheit" ergänzte, wie sie sie in der außerordentlichen Vielzahl der Gerüchte, die im Schwange waren, zu erkennen meinte.

Durchhaltewillen und Opferbereitschaft waren ohne eine Mobilisierung der Zivilisten, speziell der Frauen, nicht zu erreichen. Die betreffenden Strategien zielten auf die Familien und bedienten sich dabei einer Rhetorik, die nicht so sehr auf Staatsbürgerschaft, sondern auf quasifamiliäre Beziehungen zwischen Staat und Bürgern sowie Bürgerinnen abhob. Die Verschränkung von Staat, Gesellschaft und Familie führte dazu, dass in der Wahrnehmung der Bevölkerung der Zerfall des Staates mit jenem der familiären Werte einherging. Doch die staatliche Propaganda hatte noch weitere nicht beabsichtigte Folgen: Bei vielen Frauen verband sich die Mobilisierung für die Kriegsinteressen an der Heimatfront mit ihrer Politisierung: Ihre Ziele formulierten sie jedoch an eigenen Orten und in eigenen Medien, zu denen auch Droh- und Denunziationsbriefe gehörten.

Nicht nur Frauen, auch Kinder wurden mobilisiert. Doch ebenso wie die staatliche Propaganda Bilder der idealen Frau und Mutter entwarf, ohne auf die Bedürfnisse der realen eingehen zu können, zeichnete sie auch das Bild idealer Kinder, um derentwillen der Krieg ausgefochten werde. Tatsächlich hätte die Zukunft für die wirklichen Kinder nicht düsterer aussehen können: Die Versorgungslage hatte gravierende Folgen für ihre körperliche und mentale Entwicklung. Der Hunger und das Schließen der Schulen führten dazu, dass der Krieg selbst zum "Lehrmeister" einer ganzen Generation wurde und ihr zwar nicht das Lesen und Schreiben beibrachte, aber den Kindern einhämmerte, dass es vor allem auf Charakter, Mut und das Sich-Opfern für höhere Ziele ankomme.

Anders als die "idealen" Frauen und Kinder waren die "idealen" Männer an der Front, wo eine neue Form von Männlichkeit erworben werden konnte. Die zuhause gebliebenen Männer befanden sich jedoch in einer Krise, die vor allem ihre Vaterrolle betraf, konnten doch weder die wirklichen Väter noch der Kaiser als symbolischer Vater unter den Kriegsbedingungen ihrer Aufgabe gerecht werden, die in der Versorgung der (Staats-)Familie bestand. Die Klagen hatten daher nicht so sehr das Fehlen der Männer, sondern vielmehr das der "wirklichen" Väter zum Gegenstand.

Healys Arbeit hat vor allem die amerikanische Fachöffentlichkeit zu Diskussionen angeregt. Dabei stand weniger ihre Beschreibung des täglichen Leidens von Zivilisten an Hunger und Krankheiten im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sondern mehr die Tatsache, dass die Verfasserin ihre Darstellung mit einem Plädoyer für eine veränderte Periodisierung der österreichischen Geschichte im 20. Jahrhundert verbindet: Denn wo die politische Geschichte das Jahr 1918 als markanten Einschnitt und Systembruch beschreibt, ist aus Sicht der Sozialgeschichte und vor allem Alltagsgeschichte kein solcher Wendepunkt zu erkennen. Das Hauptproblem der städtischen Bevölkerung, die mangelnde Versorgung mit Lebensmitteln, blieb nicht nur bestehen, sondern verschärfte sich sogar noch. Erhalten blieben daher auch die Praktiken der Menschen, darauf zu reagieren: Als "wahre Bürger" und "gute Österreicher" beschwerten sie sich über einen Mangel, für den sie weiterhin vor allem "innere Feinde" verantwortlich machten, ohne zu reflektieren, dass der Staat und seine Institutionen, an die sie sich wandten, nicht mehr die gleichen waren wie jene zu der Zeit, als sie diese Praktiken entwickelt hatten.

Überzeugend argumentiert die Verfasserin daher, dass die Kriegsjahre, obwohl sie zumeist als Endzeit der Monarchie behandelt werden, mindestens genauso sehr als Anfangsjahre der nachfolgenden Epoche gelten können, denn die zwischen 1914 und 1918 gemachten Erfahrungen hatten beträchtliche Konsequenzen für die Geschichte der Republik Österreich: Geradezu leitmotivisch gehörte dazu das etwa seit 1916 geforderte Wiederherstellen von "Ordnung" in den Familien, in der Gesellschaft, in Politik und Wirtschaft, das auch in der Nachkriegszeit ein vorrangiges Ziel blieb. Nicht nur in Österreich, auch in weiten Teilen Europas wurde nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nach neuen "Ordnungskonzepten" gesucht. Zentral war dabei unter anderem die Geschlechterordnung: Nicht nur sollten die alten Hierarchien, die in "Unordnung" geraten waren, weil Frauen in bisher unbekannter Weise zu Personen der Öffentlichkeit geworden waren, restauriert werden. Es vermag daher nicht zu erstaunen, dass ungeachtet der unterschiedlichen politischen Vorstellungen alle Parteien in dem Ziel der "Wiederherstellung" der tradierten Familienordnung übereinstimmten. Sie hofften, dass die heimkommenden Männer diese Aufgaben in den Familien leisten würden, und appellierten an die Frauen, ihr neu errungenes Wahlrecht im Sinne ihrer Kinder auszuüben.

Doch weniger "Ordnung" als vielmehr Gewalt gehörte zu den Charakteristika der Zwischenkriegszeit in Österreich. Sie war nicht nur ein Produkt der Frontkämpfermentalität, die nach dem Kriegsende keine Demobilisierung erfuhr. Sondern, und das vermag Maureen Healy in ihrer Arbeit eindrücklich zu belegen, neben die Frontkämpfermentalität der Männer traten die Erfahrungen von Frauen und Kindern an der "Heimatfront". Beide Prägungen zusammen drückten der spezifischen politischen Kultur der Zwischenkriegszeit ihren Stempel auf.

Tatjana Tönsmeyer