Rezension über:

David J. Getsy: Body Doubles. Sculpture in Britain, 1877 - 1905, New Haven / London: Yale University Press 2004, VIII + 239 S., 150 b&w illustr., ISBN 978-0-300-10512-4, GBP 40,00
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David J. Getsy (ed.): Sculpture and the Pursuit of a Modern Ideal in Britain, c. 1880 - 1930 (= British Art and Visual Culture since 1750. New Readings), Aldershot: Ashgate 2004, XV + 331 S., ISBN 978-0-7546-0996-4, GBP 55,00
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Rezension von:
Arie Hartog
Gerhard-Marcks-Haus, Bremen
Redaktionelle Betreuung:
Ekaterini Kepetzis
Empfohlene Zitierweise:
Arie Hartog: Sculpture in Britain, 1877-1930 (Rezension), in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 11 [15.11.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/11/9522.html


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Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Sculpture in Britain, 1877-1930

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1894 publizierte der Dichter und Kunstkritiker Edmund Gosse unter dem Titel "The New Sculpture 1879-1894" vier Aufsätze in dem Art Journal. Die englische Bildhauerei des letzten Viertels des neunzehnten Jahrhunderts, die durch eine Ablehnung des akademischen Klassizismus und eine Vorliebe für naturalistische Details gekennzeichnet ist, erhielt damit einen einprägsamen Oberbegriff. In der Geschichte der englischen Plastik ist der Begriff "New" besetzt. "New" ist die Phase vor "Modern".

In fünf besonders lesenswerten Studien zu einzelnen Künstlern der "New Sculpture" und ihren Hauptwerken beschreibt David Getsy in "Body Doubles" die Entwicklung dieser Strömung, das kritische Umfeld und die Verschiebungen in den Bedeutungen dieser Werke, die von Nichtspezialisten allzu einfach als "akademisch" abgetan werden. Es ist ein großer Verdienst dieses Buches, dass der Autor durch präzise Beschreibungen der Werke und der Rückkopplung mit zeitgenössischen Diskussionen die wichtige Rolle der sinnlichen Präsenz für die Bildhauerkunst kurz vor 1900 rekonstruiert. Die Ablehnung jeglicher Naturnachahmung durch die "Modernen" habe diesen Aspekt verdrängt. Die "New Sculptors" hätten, so Getsy, den Naturalismus in der Plastik auf eine höhere Ebene gebracht, der allgemeine Naturalismusverdacht in der vom Modernismus bestimmten Kunstgeschichte verdecke jedoch diese Qualität.

Obwohl die einzelnen Studien sich chronologisch ergänzen, beinhalten sie eine jeweils geschlossene Argumentation. In dem ersten Kapitel über Frederic Leightons Athlete Wrestling with a Python von 1877 spannt der Autor den Bogen bis zu der berühmten Diskussion zwischen Michael Fried und Robert Morris zur "theatracality" in der minimalen Bildhauerei der 1960er-Jahre. Er schließt daraus auf die prinzipielle Mehransichtigkeit der Plastik Leightons und der daraus folgenden Aktivierung des Betrachters. Die "New Sculpture" ist "theatrical" im Sinne Frieds, und während dieser und all seine modernistischen Vorgänger dies negativ bewerten, war es für Morris und viel früher - natürlich unter anderen Voraussetzungen - für Leighton ein wesentlicher, gattungsspezifischer Aspekt. Ein solcher Kunstgriff ist nur oberflächlich methodisch modisch: Durch ihn demonstriert Getsy, dass die "New Sculpture" lieber durch eine "postmoderne" als durch eine "moderne" Brille betrachtet werden sollte.

In dem zweiten Aufsatz zu Hamo Thornycroft beschreibt Getsy die möglichen Verschiebungen zwischen Idealismus und Realismus in der Theorie und in der bildhauerischen Praxis, worin sich auch interessante Hinweise zur allgemeinen europäischen Geschichte der Bildhauerkunst finden. Im dritten Kapitel erklärt Getsy die vielseitige Entwicklung des Oeuvres von Albert Gilbert aus einigen Aktfiguren, die dieser zwischen 1884 und 1886 schuf. In Gilberts späterem Werk löst sich die Figur in ornamentale Zusammenhänge auf, wobei die gängige Interpretation dieses Phänomens als Dekorationswut (die sich um 1900 europaweit äußert) von Getsy ersetzt wird durch eine Betonung der eigenständigen Materialität einer Plastik. In "The Thanatic Corporeality of Edward Onslow Ford's Shelley Memorial" werden die inhaltlichen Überlagerungen von dem kalten Material Marmor und dem Gedenken eines Toten in einem leider nur sehr kurzen Aufsatz beschrieben.

Hervorzuheben ist an diesem Buch, dass die Hauptwerke von mehreren Seiten abgebildet werden, sodass der Leser die Beschreibungen Getsys gut nachvollziehen kann. Über die Druckqualität des Buches wird ihm quasi die sinnliche Qualität der Werke näher gebracht. Hierdurch schießt der Autor jedoch auch teilweise an seinem Ziel vorbei: Die Fotos dokumentieren ihre jetzige Objekthaftigkeit, nicht die für die Erfahrung so essenzielle Inszenierung in ihrer Entstehungszeit. James Harvard Thomas' lebensgroßer Lycidas von 1905, das Thema des letzten Aufsatzes, wird ähnlich wie in der gegenwärtigen Präsentation in der Tate Britain (dort mit purpurroter kleiner Plinthe) im Buch als eine Bodenplastik gezeigt, während ein abgebildeter zeitgenössischer Cartoon, der auf den Skandal um das Werk anspielt, die Plastik auf einem mindestens 120 cm hohen Sockel präsentiert. Wie der Rezensent in London zu großer Irritation des dortigen Museumspersonals auf dem Boden liegend testete, macht diese Perspektive die Thesen Getsys stärker. Der Betrachter kommt erst in der Bewegung dem Sinn dieser Skulptur auf die Spur: Lycidas beugt sich leicht über ihn. Haltung und Gesichtsausdruck vermitteln aus dieser vom Bildhauer gewollten Perspektive eine Sprachgebärde, welche einen gebildeten englischen Betrachter des neunzehnten Jahrhunderts wohl an den Schäfer Lycidas erinnert hätte, der Vergils neunte Ekloge sprach, und keineswegs an Miltons gleichnamiges Gedicht. Die Detailfotos von der Nase, den Fingerspitzen, der Wölbung des Bauches (es gibt elf Ansichten der Plastik im Buch) sind interessante Versuche, Sinnlichkeit mit anderen Mitteln zu evozieren. Die postmoderne Sinnlichkeit, die sich hier in der Vorliebe für Haut dokumentiert, ist jedoch eine andere als die von James Harvard Thomas, für den Haut nie mehr als die Oberfläche war. Aus dieser Vorliebe lässt sich die Neuentdeckung dieser Bildhauerei aber gut erklären.

Der Titel des Buches bleibt jedoch eine höchst unglücklich gewählte Klammer: Der Verweis auf die Praxis des Tausches von Körpern im Film bringt keine Erkenntnisse für die Bildhauerei des späten 19. Jahrhunderts und scheint eher ein missglückter Versuch, einen reißerischen Titel für ein spannendes Buch zu finden.

David Getsy ist ebenfalls der Herausgeber einer Aufsatzsammlung zur englischen Bildhauerei von 1880 bis 1930. Seine Studie zum Lycidas taucht hier in verkürzter Form auf. Der Band wird durch eine große thematische und methodische Vielfalt gekennzeichnet, wobei - und darin zeigt sich wohl der Einfluss des Herausgebers - "New Sculpture" dominiert. Erschienen in einer von David Peters Corbett herausgegebenen Reihe zur englischen Kunst und visuellen Kultur ist dieses Buch vor allem eine Sammlung von spezialistischen Beiträgen zu einzelnen Aspekten der englischen Kunst. Die Bandbreite sei angedeutet mit Alex Potts, der die historische Rezeption von Alfred Gilberts berühmten Eros (1886-1893) vom Londoner Piccadilly Circus beschreibt, und Whitney Davis, der eine sehr zeitgenössische Interpretation von Ronald Gowers Shakespeare Memorial in Stratford-upon-Avon (1888) gibt. Davis untersucht dabei weder die zentrale Gestalt Shakespeares noch die Gesamtkonzeption des Denkmals sondern die potenziellen, auch homoerotischen Identifikationsmöglichkeiten einzelner allegorischer Darstellungen.

Die Aufsatzsammlung, die ohne Kenntnisse der englischen Kunstgeschichte kaum zu lesen ist, wird von der großen methodischen Toleranz gekennzeichnet, die das hohe Niveau der englischsprachigen Forschung zur Bildhauerkunst seit 1850 erklärt. Sie bietet neben spezialistischer englischer Kunstgeschichte auch einige interessante Ansätze zur allgemeinen Geschichte der europäischen Bildhauerei in der gleichen Periode. Martina Droth kommt zu dem bemerkenswerten Schluss, dass es einen typisch englischen Umgang mit Kleinplastik im späten neunzehnten Jahrhundert gab, in der ihre ornamentale Wirkung als Interieurdekoration und ihre plastische Qualität gleichwertig berücksichtigt wurden. Egal, ob diese These im europäischen Vergleich bestätigt wird oder nicht, sie schreit nach Überprüfung. Penelope Curtis kritisiert in ihrem Beitrag die Überbetonung der Steinskulptur in der Bewertung der modernen englischen Bildhauerei und weist explizit auf die Gefahr hin, aus der Geschichte der englischen Bildhauerkunst ein rein insuläres Unterfangen zu machen.

Fazit: Der von David Getsy herausgegebene Band "Sculpture and the Pursuit of a modern Ideal in Britain, c. 1880-1930" sammelt spezialistische Beiträge, die eine große methodische Vielseitigkeit aufweisen. In seinem Buch "Body Doubles" demonstriert Getsy eindrucksvoll, dass die präzise Rückkoppelung zwischen kunsthistorischem Ansatz und einzelnem Werk die prinzipielle methodische Offenheit vor Beliebigkeit bewahrt. Für die Erforschung der europäischen Bildhauerkunst im späten 19. Jahrhundert hat er mit diesem Buch einen neuen Standard gesetzt.

Arie Hartog