Rezension über:

Katrin Moeller / Burghart Schmidt (Hgg.): Realität und Mythos. Hexenverfolgung und Rezeptionsgeschichte (= Veröffentlichungen des Arbeitskreises für historische Hexen- und Kriminalitätsgeschichte in Norddeutschland; Bd. 1), Hamburg: Dobu 2003, 330 S., ISBN 978-3-934632-04-2, EUR 28,80
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Rezension von:
Jürgen Michael Schmidt
Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften, Eberhard Karls Universität, Tübingen
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Jürgen Michael Schmidt: Rezension von: Katrin Moeller / Burghart Schmidt (Hgg.): Realität und Mythos. Hexenverfolgung und Rezeptionsgeschichte, Hamburg: Dobu 2003, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 12 [15.12.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/12/4291.html


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Katrin Moeller / Burghart Schmidt (Hgg.): Realität und Mythos

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In dem ersten Band seiner Schriftenreihe thematisiert der "Arbeitskreis für Norddeutsche Hexen- und Kriminalitätsforschung", der von Burghart Schmidt, Katrin Moeller und Rolf Schulte 2001 gegründet wurde, vor allem die Rezeptionsgeschichte und die Konstruktion von Verdächtigungen in der Verfolgungszeit.

Sektion I widmet sich der Hexenverfolgungszeit selbst und dem "Umgang mit Hexerei im frühneuzeitlichen [Verfolgungs-] Alltag". Die ersten drei Beiträge von Jürgen Macha, Uta Nolting und Elvira Topalovic sind aus einem münsterischen DFG-Projekt zu Kanzlei-Sprachen des 17. Jahrhunderts erwachsen. Der gleichermaßen sprach- und kommunikationswissenschaftliche wie quellenkundliche Ansatz geht auf die Frage des Verhältnisses zwischen dem Verhör der angeblichen Hexen (der "Wirklichkeit") und den Verhörprotokollen ein. Dass in den Protokollen keine "objektive Wiedergabe" erfolgte, sondern eine neue Wirklichkeit absichtsvoll konstruiert wurde, ist schon länger unbestritten, doch noch nie wurde dies für die Hexenverfolgung derart systematisch und detailliert untersucht. Insofern sind die Beiträge ein echter Gewinn, zumal die gewählten Beispiele außergewöhnlich gute Einblicke ermöglichen.

Im anschließenden Beitrag fragt Ursula-Maria Krah nach der Fiktionalität und Faktizität in Einblattdrucken und Flugschriften aus der Hexenverfolgungszeit. Aufgrund der häufigen Unzuverlässigkeit dieser Quellen empfiehlt sie, deren Aussagen stets anhand der Akten zu überprüfen. Die "Neuen Zeitungen" behalten ihren Wert aber als Quelle für die Deutungsmuster der frühmodernen Gesellschaft in Bezug auf die Hexerei.

Ingrid Ahrendt-Schulte und Katrin Moeller wenden sich dem gelehrten Diskurs und zwei Prozesskritikern aus dem Pfarrerstand zu. Ahrendt-Schulte widmet sich Jodocus Hocker (gest. 1566), dessen Traktat "Der Teufel selbs" zunächst als kämpferischer lutherischer Beitrag zum Diskurs über den Teufel und den Streit um die Wirksamkeit der Sakramente entstand. Erst in der zweiten Auflage von 1627 verorteten die Herausgeber das Buch primär im Kontext des Hexereidiskurses. Zudem veränderten sich die Artikulationsmöglichkeiten. Während der Lemgoer Pfarrer Hocker noch gänzlich ungefährdet Kritik an der Hexenverfolgung äußern konnte, wurde sein Nachfolger Andreas Koch 1666 deswegen hingerichtet.

Katrin Moeller beschäftigt sich mit Michael Freude, der als religiöser Rigorist zwar engagiert an einer Kampagne in Mecklenburg-Güstrow zur religiösen Erneuerung und konfessionellen Sozialdisziplinierung teilnahm, sich jedoch in seinen Traktaten von 1667 und 1671 von der laufenden Hexenverfolgung distanzierte. Die Prozesse transportierten seiner Meinung nach zu viele häretische (Volksglaubens-) Vorstellungen; auch erschien ihm die Prozesspraxis ungerecht. Freude ging es also weniger um einen Beitrag zum allgemeinen Hexereidiskurs als vielmehr darum, aufgrund seiner Prozesserfahrungen auf ein Ende der Verfolgungen vor Ort hinzuwirken.

Die zweite Sektion "Funktionalisierung durch Forschung und Wahrnehmung" eröffnet Robert Zagolla, der sich mit der Folter sowohl im Hexenprozess als auch im allgemeinen Strafprozess beschäftigt. Zunächst relativiert Zagolla die Meinung, die Foltermissbräuche seien vor allem im Bereich der Hexenprozesse anzusiedeln. Im Weiteren diskutiert er das Verhältnis der Gerichtsakten zur Wahrheit, allerdings nicht von Protokoll zu Aussage, sondern von erfolterter Aussage zur Tat. Geht man für die Hexenprozesse davon aus, dass nahezu alle Geständnisse in ihrem Kern "falsch" waren und sich einer für die Mitlebenden plausiblen Konstruktion unter Folter, Folterandrohung oder versteckter Folter verdankten, so sollte konsequenterweise, wie Zagolla betont, auch bei anderen Verbrechenstatbeständen aus den Geständnissen nicht unmittelbar auf die Schuld der Angeklagten geschlossen werden.

Um die Deutung der Hexenprozesse im engeren Sinne in der historischen Literatur des 19. Jahrhunderts geht es in den folgenden zwei Beiträgen. Nils Freytag skizziert für die Rezeptionsgeschichte drei Stränge: 1. die spätaufklärerischen Quellen- und Literatursammlungen, 2. die konfessionellen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten beziehungsweise zwischen Kirche und säkularem Staat, schließlich 3. die medizinisch-psychologischen Deutungsversuche. In allen Fällen wurde das Hexenthema für Polemiken in grundlegenden Diskussionen genutzt, die den Umbruch zur Moderne hin begleiteten.

Jörg Haustein vertieft in seiner Tendenzanalyse den Blick auf die Instrumentalisierung des Hexenthemas in der konfessions- und kirchenpolitischen Debatte. Dabei verweist er allerdings auch auf den bis heute gültigen historischen Erkenntnisgewinn jenseits der Polemik und den Übergang zu einer wertneutralen Betrachtung um 1900.

Rainer Walz diskutiert in seinem sozialtheoretisch anspruchsvollen Beitrag gängige Theorien der Funktion von Sündenböcken und vergleicht, darauf aufbauend, die Sündenbockfunktion von Juden und Hexen. Während der Jude deutlich sinnlich wahrnehmbar war und konkretere Verbindungen zwischen Krise und Schuldzuschreibung ermöglichte, war die Hexe ein äußerlich nicht mehr erkennbarer innerer Feind. Die Hexe konnte für weit mehr verantwortlich gemacht und stärker dämonisiert werden, die Aufklärung überstand diese Sündenbock-Konstruktion aber nicht. So befruchtend Walz´ Beitrag sein mag, passt er allerdings kaum in den vorliegenden Band.

Rolf Schulte weist dann darauf hin, dass der abendländischen Hexenverfolgung zwar überwiegend Frauen zum Opfer gefallen sind, im Reich aber durchschnittlich 24 % der Opfer Männer waren. Mit der Romantik wurde diese Tatsache aus dem Geschichtsbild weitgehend ausgeblendet. Diese Verdrängung bestimmt bis heute nicht nur das triviale Geschichtsbewusstsein stark, sondern teilweise auch die neuere Forschung, die so zu falschen Schlüssen kommt. Schultes Bestandsaufnahme betont die regionalen Unterschiede, verweist auf Territorien mit überdurchschnittlichem Männeranteil und arbeitet einen signifikant höheren Männeranteil in katholischen Verfolgungen heraus.

Die Charakterisierung der Trierer Hexenverfolgungen vor 1600 als "Germany´s first 'superhunt'" hinterfragt Rita Voltmer im Kontext der Rezeptions- und Forschungsgeschichte. Sie plädiert nach einer ersten Sichtung der schwierigen Überlieferungslage dafür, das bisherige Bild der Verfolgungen zu revidieren, die Ausmaße nach unten zu korrigieren und Kurfürst Johann von Schönenberg zu entlasten. Kurtrier sei vom hochgerichtlich unabhängigen Umland zu unterscheiden. Das Bild der ungeheuerlichen Hexenverfolgung in "Trier" gehe schon bei den Zeitgenossen im Wesentlichen auf die unabhängige Reichsabtei St. Maximin zurück, das Bild der Prominenten-Verfolgung nur auf die Stadt Trier.

Sektion III gilt dem 20./21. Jahrhundert. Anhand der vergleichsweise gut aufgearbeiteten Nördlinger Hexenprozesse mit den beiden bekannten Fällen der Rebecca Lemp und der Maria Holl untersucht Sonja Kinzler das Verhältnis zwischen der wissenschaftlichen Aufarbeitung, der literarischen Rezeption sowie der lokalen Erinnerungskultur. Im Gegensatz zu anderen Orten kann Kinzler für Nördlingen auch im nichtwissenschaftlichen Bereich bei allem Hang zur Komplexitätsreduktion doch eine ungewöhnliche Seriosität und eine Orientierung an den von den Historikern (vor allem dem Stadtarchiv) bereitgestellten Fakten feststellen.

Erika Münster-Schröer zeigt demgegenüber anhand von regionalen wie internationalen Beispielen, wie der Hexenverfolgung in Denkmälern, Gedenkfesten, Gedenkbüchern und Internetpräsentationen mit ganz unterschiedlichen gegenwartsbezogenen Intentionen gedacht wird. Sie warnt dabei besonders vor ahistorischen Analogien zum Holocaust und plädiert eindringlich für eine Einbettung in die Stadt- und Regionalgeschichte mit einer dauernden Rückkoppelung an die moderne Forschung.

Jürgen Scheffler stellt anhand von Bildern und gegenständlichen Objekten die Schaffung eines lokalen Hexenverfolgungs-Mythos im "Hexennest" Lemgo dar. Die Ende des 19. Jahrhunderts einsetzende touristisch-folkloristische, mitunter auch politische Beschäftigung mit dem Thema war (anders als in Nördlingen) lange durch viel Fiktion und Enthistorisierung bei gleichzeitigem Bemühen um scheinbare Authentizität gekennzeichnet.

Aus dem Rahmen wissenschaftlicher Aufsätze fällt schließlich der Beitrag des evangelischen Pfarrers Hartmut Hegeler insofern heraus, als der Initiator des Arbeitskreises "Hexenverfolgungen in Westfalen" die Schuldfrage an die Kirche(n) stellt und eine innerkirchliche Bewegung zur Aufarbeitung der Hexenverfolgung initiiert hat. Mit dieser nicht nur institutionengeschichtlich höchst komplexen Frage schreibt er natürlich zugleich ein Stück Rezeptionsgeschichte und passt so trefflich in den Band.

Der Sammelband vereint so unterschiedliche diskursgeschichtliche, rezeptions- und forschungsgeschichtliche, aber auch sprach- und quellenkundliche Ansätze und Fragestellungen, dass ein näher bestimmbarer gemeinsamer Nenner im großen Feld der Konstruktion von Gegenwart und Vergangenheit mitunter kaum mehr zu erkennen ist. Dabei hilft auch die Einleitung Burghart Schmidts nur bedingt, die ebenso weit ausgreift, wenn sie die Hexenforschung ins Spannungsfeld von Aktualitätsbezug, Rezeptionsgeschichte und frühneuzeitlicher Kontextualisierung stellt. Abgesehen von einem mäßigen Lektorat und dem unbefriedigenden Referenzsystem in den Fußnoten ist somit eine gewisse konzeptionelle Schwäche zu konstatieren. Das breite Spektrum einer ganzen Reihe wichtiger und anregender Aufsätze ist aber zugleich auch die große Stärke des Unternehmens. Insofern ist dem Arbeitskreis mit dem ersten Band seiner Schriftenreihe ein ausgezeichneter Start gelungen.

Jürgen Michael Schmidt